Ian Andrew James: Herausforderndes Verhalten bei Menschen mit Demenz verstehen
Rezensiert von Prof. Dr. Hermann Brandenburg, 11.02.2013
Ian Andrew James:Herausforderndes Verhalten bei Menschen mit Demenz verstehen. Einschätzen, verstehen und behandeln. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2012. 232 Seiten. ISBN 978-3-456-85167-9. 29,95 EUR.
Thema
Unter dem Begriff des herausfordernden Verhaltens werden u.a. folgende Phänomene subsumiert: schlagen, stoßen, spucken, würgen, rufen, ständiges Fragen, umherlaufen, etc. Diese Verhaltensweisen werden traditionell als „störend“ bezeichnet (disruptive behaviour) und in häufig medikamentös zu beeinflussen versucht. Im Unterschied zu diesem „medizinischen Standardparadigma“ werden (neue) Erklärungsansätze für das herausfordernde Verhalten diskutiert, welches dieses vor allem im Kontext unbefriedigter körperlicher, sozialer und psychischer Bedürfnisse zu erklären versuchen. Dieses Buch handelt davon, wie herausforderndes Verhalten verstanden, eingeschätzt und „behandelt“ werden kann.
Autor
Ian Andrew James ist klinischer Psychologe, Leiter des Newcastle Challenging Behaviour Service, Berater von Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen, Dozent an der Newcastle University, UK.
Aufbau und zentrale Inhaltsbereiche
Das Buch gliedert sich in acht Kapitel.
Kapitel 1 definiert das herausforderndes Verhaltens als „Handlung, die das Wohlbefinden einer Person beeinträchtigt, weil sie für das Setting, in dem diese Handlung stattfindet, eine physische oder psychische Belastung darstellt“ (S. 23) und gibt einen ersten Überblick über die Behandlungsmöglichkeiten.
Kapitel 2 diskutiert Ursachen, Hintergründe (Auslöser) und Assessments. Dabei wird die Rolle von Kognitionen (Gedanken und Überzeugungen) betont. Abschließende Instruktionen für ein Verhaltensraster richten sich an Praktiker.
Kapitel 3 beschäftigt sich mit der medikamentösen Therapie, vor allem dem Einsatz psychotroper Medikamente. Bekannt ist, dass Medikamente zur Beruhigung und Sedierung übermäßig oft verschrieben werden. Es fehlen Ressourcen, um Pflegeeinrichtungen mit genügend Personal auszustatten, das Personal besser zu schulen, Menschen mit herausforderndem Verhalten auch ohne Medikamente adäquat zu betreuen.
Kapitel 4 stellt psychosoziale und andere nichtpharmakologische Interventionsansätze vor (z.B. Validation, Aromatherapie, Musik- und Kunsttherapie, Puppen und Spielzeuge etc.). Fazit: Es gibt kein Patentrezept, wichtig ist der individuelle Zugang, die Beachtung der konkreten Situation, die sorgfältige Durchführung von Assessments.
Kapitel 5 geht grundlegend auf theoretische Modelle zur Erklärung von Demenz (und ihrer emotionalen Dynamik) ein, insbesondere zum herausfordernden Verhalten.
Kapitel 6 präsentiert das von einer Expertengruppe in Newcastle entwickelte Angebot zum Umgang mit herausforderndem Verhalten, Kapitel 7 verdeutlicht die Arbeitsweise des Newcastle-Teams vor Ort und Kapitel 8 informiert über ein umfassendes Dienstleistungsangebot für Menschen mit Demenz. Dabei sind wohn-räumliche Aspekte (Betreuung in kleinen Gruppen) genauso wichtig, wie die Entlastung der Praktiker vor Ort und ihre Unterstützung / Begleitung durch Forschung.
Zielgruppen
Pflegende (Wissenschaft und Praxis), Gerontologen, Mediziner, pflegende Angehörige und alle, die an einem angemessen Umgang mit herausforderndem Verhalten bei Menschen mit Demenz interessiert sind.
Fazit
Ein sehr gutes, interessantes und weiterführendes Buch – für Wissenschaftler und für Praktiker gleichermaßen geeinigt. Für die einen enthält das Buch einen guten Überblick über die wissenschaftliche Literatur zu einzelnen Interventionsverfahren, für die anderen eine Vielzahl von praktischen Hinweisen im Hinblick auf den Umgang mit den Betroffenen.
Rezension von
Prof. Dr. Hermann Brandenburg
Lehrstuhl für Gerontologische Pflege,
Fakultät der Pflegewissenschaft, Vincenz Pallotti University Vallendar
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