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Gisela Wiegand: Frühe Gefühlsverhältnisse

Rezensiert von Prof. Dr. Hermann Staats, 27.02.2013

Cover Gisela Wiegand: Frühe Gefühlsverhältnisse ISBN 978-3-86099-933-2

Gisela Wiegand: Frühe Gefühlsverhältnisse. Lehrbuch der psychoanalytischen Entwicklungstheorie der Unter-3-Jährigen. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2012. 168 Seiten. ISBN 978-3-86099-933-2. 15,90 EUR.
Reihe: Schriften zur Psychotherapie und Psychoanalyse von Kindern und Jugendlichen - 23
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Thema

Gisela Wiegand beschreibt die affektiven Beziehungen zwischen kleinen Kindern und ihren wichtigen Bezugspersonen (Eltern und Erzieherinnen) mit dem Ziel, zu einem Gelingen frühpädagogischer Konzepte beizutragen. Sie geht unter der programmatischen Überschrift „Gefühlsverhältnisse“ davon aus, dass die psychoanalytische Entwicklungspsychologie „umfassend Auskunft gibt“ (S. 10) und mit ihrem Interesse an einem verstehenden Zugang zur Welt kleiner Kinder einen grundlegenden Beitrag zur Frühpädagogik leistet. Das Buch setzt einen deutlichen Schwerpunkt darin, Beziehungen „intersubjektiv“ bzw. „interpersonal“ zu konzeptualisieren und das Erleben und Verhalten kleiner Kinder unter dem Gesichtspunkt ihrer „Interpersonalen Welten“ (Daniel Stern) zu verstehen.

Autorin und Entstehungshintergrund

Gisela Wiegand ist analytische Kinder- und Jugendlichentherapeutin in eigener Praxis, Mitarbeiterin in einer Babyambulanz und Dozentin am Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie Kassel. Ihr Buch ist im Rahmen eines Lehrauftrags für Studierende der Frühpädagogik aus einem Reader zu einem Seminar „Entwicklungspsychologie der Unter-3-Jährigen“ entstanden und auch in der Fortbildung von Krippenerzieherinnen erprobt worden. Der Leser kann daher erwarten, dass theoretisches Wissen vor dem Hintergrund vielfältiger und umfangreicher Praxiserfahrungen ausgewählt und integriert wird.

Aufbau

Das Buch folgt im Aufbau den ihm zugrunde liegenden Seminaren. Nach einer kurzen Einführung gliedert es sich in 5 Module mit insgesamt 18 Kapiteln. Zu Wissenschaftlern, deren Konzepte genannt werden, finden sich kurze Biografien. Eine Sammlung von Anregungen zur Babybeobachtung und zur Gestaltung eines Seminars zum Buchthema folgen, es gibt Hinweise auf geeignete Materialien (auch Filme und Weblinks), ein ausführliches Literaturverzeichnis und ein Glossar. Lesern ohne klinische Vorbildung wird so der Zugang zu Texten der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie erleichtert. Die Anlehnung an ein Seminar lädt ein, Verbindungen zu bereits vorhandenem Wissen herzustellen und auf Vollständigkeit der behandelten Themen zu verzichten.

Inhalt

Eine kurze Einführung fragt nach dem, was wichtig sei für die Arbeit mit Unter-3-Jährigen. In ihrer Antwort betont Gisela Wiegand das „Primat der emotional-sozialen Entwicklung“. Sie fordert Raum für emotionales Wachstum und kündigt so den Schwerpunkt ihres Buches an. Anders als in vorliegenden Lehrbüchern soll nicht die kognitive Entwicklung oder die sensomotorische im Sinne Piagets dargestellt werden. Die Entwicklung der Interpersonalität als zentraler Erklärungsansatz für die pädagogische Arbeit mit kleinen Kindern steht im Mittelpunkt.

Modul 1 (Wahrnehmungspsychologie Interaktionsforschung und Neurowissenschaften: Das neue Bild des Säuglings) greift die Veränderungen in unserem Verständnis eines kompetenten Säuglings auf und verweist auf neurobiologische Forschungen und mit ihnen verbundene Persönlichkeiten. Anhand von Lehrbuchtexten aus unterschiedlichen Auflagen zeigt Gisela Wiegand, wie stark sich unser Bild von kleinen Kindern verändert hat.

Modul 2 (Entwicklung beobachten und verstehen) beschreibt kurz – auch kritisch anmerkend – Testverfahren und verweist auf die Bedeutung der Beobachtung von Säuglingen und Kleinkindern und der mit diesen Beobachtungsmethoden verbundenen Haltung.

Das dritte Modul (Frühe Gefühlsverhältnisse) geht auf die Regulation von Affekten ein. Tronicks „Still – Face – Experiment“, Bindungsmuster und Triangulierung werden – teils stark zusammenfassend – beschrieben, die Selbstentwicklung und Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen in der Entwicklung dargestellt.

Spielen und Lernen: Wachsen in Verbindung (Modul 4) behandelt die kognitive Entwicklung kleiner Kinder in Abgrenzung von Piaget: „Babies lernen ganzheitlich, emotional und interpersonal“. Alle Module enthalten Kurzbiografien der Wissenschaftler, deren Konzepte vorgestellt werden.

