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Raimund Schwendner: Konflikte wirksam lösen

Cover Raimund Schwendner: Konflikte wirksam lösen. Systemisches Arbeiten mit Familien und Organisationen. Ein Praxishandbuch. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2012. 221 Seiten. ISBN 978-3-608-89133-1. 24,95 EUR.

Reihe: Leben lernen - 241.
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Thema

Bei der Diskussion über Konflikte wird meist (moralisierend) auf die Kosten und das damit verbundene Leid verwiesen, nicht jedoch auf den (verdeckten bzw. unausgesprochenen) Nutzen den einzelne Beteiligte aus dem Konfliktgeschehen ziehen. Insofern gilt es im professionellen Diskurs die Betrachtungsperspektive zu erweitern. Hierzu trägt ein systemisches Verständnis menschlicher Beziehungsdynamiken bei (z.B. Simon, 2010). Raimund Schwendner knüpft daran mit dem vorliegenden Praxishandbuch an und stellt den Lesern seine Praxiserfahrungen in zahlreichen Fallschilderungen, Illustrationen und Methodenvorschlägen zum professionellen Handeln in Konfliktsituationen zur Verfügung.

Entstehungshintergrund

Als Praxisbuch vermittelt die vorliegende Publikation Handwerkszeug und Methoden zur Konfliktbearbeitung mit Familien und in Organisationen (beispielsweise als Richter im Familien- oder Arbeitsgericht, als Führungskraft in Wirtschaftsunternehmen).

Darüber hinaus geht es Raimund Schwendner – Psychologe und Kommunikationswissenschaftler, langjährig als Referent für Familien-, Arbeits- und Sozialrichter tätig – darum, systemische Konfliktlösungsmethoden in seiner Bedeutung, konkreten Wirkungsweise und Effizienz zu beschreiben. Hierfür zieht er zahlreiche Beispiele aus der beruflichen Praxis von Familien- und Sozialrichtern heran. Hier argumentiert er für ein erweitertes Verständnis der Konfliktdynamik und interpretiert auch die Rolle des Richters in einer umfassenden Weise unter Einbezug mediativer Strategien. Neben diesem Bezug zu seiner Weiterbildungstätigkeit sucht er den Transfer von Konfliktbearbeitungsstrategien für betriebliche Führungsaufgaben, die Stressbewältigung in der Berufsarbeit und für familientherapeutische Prozesse. Es ist ein Anliegen des Autors bereichsübergreifend gültige Prinzipien im Verständnis und in der methodischen Vorgehensweise in der Konfliktbearbeitung aufzuzeigen.

Geworben wird für das Buch auch damit, dass Raimund Schwendner Associate-Partner der größten deutschen Gemeinschaftsinitiative von Bundesregierung, Bundesländern und Wirtschaft zur Führungskräftequalifizierung in Zukunftsmediation und nachhaltiger Konfliktprävention ist.

Aufbau und Inhalt

Raimund Schwendner gibt in seinem in fünf Kapitel (plus Einleitung) gegliederten Buch der Vermittlung systemischen Denkens und methodengeleitenden Handelns ein besonderes Gewicht. In seinen Praxisbeispielen hebt er die kontextübergreifende Relevanz systemischer Sichtweisen, Grundhaltungen und Handlungsstrategien im Umgang mit Konflikten hervor. So betont der Autor das Potential des wechselseitigen Transferlernens beispielsweise von Richtern und Familientherapeuten, von Führungskräften und Teamentwicklern.

Die Einleitung will zur Bewusstwerdung der Kosten und destruktiven Einflüsse von Konflikten beispielsweise auf der Elternebene für die Kinder, in betrieblichen Konflikten auf die Mitarbeiterzufriedenheit und die dauerhaften Effizienz betrieblicher Prozesse beitragen. Der Autor führt in knapper Form in das Gesamtthema ein, stellt die Zielsetzung des Buchs vor und erläutert die inhaltlichen Schwerpunkte der einzelnen Kapitel.

Im ersten Kapitel werden die Leser eingeladen durch Paul Klees „Schöpferische Konfession“ – eine Fantasiereise – Wesentliches über die Schritte zur konstruktiven Bearbeitung von Konflikten zu lernen. Dieses Querdenken und das Nutzen aus der Natur entlehnter Bilder und Metaphern (z.B. vom Wasser lernen) sind Argumentationsfiguren des Autors. So werden in anschaulicher, durch Graphiken illustrierter Weise die Phasen des Einstiegs in die Konfliktbearbeitung („den toten Punkt überwinden“), das Loslösen von einer (eingeschränkten) Problembetrachtung, das Gewinnen eines Weitblicks und das Erreichen von Gelassenheit dargestellt. Ressourcenaktivierende, kreative Methoden (Arbeit mit inneren Bildern), das szenische Führen, das Feedback- und das Feedforward-Coaching spricht Raimund Schwendner als hilfreiche Methoden an. Mit dem Cross Functional Learning anhand eines Kunstprojektes in München wird beispielhaft der Transfer für die Konfliktbearbeitung in der Gerichtsbarkeit beschrieben.

