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Dietrich Helms, Thomas Phelps (Hrsg.): Black Box Pop

Cover Dietrich Helms, Thomas Phelps (Hrsg.): Black Box Pop. Analysen populärer Musik. transcript (Bielefeld) 2012. 282 Seiten. ISBN 978-3-8376-1878-5. 23,80 EUR, CH: 28,90 sFr.

Reihe: Beiträge zur Popularmusikforschung - 38.
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Thema und Überblick

Der vorliegende Band widmet sich der Frage, welche Möglichkeiten es zur Analyse von populärer Musik gibt. Er steht damit stellvertretend für eine Tendenz, die vor allem dadurch gekennzeichnet ist, dass sich nach gut zwei Jahrzehnten eines überwiegend kulturwissenschaftlich geprägten Blicks auf den Forschungsgegenstand – einhergehend mit der Erkundung des Potenzials von Sozial-, Medien- und Kommunikationstheorien – die Popularmusikforschung gegenwärtig wieder auf ihre Kernkompetenz besinnt: auf die Beschreibung von Musik als akustisches Phänomen. Da die etablierten Techniken zur analytischen Auseinandersetzung mit Kunstmusik allerdings nur bedingt auf den Bereich der Popularmusik transferierbar sind, stellen die Autoren der insgesamt 13 Beiträge – Schriftfassungen von Vorträgen, die anlässlich der 21. Arbeitstagung des Arbeitskreises Studium Populärer Musik (ASP) im November 2010 in Kooperation mit der Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim gehalten wurden – eine Reihe von alternativen Methoden zur Analyse populärer Musik zur Diskussion und erproben sie am Beispiel von Songs aus Pop, Rock und Jazz.

Aufbau und Inhalt

Die beiden eröffnenden Beiträge führen in die theoretischen Grundlagen der Problemstellung ein. Im Aufsatz Komplexitäten und Reduktionen. Zu einigen Prämissen der Popmusikanalyse greift Simon Obert anhand von vier zentralen Themenfeldern die methodologischen Debatten zur Analyse populärer Musik auf, nämlich in Bezug auf:

  • den Gegenstand der musikalischen Analyse,
  • die Angemessenheit der jeweils gewählten analytischen Methode in Bezug auf den zu analysierenden Gegenstand,
  • das Problem der grafischen Darstellbarkeit von Klängen oder Analyseergebnissen sowie
  • die Frage nach dem grundsätzlichen Anspruch der Analyse.

Dabei plädiert er dafür, die Grenzziehungen zwischen Popularmusikforschung und anderen musikwissenschaftlichen Disziplinen zu überwinden, da es sich bei den thematisierten Punkten um Probleme und Fragen handelt, „die die musikalische Analyse allgemein betreffen, unabhängig von einer wissenschaftsdisziplinären Ausrichtung“ (S. 10). Ergänzend hierzu verbindet André Doehring in seinem Beitrag Probleme, Aufgaben und Ziele der Analyse populärer Musik die Frage nach den Kontexten und Diskursen populärer Musik, die ganz wesentlich unsere Auffassung von der jeweils zu analysierenden Musik prägen, mit der Frage nach den Motivationen der Analysierenden selbst bei der Auseinandersetzung mit dem gewählten Analysegegenstand. In der notwendigen Klärung dieser Sachverhalte erkennt er ein Mittel, die Analyse von vielen subjektiven Momenten zu befreien und ihre Ergebnisse zugleich zugunsten zentraler ästhetischer Aussagen zu schärfen.

Frank Riedemann unternimmt in seinem Aufsatz Computergestützte Analyse und Hit-Songwriting den Versuch, die „formatspezifischen Strukturen und Konventionen […], die im engen Zusammenhang mit der Chartkompatibilität eines Songs stehen“ (S. 43) zu erfassen. Sein Vergleich zwischen Hits und kommerziell wenig erfolgreichen Songs verdeutlicht, wie stark bestimmte Strukturmomente – etwa die Art der Melodiebildung, die Länge der Strophen oder der Zeitpunkt des Refraineintritts – innerhalb der ersten Gruppe formalisiert sind. Zugleich demonstriert der Autor damit auch die Leistungsfähigkeit eines computergestützten analytischen Zugangs.

