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Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft

Cover Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft. Matthes & Seitz (Berlin) 2010. 68 Seiten. ISBN 978-3-88221-616-5. 10,00 EUR.
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Thema

In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? Diese Frage liegt Byung-Chul Hans Essay zugrunde. Unsere Vorstellung von der Gesellschaft beeinflusst maßgeblich auch unser Handeln. So engagieren wir uns vielleicht für Langsamkeit, wenn wir die Überzeugung haben, dass Beschleunigung eine Kategorie ist, die die Gesellschaft in ihrem Kern erfasst. Hans Vorschlag geht dahin, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben. Pointiert wird diese These erst in ihren Abgrenzungen zu anderen Möglichkeiten, die Gesellschaft zu verstehen. Das permanente Leisten-Müssen führt in eine Müdigkeit, die z.B. in Form eines Burnouts kollabieren kann. Müdigkeit ist aber bei Han nicht nur negativ besetzt. Im Sinne von Hölderlins Spruch „Denn wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ setzt die Müdigkeit Potentiale frei, die eine heilende Wirkung wie z.B. der Sabbat haben.

Autor

Hanstammt aus Südkorea (Seol). Er ist Professor für Philosophie und Medientheorie an der staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Han hat im letzten Jahrzehnt wichtige Bücher u.a. zu Themen wie Philosophie und Zen-Buddhismus, Martin Heidegger, Zeit und Gewalt veröffentlicht. Durchgängig erarbeitet er theoretische Grundlagen für ein zum abendländischen Aktionismus alternatives Denken, das seine Wurzeln im Buddhismus hat.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in sieben kurze Kapitel (ca. 8 Seiten). Es beleuchtet die Müdigkeit unter verschiedenen Perspektiven. Dabei spielen Analysen psychischer Störungen (z.B. Depression) ebenso eine Rolle wie die Diskussion gesellschaftlicher Trends (Dopingnutzung) und die Auseinandersetzung mit anderen gesellschaftstheoretischen Positionen (z.B. Alain Ehrenberg, Hannah Arendt, Giorgio Agamaben).

Inhalt

Das Kapitel „Die neuronale Gewalt“ zeigt die Spezifität heutiger Erkrankungen. Es handelt sich hier nicht um Infektionen, sondern um Infarkte. Nicht etwas Fremdes wird abgewehrt (z.B. Viren), sondern das Eigene kollabiert. Die Depression ist hier als Paradigma zu sehen (neben Burnout und ADHS). Aufgrund von zu viel Aktivität, Engagement kollabiert das System. Es wird nicht vom Fremden vernichtet – wie bei der Infektion –, sondern produziert seinen Untergang durch sein Eigenes. Zu viel von demselben (zu viel Aktivität, zu viel Reizung, zu viel Information) führt zum Kollaps.

In dem Kapitel „Jenseits der Disziplinargesellschaft“ wird Michel Foucaults Leistung in seiner Analyse umfassender Überwachung gewürdigt, aber auch in seiner Begrenztheit in Bezug auf unsere gegenwärtige Gesellschaft dargelegt. Unsere gegenwärtige Gesellschaft ist nicht mehr eine Disziplinargesellschaft, sondern eine Leistungsgesellschaft. Die Disziplinierung kommt dabei nicht mehr von außen, sondern jeder diszipliniert sich selbst bzw. beutet sich selbst aus. Der Leistungsdruck verursacht die Erschöpfungsmüdigkeit.

In dem Kapitel „Die tiefe Langeweile“ wird ein neuer Aspekt des Themas behandelt. Nach Han haben wir verlernt uns tief in etwas zu versenken. Alles ist geprägt von einer flachen Aufmerksamkeit. Multitasking ist der deutlichste Ausdruck hiervon. In Abgrenzung von dem gegenwärtig am häufigsten praktizierten Umgang mit den Dingen hebt Han als positives Vorbild die Philosophie heraus. Beim Studium von Texten sowie beim eigenen Nachdenken wird eine tiefe, kontemplative Aufmerksamkeit als Haltung entwickelt. Dem steht diametral die heute hochgeschätzte Hyperaufmerksamkeit gegenüber. Sich für alles ein wenig zu interessieren, z.B. durch fleißige Rezeption von Talkshows im Fernsehen, wird höher geschätzt als ein tiefes Eindringen in wenige Gegenstände. Wer ständig von einem Thema zum nächsten springt kann – so Han – auch keine tiefe Langeweile entwickeln. Ganz im Sinne Heideggers hält Han diese für hochgradig produktiv. Die Flucht vor der Langeweile durch permanenten Themenwechsel ist auch eine tiefere Ursache dafür, dass nichts wirklich Neues entstehet. Wer geht, dem kann langweilig werden und er beginnt zu laufen. Aber Laufen ist gegenüber dem Gehen nichts qualitativ Neues. Wer lange genug geht – so Han – verfällt vielleicht in eine Langeweile, die ihn zum Tanzen bringt. Das Tanzen kann nur erfunden werden, wenn man auf das Laufen verzichtet.

