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Thomas Ehring, Anke Ehlers: Ratgeber Trauma und Posttraumatische Belastungsstörung

Rezensiert von Prof. Dr. med. Gertraud Müller, 31.10.2012

Cover Thomas Ehring, Anke Ehlers: Ratgeber Trauma und Posttraumatische Belastungsstörung ISBN 978-3-8017-1839-8

Thomas Ehring, Anke Ehlers: Ratgeber Trauma und Posttraumatische Belastungsstörung. Informationen für Betroffene und Angehörige. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2012. 70 Seiten. ISBN 978-3-8017-1839-8. 8,95 EUR.
Ratgeber zur Reihe Fortschritte der Psychotherapie, Band 25.

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Thema

Die in den letzten Jahrzehnten sprunghaft angestiegenen wissenschaftlichen Erkenntnisse über psychische Traumatisierungen und sich daraus ergebende „Störungsbilder“, die ja normale Reaktionen auf eine unfassbar, katastrophale Situation darstellen, sollten gerade auch für die Betroffenen und ihre Angehörigen in verständlicher Form zugänglich sein – dieser Aufgabe widmet sich der neue Ratgeber innerhalb der Hogrefe-Reihe „Fortschritte der Psychotherapie“, verfasst von den renommierten ProfessorInnen Anke Ehlers und Thomas Ehring.

Aufbau

Das Buch weist eine klare Gliederung auf.

Zunächst wird erklärt, was eine Posttraumatische Belastungsstörung ist: Ausgehend von der Erklärung des traumatischen Ereignisses werden die seelischen Probleme der betroffenen Menschen beschrieben, wobei immer wieder darauf verwiesen wird, dass es sich nicht um anormale „Symptome“ handelt, sondern um eine normale Reaktion der Traumaverarbeitung. Weiterhin werden Risiko- und Schutzfaktoren und Sekundärprobleme wie vermehrter Alkoholkonsum und mögliche Komorbidität beschrieben und Zusammenhänge von kindlicher Traumatisierung und der sogenannten Borderlinestörung erwähnt.

Im 2. Kapitel wird die veränderte Gedächtnisfunktion, Veränderung in der Selbst- und Weltsicht und im Verhalten erklärt. Anschließend wird Wesentliches zu biologischen und sozialen Einflüssen berichtet.

Das vorletzte Kapitel widmet sich dem Umgang mit der Störung und den Therapiemöglichkeiten, wobei die AutorInnen explizit klarstellen, dass „dieser Ratgeber kein Selbsthilfebuch ist. Das heißt, dass wir Ihnen keine konkreten Ratschläge im Sinne von „Rezepten“ geben können, die mit großer Sicherheit zu einer erfolgreichen Bewältigung des Traumas führen. Wissenschaftliche Studien, die Selbsthilfebroschüren überprüften, fanden übereinstimmend, dass diese allein nicht zur wirksamen Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung ausreichen, obwohl die Betroffenen sie nützlich fanden“ (S.40). Die AutorInnen raten den Betroffenen im Folgenden zur Selbstsorge und schrittweise Wiedererobern des Alltags, Schlafhygiene, Unterstützungseinforderung, Sprechen und Schreiben über das Trauma und den Auslösern des Wiedererinnerns auf die Spur zu kommen und erklären dann die Indikationen für eine Psychotherapie. Nach einem kurzen Überblick über verschieden Psychotherapieverfahren empfehlen sie neben einer ggf. begleitenden medikamentösen Therapie, die kognitiv-verhaltenstherapeutische Therapie sowie EMDR als die einzigen zwei Therapieverfahren, deren Wirksamkeit wissenschaftlich am besten nachgewiesen ist und daher nur sie entsprechend internationaler Leitlinien zum Einsatz kommen sollten.

Im letzten Kapitel werden den Angehörigen wichtige Informationen zum Umgang mit den Betroffenen und der schwierigen Situation gegeben. Ein Literaturverzeichnis gut lesbarer Literatur für die Betroffenen, aber auch mit den Behandlungsleitlinien und Adressen von potentiell hilfreichen Institutionen runden das Büchlein ab.

Diskussion

Die AutorInnen informieren in ihrem Ratgeber in auch für Laien sehr gut verständlicher Weise, wissenschaftlich fundiert, gut strukturiert und übersichtlich über die posttraumatische Belastungsstörung, wobei sie sich ausschließlich auf die verhaltenstherapeutische Sichtweise beschränken. Sehr hilfreich für das Verständnis sind die immer wieder eingestreuten und farblich abgesetzten Beispiele. Mit hohem Verantwortungsbewusstsein weisen sie im Vorwort auch auf potentielle „Nebenwirkungen“ beim Lesen, wie z. B. Intrusionen, hin und geben Ratschläge, wie damit umzugehen sei. In dem Buch überwiegen die Informationen, auf Tipps, Ratschläge oder Anweisungen zu (Imaginations-)übungen im Sinne eines Selbsthilfebuchs wird weitgehend bewusst verzichtet, da diese allenfalls für die Betroffenen nützlich, aber für die wirksame Behandlung des Syndroms nicht ausreichend seien. Bezüglich ihrer Therapieempfehlung für die ausschließlich zwei Verfahren, deren Wirksamkeit in randomisierten kontrollierten Studien erwiesen ist, schließen sie sich internationalen Empfehlungen an und tragen dem noch nicht ausreichenden Forschungstand zu traumaadaptierten, psychodynamischen Verfahren Rechnung – sie weisen damit über die deutschen Leitlinien hinaus. Die Behauptung, dass sich der Betroffene bei der Traumakonfrontation im therapeutischen Setting stets bewusst ist, dass das Trauma jetzt vorbei ist und dass er sich mit der Erinnerung auseinandersetzt (S. 57), kann, obwohl wünschenswert, so apodiktisch für die Praxis nicht gelten.
Die Grundsatzfrage, die sich bei der Erstellung von wissenschaftlich fundierter Ratgeberliteratur immer wieder stellt, nämlich ob nicht auch hier durchgehend auf die verwendete Literatur z. B. per Fußnote verwiesen werden sollte, wird im vorliegenden Buch durch die Angabe der drei zitierten Werke sowie die Internetadressen der nationalen und internationalen Behandlungsrichtlinien im Anhang beantwortet.

Fazit

Für Angehörige und Betroffene, die sich wissenschaftlich fundiert, konzentriert und gut verständlich über das Wesen und die Hilfsmöglichkeiten bei Posttraumatischer Belastungsstörung aus verhaltenstherapeutischer Sicht informieren wollen, ein empfehlenswertes und preiswertes Buch.

Rezension von
Prof. Dr. med. Gertraud Müller
Internistin, Psychotherapie; KIP-Therapeutin; Emerita, ehemals Fachbereich Sozialwesen der Evangelischen Fachhochschule Nürnberg
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Es gibt 13 Rezensionen von Gertraud Müller.

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Zitiervorschlag
Gertraud Müller. Rezension vom 31.10.2012 zu: Thomas Ehring, Anke Ehlers: Ratgeber Trauma und Posttraumatische Belastungsstörung. Informationen für Betroffene und Angehörige. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2012. ISBN 978-3-8017-1839-8. Ratgeber zur Reihe Fortschritte der Psychotherapie, Band 25. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13624.php, Datum des Zugriffs 27.05.2024.


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