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Anke Birnbaum: Rituale im Alltag von Paaren

Cover Anke Birnbaum: Rituale im Alltag von Paaren. Perspektiven für die psychologische Paarforschung. Asanger Verlag (Kröning) 2012. 308 Seiten. ISBN 978-3-89334-575-5. D: 34,50 EUR, A: 35,50 EUR.

Reihe: Familienpsychologie, Familientherapie, systemische Therapie.
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Thema

Unter dem Titel “Rituale im Alltag von Paaren. Perspektiven für die psychologische Paarforschung“, legt Anke Birnbaum 2012 im Asanger Verlag das Ergebnis ihrer Dissertation vor. Sie schließt mit dieser Arbeit an den Trend in der Familien- und Paarforschung aber auch in der Therapie an, die Bedeutung von Ritualen für den Paar- und Familienalltag hervorzuheben. In diesem Zusammenhang vermisst sie eine klare Definition des Ritualbegriffs, vermisst eine differenzierte Darstellung der Wirksamkeit von Ritualen und kritisiert die einseitige Ausrichtung der Paarforschung auf die vermeintlich positiven Wirkungen von Ritualen.

Vor diesem Hintergrund möchte Birnbaum ihre Arbeit als „wissenschaftstheoretische“ Arbeit verstanden wissen, die den Ritualbegriff so weiterentwickelt, dass er für die psychologische Paarforschung fruchtbar gemacht werden kann. Aus Sicht der Rezensentin ist Anke Birnbaums Anliegen eher ein theoretisches, als ein „wissenschaftstheoretisches“. So eingeordnet liefert ihre Arbeit aber einen wichtigen Beitrag dazu, das Konzept des Rituals in der Paarforschung zu verankern und eine entsprechende Paarforschung anzuregen.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit schreitet in fünf Kapitel voran.

Im ersten Kapitel werden zentrale Begriffe geklärt und ein Überblick über die psychologische Paarforschung gegeben. Dabei werden auch die Untersuchungen von Ritualhandlungen in der Paarforschung dargestellt und es wird herausgearbeitet, dass Rituale im alltäglichen Lebenskontext von Paaren bisher in der Paarforschung nur unzureichend Beachtung fanden.

Im zweiten Kapitel werden grundlegende Befunde der Ritualforschung zusammengetragen. Diese findet Birnbaum weniger in der Psychologie als vielmehr in verschiedenen sozialwissenschaftlichen Fachdisziplinen. Dieser Überblick führt sie zu dem Schluss, dass eine klare Operationalisierung des Ritualbegriffs aussichtslos ist.

Im dritten Kapitel erarbeitet Birnbaum einen Ritualbegriff, der ihr für die Entwicklung einer paarpsychologischen Forschungsperspektive einerseits hinreichend präzise und andererseits hinreichend offen erscheint. Birnbaum lässt sich bei ihrer Eingrenzung des Begriffs von der Idee leiten, dass Rituale nicht nur auf Außeralltägliches hinweisen, sondern eine wichtige Funktion im Alltag haben. Sie sind, wie viele Ritualforscher betonen, ein Mittel, Komplexität zu reduzieren sowie Gemeinschaft und Kohärenz zu stiften (S.113). Sie geht davon aus, „dass sich in einer zunehmend säkularisierten, beständig komplexer werdenden und pluralen Gesellschaft Menschen gerade auch im Alltag neue Möglichkeiten und Räume in Form von Ritualen schaffen, um ihre vielfältigen Lebenserfahrungen für sich überschaubar zu machen und um ihren Bedürfnissen nach gemeinschaftlichem Zusammenhalt zu folgen.“ (ebd.). Demnach wäre es ihrer Auffassung nach widersinnig, den Sinn von Ritualen nur jenseits des Alltäglichen zu suchen, wie dies lange Zeit bei der Fokussierung der Ritualforschung auf religiöse und liturgische Kontexte geschah. Damit grenzt sie ihren Ritualbegriff ab gegen seine ursprüngliche Bedeutung. Wie sie selbst betont, bezeichnet das aus dem Lateinischen stammende Wort „ritus“ religiöse Bräuche sowie den zeremoniellen Ablauf der katholischen Messe mit seinen obligatorischen Handlungen. Erst seit den 1970er Jahren ist nach Birnbaums Recherchen eine Ausweitung des Ritualbegriffs von religiösen auf andere soziale Handlungssituationen zu beobachten. Damit entstehen Abgrenzungsprobleme zu Begriffen wie Zeremonie, Brauchtum, Routinen und Gewohnheit, mit denen sich Birnbaum im Kapitel 3 auseinandersetzt.

