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Bernie McCarthy: Nur nicht den Verstand verlieren

Cover Bernie McCarthy: Nur nicht den Verstand verlieren. Gute Kommunikation trotz(t) Demenz. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2012. 147 Seiten. ISBN 978-3-456-85169-3. 19,95 EUR.
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Thema

Thema des Buchs ist die Kommunikation in der Begleitung von Menschen mit Demenz – aber auch mit anderen Behinderungen – aus person-zentrierter Sicht.

Autor

Berni McCarthy ist Diplom Psychologe und Gründer von McCarthy Psychology Services, Melbourne, Australien.

Entstehungshintergrund

In seiner Arbeit als Berater von Betreuern von Menschen mit Demenz zuhause und in Pflegeheimen, konnte der Autor immer wieder feststellen, dass eine gute Kommunikation ein machtvolles Instrument sei, um Personen zu erreichen, die wegen kognitiven Beeinträchtigungen oft als "unerreichbar" gelten. Vor diesem Hintergrund ist das Buch entstanden.

Aufbau

Zunächst beschreibt der Autor, wie das gesunde Gehirn funktioniert und welche Auswirkungen eine Demenz auf die Gehirnfunktionen hat. Danach wird der person-zentrierte Ansatz in der Begleitung von Menschen mit Demenz vorgestellt. Im Anschluss daran, wird die verbale sowie die nonverbale Kommunikation näher betrachtet. Möglichkeiten der Kommunikations- und Beziehungsgestaltung auch mit Menschen ohne Sprache und Mobilität bzw. mit schwerer Demenz werden thematisiert. Des Weiteren werden spezielle Situationen aus dem Alltag mit Menschen mit Demenz genauer in den Blick genommen und Möglichkeiten, diese durch gute Kommunikation zu verbessern werden diskutiert. Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit der Selbstpflege der Betreuenden. In jedem Kapitel findet der Leser Fragen, die ihm eine Reflexion seiner Lernerfolge ermöglichen.

Im Anhang befindet sich im ersten Teil eine Liste mit Zeichen des Wohlbefindens und Zeichen schlechten Befindens. Im zweiten Teil des Anhangs findet der Leser eine recht umfassende Liste mit weiterführender Literatur. Ein umfangreiches Register von Links und Beratungsstellen rund um das Thema Demenz schießt das Buch ab.

Inhalt

1. Kommunikation: Die Qualität unser Beziehungen – aber auch unsere Lebensqualität – hängen eng mit der Art, in der wir miteinander kommunizieren zusammen. Eine Demenz beeinträchtigt die Kommunikationsfähigkeit der betroffenen Person unter verschiedenen Aspekten. Um diesen Prozess genauer zu verdeutlichen, erklärt uns der Autor, wie das gesunde Gehirn funktioniert und was sich verändert, wenn es von einer Demenz betroffen ist. In diesem Zusammenhang werden die Funktionen der vier Hirnlappen und des lymbischen Systems sowie Auswirkungen von Störungen in diesen Bereichen auf Gedächtnis, Sprache, Körperempfindungen, Schmerzwahrnehmung und Schmerzausdruck erläutert.

2. Die Person hören – VIPS: Die Erkrankung, die zur Demenz geführt hat, tritt an zweite Stelle und der Fokus wird nun beim Kommunizieren auf die Person gerichtet. Um den person-zentrierten Ansatz plastisch darzustellen, wählt der Autor das VIPS-Modell von Dawn Brocker, wobei hier die vier Buchstaben für die vier zentralen Elemente dieses Ansatzes stehen: V (Value/Wert), I (Individualized/Individuell gestalten), P (Perspective/Perspektive) und S (Social/Sozial). Um die Begleitung und Kommunikation individuell zu gestalten präsentiert McCarthy in diesem Kapitel einen umfangreichen Leitfaden zur Erhebung des biografischen Profils. Unter der Rubrik "Perspektive" werden die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz nach dem englischen Sozialpsychologe Tom Kitwood dargestellt. Möglichkeiten, diese im Alltag zu erfüllen, werden diskutiert.