In ihrer umfangreichen Studie AABA, Refrain, Chorus, Bridge, PreChorus – Songformen und ihre historische Entwicklung geben Ralf von Appen und Markus Frei-Hauenschild einen Überblick über die Veränderung der formalen Strukturen von Songs zwischen den 1890er und 1980er Jahren. Dabei zeigen sie, dass die Betrachtung der Form nicht nur einen lohnenden Ansatzpunkt für weitere analytische Überlegungen bietet, sondern selbst schon zum Objekt der Interpretation werden kann, da sie wertvolle Informationen zur semantischen, symbolischen und funktionalen Ebene der Songs enthält. Zugleich belegen die Autoren, dass die historisch orientierte Betrachtung zur Klärung von Widersprüchen innerhalb der heute verwendeten Terminologie beitragen kann.

Allan Moore stellt in seinem Aufsatz Addressing the Persona die Frage nach der kommunikativen Wirkung und personenbezogenen Narrativität von Popsongs („To whom am I listening?“, S. 134) sowie deren Auswirkungen auf musikalische Details und stellt dies am Beispiel des Songs If Six Was Nine von Jimi Hendrix dar.

Simon Zagorski-Thomas wiederum entwirft im Beitrag Musical Meaning and the Musicology of Record Production einen methodischen Rahmen zur Analyse von populärer Musik auf einer Grundlage produktionstechnischer Zusammenhänge. Demgegenüber befasst sich Walter Everett in The Representation of Meaning in Post-Millennial Rock am Beispiel von Künstlern wie Missy Elliott, Randy Newman und Amy Winehouse mit dem verschärften Gebrauch bestimmter harmonischer Gestaltungsprinzipien, die er als künstlerische Mittel zur Verdeutlichung kulturkritischer Textzusammenhänge und damit zur Schaffung von semantischen Zusammenhängen deutet.

Am Vergleich des Songs Hurt im Original von Nine Inch Nails und der Coverversion von Johnny Cash zeigt Steffen Just in seinem Beitrag Nine Inch Nails? „Hurt“: Ein Johnny-Cash-Original – Eine musik- und diskursanalytische Rekonstruktion musikalischer Bedeutungen, dass Verschiebungen in der Bedeutung und damit Veränderungen in der Rezeption eines Songs erst durch eine Verbindung von Betrachtungen zu musikalischen Details und kontextuellen Überlegungen adäquat erfasst werden können. Franz Krieger wiederum betrachtet in Das Begriffspaar Simplizität/Komplexität in der rhythmischen Analyse eine seit gut 300 Jahren als zentraler Parameter musikalischer Reflexion gebrauchte Begrifflichkeit und versucht an einigen Beispielen, qualitative Kriterien zur Bewertung rhythmischer Gestaltungen zu entwickeln.

Mit unterschiedlichen Arten des „Timing“ als Element der musikalischen Gestaltung im Zusammenspiel befasst sich Márton Szegedi in seinem Beitrag Die Rolle des Timings am Beispiel zeitgenössischer Jazzgitarristen und arbeitet dabei heraus, inwiefern die exakte, retardierende oder antizipierende Ausrichtung an der metrischen Struktur einen Einfluss auf den Charakter einer Interpretation oder auf die Spannungsverläufe innerhalb eines Stückes haben kann. Anhand der auf Transkriptionen basierenden Analyse zweier vom Jazzpianisten Gonzalo Rubalcaba eingespielter Versionen des Danzón El Cadete Constitucional, zeigt Christa Bruckner-Harring in ihrer kurzen Studie Der Danzón und dessen Fortwirken in ausgewählten Interpretationen von Gonzalo Rubalcaba, auf welche Weise spezifische Elemente der traditionellen Musik Kubas in die moderne Jazzperformance eingebunden werden. Mit einem ähnlichen, aber Kulturen übergreifenden Phänomen befassen sich Thomas Burkhalter, Christoph Jacke und Sandra Passara in dem Aufsatz Das Stück „Wanabni“ der Palästinenserin Kamily Jubran und des Schweizers Werner Hasler im multilokalen Hörtest. Eine multiperspektivische Analyse, indem sie einen musikalischen Dialog zwischen zwei Musikern aus unterschiedlichen Kulturen – der Sängerin und Oud-Spielerin Kamily Jubran und dem Trompeter und Electronica-Künstler Werner Hasler – einer interkulturell angesiedelten Hörerbefragung unterziehen und dabei die Bedeutung kultureller Kontexte des Hörens im Rezeptionsprozess und bei der Zuweisung von Bedeutung herausarbeiten.

