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Verein Niedersächsischer Bildungsinitiativen e.V. (VNB) (Hrsg.): global.patrioten

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 06.08.2012

Cover  Verein Niedersächsischer Bildungsinitiativen e.V. (VNB) (Hrsg.): global.patrioten ISBN 978-3-86581-297-1

Verein Niedersächsischer Bildungsinitiativen e.V. (VNB) (Hrsg.): global.patrioten. Begegnungen, Positionen und Impulse zu Klimagerechtigkeit,Biologischer und Kultureller Vielfalt. oekom Verlag (München) 2012. 128 Seiten. ISBN 978-3-86581-297-1. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,90 sFr.

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Unsere kreative Vielfalt“

Wir Menschen bezeichnen uns als humane, mit Verstand und Gewissen ausgestattete, ein gutes gemeinsames Leben anstrebende, politisch denkende und handelnde Lebewesen. Das sich daraus ergebende Bewusstsein ist dann getragen von der Erkenntnis, dass wir in Einer Welt leben, die sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelt und in der die Menschheit nur dann menschlich weiter existieren kann, wenn es gelingt, was in der Präambel der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 als Grundsatz formuliert ist: „Die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte (bildet) die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt“. In den vielfältigen Prognosen, Appellen und Warnungen, die in der Neuzeit spätestens mit den Berichten an den Club of Rome ab 1972 eindringlich in die Welt gebracht wurden, dass die Grenzen des Wachstums erreicht seien, ein „business as usual“ und ein „throughput growth“, ein „Durchflusswachstum“, die Menschheit in die Katastrophe führen würden (Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung „Unsere Gemeinsame Zukunft“, 1987), was bedeutet, dass „die Menschheit ( ) vor der Herausforderung (steht) umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ (Weltkommission Kultur und Entwicklung, „Unsere kreative Vielfalt“, 1995). Der notwendige, dringende und ernsthafte Perspektivenwechsel im ökonomischen, ökologischen, kulturellen, politischen und Alltagsdenken und -handeln wird immer wieder gefordert (siehe dazu auch die alljährlich erscheinenden Berichte des Washingtoner Worldwatch Instituts „Zur Lage der Welt 2010: Einfach besser leben. Nachhaltigkeit als neuer Lebensstil, www.socialnet.de/rezensionen/10494.php; Zur Lage der Welt 2011. Hunger im Überfluss. Neue Strategien im Kampf gegen Unterernährung und Armut, www.socialnet.de/rezensionen/11455.php). Dabei kommen neue (alte) Gedanken in den globalen Diskurs, nämlich auf die Allmende zu achten und „Commons“ als Alternative zum neoliberalen Denken und Handeln in das Bewusstsein der Menschen zu bringen (Silke Helfrich / Heinrich-Böll-Stiftung, Hrsg., Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13482.php).

Entstehungshintergrund und Herausgeber

Bei diesem Umdenken und Umsteuern bei scheinbar naturgewachsenen, „logischen“ Entwicklungen, die sich zudem daran festhalten, dass Alternativen gar nicht gedacht werden können und dürfen, bedarf es einer „positiven Subversion“, mit der der ehemalige Schweizer Manager und spätere Umweltaktivist Hans A. Pestalozzi (1929 – 2004) in seinem zukunftsorientierten Buch „Nach uns die Zukunft“ (1979) sein „Dennoch“ setzt und mit der deutschen Übersetzung des Gedichts von Kurt Marti in Berner Mundart ermutigt: „Wo kämen wir hin / wenn alle sagten / wo kämen wir hin / und niemand ginge / um einmal zu schauen / wohin man käme / wenn man ginge“. Oder auch eines Optimismus, der Utopie nicht als Phantasterei, sondern als positives Zukunftsdenken versteht. Wer wäre besser dafür prädestiniert und herausgefordert als diejenigen jungen Menschen, die sich bewusst sind, dass ein „Laissez-faire“ und ein passives Abwarten keinesfalls die Lösung der Menschheitsprobleme sein kann, sondern eine demokratische, aktive Teilnahme am individuellen und globalen Geschehen unabdingbar ist. So wie demokratische Gesellschaften dann die bestmöglichen Lebensbedingungen und -perspektiven für menschliches Dasein schaffen können, wenn sie von unten, von den freiheitlich und sozial denkenden und handelnden Individuen ausgehen, so wird auch die EINE WELT nur dann human, gerecht, friedlich und freiheitlich sich entwickeln können, wenn jeder einzelne Mensch in sich die Menschheit erkennt und sie mitgestaltet.

