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Heide Möller: Was ist gute Supervision?

Cover Heide Möller: Was ist gute Supervision? Grundlagen - Merkmale - Methoden. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2001. 239 Seiten. ISBN 978-3-608-94007-7. 30,00 EUR.
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Einführung in das Thema

Supervision hat sich als Beratungsform in unterschiedlichen Bereichen des beruflichen Lebens etabliert. Ausbildungsstandards von Berufsverbänden wie z.B. der DGSv (Deutsche Gesellschaft für Supervision) sorgen für eine zunehmende Professionalisierung der Supervisoren und Supervisorinnen. Dennoch fehlen, nicht zuletzt aufgrund der Loyalitäten der Forschenden gegenüber der jeweils eigenen „Schule“, allgemein akzeptierte Kriterien zur Qualitätsüberprüfung und –sicherung ausgerechnet einer Beratungsform, die ja selbst mit der Qualitätssicherung in den supervidierten Arbeitsprozessen befasst ist. Die Autorin versucht, eben die Lücke zu füllen und anhand eigener Untersuchungen solche Qualitätskriterien für Supervision zu entwickeln.

Entstehung des Buches

Heidi Möller ist Diplompsychologin und lehrt als Privatdozentin Klinische Psychologie an der TU Berlin. Sie ist ferner Lehrtherapeutin und Lehrsupervisorin in freier Praxis. Die Entstehungsgeschichte des Buches ist aus der Einleitung nicht sicher zu erschließen, aber da Eva Jaeggi als „Erstbetreuerin“ genannt wird, handelt es sich vermutlich um die Habilitationsschrift der Autorin.

Aufbau, Inhalte, Gliederung

Inhaltlich gliedert sich das Buch in drei große Abschnitte: in einem ersten Abschnitt wird der Forschungsansatz entwickelt, indem sich die Autorin mit der Geschichte der Supervision und den grundlegenden vorliegenden Ansätzen und Methodenkonzepten beschäftigt und aus dieser Beschäftigung eine eigene Methodik entwickelt. In einem zweiten Abschnitt werden die Untersuchung und ihre Ergebnisse präsentiert, und in einem dritten Abschnitt schließlich listet die Autorin zusammenfassend „Merkmale exzellenter Supervision“ auf.

Der Focus des Buches liegt auf Supervision im stationären Klinikbereich, die Supervisoren und Supervisorinnen sind psychotherapeutisch ausgebildete Berater. Die Auswahl der untersuchten Supervisoren ist wohl nicht zufällig, sondern entsprechen dem Urteil der Autorin: „Diplom-Psychologen mit supervisorischer Weiterbildung eignen sich meines Erachtens deshalb in besonderer Weise zur Ausübung dieser jungen Profession (scil. Supervision), da sie anders als Sozialarbeiter, Ärzte, Lehrer, Theologen etc. aufgrund ihres wissenschaftlichen Studiums auf mehrperspektivisches sozialwissenschaftliches Denken vorbereitet sind.“ (S. 292)

Heidi Möller macht deutlich, dass der Forschungsgegenstand ein Interaktionsgeschehen ist, das durch standardisierte Forschungsmethoden nicht angemessen zu erfassen ist, sondern nur seinerseits wiederum durch Interaktion. Wie in der Supervision die Supervisanden als „Experten“ gelten müssen, so sind auch die erforschten Supervisoren ausgewiesene Experten, deren Interventionen nun in der Supervisionsforschung hinterfragt werden. Die Methode, die dabei zum Einsatz kommt, könnte man als „Tiefenhermeneutik“ supervisorischer Prozesse bezeichnen.

Der erste Abschnitt des Buches ist ein enorm lehr- und hilfreicher Überblick über Themen der Supervision: Es wird ein kurzer Überblick über die Geschichte des Faches gegeben, dann die Supervision zwischen Organisationsberatung und Psychotherapie verortet und schließlich der „integrative Supervisionsansatz“ vorgestellt. Das alles ist in einem für eine wissenschaftliche Arbeit erstaunlichem Maße praxisnah und praxisrelevant dargestellt.

Selbstbeobachtung und Selbstanalyse, besonders die Gegenübertragungsanalyse, sind wichtige Instrumente der Arbeit von Supervisoren und Supervisorinnen. Es liegt daher nahe, mit der Supervisionsforschung auf dieser Ebene anzusetzen. Die Autorin arbeitet mit „Selbstkonfrontationsinterviews“, d.h. eigene Supervisionsprozesse der Supervisoren werden einer „Mikroanalyse“ unterzogen, um auch in den feinsten Strukturen die Wirkungen supervisorischer Arbeit festzustellen.