Im vierten Kapitel arbeitet Birnbaum aus der Ritualforschung, insbesondere auf eine Arbeit von Dücker (2007) zurückgreifend, sieben Dimensionen des Ritualbegriffs heraus, die ihr für die Erforschung von Ritualen in Paarbeziehungen relevant erscheinen:

  • Rituale als symbolische und kommunikative Handlungsform
  • Rituale als Ordnungsträger
  • Ritualgemeinschaft: Rollenpositionen; Präsentation und Repräsentation
  • Außeralltäglichkeit
  • Sichtbarmachung und Sichtbarkeit von Werten
  • Der Körper als rituelles Kommunikationsmittel
  • Wirkung und Wirksamkeit von Ritualen

Statt auf eine Präzisierung und Zuspitzung des Ritualbegriffs setzt Anke Birnbaum also zur Operationalisierung des Begriffs auf eine Explikation sehr verschiedener Aspekte von Ritualen in der alltäglichen Lebenswelt von Paaren. Sie orientiert sich dabei an den Arbeiten des Symbolischen Interaktionismus. Auf dessen Basis macht sie deutlich, dass ein vertieftes Verständnis von Ritualen im Paaralltag nur über einen interpretativen Zugang zu diesem Phänomen möglich ist. Dabei ist ihrer Ansicht nach anzuerkennen, dass es keine allgemein gültige Auslegung von Wirklichkeit gibt, sondern dass sich Paare in wechselseitigen Interaktions- und Interpretationsprozessen „ihre“ Wirklichkeit schaffen und Rituale in diesem Zusammenhang eine konstitutive, allerdings höchst spezifische Bedeutung haben. Mit dieser Betrachtung wird für Birnbaum auch evident, warum sich Ritualforscher bisher vergeblich bemühten, eine allgemeingültige Theorie des Rituals vorzulegen: Ritualhandlungen entwickeln sich nämlich stets innerhalb je spezifischer Lebenskontexte und Austauschprozesse und gewinnen ihre Bedeutung genau innerhalb dieses Kontextes (S. 208). Die symbolische Bedeutung von Ritualen für Paare entsteht also immer erst in deren Vollzug. Damit kann ein und dasselbe Ritual in unterschiedlichen Paarbeziehungen mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen sein. Keine Theorie kann deren Bedeutung vorab festlegen.

Im fünften Kapitel stellt Birnbaum einen integrativen Zugang zur Erforschung von Ritualen im Paaralltag vor. Mit den oben bereits genannten sieben Dimensionen („Merkmalskomplexen“) von Ritualen spannt sie den Raum auf, in dem die Bedeutung von Ritualen im jeweiligen Paaralltag rekonstruiert werden kann. Die Festlegung dieser Merkmalskomplexe sichert ihrer Auffassung nach eine hinreichende Abgrenzung des Ritualkonzepts von anderen Nachbarbegriffen wie z.B. Gewohnheiten. Gleichzeitig schafft diese Festlegung die Offenheit und das Potenzial, das heuristische Ansätze bieten müssen, um weiteres Denken, Beobachten und Forschen anzuregen (227). In weiterführenden Überlegungen zum methodischen Vorgehen betont Birnbaum, dass in paarpsychologischen Ritualstudien der qualitativen Forschung gegenüber dem quantitativen Erfassen des Untersuchungsgegenstandes Vorrang einzuräumen ist. Dafür gibt sie verschiedene Gründe an: Einerseits hebt sich das Ritual nicht ohne weiteres vom Alltagshandeln von Paaren ab. Seine Identifikation ist schon ein Akt der Interpretation. Gleichzeitig ist ein vertieftes Verständnis von Ritualen in Paarbeziehungen nur über die Rekonstruktion der subjektiven Sichtweisen der Partner möglich. In diesem Zusammenhang spielen neben intentionalen Anteilen auch unbewusste Handlungsmotive und implizite Beziehungsaspekte, die von den Partnern im Forschungsprozess nicht direkt kommuniziert werden können, eine Rolle. Sie müssen in interpretativen Forschungsprozessen rekonstruiert werden. Dabei ist es Birnbaum wichtig, dass ForscherInnen sich ihr eigenes Verständnis des untersuchten Rituals bewusst machen und wirklich nach dem Ritualverständnis der Partner, nicht nach der Widerspiegelung des eigenen Verständnisses suchen. Ferner plädiert sie dafür, die Komplexität, Dynamik und Prozesshaftigkeit von Ritualen im Blick zu behalten. Birnbaum komplettiert das Anregungspotential ihrer Arbeit für die Paarforschung dadurch, dass sie zum Schluss aufzeigt, welche Relevanz die Ritualforschung für ausgewählte paarpsychologische Themenfelder gewinnen kann. Dabei beschränkt sie sich nicht auf die Themenfelder, in denen Ritualen eine positive Wirkung für die Partnerschaft zugeschrieben wird, sondern thematisiert alltägliche Rituale in Paarbeziehungen auch als Kommunikations- und Entwicklungsbarriere, als Stressauslöser und Form negativen dyadischen Copings.

Fazit

Die Arbeit von Anke Birnbaum bietet einen systematischen Zugang zur Ritualforschung und entwickelt aus dem Forschungsstand einen heuristischen Zugang zu Ritualen im Alltag von Paaren für die Paarforschung. Das Buch kann jedem empfohlen werden, der sich mit dem Gedanken trägt, sich einen Überblick über dieses Forschungsgebiet zu verschaffen oder gar selbst eine Studie zur Bedeutung von Ritualen im Paaralltag durchzuführen.


Rezensentin
Dr. habil. Waltraud Cornelißen
Homepage w-cornelissen.de
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Zitiervorschlag
Waltraud Cornelißen. Rezension vom 06.03.2013 zu: Anke Birnbaum: Rituale im Alltag von Paaren. Perspektiven für die psychologische Paarforschung. Asanger Verlag (Kröning) 2012. ISBN 978-3-89334-575-5. Reihe: Familienpsychologie, Familientherapie, systemische Therapie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13645.php, Datum des Zugriffs 22.10.2017.


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