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Peter Graf Kielmansegg, Heinz Häfner (Hrsg.): Alter und Altern

Cover Peter Graf Kielmansegg, Heinz Häfner (Hrsg.): Alter und Altern. Wirklichkeiten und Deutungen. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2012. 223 Seiten. ISBN 978-3-642-24831-3. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 37,50 sFr.

Reihe: Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Mathematisch-Naturwissenschaftliche Klasse: Schriften der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften - 22.
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Thema

Das Buch dokumentiert das letzte von drei Kolloquien der Heidelberger Akademie der Wissenschaften zum Thema "Altern und Alter". Im ersten Kolloquium (2006) wurde der Frage "Was ist Alter?" in wissenschaftlich umfassendem Kontext nachgegangen. Das zweite Kolloquium (2009) verhandelte diese Frage im naturwissenschaftlichen und medizinischen Bezug. Im dritten Kolloquium (2011) wurde die Frage "Was ist Alter?" im Zusammenhang der Kultur- und Geschichtswissenschaften, der Soziologie, Rechtswissenschaft, Psychologie und der Politikwissenschaft erörtert. Vor allem im dritten Kolloquium ging es auch darum, die Alternsdiskussion "aus der sozial- und gesundheitspolitischen Ecke herauszuholen" (S. V), und aus verschiedenen Perspektiven Aspekte eine Alterskultur zu entwickeln.

Herausgeber

Dr. Peter Graf Kielmansegg, geb. 1937, war nach Professuren in Köln und Washington D.C. von 1982-2002 Professor für Politische Wissenschaften in Mannheim. Neben anderen wichtigen wissenschaftlichen Ämtern war er von 2003 bis 2009 Präsident der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.

Dr. Dr. h.c. mult. Heinz Häfner, geb.1926, war von 1967 bis zu seiner Emeritierung Professor für Psychiatrie an der Universität Heidelberg. Neben vielen wissenschaftlichen Ämtern und Funktionen gehört er zu den frühen Verfechtern der Psychiatriereform und nahm in einer 1965 veröffentlichten Denkschrift wesentliche Aspekte der Psychiatrieenquête von 1975 vorweg.

Aufbau und Inhalt

Nach Vorworten von Hermann H. Hahn, dem Präsidenten der Heidelberger Akademie, sowie von den Herausgebern folgen die in sieben Abteilungen gegliederten Beiträge der Referenten des Kolloquiums:

Teil I: Bilder des Alters in fernen Kulturen (S. 5ff):

Im Beitrag von Hans van Ess, Ehrfurcht vor dem Alter? Einige Anmerkungen zum Altern in China (S. 7-21), werden Zusammenhänge von traditionellen (konfuzianischen) und aktuellen Aspekten des Umgangs mit dem Alter im heutigen China beleuchtet.

Stefan M. Maul vermittelt einen Blick in die alten Kulturen des Zweistromlandes: Das Alter ehren: Vorstellungen vom Alter und Sorge um die Alten im Alten Orient. (S. 23-33)

Teil II: Bilder des Alters in der europäischen Geschichte (S. 35ff)

Paul Zanker, Bilder alter Menschen in der antiken Kunst (S. 37-53) weist auf die Zwiespältigkeiten des antiken Altersbildes zwischen Spott und Verehrung hin und zeigt, wie in der Spätantike Alter zum Ausdruck philosophischer Lebensführung werden kann.

Ulrich Pfisterer, Alternde Künstler als Liebhaber – Inspiration, (Pro-)Kreativität und Verfall: Anthonis van Dyck, Tizian und die Tradition der Renaissance (S. 55-71) zeigt künstlerische Liebes-Konzepte in der Spannung zwischen Jugend und Alter am Beginn der Neuzeit auf.