Besonders ertragreich für die Praxis der Supervision erscheint der ethnopsychoanalytische Ansatz. Als Supervisor habe ich hier die meisten Aha-Erlebnisse gehabt, denn hier geht es um den Umgang mit Fremdheit: mit der Fremdheit des Erlebens von Supervisanden, der Fremdheit von Organisationen und nicht zuletzt der eigenen Fremdheit: „Das Fremde verstehen heißt zunächst einmal, das Fremde in sich selbst zu verstehen.“ (S. 34)

Im zweiten Teil des Buches wird diese Untersuchung ausführlich dokumentiert, und auch dieser Teil des Buches liest sich sehr spannend. Wer selbst als Supervisor arbeitet, kann sich hier eine umfangreiche Lehrsupervision abholen. Die Konzentration auf den klinischen Bereich muss dabei nicht in diesem Bereich arbeitende Leser/innen nicht abschrecken, da es sich um für jede Beratungspraxis exemplarische Interventionen handelt.

In einem dritten Teil wird die Untersuchung systematisch ausgewertet und die Ergebnisse gesichert. In 18 Abschnitten werden Qualitätsmerkmale guter Supervision aufgelistet. Um einige Überschriften zu nennen: Der Supervisor als Sozialwissenschaftler, Feldkompetenz der Supervisoren, Triangulierungskompetenz der Supervisoren, Abstinenz in der Supervision, Übertragung in der Supervision, Widerstand in der Supervision, Ressourcenorientierung in der Supervision etc. Dieser Teil der Arbeit von Heidi Möller ist sicher nicht das letzte Wort in der Qualitätsdebatte, aber ganz sicher eins der ersten wissenschaftlich gut begründeten.

Zielgruppen

Ein Buch zunächst einmal für Supervisoren und Supervisorinnen, die ihre eigene Praxis durch eine Praxistheorie untermauern und die eigene Supervisionsarbeit kritisch reflektieren möchten. Auch „altgediente“ Supervisoren werden hier viel lernen können. Ganz sicher aber auch ein Buch für Psychologen, Sozialarbeiter, Organisations- und Unternehmensberater, die sich intensiver mit dem Fach Supervision befassen wollen. Auch für Studierende, die sich einen Überblick über die gegenwärtige Debatte und den integrativen Supervisionsansatz verschaffen wollen, werden das Buch mit Gewinn lesen. Etwas zögern würde ich wegen des enzyklopädisch-wissenschaftlichen Ansatzes bei der Zielgruppenangabe des Verlages, der auch „Kunden, die sich in Supervisionsprozessen befinden oder diese nutzen wollen.“

Einschätzung der Tauglichkeit, Lesbarkeit, Nützlichkeit, fachliche Qualifikation der Autorin

Das Buch ist eines der leider seltenen Exemplare wissenschaftlicher Arbeiten, die nahe an der Praxisreflexion bleiben und seine Ergebnisse in lesbarer Weise zu präsentieren versteht. Beides, die Praxisnähe und die Lesbarkeit, machen das Buch zu einer nützlichen und hilfreichen Lektüre. Bei der Autorin nimmt man nicht nur eine große Vertrautheit mit den grundlegenden Paradigmata supervisorischer Arbeit wahr, sondern auch und vor allem eine umfangreiche Erfahrung als Supervisorin.

Fazit

Das Buch ist vielseitig: zum einen ist es ein reiches Kompendium, durch das man viele Diskussionspunkte der psychologischen und supervisorischen Theoriebildung nachvollziehen und in wichtigen Zusammenhängen verstehen kann. Zum anderen ist es eine faszinierende Forschungsdokumentation, die tiefenhermeneutische Methoden auf Supervisionsprozesse anwendet und dadurch zahlreiche neue Erkenntnisse über das Interaktionsgeschehen zwischen Supervisor und Supervisand vermittelt. Zum dritten ist es ein hilfreicher Vorstoß in der Qualitätsdebatte der Supervision, der wissenschaftlich abgesicherte Kriterien liefert und die Erstellung von Ausbildungs- und Arbeitsstandards erleichtert.


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 01.09.2001 zu: Heide Möller: Was ist gute Supervision? Grundlagen - Merkmale - Methoden. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2001. ISBN 978-3-608-94007-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/136.php, Datum des Zugriffs 18.07.2019.


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