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Maya Jaspers: Autistische Störungen

Cover Maya Jaspers: Autistische Störungen. Neurologische Aspekte und pädagogische Konsequenzen. AVM - Akademische Verlagsgemeinschaft München (München) 2012. 77 Seiten. ISBN 978-3-86924-234-7. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.
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Autorin

Über die Autorin Maya Jaspers finden sich in dem Buch keine Angaben. Hinter AVM verbirgt sich die „Akademische Verlagsgemeinschaft München“, eine Plattform für Publikationen wissenschaftlicher Texte.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 77 Seiten und ist in 9 Kapitel gegliedert. Nach einer kurzen Annäherung in Bezug auf die Diagnose und Ursachen finden sich folgende Kapitel

  • Informationsverarbeitung,
  • die autistische Störung und Informationsverarbeitung,
  • neurologische Befunde,
  • Interventionen und Interventionsmöglichkeiten sowie
  • Eltern autistischer Kinder.

Inhalt

Drei Punkte sollten bei der Ätiologie dieses komplexen Störungsbildes berücksichtigt werden:

  1. 1.es gibt „noch keine gesicherten neurologischen Befunde“ – das liegt auch daran, dass es schwer ist autistische Kinder mit ihren Verhaltensweisen neurologisch zu untersuchen, zudem kommen „bei neurologischen Störungen komplexe Elemente“ zusammen,
  2. „unterschiedliche Noxen können eine Funktionsstörung“ nach sich ziehen, die sich
  3. „aus verschiedenen Symptomen zusammensetzt.“ (Jaspers; 6)

Im Kapitel Informationsverarbeitung wird zu Beginn die normale Entwicklung des Gehirns als ein Selbstorganisationszentrum betrachtet, die in der Betrachtung dysfunktionaler Einflüsse und deren Wirkung auf autistischen Störungen münden. In der normalen Entwicklung wird die Welt über die Sinne aufgenommen. Die Fähigkeit zur Integration wird mit zunehmenden sinnlichen Erfahrungen weiter entwickelt und differenziert, sodass Körper und Gehirn sich gleichermaßen der Umwelt anpassen.

In den ersten sieben Lebensjahren werden wesentliche Bausteine entwickelt, die die Grundlage für weitere mentale und soziale Prozesse und Funktionen bilden. Aus zunächst ungeordneten Eindrücken entwickelt sich zunehmend ein System, ein inneres Schemata, das Reize diskriminiert und selektiv wahrnimmt.

Mittels Steuerungsmechanismen, die parallel laufen entsteht ein Ordnungsgefügte vertrauter Schemata, die nur relevante Reize auswählen. Reize sind gleich, verändert hat sich die Interpretation der Reize dadurch entsteht eine Bedeutung für das Individuum.Die Umwelt wird entschlüsselt. Konstanten aber auch Veränderungen werden aufgenommen und verarbeitet. „Die Bedeutung einer Information wird durch den subjektiven Bekanntheitsfaktor determiniert, d.h. je mehr Verknüpfungen das Individuum mit Inhalten aus der Information vornehmen kann, desto größer wird die Bedeutung der Information.“ (Jaspers;10)

Rezeptoren unseres Nervensystems wandeln Impulse in elektrische Signale um und leiten diese als Information weiter. Erfolgreich verarbeitete Informationen bleiben im Gedächtnis als sog. Erinnerungsspuren (Engramme).zurück. Diese können vielfältig und auf verschiedene Art und Weise miteinander verbunden werden. “Die Verarbeitung eines Reizes zu einer sinnvollen Information ist abhängig von kognitiven Bearbeitungsprozessen und inneren Strukturen, bzw. bereits gespeichertem Wissen, sog. Schemata.“ (13) . „Eine gesunde kognitive Entwicklung setzt differenzierte Wahrnehmung voraus, deren komplexe Mechanismen gelernt werden“ (Jaspers;16). Sie haben auf das ganze Leben und die Entwicklung der Persönlichkeit Einfluss. Neurologische dysfunktionale Störungen im Kindesalter treffen auf ein Gehirn, was unreif ist und sich im Wachstum befindet, mit der Folge von schwersten Schäden.

