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Scott O. Lilienfeld, Steven Jay Lynn u.a.: Warum Mozart Babys nicht schlauer macht

Cover Scott O. Lilienfeld, Steven Jay Lynn, John Ruscio, Barry L. Beyerstein: Warum Mozart Babys nicht schlauer macht. 25 populäre Irrtümer der Psychologie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Darmstadt) 2011. 168 Seiten. ISBN 978-3-534-23800-2.
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Thema

Im Zusammenhang mit den für dieses Buch ausgewählten psychologischen Irrtümern stellen die Autoren die psychologischen und gesellschaftlichen Ursprünge sowie die Folgen dieser Irrtümer für das Denken der Gesellschaft über das menschliche Verhalten dar und erläutern, wie die wissenschaftliche Forschung diese Irrtümer beurteilt.

Autoren

Scott O. Lilienfeld ist Professor für Psychologie an der Emory Universität in Atlanta, USA. Steven Jay Lynn ist Professor für Psychologie an der staatlichen Universität von New York in Binghamton, USA. John Ruscio ist außerordentlicher Professor für Psychologie am College von New Jersey, USA. Barry L. Beyerstein (+) war Professor für Psychologie an der Simon Fraser Universität in Vancouver, Kanada.

Aufbau und Inhalt

Nach dem Vorwort und der Einleitung „Die weite Welt der Psychomythologie“ haben die Autoren das Buch in acht Kapitel gegliedert, an die sich das Postskriptum „Die Wahrheit ist seltsamer als eine erfundene Geschichte“ anschließt.

In der Einleitung nennen die Autoren drei Gründe, die dafür sprechen, über psychologische Irrtümer Bescheid zu wissen:

  1. sie können Schaden anrichten,
  2. sie können auch indirekt Schaden verursachen,
  3. ihre Akzeptanz kann unsere kritische Haltung auch in anderen Bereichen hemmen.

Um Psychomythologien entlarven zu können, die nach Ansicht der Autoren aus Missverständnissen, modernen Legenden und Ammenmärchen aus der Psychologie bestehen, stellen sie zehn Quellen vor, durch die psychologische Irrtümer entstehen können.

  • Mundpropaganda: Eine häufig gehörte Aussage wird nicht automatisch zu einer Wahrheit. Eine falsche Aussage kann durch Wiederholung vertraut werden und dadurch als wahr akzeptiert werden. Hierbei werden Vertrautheit und Korrektheit verwechselt.
  • Der Wunsch nach einfachen Antworten und schnellen Lösungen.
  • Selektive Wahrnehmung und Gedächtnis: Hier wirkt die illusorische Korrelation, d. h. die irrtümliche Annahme, dass zwei statistisch unabhängige Ereignisse miteinander in einem Zusammenhang stehen, wie beispielsweise der „Vollmond-Effekt“.
  • Fehlschluss von Korrelation auf Kausalität: Zwei Dinge, die statistisch zugleich auftreten (miteinander korrelieren), müssen sich nicht notwendigerweise kausal bedingen.
  • „Post hoc, ergo propter hoc“-Argumentation: Die fälschliche Annahme, dass ein Ereignis A ein Ereignis B verursachen muss, da es dem Ereignis B vorausgeht.
  • Einer voreingenommenen Stichprobe ausgesetzt sein.
  • Argumentation basierend auf Repräsentativität: Eine Beurteilung zweier Dinge aufgrund ihrer oberflächlichen Ähnlichkeit.
  • Irreführende Film- und Medienporträts.
  • Übertreibung mit einem Körnchen Wahrheit: Manche Psychomythologien beinhalten eine Überbewertung kleiner Unterschiede.
  • Terminologische Verwechslungen.

Kapitel 1 Die Kapazität des Gehirns. Irrtümer über Gehirn und Wahrnehmung

  • Irrtum 1 Die meisten Menschen nutzen nur 10% ihrer Gehirnkapazität
  • Irrtum 2 Manche Menschen sind Nutzer der linken Gehirnhälfte, andere Nutzer der rechten Gehirnhälfte
  • Irrtum 3 Unterbewusst wahrgenommene Botschaften können Menschen dazu bewegen, Produkte zu kaufen

Kapitel 2 Von der Wiege bis zur Bahre. Irrtümer über Entwicklung und altern

  • Irrtum 4 Wenn man Babys Mozart vorspielt, fördert dies ihre Intelligenz
  • Irrtum 5 Die Pubertät ist unausweichlich eine Zeit psychischer Turbulenzen
  • Irrtum 6 Die meisten Menschen erfahren in ihren 40ern und frühen 50ern eine Midlife-Crisis
  • Irrtum 7 Hohes Alter ist automatisch mit zunehmender Unzufriedenheit und Senilität verbunden
  • Irrtum 8 Wenn man stirbt, durchläuft man eine universelle Abfolge psychischer Abschnitte

Kapitel 3 Auf der Suche nach der verlorenen Zeit . Irrtümer über das Gedächtnis

  • Irrtum 9 Das menschliche Gedächtnis funktioniert wie ein Kassettenrekorder oder eine Videokamera und hält erlebte Erfahrungen detailtreu fest
  • Irrtum 10 Hypnose ist hilfreich bei der Erinnerung an vergessene Erlebnisse
  • Irrtum 11 Die Erinnerung an traumatische Erlebnisse wird in der Regel unterdrückt