3. Wie kommunizieren wir?: Kommunikation wird hier genauer betrachtet, wobei den Konzepten der Empathie, der Vorstellungskraft und der Defensivität ein besonderer Stellenwert eingeräumt wird. Unter dem Aspekt der verbalen Kommunikation werden anhand von Beispielen wichtige Merkmale wie Satzlänge, Eindeutigkeit, Ankündigung von Pflegemaßnahmen diskutiert. Unter der Rubrik nonverbale Kommunikation werden u.a. das Lächeln, die Körperhaltung, der Tonfall, Gesten, Sprechgeschwindigkeit und die Pausen thematisiert

4. Beziehung herstellen zu Menschen ohne Sprache oder Mobilität: Wie kann der Kontakt zwischen Betreuer und Menschen, die wegen einer fortgeschrittenen Demenz nicht mehr die Sprache als Kommunikationsmittel zur Verfügung haben, dennoch gelingen? In diesem Kapitel hebt der Autor hervor, dass das Bedürfnis nach Beziehung auch bei fehlender Sprache weiter bestehen bleibt. Gerade bei Menschen, die weder sprechen noch für sich sorgen können, liegt das Erhalten und Fördern des Wohlbefindens – d.h., das erfüllen von Sehsüchten, Wünschen und Bedürfnissen – in den Händen der Betreuer. Das Verständnis für Mikroverhaltensweisen und Mikrokommunikationen rückt hier in den Mittelpunkt.

5. Spezielle Situationen: In der Begleitung von Menschen mit Demenz treten in bestimmten Situationen immer wieder Verhaltensweisen auf, die für den Betreuer eine Herausforderungen darstellen. Der Autor wählt folgende Situationen: unter der Dusche, während der Mahlzeiten, der Gang zur Toilette, das Ankleiden, das Ausgehen, sich langweilen und Fehler machen. Wie kann in diesen Situationen angemessen kommuniziert werden? Bei jedem dieser Punkte werden zunächst mögliche Erklärungen für herausforderndes Verhalten diskutiert und anschließend Alternativen für die Begleitung in eben diesen Situationen vorgeschlagen und erläutert.

6. Für sich selbst sorgen: Hier rückt die Selbstpflege der Pflegenden in den Mittelpunkt der Betrachtung. Anregungen zum Erkennen der eigenen Grenzen, der eigenen Ressourcen aber auch der Kraftquellen im Alltag werden auch hier wieder durch Beispiele diskutiert.

Diskussion

Das Buch richtet sich de facto an die Betreuer vor Ort, zuhause oder in Pflegeeinrichtungen. Dies erklärt, warum der Autor bei manchen Themen etwas sparsam mit wissenschaftlichen Erkenntnissen bleibt. Es ist ein Buch für die Betreuer in der Praxis, die sich wahrscheinlich bei der einen oder anderen Beschreibung wieder erkennen werden.

Wahrscheinlich bedingt durch seine Beratertätigkeit, schafft der Autor eine gute Verbindung zwischen Theorie und Praxis. Die vielen kleinen Übungen – in Form von Fragen an den Leser – sind eine Einladung zur Reflexion des eigenen Standpunktes, aber auch der eigenen Erfahrungen. Zum Teil dienen sie aber auch der Reflexion des erworbenen Wissens.

Bedauerlicherweise ist das vierte Kapitel über die Beziehungsgestaltung zu Menschen ohne Sprache oder Mobilität sehr kurz geraten. Sowohl Angehörige als auch professionelle Betreuer wünschen sich gerade zu diesem Thema immer wieder neue Anregungen. Hier wäre eine ausführlichere Auseinandersetzung mit dem Thema wünschenswert gewesen.

Ein besonderer Beitrag des Buchs ist, die Kommunikation als wichtigstes Element in der Beziehungsgestaltung mit Menschen mit Demenz aus der Sicht des person-zentrierten Ansatzes zu betrachten. Die Gedanken des Sozialpsychologen Tom Kitwood werden in leicht verständlicher Form dargestellt, was sicherlich auch für den Praktiker ein großer Gewinn ist.

Fazit

Ein lesenswertes Buch für pflegende Angehörige und professionelle Betreuer. Es bietet aber auch einige Anregungen, die sich für die Gestaltung von Fort- und Weiterbildungen gut eignen.


Rezensentin
Dr. Mariana Kranich
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Zitiervorschlag
Mariana Kranich. Rezension vom 31.01.2013 zu: Bernie McCarthy: Nur nicht den Verstand verlieren. Gute Kommunikation trotz(t) Demenz. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2012. ISBN 978-3-456-85169-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13631.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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