Nach Ayres (1984) haben Autisten Schwierigkeiten sensorische Stimuli zu verarbeiten. Die Sensorische Integration nach Ayres befasst sich mit Prozessen des Ordnens und Verarbeitens sinnlicher Eindrücke, aus denen das Gehirn eine brauchbare Körperreaktion und ebenso sinnvolle Wahrnehmungen, Gefühlsreaktionen und Gedanken erzeugt. Für Delacato (1975) ist Autismus eine Wahrnehmungsstörung, die auf die Verletzung des Gehirns zurückzuführen ist. Im Gegensatz dazu ordnet Lovaas (1979) Autismus als eine Folge einer Aufmerksamkeitsstörung ein, die nicht in einem Zusammenhang mit der Wahrnehmung steht. Das Gehirn des Autisten reagiert übersensibel und überselektiv, was zu abnormen Reaktionen führt. Trotz einer Vielfalt an Reizen fokussiert das autistische Kind auf einen von ihm gewählten Stimulus. Jaspers schlussfolgert: “Neben der Schwierigkeit Reize zu organisieren und zu kategorisieren liegt eine mangelnde Konzentrationsfähigkeit auf mangelnden Komponenten vor, die zu Sprachdefiziten, schwachem Abstraktionspotential und Defiziten in soziale Bereichen führt.“ (Jaspers; 23)

Im größten Kapitel Interventionsmöglichkeiten werden vier Bedingungen jeder Behandlung und pädagogischer Intervention (Frühförderung und Therapie und Therapieformen) definiert:

  1. „Bestimmung der Bereiche und Momente, in denen das Kind bereits eine Bereitschaft zum Lernen zeigt und entsprechende Fähigkeiten vorhanden sind.
  2. Bereiche, die z.B. im Hinblick auf sensorische Übersensibilität Angst hervorrufen, sollten nicht Gegenstand einer aktuellen Maßnahme sein, sondern sollten durch benachbarte Verhaltensmuster verbessert und reduziert werden.
  3. Eltern, wie auch alle anderen Erziehungsberechtigten bedürfen einer genauen Aufklärung, um bestimmte Verhaltensweisen zu verstehen, sodass Aufmerksamkeits- und Lernprozesse verbessert und erleichtert werden können.
  4. Grundlage der Erziehung sollte strukturiertes Lernen sein.“ (Jaspers; 47)

Methoden der Verhaltenstherapie bilden den Überbau. Letztendlich ist bei der Auswahl einer Intervention darauf zu achten, einen individuell passenden Ansatz bei der Behandlung der autistischen Störungen zu wählen.

Diskussion

Frau Jaspers ist es gelungen, Vorgänge im Gehirn, die bis dahin als eine „black box“ mit unbekanntem Inhalt betrachtet wurden, zu öffnen und in den Fokus zu rücken. Dabei geht sie von der Betrachtung der Hirntätigkeit eines Normalhirns aus, das ständig ankommende Reize verarbeitet und einordnet.

Soweit kann ich den Ausführungen von Frau Jaspers folgen. Wie Tony Attwood, einem weltweit anerkannten Autismusexperten, gehe ich nicht mehr davon aus, dass Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, gestört sind. Vielmehr haben Menschen unterschiedliche Wahrnehmungen und kommen aufgrund dieser Unterschiede zu anderen logischen Schlussfolgerungen im Denken, die auf der Verhaltensebene ihren Ausdruck finden. Das bedeutet, dass es keine Norm in Form einer Messlatte gibt, an der Gehirntätigkeiten gemessen und klassifiziert wird. Stattdessen gibt es neurotypische und autistische Normvarianten des Menschseins.

Ein verhaltenstherapeutischer Ansatz, bei dem schwerpunktmäßig die Behandlung der Symptome im Focus steht reicht für die Arbeit mit Personen aus dem Autismus-Spektrum nicht aus. Frau Jaspers weist in ihrem Buch zu Recht darauf hin, dass diese Sicht einseitig ist und durch die Betrachtung der Vorgänge im Gehirn, bei der Wahrnehmung und Verarbeitung der Informationen ergänzt werden muss.

