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Pia Bienstein, Johannes Rojahn: Selbstverletzendes Verhalten bei Menschen mit geistiger Behinderung

Cover Pia Bienstein, Johannes Rojahn: Selbstverletzendes Verhalten bei Menschen mit geistiger Behinderung. Grundlagen, Diagnostik und Intervention. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2013. 274 Seiten. ISBN 978-3-8017-2367-5. 29,95 EUR.
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Thema

Selbstverletzendes Verhalten findet man bei Menschen mit geistiger Behinderung in allen Altersgruppen.Es verunsichert die Betreuenden zutiefst, weil es nicht nachvollziehbar erscheint und hilflos macht zugleich aber unabdingbar nach Intervention verlangt.

Herausgeberteam und Aufbau

Pia Bienstein, approbierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. hat über selbstverletzendes Verhalten promoviert und einen Fragebogen zur dessen funktioneller Erfassung entwickelt.

Johannes Rojahn ist ausgewiesener Fachmann auf dem Gebiet der Psychologie der Geistigen Behinderung. Zusammen habe sie das vorliegende Buch herausgegeben, in dem außer ihnen acht weitere Fachleute in insgesamt elf Artikeln Beiträge zu dieser Thematik leisten.

Inhalt

Einführend stellt Michael Seidel im ersten Kapitel die Personengruppe der Menschen mit geistiger Behinderung vor. Es werden verschiedene Definitionen einander gegenüber gestellt, eine Klassifikation nach dem ICD-10 vorgenommen, die Prävalenz und Ätiologie angesprochen. Bei der Darstellung der Komorbiditäten und zusätzliche Behinderungen nehmen besonders die möglichen psychischen Störungen Raum ein.

Im zweiten Kapitel beschäftigen sich Johannes Rojahn und Pia Bienstein mit der Beschreibung, Definition und Epidemiologie des selbstverletzenden Verhaltens. Sie zeigen verschiedenen Verhaltensformen auf und betonen, dass es sich um ein dynamisches Phänomen handelt, das durch Interventionen beeinflussbar ist.

Im dritten Kapitel wird von Pia Bienstein und Andres Warnke die Ätiologie diskutiert. Dabei werden biologische Faktoren( neurochemische , genetische und gesundheitliche Ursachen) sowie psychologische und soziale Faktoren(motivationale Operationen, Verstärkungsmechanismen und Belastungen sowie Einstellungen des Umfeldes) diskutiert. Als komorbide Störungen werden Angst, Zwangshandlungen und Selbstfixierungen sowie Belastungs- und Anpassungsstörungen erörtert. Abschließend werden bio-psycho-soziale Modelle vorgestellt.

Im vierten Kapitel widmen sich Pia Bienstein und Klaus Sarimski der multimodalen Diagnostik und therapiebegleitenden Evaluation. Neben der Anamnese werden die Entwicklungs- und Kompetenzdiagnostik, die Erfassung von Vorlieben, die Beurteilung komorbider psychischer Störungen, die medizinische Untersuchen und eine Analyse des Umfeldes dargestellt. Unter der Überschrift „spezifische Verfahren“ wird eine Vielzahl von Diagnoseverfahren beschrieben. Hinzu kommt eine Übersicht über die therapiebegleitende Begutachtung.

Im fünften Kapitelbeschäftigen sich Pia Bienstein und Johannes Rojahn ausführlich mit verhaltenstherapeutischen Interventionen. Nach deren ausführlicher Darstellung werden die Anwendung von Schutzkleidung und Fixierung diskutiert. Die verschieden Interventionsmöglichkeiten werden tabellarisch übersichtlich bezüglich ihrer Stärken und Schwächen dargestellt.

Im sechsten Kapitelstellt Christian Schwarze die psychopharmakologische Behandlung vor. Dabei differenziert er zwischen körperlichen Ursachen, selbstverletzendem Verhalten als Reaktion auf interaktionale und/oder kommunikative Schwierigkeiten und psychiatrischen Störungen.

Das Thema Elternberatung, Teamberatung und Burnout-Prophylaxe wird von Susanne Nußbeck im siebten Kapitel bearbeitet. Sie betont die Bedeutung dieser Unterstützung des Umfeldes und stellt verschiedene Möglichkeiten vor.

Tatjana Voß beschäftigt sich im achten Kapitel mit der Krisenintervention. Nach einer Definition werden Verlaufsformen und Identifikation von Krisen behandelt. Bei den Intenventionsformen wird zwischen ambulanten und stationären unterschieden.

Klaus Hennicke schreibt im neunten Kapitel über die psychosoziale Versorgungssituation geistig behinderter Menschen mit zusätzlichen Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Störungen. Er betont die hohe Prävalenz und warnt vor einem „diagnostic overshadowing“, das bewirkt, dass diese Verhaltensweisen ursächlich als zu der geistigen Behinderung gehörend verkannt werden. In einer großen Tabelle stellt er das ambulante kinder- und jugendpsychiatrische Versorgungssystem dar. Darüber hinaus thematisiert er die Frühförderung, die sozialpädriatrischen Zentren und die „Frühe Hilfe“.

Susanne Nußbeck erörtert und betont im zehnten Kapitel die Bedeutung der evidenzbasierten Praxis.

Darauf aufbauend stellt Henri Julius im elften Kapitel Methoden zur Evaluation von Intervention vor.

Diskussion und Fazit

Das Buch gibt einen umfassenden Überblick über die brisante Thematik des selbstverletzenden Verhaltens von Menschen mit geistiger Behinderung. Es zeigt Möglichkeiten der Intervention auf und beschränkt sich nicht nur auf die direkt betroffenen Personen, sondern bezieht die Bezugspersonen ein. Es wird verdeutlicht, wie wichtig es ist zu diagnostizieren und gezielt zu intervenieren, ohne die Auffälligkeiten als genuin zu geistigen Behinderung zugehörig zu interpretieren. Es wird eine große Anzahl von Interventionsmöglichkeiten übersichtlich und anschaulich vorgestellt und nicht zuletzt werden Wege zur Evaluation aufgezeigt. Dieses Buch ist sowohl medizinischem als auch pädagogischem Fachpersonal sehr zu empfehlen.


Rezensentin
apl. Prof. Dr. Susanne Wachsmuth
Justus-Liebig-Universität Gießen, Institut für Heil- und Sonderpädagogik Geistigbehindertenpädagogik


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Zitiervorschlag
Susanne Wachsmuth. Rezension vom 26.04.2013 zu: Pia Bienstein, Johannes Rojahn: Selbstverletzendes Verhalten bei Menschen mit geistiger Behinderung. Grundlagen, Diagnostik und Intervention. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2013. ISBN 978-3-8017-2367-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13622.php, Datum des Zugriffs 20.06.2019.


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