Das zweite Kapitel dient der Einführung in das systemische Denken, wobei in diesem umfangreichsten Kapitel bereits einige Methoden vorgestellt werden. Als besonderen Beitrag des systemischen Ansatzes hebt der Autor die Sicht auf den Konflikt hinter dem Konflikt und die das Konfliktgeschehen aufrechterhaltenden Kräfte bzw. Akteure hervor. Neben den von den Beteiligten eingebrachten Zielen werden Unterschiede in den Kulturen beispielsweise der beteiligten Organisationen als Ursachen von Konflikten eingeführt. In seiner Beschreibung von Praxisbeispielen zum tieferen Verständnis von Konflikten bezieht sich Raimund Schwendner insbesondere auf seine Praxiserfahrungen in der Weiterbildung von Richtern.

Mit dem Hein-Syndrom unterstützt der Autor einen verstehenden Zugang dazu, dass einzelne Akteure im Konfliktgeschehen eine verharrende, bremsende z.T. auch konfliktverschärfende Haltung einnehmen. Diese im Kontext von Traumatisierung entstandenen jedoch verborgenen bleibenden Bedürfnisse, Intentionen und Ziele helfen paradoxe Streitszenarien im Konfliktgeschehen zu verstehen und aufzuarbeiten. Hier wünschte ich mir eine engere Quellenarbeit (z.B. mit wissenschaftlichen Referenzen und Zitaten aus Lehrbüchern) um den Lesern ein vertieftes Verständnis zu vermitteln.

Sehr interessant und konstruktiv handlungsleitend ist die folgende Argumentation zur Etablierung von lernenden Netzwerken, in denen der Autor beispielsweise den Familienrichter optimalerweise eingebettet sieht, um gemeinsam und mit jeweils eigenen professionellen Beiträgen die Zusammenarbeit mit Mediatoren, Familienhelfern, Therapeuten u.a. zu gestalten.

Mit Abschnitt 7 des Kapitel 3 (S. 85ff) erfolgt erstmals eine Vorstellung zweier grundlegender Konfliktmodelle (Glasl, 2009; Rubble & Thomas, 1976). Dem Einsteiger wäre dies und die Klärung begrifflicher Grundlagen deutlich früher zugänglich zu machen, um dessen Suche nach übergeordneten wissenschaftlichen Grundlagen zu erleichtern.

Die Systematik des Reflekting Team wird nun in seinen Einsatzmöglichkeiten insbesondere für das richterlichen Handeln vertiefend dargestellt, zirkuläres Fragen und der Umgang mit verschiedenen Wertemustern für die Gestaltung der Konfliktbearbeitung beschrieben.

Das dritte Kapitel schließt thematisch an das vorherige an und bietet vielfältige Methoden zur Konfliktbearbeitung. Hervorgehoben wird die Bedeutung der Kontext- und Auftragsklärung, die Arbeit mit Unterschieden in der Wahrnehmung, im emotionalen Erleben, in der Veränderungsmotivation und den Lösungsideen. Insbesondere die Erweiterung der Lösungsperspektiven wird durch Fragen nach Ausnahmen, nach Unterschieden, nach hypothetischen Lösungswegen und deren Bewertung durch Skalierungen unterstützt. Ein Hinweis auf die gedanklichen Quellen dieser Methoden (z.B. dem lösungsfokussierten Ansatz von Steve de Shazer und Insoo Kim Berg) sucht der Leser hier und im Literaturverzeichnis jedoch vergebens.

Im nächsten Schritt führt Raimund Schwendner in die Nutzung von Aufstellungen für die Konfliktbearbeitung ein. Neben den Möglichkeiten zur Verdeutlichung von Beziehungskonstellationen, -dynamiken, Lösungsperspektiven u.a. wird auch die Erweiterung der Konfliktbeschreibung durch Nutzung der Tetralemma-Idee vorgestellt. Es folgt das Szenische Führen und die Arbeit mit dem Lösungsrad, in dem Lösungen, Ressourcen und Potentiale systematisch erfasst und in Beziehung zueinander gebracht werden. In den zur Illustration herangezogenen Beispielen wechselt der Autor von der Perspektive des Richters, der betrieblichen Führungskraft, zum Teamleiter- bzw. trainer und Familientherapeuten. Er folgt seiner These der Übertragbarkeit des Methodeninstrumentariums für die verschiedenen Settings und Berufsaufgaben. Abschließend nimmt er Bezug auf Fragen der Konfliktprävention.

Kapitel 4 bildet thematisch nun einen gewissen Bruch. Hier geht es um Stress, Burnout und Traumata unter dem Gesichtspunkt gelingender Belastungsverarbeitung. Interessante Erkenntnisse der Stress-, Krisen- und Resilienzforschung werden vorgestellt. Hier verlässt der Autor auch seinen eher (an Praxisbeispielen orientierten) illustrierenden Schreibstil und sucht beispielsweise den verstehenden Zugang zu Kindern in prekären Lebenssituationen und Täter-Opfer-Konstellationen im Kontext von Traumatisierung. Die Wirkung paradoxer Kommunikationsmuster, Triaden und das Konzept der Triangulation werden ausführlicher beschrieben und für das Verstehen und Handeln in Konfliktsituationen nutzbar gemacht.