Leider suggerieren der Titel des Buches „Autistische Störungen und pädagogische Konsequenzen“ sowie die Erläuterungen im Klappentext mehr Inhalte als sie einhalten. Der Verlag schreibt: „Dieses Buch nähert sich der autistischen Störung aus der – für die Pädagogik ungewöhnlich- neurologisch und neurophysiologischen Perspektive an und beschreibt auf dieser Grundlage eine gestörte Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung. Diese gewählte Ebene begrenzt herkömmliche pädagogische Modelle und Theorien und stellt damit deutlich anders geartete Anforderungen und Herausforderungen an die fachliche Praxis als auch den alltäglichen Umgang“.

Der Inhalt des Buches blieb hinter den erzeugten Erwartungen zurück. Die Erkenntnisse der Hirnforschung werden unzureichend und oberflächlich in Zusammenhang mit den pädagogischen Konsequenzen gesetzt. Die Autorin bleibt auf der Beschreibung von allgemeingültigen Notwendigkeiten und Forderungen stecken und damit Hinweise konkreter Hilfestellung für das pädagogische Alltagshandeln schuldig.

Über Frau Jaspers Intention, dieses Buch zu schreiben, kann ich nur spekulieren. Es macht den Anschein, als versuchte dieAutorin komplexe Sachverhalte und Erkenntnisse der Hirnforschung komprimiert darzustellen, um den Einstieg ins Thema zu erleichtern. Scheinbar geht die Autorin davon aus, dass dem Leser die von ihr verwendeten Fachbegriffe und die dahinter liegenden Konzepte bekannt sind, denn diese werden nicht näher erklärt. Nach der Lektüre des Buches blieben meines Erachtens mehr Fragen als Erkenntnisse übrig.

Die Lesbarkeit der Arbeit von Frau Jaspers ist durch die gewählte sehr kleine Schriftart äußerst stark eingeschränkt, was das Verstehen der Inhalte unnötig erschwert. Bilder oder Zeichnungen fehlen völlig.Der rote Faden der Argumentationskette der Autorin wird nicht sichtbar, sie verzichtet auf einleitende Worte am Anfang und auf Zusammenfassungen am Ende der jeweiligen Kapitel. Das Buch entpuppte sich als eine Aneinanderreihung zusammengesuchter Zitate namhafter Autoren, die Literaturangaben enden allerdings im Jahr 2001, was die Schlussfolgerung zulässt, dass das Buch von Maya Jaspers aus dieser Zeit stammt. Leider wird vom Verlag, der das Buch 2012 verlegt, an keiner Stelle darauf hingewiesen. Es fehlen leider auch Angaben zum beruflichen Hintergrund und zur Ausbildung der Autorin Maya Jaspers.

Fazit

Frau Jaspers Darstellung, sich bei der Betrachtung der Autismus-Spektrum-Störung nicht ausschließlich auf die Bearbeitung beobachtbarer Symptome zu stützen, ist richtig. In ihrer Beschreibung der Ansätze der Hirnforschung macht sie deutlich, dass diese einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf die Entwicklung des Kindes haben und somit auch in die Behandlung von Kindern mit autistischen Störungen berücksichtigt werden müssen.

Leider finden neuere Erkenntnisse der Hirnforschung keine Berücksichtigung, denn die verwandte Literatur reicht nur bis ins Jahr 2001. Wäre das Buch im Jahr 2001 erschienen, wäre Frau Jaspers mit dem Wissen aus der Hirnforschung ihrer Zeit voraus gewesen. Erst in den letzten Jahren rückten diese Denkansätze zunehmend in den Focus einer breiten Öffentlichkeit und nehmen auch direkten Einfluss auf therapeutische und pädagogische Interventionsansätze.

Das Buch hält nicht, was es im Titel suggeriert. Der Kauf des Buches ist verzichtbar.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 13.07.2012 zu: Maya Jaspers: Autistische Störungen. Neurologische Aspekte und pädagogische Konsequenzen. AVM - Akademische Verlagsgemeinschaft München (München) 2012. ISBN 978-3-86924-234-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13606.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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