Der innovative Verein Niedersächsischer Bildungsinitiativen e.V. (VNB), der mit zahlreiche Initiativen, Kooperationsprojekten und Innovationen eine feste Nummer in der deutschen entwicklungspolitischen, NGO-Bildungsarbeit darstellt (vgl. dazu auch: „Learning to take Action. Anleitungen, die Welt von Unten zu verändern, Hannover 2011, 255 S., ISBN 978-3-00-034935-5, siehe auch: www.initiativen-partnerschaft.de), hat in Zusammenarbeit mit der Arbeitsstelle Weltbilder e.V. in Münster und dem Göttinger Institut für angewandte Kulturforschung e.V. eine Schrift herausgebracht, die Menschen vorstellt und zu Wort kommen lässt, die davon überzeugt sind, dass eine bessere Welt möglich ist und die diesen Optimismus leben. Sie nennen sich „global.patrioten…, die sich einfühlen in das Gesamt der Wirklichkeit, in das wir verwoben sind und das wir zerstören werden, wenn wir Natur und Umwelt nur als Material betrachten und beanspruchen“, so formuliert es für die Herausgeber die Dipl.- Päd. und Leiterin der Arbeitsstelle Weltbilder, Elisabeth Marie Mars, in der Einführung in das Buch. Weitere Informationen über das Gesamtprojekt: www.projekt-um-welt.de.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in vier Kapitel gegliedert, in denen sich Expertinnen und Experten zu den vielfältigen Fragen und Problembereichen des Zustandes unserer (Einen?) Welt äußern, ZeitZeugen aus den verschiedenen Weltregionen zu Wort kommen und – eingestreut in die jeweiligen Teile – Jugendliche aus Münster, Berlin, Hannover und Göttingen darüber nachdenken, wie sie ihre eigene und die gesamte Welt verbessern und weiterentwickeln können („Jugend schreibt um-welt“ I, II, III, IV, V).

Im ersten Kapitel zeigt der Adivasi aus Madhya Pradesh in Indien, Ashish Patta, ein katholischer Priester, Menschenrechts- und Umweltaktivist, auf: „Der Klimawandel greift unser Leben an“, und zwar existentiell. Maßnahmen wie Wiederaufforstung, Wassernutzung und -verbrauch, Selbstversorgung, sind Möglichkeiten, den Klimaveränderungen zu begegnen.

Der Politologe und Jurist Theodor Rathgeber, Lehrbeauftragter an der Universität Kassel, Autor, Gründungs- und Vorstandsmitglied der Adivasi-Koordination in Deutschland e.V. und seit 2003 Beobachter des Forums Menschenrechte für die UN-Menschenrechtskommission und den UN-Menschenrechtsrat, thematisiert in seinem Beitrag „Die die ersten waren“ Fragen der Klimagerechtigkeit und der Lebensgrundlagen der Adivasi.

Die Lehrerin, Mitarbeiterin im Ethnographischen Freilichtmuseum in Kazym/Sibirien und Mitbegründerin des Ob-Ugrischen Instituts in Chanty-Mansijsk, Elena Terentjevna Fedotova, klagt in ihrem Beitrag „Unsere Kultur geht im Klimawandel unter“. Sie verdeutlicht, dass die Kultur ihres Volkes, die in einer engen Verbindung zur Natur steht, und – über Missstände berichten ist das eine, richtige, in Augenschein nehmen das wünschenswert andere.

Das zweite Kapitel beginnt die namibische Lehrerin, Fremdenführerin und Leitungsmitglied des „Lebenden Museums“ in Grashoek, Lucia Touisa, mit ihren Erinnerungen, Hoffnungen und Visionen über das Leben der Menschen in der Kalahari: „Die Wüste war unser Garten“. Mit Veränderungen umgehen und sie aktiv in die Lebensbewältigung einbeziehen, das ist ihre Botschaft.

Der ecuadorianische Ökonom und Wissenschaftler an der Universität in Quito, Alberto Acosta und der Dipl.- Päd. und Projektleiter für Entwicklungspolitik beim Verband Entwicklungspolitik Niedersachsen (VEN), Christian Cray, fragen in ihrem Beitrag nach „Sumak kawsay“, was in Quichua „gutes Leben“ bedeutet. Denn das „Buen Vivir“ (was Aristoteles als „eu zên“ bezeichnete) ist etwas, was jeder Mensch anstrebt und als Menschenrecht verwirklicht werden muss, überall auf der Welt.

Der Adivasi aus Madhya Pradesh in Indien, Mishri Lal, diskutiert die Vision, dass die Menschen überall auf der Erde die „Biodiversität“ als Chance erkennen und „Greenery (als) …Gewand der Erde“ leben. In der Geschichte und Kultur seines Volkes sieht er Ansätze dazu.

Im dritten Kapitel bekennt Rimma Michajlovna Potpot, Lehrerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ob-Ugrischen Institut in Chanty-Mansijsk: „Wir unterscheiden nicht zwischen Natur und Kultur“, und sie setzt sich dafür ein, dass die Sprache ihres Volkes, Chanty, erhalten bleibt, weil „unsere traditionelle Kultur auf der Wahrnehmung von der Natur beruht, dass diese ein großes Haus ist, in dem man lebt“.