Dorothee Elm, Thorsten Fitzon, Kathrin Liess, Vom weisen zum gelebten Alter – Variationen eines Topos (S. 55-90). Es wird gezeigt, wie sich in der Weisheitsliteratur des Alten Testaments angesichts der Thematik vom frühen Tode des Gerechten die Zuschreibung von Weisheit verändert: Sie ist nicht mehr Privileg des Alters sondern kommt unter besonderen Umständen auch dem jungen Alter zu. – In den nordafrikanischen Märtyrerberichten der jungen Frauen Perpetua und Felicitas (Anf. 3. Jahrh. n. Chr.) wird dieser Aspekt zugespitzt: In der dem Martyrium vorausgehenden Auseinandersetzung zwischen Tochter und Vater / Jugend und Weisheit scheitert die Altersweisheit an der gereiften Jugend. – Am Beispiel von Ludwig Tiecks Novelle "Der Alte vom Berge" (1828) wird schließlich gezeigt, wie in der Romantik die Akzeptanz des "weisen Alters" davon abhängt, "ob es in der Mitte des Lebens steht und innerhalb einer Gemeinschaft als gelebtes Alter wahrgenommen wird." (S. 88)

Teil III: Festvortrag (Dichterlesung) (S. 91ff)

Eine zentrale Stellung nimmt im Kolloquium die Lesung der Dichterin Ulla Hahn "Erinnern statt Sehnen" (S. 97-112) ein. Die an vielen Stellen ihres Werkes angesprochene Alternsthematik wird in der Lesung von Gedichten und Prosatexten der Künstlerin aufgenommen und durch autobiografische Anmerkungen in lebensgeschichtliche Zusammenhänge gebracht. Hier konzentriert sich ein genereller Aspekt des Kolloquiums zu poetischer Dichte, dass nämlich "Alter" ein Lebensthema schlechthin ist, das sich letztlich wissenschaftlicher und sozial-operativer Kategorisierung entzieht.

Teil IV: Die gesellschaftlichen Aspekte von Alter und Altern (S. 113ff)

Yvonne Schütze, Soziale Ungleichheit im Alter (S. 115-122) macht deutlich, dass soziale Ungleichheit im Alter vorwiegend als Folge vorausgehender Lebensphasen anzusehen ist.

Martin Kohli, Generationenbeziehungen und Generationenkonflikte (S. 125-143) erläutert den Zusammenhang der neuen Generationenkonflikte mit den die Kohorten prägenden "Historischen Wasserscheiden": 2. Weltkrieg / 1968 / Wende 1989. Unterschiedliche Altersgruppen bzw. Generationen "bilden eine zentrale Dimension sozialer Ungleichheit" (S. 140), die allerdings durch intergenerative Vermittlungsinstitutionen - insbesondere familiäre Bindungen – vielfach kompensiert werden. Mit der Zuspitzung der Klassenspaltung ist allerdings die Wirkung dieser Vermittlungsinstitutionen zunehmend gefährdet.

Teil V: Die rechtliche und politische Bewältigung von Alter und des demografischen Wandels (S.145ff)

Stefan Ruppert, Vom Greis zum Rentner – zur rechtlichen Konturierung einer Lebensphase seit dem 19. Jahrhundert (S. 147-161). Hier geht es um die Entwicklung eines Wechsels von der eher biologischen Perspektive zur sozialrechtlich geprägten Sicht auf das Alter. Ein dreifacher Focus zentriert sich auf die Rentenversicherung und das Hofübergaberecht, auf das Betreuungs- und Heimrecht sowie auf die Rechtsprechung zu Altersgrenzen und das Recht gegen Alterdiskriminierung. Ein Ausblick zeigt, dass dieser Prozess der rechtlichen Konturierung des Alters nicht abgeschlossen ist, wie gerade die Verrechtlichung des Sterbens in der Gegenwart zeigt.

Manfred G. Schmidt, Die Demokratie wird älter – Politische Konsequenzen des demografischen Wandels (S. 163-184). Trotz der Zunahme an politischem und auch ökonomischem Gewicht des Alters in der Gesellschaft kann von einer Gerontokratie oder Rentner-Demokratie keine Rede sein. Eine Entkoppelung der Elitenrekrutierung vom Alterungsprozess sowie politische Um- und Rückbaumassnahmen in der Altersfinanzierung hat zudem einer Gerontokratisierung spürbar entgegengewirkt. Eine Gefahr bildet in der alternden Gesellschaft jedoch die unzureichende Integrationspolitik in Bezug auf Migration sowie die angesichts niedriger Geburtenraten ungelöste Frage der Nachwuchssicherung.