Kapitel 5 wendet sich der Erörterung von Problemlöse-Stilen und der dafür hilfreichen Erweiterung von Beobachterperspektiven zu. Diese Fragen werden für berufliche und familiäre Fragestellungen erörtert. Auch hier vertritt Raimund Schwendner die These von der Übertragbarkeit von Modellen (z.B. von Rosenstiels betriebliche Führungsstile 1995) auf die Diagnose familiärer Muster. Beschlossen wird das Kapitel mit einem Rückbezug auf die Betrachtung von Kunst.

Die Danksagung beschließt das Buch.

Zielgruppen

Das Buch richtet sich Fachleute aus den helfenden Berufen und Betroffene, die nach der Lösung eigner Probleme suchen. Von den Praxisbeispielen können insbesondere (Familien-)Richter, die sich einem über die engere Funktion des Entscheidens hinausgehenden mediativen Anspruch/Auftrag öffnen wollen, profitieren. Auch berufserfahrene Führungskräfte und in der Weiterbildung Tätige können von dem enormen Erfahrungsschatz des Autors profitieren.

Ob dies in gleicher Weise für Personen, die in aktuellen Konflikten Unterstützung und Rat suchen, gilt, lässt sich fragen. Derartige Ratgeberelemente werden üblicherweise in komprimierten Zusammenfassungen und Handlungsanleitungen gegeben, ein Strukturelement das den meisten Kapiteln fehlt.

Diskussion

Raimund Schwendner bringt seinen umfangreichen Erfahrungsschatz in das vorliegende Buch ein. Hier erfüllt sich der Anspruch eines Praxishandbuches. Einige Fallbeschreibungen wünschte ich mir ausführlicher und mit den für die Verallgemeinerung bestimmten Zusammenfassungen versehen.

Im Buch heben sich m.E. die Kapitel 2 und 3 hervor. Hier werden für das erweiterte Verständnis von Konflikten und die Öffnung der Lösungsperspektive im Kontext lernender Netzwerke interessante Methoden vorgestellt. Aufgrund der Wahl der Fallbeispiele würden insbesondere Familienrichter hiervon profitieren. Weder einem Lehrbuch noch einem Ratgeber (für Betroffene) entspricht der Aufbau und die Argumentationsstruktur des Buches.

Der Autor will den systemischen Ansatz in der Konfliktbearbeitung nutzen, als Lehrbuch (oder Grundlagenwerk wie im Klappentext angekündigt) wäre m.E. eine intensivere Bezugnahme auf diesbezügliche Literatur (z.B. Simon, 2010; Glasl, 2010) zweckmäßig. In der Quellenarbeit sehe ich eine Schwäche der Publikation. Häufig fehlen Literaturhinweise oder werden nur sehr kurz und unkommentiert gemacht. Hier würde ich mir auch bei einem Praxishandbuch die Unterscheidung zwischen dem Konsens-Wissen im professionellen Kontext und den originären eigenen Thesen des Autors klarer aufgezeigt wissen.

Um ein Grundlagenwerk zu werden ist die Balance zwischen Praxisbeispielen und der Vermittlung von Grundlagenwissen m.E. ausgewogener zu gestalten. So wäre beispielsweise die im Kapitel 2 angesprochene Praxis der Mediation mit Basiswissen anzureichern, um vertiefend in diese Arbeitsweise einzuführen. Auch Gestaltungselemente wie weiterführende Literaturhinweise, das Glossar oder ein Stichwortverzeichnis wären wichtige Elemente für ein leserfreundliches Grundlagenwerk.

Fazit

In dem vorgelegten Buch stellt Raimund Schwendner seine langjährigen Erfahrungen im Coaching, der Organisationsentwicklung, der Beratung und der Weiterbildung den Lesern zur Verfügung. Auch ist in dem Buch ein auf systemische Methoden Bezug nehmender konzeptioneller Rahmen gewählt. Die Vielzahl der Praxisbeispiele und Querverbindungen zwischen verschiedenen Berufsfeldern und Professionen geht dabei etwas zu Kosten der Systematik und Argumentationstiefe in der Beschreibung der einzelnen Fallkonstellationen. Als Praxishandbuch sind die vielfältigen Anregungen und Fallbeispiele für Richter und Rechtsanwälte im Familien-, Sozial- und Arbeitsgericht besonders empfehlenswert.

Als Ratgeber für Betroffene von Konflikten (z.B. in der eigenen Familie oder im Beruf) und als Grundlagenwerk für Familientherapeuten (wie im Klappentext empfohlen) würde ich demgegenüber nur einen eingeschränkten Nutzen sehen.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Jürgen Balz
Dozent für Psychologie (Schwerpunkte Diagnostik und Beratung) an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
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Zitiervorschlag
Hans-Jürgen Balz. Rezension vom 11.03.2013 zu: Raimund Schwendner: Konflikte wirksam lösen. Systemisches Arbeiten mit Familien und Organisationen. Ein Praxishandbuch. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2012. ISBN 978-3-608-89133-1. Reihe: Leben lernen - 241. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13588.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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