Einem besonderen Spezialgebiet widmet sich abschließend Helmut Rösing in seinem Aufsatz über Forensische Popmusik-Analyse, geht es hierbei doch um das häufig diskutierte Problem, wie sich die „Musik gemäß den Richtlinien der UNESCO als immaterielles geistiges Eigentum […] schützen“ (S. 275) lässt. Anhand von vier Beispielen macht der Autor deutlich, wie mithilfe komparativer Analyse das kreative Potenzial der oftmals nur auf minimalen individuellen Charakteristika basierenden Abwandlungen bestehender Melodie- oder Harmoniemodelle durch Musiker oder Songwriter beurteilt und somit auch Plagiate eingekreist werden können.

Diskussion

Anhand methodologisch teils stark differierender Ansätze sowie bezogen auf zahlreiche Fragestellungen und mehrere Musikgenres stellt sich der Sammelband als facettenreiches Plädoyer für einen analytischen Zugang zur populären Musik dar. Auch wenn in einigen – insbesondere den englischsprachigen – Beiträgen aufgrund einer eher skizzenhaften Darstellungsweise die Frage nach der Möglichkeit einer Übertragbarkeit der Analysemethodik auf andere Kontexte letzten Endes in der Schwebe bleibt, erweist sich in vielen anderen Fällen der detaillierte Einblick in die Leistungsfähigkeit bestimmter methodischer Zugänge als Anregung, die jeweiligen Ansätze auf weiterführende Fragestellungen oder andere Genres zu übertragen. Trotz des generell sehr hohen Reflexionsniveaus eignen sich die einzelnen Aufsätze des Bandes gut dazu, in die Thematik der analytischen Auseinandersetzung mit Popularmusik einzusteigen, zumal alle Beiträge mit ausführlichen Bibliografien versehen sind und damit einen Überblick über die grundsätzliche Forschungsliteratur zu den jeweils dargelegten methodischen Ansätzen ermöglichen.

Fazit

In ihrer Gesamtheit sensibilisiert die Publikation dafür, wie wichtig jenseits kulturwissenschaftlicher oder musiksoziologischer Fragestellungen die analytische Auseinandersetzung mit populärer Musik ist, und welche fruchtbaren Ergebnisse sich durch adäquate – d. h. dem jeweiligen Gegenstand angemessene – Anwendung verschiedener analytischer Methoden erzielen lassen. Da viele der Beiträge mit musikanalytischer Terminologie arbeiten und ein entsprechendes Fachwissen bei den Leserinnen und Lesern voraussetzen, dürfte der Sammelband vor allem für Forscherinnen und Forscher aus dem Bereich der Musikwissenschaft interessant sein. Dennoch lassen sich einige dargestellte Aspekte, etwa zu Rezeptionsdifferenzen innerhalb unterschiedlicher kultureller Kontexte oder zur Konstruktion von Narrativität, auch ohne Rückgriff auf die Fachterminologie für die kulturwissenschaftliche Forschung fruchtbar machen.


Rezension von
Prof. Dr. Stefan Drees
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Zitiervorschlag
Stefan Drees. Rezension vom 17.09.2012 zu: Dietrich Helms, Thomas Phelps (Hrsg.): Black Box Pop. Analysen populärer Musik. transcript (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-8376-1878-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13599.php, Datum des Zugriffs 21.01.2020.


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