Kapitel 4 Kann Hans lernen, was Hänschen nie gelernt hat? Irrtümer über Intelligenz und Lernfähigkeit

  • Irrtum 12 Wenn man sich bei einer Frage in einem Test unsicher ist, hört man am besten auf sein Bauchgefühl
  • Irrtum 13 Schüler lernen am meisten, wenn die Lehrmethoden an ihre Lerntypen angepasst werden

Kapitel 5 Andere Bewusstseinsebenen. Irrtümer über das Bewusstsein

  • Irrtum 14 Die Hypnose ist ein besonderer Trancezustand, der sich vom Wachzustand unterscheidet
  • Irrtum 15 Forscher haben nachgewiesen, dass Träume symbolische Bedeutung haben
  • Irrtum 16 Menschen können während des Schlafens lernen

Kapitel 6 Ich habe das Gefühl, dass… Irrtümer über Emotionen und Motivation

  • Irrtum 17 Der Polygraph-(„Lügendetektor“-)Test ist eine genaue Messmethode, um Unehrlichkeit aufzudecken
  • Irrtum 18 Zufriedenheit wird in der Regel durch äußere Einflüsse bedingt
  • Irrtum 19 Eine positive Einstellung kann Krebs besiegen

Kapitel 7 Das soziale Tier. Irrtümer über zwischenmenschliches Verhalten

  • Irrtum 20 Gegensätze ziehen sich an: Wir fühlen uns am häufigsten zu Menschen hingezogen, die sich von uns unterscheiden
  • Irrtum 21 Männer und Frauen kommunizieren auf vollkommen unterschiedliche Art und Weise
  • Irrtum 22 Es ist besser, seinen Ärger anderen gegenüber Luft zu machen als ihn in sich hineinzufressen

Kapitel 8 Kenne dich selbst. Irrtümer über Persönlichkeit

  • Irrtum 23 Geringes Selbstbewusstsein ist der Hauptgrund für psychische Probleme
  • Irrtum 24 Die meisten Menschen, die während ihrer Kindheit Opfer von Missbrauch wurden, entwickeln schwere Persönlichkeitsstörungen im Erwachsenenalter
  • Irrtum 25 Unsere Handschrift verrät unsere Persönlichkeit

Im Anschluss an die Darstellung der ausgewählten Psychomythologien beschreiben die Autoren im Postskriptum dreizehn psychologische Erkenntnisse, die zwar gegen den „gesunden Menschenverstand“ verstoßen, aber wahr sind. Zu diesen zählen beispielsweise:

  • Bestimmte Schädigungen, die durch einen Schlaganfall verursacht werden, führen dazu, dass diese Patienten Lügner besser erkennen können als Menschen ohne diese spezielle Form der Gehirnschädigung.
  • Menschen, die einen Stift mit ihren Zähnen festhalten, finden Comics witziger als Personen, die einen Stift mit ihren Lippen festhalten.
  • Ungewöhnlich viele Menschen wohnen an Orten mit Namen, die ihren eigenen Vornamen ähneln. Beispielsweise leben in Georgia mehr Georges, in Louisiana mehr Louises und in Virginia mehr Virginias als es sich durch einen Zufall erklären ließe.
  • Hält eine Person ein warmes Objekt wie z. B. eine Tasse mit heißem Kaffee in der Hand, ist sie anderen Personen gegenüber freundlicher als eine Person, die ein kaltes Objekt wie eine Tasse mit Eiskaffee in der Hand hält.

Diskussion

Das Anliegen der Autoren ist, mit Hilfe dieses Buches zwischen Fakten und Vermutungen im Bereich der (populären) Psychologie zu differenzieren. Es beinhaltet eine komplexe Darstellung psychologischer Mythen, deren Ursachen, Folgen und der ihnen widersprechenden Forschungsergebnisse. Ein Manko stellt das fehlende Literaturverzeichnis dar. Der Grund für dieses Fehlen dürfte sein, dass es sich bei der deutschen Ausgabe um eine gekürzte Version der amerikanischen Originalausgabe handelt.

Fazit

Insgesamt ist „Warum Mozart Babys nicht schlauer macht“ ein informatives, interessantes und lesenswertes Buch, das trotz einiger (kleiner) Mängel für all jene Leser zu empfehlen ist, die neugierig (geblieben) sind und Interesse und Spaß an wissenschaftlicher Forschung und an wissenschaftlich gewonnenen Erkenntnissen haben.


Rezension von
Dr. Barbara Mahmoud
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Zitiervorschlag
Barbara Mahmoud. Rezension vom 25.07.2012 zu: Scott O. Lilienfeld, Steven Jay Lynn, John Ruscio, Barry L. Beyerstein: Warum Mozart Babys nicht schlauer macht. 25 populäre Irrtümer der Psychologie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Darmstadt) 2011. ISBN 978-3-534-23800-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13611.php, Datum des Zugriffs 05.08.2020.


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