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Ulrich Wengenroth (Hrsg.): Grenzen des Wissens – Wissen um Grenzen

Cover Ulrich Wengenroth (Hrsg.): Grenzen des Wissens – Wissen um Grenzen. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2012. 263 Seiten. ISBN 978-3-942393-38-6. 25,90 EUR.
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Thema

Der Herausgeberband „Grenzen des Wissens – Wissen um Grenzen“ besteht aus Beiträgen von WissenschaftlerInnen aus diversen Fachdisziplinen, u. a. Soziologie, Rechts- und Gesellschaftswissenschaften.

AutorIn oder HerausgeberIn

Der Herausgeber Ulrich Wengenroth beschäftigt sich am Münchener Zentrum für Wissenschafts- und Technikgeschichte mit dem technischen Wissen und dem alltäglichen Gebrauch von Technik in der Moderne. Er lehrt außerdem im Fachbereich Technikgeschichte an der TU München und ist Mitglied in der acatech, der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften.

Aufbau

Im ersten Kapitel gibt Ulrich Wengenroth eine Einführung in „die reflexive Modernisierung des Wissens“. Dazu stellt er der modernen Wissenschaft die Vormoderne gegenüber und gibt einen geschichtlichen Rückblick. Dabei endet er mit der Feststellung, dass die moderne Wissenschaft durch ein „sowohl als auch“ gekennzeichnet ist und eine konsistente einheitliche Theorie wohl eine unerfüllte Hoffnung bleibt. Anschließend beschäftigen sich 8 weitere Kapitel mit den Grenzen des wissenschaftlichen Wissens und dessen Verwendung in gesellschaftlichen Kontexten wie beispielsweise dem Doping im Sport oder der Politikberatung im Agrarbereich.

Inhalt

Da die Kapitel sehr unterschiedliche Aspekte der Grenzen von wissenschaftlichem Wissen betrachten, möchte ich an dieser Stelle auf zwei Kapitel beispielhaft detailliert eingehen.

In einem dieser beiden Kapitel befasst sich der Autor Peter Wehling mit der Fragestellung: „Gibt es Grenzen der Erkenntnis? Von der Fiktion grenzenlosen Wissens zur Politisierung des Nichtwissens“.

Es beginnt mit einem kurzen geschichtlichen Blick auf die Ansichten Francis Bacons, Max Webers und Emil Du Bois-Reymond zum wissenschaftlichen Wissen. Aufbauend auf Du Bois-Reymond diskutiert der Autor, ob Nicht-Wissen als Gegenstück zum Wissen bedeutet, dass Nicht-Wissen gleich „Noch-Nicht-Wissen“ ist oder auch „Nicht-Wissbares“ existiert und damit „grundsätzlich, unüberwindbare Grenzen des Wissens“ (S. 91). Mit „der Thematik des Nicht-Wissens und seinen veränderlichen gesellschaftlichen Deutungen“ (S. 92) setzt er sich im Folgenden auseinander. Zwei Annahmen legt er dabei zu Grunde:

  1. „[…] die […] Bewertungen des Nichtwissens [sind] vielschichtige, variable historische und kulturelle Konstruktionen, die in engem Zusammenhang mit der jeweils dominierenden Auffassung von Wissen stehen.“ (S. 92)
  2. „Gegenwärtig kristallisieren sich gesellschaftlich neue Wahrnehmungen des Nichtwissens heraus, die zugleich einen veränderten Blick auf das Wissen und seine Dynamik eröffnen.“ (S. 92)

Darauf aufbauend beschäftigt er sich mit den Deutungen des Nichtwissens. Anschließend zeigt er die „Pluralisierung und Politisierung des Nichtwissens“ (S. 99) auf. Er schließt das Kapitel mit möglichen Konsequenzen für das Verständnis von Wissen und seinen Grenzen.

Ein weiteres Kapitel „Verwissenschaftlichung und Erfahrungswissen. Zur Entgrenzung, neuen Grenzziehungen und Grenzüberschreitungen gesellschaftlich anerkannten Wissens“ stammt von Fritz Böhle und Stephanie Porschen.