Die Ethnologin am Sibirienzentrum des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschung in Halle/Saale, Ina Schröder, berichtet über ihre Forschungsarbeiten bei den indigenen Völkern in Westsibirien und zeigt den individuellen und kollektiven Zusammenhang bei der alltäglichen Kommunikation der Chanty und Mansi auf: „Ohne mein Volk bin ich in dieser Welt ein Niemand“.

!Gao Naici, Jäger und Lehrer aus Namibia, gehört der Ethnie der Ju/‘Hoansi an, leitet die Kinder seines Volkes an, wie man Fährten liest, Wasser sucht und Kleidung herstellt – und informiert Besucher und Touristen über traditionelle Lebensformen. Er bekennt: „Wir leben nach der Zeit, nicht nach der Uhr“.

Im vierten Kapitel werden die Fragen diskutiert, wie ein Bewusstsein bei den Menschen geschaffen werden kann, dass ein Perspektivenwechsel notwendig und machbar ist. Margret Rasfeld, Schulleiterin der Evangelischen Schule Berlin-Zentrum und Bildungsinnovatorin, verkündet: „Good News: Lernen bewirkt Veränderung!“. Sie berichtet über schulische Eine-Welt-Initiativen und zeigt damit auf, dass tatsächlich auch Schule die eigene und globale Umwelt verbessern kann (vgl. dazu auch: Margret Rasfeld, „Stell Dir vor es ist Schule und alle wollen hin“, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11659.php).

Der Volkswirt und Vorsitzende der Vereinigung für Ökologische Ökonomie beim Oldenburger Center for Sustainable Economics and Management an der Universität Oldenburg, Niko Paech, verdeutlicht: „Wenn alles mehr, aber nichts besser wird“ und zeigt den Ausweg aus dem Dilemma auf: „Postwachstumsökonomie“. Denn das ist die Botschaft: „Nicht Produkte, sondern Menschen zählen!“. Damit nimmt er den Diskurs auf, der sich aus den Forschungsarbeiten der Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom mit der Alternative „Was mehr wird, wenn wir teilen“ und der Bedeutung vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter ergibt (2011, /www.socialnet.de/rezensionen/11224.php), was sich ebenso in der trotzigen Aussage „Immer mehr ist nicht genug!“ den Wechsel vom Wachstumswahn zum Bruttosozialglück verdeutlichtt (Petra Pinzler, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11517.php), und schließlich die „Commons“ in den globalen, gesellschaftlichen Diskurs bringt (Silke Helfrich / Heinrich-Böll-Stiftung, Hrsg., Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat, www.socialnet.de/rezensionen/13482.php).

Der jetzt 14jährige Felix Finkheimer vom Starnberger See zeigt mit seinem Projekt „Plant-for-the-Planet“, das er als Neunjähriger gegründet hat mit dem Ziel, weltweit Bäume zu pflanzen und für eine gerechte und nachhaltige Weltordnung einzutreten, dass jeder Einzelne, egal welchen Alters, spektakulär und alltäglich etwas tun kann, dass die Welt für alle Menschen auf der Erde lebenswerter wird.

Fazit

Kassandrarufe und pessimistische Einschätzung über die Lern- und Humanfähigkeit der Menschheit sind, angesichts der Klima-, Finanz- und Hungerkatastrophen und der Ungerechtigkeiten, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, lokal und global, einerseits durchaus angebracht; andererseits ist eine positive Einstellung zur Menschlichkeit eine unverzichtbare, gegenwartsbezogene und zukunftsorientierte Voraussetzung und eine optimistische Herausforderung für eine humane Weiterentwicklung der Menschheit.

Die Mischung macht?s!. Wissenschaftliche Analysen, Projektbeispiele, Lebensberichte und Visionen von Jugendlichen machen „global.patrioten“ zu einem bemerkenswerten Beitrag für einen positiven und realutopischen Perspektivenwechsel. Die vielfältigen Signale, Anregungen und Zeitzeugen-Berichte stellen sowohl ein ausgezeichnetes Unterrichts- und Lernmaterial dar; sie bieten auch Anreize und Nachdenkenswertes für die lokale und globale gesellschaftliche Diskussion, dass eine Veränderung der unakzeptablen Lage in der Welt ( vgl. dazu auch die jährlichen Berichte des Washingtoner Worldwatch-Institute (siehe dazu: www.socialnet.de/rezensionen/10494.php, www.socialnet.de/rezensionen/11455.php) nur durch soziale (Graswurzel-)Bewegungen möglich ist (Farida Akther, Samenkörper sozialer Bewegungen, hrsg. von Maria Mies, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11498.php).

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.08.2012 zu: Verein Niedersächsischer Bildungsinitiativen e.V. (VNB) (Hrsg.): global.patrioten. Begegnungen, Positionen und Impulse zu Klimagerechtigkeit,Biologischer und Kultureller Vielfalt. oekom Verlag (München) 2012. ISBN 978-3-86581-297-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13562.php, Datum des Zugriffs 28.01.2023.


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