In dem Kapitel „Vita Activa“ widmet sich Han einer kritischen Auseinandersetzung mit Hannah Arendt. Entgegen Arendts Hochschätzung der Vita Activa zeigt Han die bei Arendt selbst implizit enthaltene Wertschätzung der Vita Contemplativa. Gerade der Verlust des kontemplativen Wesens führt nach Han zur Depression.

In dem Kapitel die „Pädagogik des Sehens“ stellt Han die Bedeutung des langsamen Blicks heraus. Es gehe darum, nicht auf jeden Reiz sofort zu reagieren. Durch Innehalten kann das Subjekt sich einer bloßen Aktivität entziehen. Wichtig ist hier insbesondere die Fähigkeit Nein zu sagen. Letztendlich – so Han – geht es um das „nicht-zu“ im Gegensatz zum „um-zu“.

Das Kapitel „Der Fall Bartleby“ erörtert eine Erzählung von Melville. Dabei liefert Han eine Interpretation dieser Erzählung, die seine Thesen zur Leistungsgesellschaft stützen sollen. Han grenzt sich in seiner Interpretation ab, von einer bereits vorliegenden, die von Agamben geleistet wurde.

In dem letzten Kapitel „Müdigkeitsgesellschaft“ legt Han dar, dass es neben der positiven Müdigkeit, die die Müdigkeit der Erschöpfung ist, auch eine negative Müdigkeit gibt. Gerade diese negative Müdigkeit ist positiv zu bewerten. Han bezieht sich hier vorzugsweise auf den Dichter Peter Handke. Die Kontemplation, die tiefe Langeweile, das langsame Sehen – diese in den vorherigen Kapiteln dargelegten Phänomene – schaffen einen Zugang zur Welt, der freimacht vom Zwang zur Aktivität. Diese Freiheit kann man eine Müdigkeit nennen, aber es ist eine wesentlich andere Müdigkeit als die Müdigkeit der Erschöpfung. Es ist eine freundliche Müdigkeit, eine Müdigkeit, die verbindet, die die Subjekte nicht voneinander trennt und die nicht in letzter Konsequenz wie die Müdigkeit der Erschöpfung in den Krieg oder die Depression führt.

Diskussion

In der kurzen Abhandlung werden wesentliche Aspekte des Themas angerissen. Es geht nicht um die umfassende Begründung der Thesen, sondern in erster Linie um eine sprachlich außerordentlich pointierte Darstellung. Die Thesen überzeugen über weite Strecken. Tatsächlich scheint unsere Welt ein Ort zunehmender Positivität zu sein, der kein Außen mehr zulässt. Internalisierte Leistungszwänge scheinen maßgeblich für Störungen wie Depression und Burnout. Die Verflachung der Aufmerksamkeit und der damit einhergehende Anti-Essentialismus scheinen ebenfalls prototypische Zeiterscheinungen zu sein. Hervorzuheben wäre auch die Überformung bisher maßgeblich inhaltlich bestimmter Bereiche (z.B. Lehre, Soziale Arbeit) durch bürokratische, ökonomische und informatorische Logiken.

Neben der Analyse zeigt Han auch immer Auswege. Diese sind zwar durchwegs individuell, beinhalten aber für den einzelnen auch gangbare Grundorientierungen um sich gegen das von Han diagnostizierte Übermaß an Positivität, das Überangebot an Themen sowie die internalisierten Zwänge zu wehren. Auf jeden Fall hilft das Buch eigene, vielleicht noch diffuse Analysen an die geistesgeschichtliche Tradition rückzubinden und dadurch auch gestärkt einen bereits tastend begonnen Weg gezielter fortzusetzen.

Fazit

Insgesamt ein absolut lesenswertes Buch. Es besticht durch seine sprachliche Kraft und die trotz der Kürze durchdringenden Analysen. Wenn man Han ernst nimmt und den Versuch macht, Aspekte seines Denkens in sein eigenes Leben zu integrieren, sind Veränderungen unausbleiblich.


Rezension von
Prof. Dr. Anton Schlittmaier
Direktor der Berufsakademie Sachsen – Staatliche Studienakademie Breitenbrunn; Schwerpunkte in der Lehre: Philosophische, anthropologische und ethische Aspekte Sozialer Arbeit; Sozialarbeitswissenschaft
Homepage www.ba-breitenbrunn.de
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Zitiervorschlag
Anton Schlittmaier. Rezension vom 01.11.2012 zu: Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft. Matthes & Seitz (Berlin) 2010. ISBN 978-3-88221-616-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13566.php, Datum des Zugriffs 26.10.2021.


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