Die Autoren stellen fest, dass gerade mit fortschreitender Verwissenschaftlichung klar wird, dass praktisches Handeln auf Erfahrungswissen nicht verzichten kann und Erfahrungswissen nicht durch wissenschaftliches Wissen ersetzbar ist. Deshalb setzen sich die Autoren mit der Anerkennung von Erfahrungswissen auseinander. Darauf aufbauend diskutieren sie die Folgen der Anerkennung von Erfahrungswissen für „die Begründung des Geltungs- und Überlegenheitsanspruchs wissenschaftlicher Erkenntnis“ (S. 155). Sie arbeiten die Bedeutung von sinnlicher Erfahrung für das Gewinnen von Erkenntnis heraus. Anschließend stellen sie der „zur Erkenntnis geeigneten, verstandesgeleiteten Sinnestätigkeit“ „als ein Garant von Objektivität“ das „gefühlsgeleitete, sinnliche Empfinden und Erleben“ als „wesentliches Merkmal von Subjektivität“ (S.155) gegenüber. Sie arbeiten auf diese Weise heraus, dass Erfahrungswissen eine Art von Wissen ist.

Sie stellen abschließend u. a. fest, dass

  • trotz Anerkennung von Erfahrungswissen am Geltungs- und Überlegenheitsanspruch wissenschaftlicher Erkenntnis festgehalten wird und
  • gleichzeitig „Phänomene in den Blick [geraten], die sich nicht ohne weiteres in die vorherrschenden Kriterien für „richtiges“ Wissen einfügen.“ (S. 184-185)

Damit wird deutlich, dass die Trennung zwischen dem objektiven erkenntnisgeleiteten Beobachten des Wissenschaftlers und dem subjektiven Empfinden und Erleben des Handelnden fragwürdig ist.

Diskussion

Das Buch setzt sich auf vielfältige Weise mit den Grenzen des wissenschaftlichen Wissens auseinander. Der Titel ist sehr treffend gewählt, denn letztlich geht es um die Tatsache, dass wissenschaftliches Wissen immer Grenzen hat, die es zu kennen gilt. Dies unterliegt gesellschaftlichen Entwicklungen und Deutungen. Die zwei dargestellten Kapitel sollten dies exemplarisch zeigen.

Der Herausgeberband richtet sich aus meiner Sicht an ein akademisches Publikum und ist ohne Vorwissen in Wissenschaftstheorien nur schwer les- und verstehbar. Trotz vorhandenem Vorwissen waren nicht alle Kapitel gleichermaßen gut nachvollziehbar. Jedoch bauen die Kapitel nicht aufeinander auf und lassen sich unabhängig voneinander lesen.

Darüber hinaus wäre ein einführendes Kapitel hilfreich, das die einzelnen Kapitel grob einordnet und in einen Zusammenhang stellt. Obwohl Bezüge und Überlappungen zwischen den Kapiteln wahrnehmbar sind, gelang es nicht, ein Gesamtbild der Aussagen der Kapitel zu entwickeln.

Fazit

Meiner Meinung nach ist das Buch vor allem für LeserInnen mit Vorwissen in Wissens- und Wissenschaftstheorien und mit Interesse an der Auseinandersetzung mit diesen geeignet.


Rezensentin
Dr. Katrin Wodzicki
Ehemalige Mitarbeiterin des Leibniz-Instituts für Wissensmedien, Tübingen, und derzeit Wissenschaftsmanagerin an der Georg-August-Universität Göttingen. Sie schreibt zu den Themen Wissensmanagement und organisationales Lernen auf dem Blog wissensdialoge.de
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Zitiervorschlag
Katrin Wodzicki. Rezension vom 19.12.2012 zu: Ulrich Wengenroth (Hrsg.): Grenzen des Wissens – Wissen um Grenzen. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2012. ISBN 978-3-942393-38-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13652.php, Datum des Zugriffs 21.09.2019.


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