Teil VI: Psychologische Konsequenzen von Selbst- und Fremdbild im Alter (S. 185ff)

Ursula M. Staudinger, Innen- und Außensicht und einige der Konsequenzen (S. 187-200). Gegenüber den in den Medien vermittelten teils defizitären, teils idealisierenden Altersstereotypen wird die Forderung nach Etablierung differenzierter Altersbilder erhoben. Das für den eigenen Entwicklungsverlauf überaus wichtige Altersselbstbild bedarf dieser Differenziertheit der Außenbilder, um der Wirklichkeit des eigenen Selbst zu entsprechen und so realistische Entfaltungsmöglichkeiten im Alter zu eröffnen.

Teil VII: Drittes Alter und religiöse Sicht auf das Lebensende (S. 201ff)

Christoph Auffarth, "Fünftes Alter" und "Schönes Sterben": Europäische Religionsgeschichte am Ende des 20. Jahrhunderts (S.203-223). Das Referat befasst sich mit den gravierenden Veränderungen und Umbrüchen des Altwerdens im 20. Jahrhundert. Dabei zeigt sich eine zunehmende Ausblendung der negativen Aspekte des Todes, die insbesondere bei Kübler-Ross (1968) den Sterbeprozess auf eine "Zustimmung" zum eigenen Sterben hin ausrichtet. Nahtoderfahrungen und eine euphemistische Thanatologie lassen zunehmend den Tod als "Schön" erscheinen. Dies führt letztlich zu einer von bestehenden Sozialformen der Religion abgehobenen "unsichtbaren Religion", in der eine nicht mit konkreten Religionen verbundene Spiritualisierung des Sterbens zum Ausdruck kommt.

Jedes Referat ist mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis versehen. Der Band enthält viele farbige Illustrationen und Grafiken.

Zielgruppe

Der gesamte Band aber auch einzeln herausgegriffene Referate sind für Studierende, Lehrende und Forschende in der Gerontologie überaus empfehlenswert. Darüber hinaus werden alle in der praktischen Arbeit mit alten Menschen Tätige das Buch mit großem Gewinn lesen. Gleiches gilt für im Bereich der gesellschaftlichen und politischen Verantwortung stehende Personen. – Im Grunde ist das Buch aber allen Leserinnen und Lesern zu empfehlen, die Interesse an der Alternsthematik haben, und die dieses Interesse qualifiziert vertiefen möchten.

Diskussion und Fazit

In der wohlmeindenden ressourcenorientierten Sichtweise der Alternswissenschaften, die bisweilen auch noch durch operative Aspekte eingeengt ist, wird nicht selten übersehen, dass es eine breite Kultur und Kulturgeschichte des Alters gibt, in der die vielfältigen und bisweilen amibivalenten Wertaspekte des Alters tief ausgelotet werden und wurden. Darauf richtet das von Peter Kielmansegg und Heinz Häfner herausgegebene Buch nachhaltig den Blick. Dabei bildet sinnvoller Weise der Beitrag von Ulla Hahn - also die Poesie bzw. im weiteren Sinne die Kunst – den Mittelpunkt, der zugleich auch Angelpunkt ist. So fachlich spezialisiert im Einzelnen die Beiträge sonst sind, bilden sie in ihrer Gesamtheit eine Perspektive auf das Alter heraus, wie sie in der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskussion äußerst selten ist. Daraus erwächst aber eine weitergehende Konsequenz: Wenn man so will, kann das Buch auch als Anstoß zur Entwicklung einer umfassenden Kulturtheorie des Alters verstanden werden. In den gegenwärtigen Alternswissenschaften ist dieser Aspekt vollkommen unterentwickelt, teilweise - insbesondere in manchen gängigen Praxishilfen – auch überaus verzerrt. Eine enzyklopädische Weiterführung der in diesem Buch gemachten Anstöße wäre also dringend wünschenswert.

Wie lesenswert das Buch für alle an Alternsfragen Interessierte ist, braucht nach dem Gesagten nicht eigens betont zu werden.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Brömse
Fachhochschule Hannover, Fakultät V (Diakonie, Gesundheit und Soziales)


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Zitiervorschlag
Michael Brömse. Rezension vom 04.12.2012 zu: Peter Graf Kielmansegg, Heinz Häfner (Hrsg.): Alter und Altern. Wirklichkeiten und Deutungen. Springer Science+Business Media GmbH & Co. KG (Berlin) 2012. ISBN 978-3-642-24831-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13649.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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