Das letzte, fünfte Modul (Best Practice) sammelt Beispiele gelungener Frühpädagogik. Am Ende dieses Moduls fasst Gisela Wiegand die „Essentials“ für eine interpersonale Frühpädagogik in 9 Punkten zusammen:

  • Die persönliche emotionale Beziehung des Kindes zu seinem Pädagogen,
  • dessen entwicklungspsychologisches Wissen,
  • den Austausch zwischen Frühpädagogen und Eltern,
  • ein kompetentes Umgehen mit dem „Wissenshunger“ kleiner Kinder,
  • das Erleben von Gemeinschaft mit anderen Kindern,
  • die Bedeutung nonverbaler Kommunikation,
  • die Gestaltung äußerer Räume,
  • die Notwendigkeit von Supervision als Voraussetzung einer stabilen selbstreflexiven Haltung von Pädagoginnen und Pädagogen und die
  • große Bedeutung früher Erfahrungen für die Entwicklung von inneren Bildern (Repräsentanzen) und damit für die künftige Entwicklung eines kleinen Kindes.

Diskussion

Das Buch bietet Lesern ohne Vorerfahrung eine leicht zugängliche Einführung in ausgewählte Aspekte der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre. Es ist deutlich auf die Zielgruppe der Frühpädagoginnen und Frühpädagogen, Erzieherinnen und Erzieher ausgerichtet. Programmatisch stellt es das Anliegen der Autorin heraus, dass Bildung in Beziehungen geschieht und hierauf in den ersten Lebensjahren der Schwerpunkt gelegt werden muss.

Einige Leser werden sich möglicherweise von dem Buch unterfordert fühlen. Die vorgestellten Theorien sind häufig als Fakten dargestellt und kaum in ihren Widersprüchen beschrieben. Leser werden damit wenig zu eigenen Fragen angeregt. Vermisst hat der Rezensent auch einen deutlicheren Bezug zum Erleben kleiner Kinder und der Pädagoginnen und Pädagogen in ihren Interaktionen; diese Beispiele aus der Praxis regen Leserinnen und Leser oft an, weiterzudenken und Verweise auf ausführlichere Bücher aufzugreifen. Die Integration der vorgestellten Konzepte für die frühpädagogische Praxis würde so deutlicher und die intersubjektive, entwicklungspsychologisch fundierte pädagogische Haltung, die Gisela Wiegand sich für eine aktuelle Frühpädagogik wünscht, konkreter erfahrbar. Auch die – in der Einführung in einem schönen Zitat angesprochene – durch die professionelle Arbeit immer wieder geforderte Auseinandersetzung mit den eigenen Kindheitserfahrungen (der Frühpädagogen) wird in den einzelnen Modulen nicht mehr ausgeführt oder angeregt.

Fazit

Das Buch von Gisela Wiegand bietet den Studierenden in den Studiengängen „Bildung und Erziehung in der Kindheit“ und Erzieherinnen und Erziehern eine Einführung in zentrale Aspekte der psychoanalytischen Entwicklungspsychologie. Mit meist kurzen Originalzitaten, einem Aufbau entlang eines einsemestrigen Seminars und mit Biografien der für die beschriebenen Theorien wichtigen Wissenschaftler finden Leser ohne Vorkenntnisse einen leichten Zugang zu diesem spannenden Feld. Die psychoanalytische Entwicklungspsychologie wird dabei für die Unter-3-Jährigen an ausgewählten Themen entlang der Entwicklung der Interpersonalität dargestellt. Manche Bereiche fehlen (hier wären Hinweise gut auf das, was nicht beschrieben wird), bei anderen bleibt es bei der kurzen Darstellung von Theorien, deren Offenheit, Fragen und Widersprüche nicht gut sichtbar werden. An diesen Stellen bietet der Text für interessierte Leser und Studierende vielleicht zu wenig Herausforderungen.

Das Buch steht mit seinem einladenden, nicht auf Vollständigkeit und wissenschaftliche Diskussion der Theorien zielenden Ansatz neben anspruchsvollen, klinisch orientierten und aktuelle Entwicklungen wenig aufnehmenden Büchern (etwa von Tyson und Tyson) und den aktuellen, wissenschaftlich orientierten, aber nicht spezifisch auf die Interessen Studierender eingehenden Bücher zur Entwicklungspsychologie kleiner Kinder (etwa von Martin Dornes). Gisela Wiegand hat eine engagierte, leicht lesbare und auf weiterführende Literatur verweisende Einführung in eine psychoanalytisch orientierte Frühpädagogik geschrieben. Die Bedeutung der Qualität der Beziehung zwischen PädagogIn und Kind wird als zentral wichtiges Merkmal guter Frühpädagogik dargestellt. Studierenden der Frühpädagogik, Erzieherinnen und Erzieher – und die von ihnen betreuten Kinder – werden aus einer solchen Haltung Nutzen ziehen.

Rezension von
Prof. Dr. Hermann Staats
FH Potsdam, Sigmund-Freud Professur für psychoanalytisch orientierte Entwicklungspsychologie
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Es gibt 16 Rezensionen von Hermann Staats.

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Zitiervorschlag
Hermann Staats. Rezension vom 27.02.2013 zu: Gisela Wiegand: Frühe Gefühlsverhältnisse. Lehrbuch der psychoanalytischen Entwicklungstheorie der Unter-3-Jährigen. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2012. ISBN 978-3-86099-933-2. Reihe: Schriften zur Psychotherapie und Psychoanalyse von Kindern und Jugendlichen - 23. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13579.php, Datum des Zugriffs 10.08.2022.


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