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Arnd Pollmann, Georg Lohmann (Hrsg.): Menschenrechte

Cover Arnd Pollmann, Georg Lohmann (Hrsg.): Menschenrechte. Ein interdisziplinäres Handbuch. J. B. Metzler‘sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2012. 466 Seiten. ISBN 978-3-476-02271-4. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 77,00 sFr.
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Ein interdisziplinäres Thema mit zahlreichen Verästelungen

Die Menschenrechte sind ein interdisziplinäres Thema, über das aus vielfältigen Perspektiven reflektiert wird: aus philosophischer, ethischer, historischer, juristischer, soziologischer oder politologischer Perspektive. Der Fachdiskurs über die Menschenrechte hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren erheblich ausgeweitet und verästelt. Immer schwerer fällt es, die verschiedenen Stränge zusammen zu bringen und den weitverzweigten Menschenrechtsdiskurs zu überblicken. Dessen Spannbreite reicht von fundamentalen Begründungsversuchen bis zu tagesaktuellen Kontroversen, vom grundlegenden Recht auf Leben bis zum Klimawandel. Ein neues Handbuch will helfen, Orientierung in diese Fülle an Themen und Spezialdiskursen zu bringen. Die beiden Initiatoren dieses Werkes, Arnd Pollmann und Georg Lohmann, sind dabei keine Unbekannten innerhalb der deutschen Menschenrechtsforschung.

Herausgeber

Die beiden Herausgeber Arnd Pollmann, Privatdozent am Institut für Philosophie der Universität Magdeburg, und Georg Lohmann, Professor für Praktische Philosophie an der Universität Magdeburg, sind beide Gründungsmitglieder der Magdeburger Arbeitsstelle Menschenrechte.

Aufbau und Inhalt

Das Werk gliedert sich in vier große Blöcke.

Den Auftakt bildet eine Geschichte der Menschenrechte (I.).

Danach werden in einem systematischen Teil grundlegende Begriffe und Begründungen der Menschenrechte vorgestellt (II.).

Der dritte Teil (III.) bietet einen Durchgang durch die verschiedenen Einzelrechte, von den Subsistenz- und Freiheitsrechten, über die politischen und Justizrechte bis zu den Wirtschaftlichen, Sozialen und Kulturellen Rechten sowie den „Menschenrechten der dritten Generation“. Ferner werden verschiedene Spezialkonventionen aus dem UN-Menschenrechtsregime vom Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von rassischer Diskriminierung bis zum Übereinkommen zum Schutz aller Personen vor dem Verschwindenlassen gewürdigt.

Der vierte Teil (IV.) behandelt verschiedene Kontroversen aus dem Menschenrechtsdiskurs: Neben der Debatte um Universalismus vs. Kulturalismus werden verschiedene konzeptionelle Spannungen diskutiert, die sich aus der gleichzeitigen Zugehörigkeit der Menschenrechte zu den Bereichen Recht, Moral und Politik ergeben. Diskutiert werden aber auch aktuelle Veränderungen im System der internationalen Menschenrechte (z. B. die veränderte Rolle von Menschenrechts- und Nichtregierungsorganisationen) oder aktuelle menschenrechtliche Konfliktfelder (z. B. die Spannung zwischen Terrorismusbekämpfung und innerer Sicherheit, das Verhältnis von Menschen- und Tierrechten oder die Zulässigkeit militärischer Interventionen).

Diskussion

Zunächst einmal fällt auf, dass die einzelnen Artikel des Handbuches, die thematisch zusammengehören, einen nahezu identischen Aufbau aufweisen. Die ordnende Hand der Herausgeber ist keinesfalls zu übersehen; dem Leser wird dadurch erleichtert, die verschiedenen Konzepte oder Konfliktfelder, die vorgestellt werden, miteinander zu vergleichen.

Positiv zu bemerken ist, dass die Kontroversen und Streitfragen innerhalb des aktuellen Menschenrechtsdiskurses deutlich benannt werden. Das Handbuch macht auf diese Weise auch die Gefahr deutlich, wo der Menschenrechtsdiskurs zu verwässern droht. So warnt der Magdeburger Menschenrechtspädagoge K. Peter Fritzsche in seinem Beitrag zur Menschenrechtsbildung (S. 443 – 448) beispielsweise davor, alles zur „impliziten Menschenrechtsbildung“ zu erklären; der Zusammenhang zu den expliziten Rechtsnormen – also der juridische Charakter der Menschenrechte – drohe dadurch verloren zu gehen.

Wer sich einen leichten und knappen Zugang zu einzelnen Debattensträngen des Menschenrechtsdiskurses verschaffen will, ist mit dem vorliegenden Handbuch gut beraten. Selten finden sich Beiträge, die dergestalt konzise wie verständlich einen Überblick über den aktuellen Stand der Debatte zu komplexen Fragestellungen wie der Begründung oder der Abgrenzung der Menschenrechte bieten.

Allerdings wäre es wünschenswert gewesen, wenn die Debatte um den Status und den Gehalt der verschiedenen Generationen der Menschenrechte (klassische Abwehr-, Sozial- und Drittgenerationsrechte) stärker berücksichtigt worden wäre. Der dritte Block ebnet diese Unterschiede etwas vorschnell ein und erweckt den Eindruck, als seien die Drittgenerationsrechte bereits weitgehend den klassischen, individuellen Menschenrechten gleichgestellt. Auch wird, so beispielsweise beim Recht auf Bildung (S. 289 – 292), suggeriert als seien die einzelnen Rechte trennscharf zuzuordnen. Auf Linie der früheren Menschenrechtsdogmatik wird das Recht auf Bildung eindeutig als staatliches Leistungsrecht dargestellt. Dies ist nicht gänzlich falsch, übersieht allerdings, dass das eine umfassende Recht auf Bildung bereits in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 drei Kernbereiche umfasst (Recht auf, durch und in der Bildung), in denen sich Aspekte negativer und positiver Freiheit miteinander verbinden. Das Elternrecht als ein Element des Rechts auf Bildung begründet weniger positive Leistungs- als vielmehr freiheitliche Abwehransprüche gegenüber dem Staat.

Fazit

Pollmann und Lohmann haben ein Nachschlagewerk vorgelegt, das sich wertvolle Verdienste erwerben wird. Es sollte in keiner Handbibliothek, die sich dem Thema Menschenrechte widmet, fehlen: als aktuelle, konzise und dem Kontroversitätsgebot verpflichtete Orientierungshilfe – und zwar dort, wo es um historische Entwicklungen, Fragen der Begründung oder der konzeptionellen Entfaltung der Menschenrechte geht. Zu sozialwissenschaftlichen Fragestellungen nach dem Stand des Menschenrechtsschutzes oder den politisch-rechtlichen Instrumenten zur Durchsetzung des Menschenrechtsschutzes wird man auf andere Werke zugreifen müssen.


Rezension von
Dr. Axel Bernd Kunze
Privatdozent am Bonner Zentrum für Lehrerbildung (BZL) der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Homepage www.axel-bernd-kunze.de
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Zitiervorschlag
Axel Bernd Kunze. Rezension vom 15.08.2012 zu: Arnd Pollmann, Georg Lohmann (Hrsg.): Menschenrechte. Ein interdisziplinäres Handbuch. J. B. Metzler‘sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2012. ISBN 978-3-476-02271-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13575.php, Datum des Zugriffs 23.10.2021.


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