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Ralf Bohn, Heiner Wilharm (Hrsg.): Inszenierung der Stadt

Cover Ralf Bohn, Heiner Wilharm (Hrsg.): Inszenierung der Stadt. Urbanität als Ereignis. transcript (Bielefeld) 2012. 368 Seiten. ISBN 978-3-8376-2034-4. D: 32,80 EUR, A: 34,80 EUR.

Reihe: Szenografie & Szenologie - 6.
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Thema

Wie stellt sich eine Stadt vor? Wie inszeniert sie sich und welche „Eigenlogik“ (M. Löw) entwickelt sie, um ihre Gestalt, ihre soziale Organisation, ihre Struktur als etwas darzustellen, was nur hier eine besondere Dignität besitzt und nicht in einer anderen Stadt?

Wir haben inzwischen eine entfaltete Debatte über die Frage, ob der Eventcharakter einer Stadt, das besondere Markenzeichen ihrer Innenstadt, ihr Inszenierungspotential schon diese Stadt zu einer besonderen Stadt macht. Nicht der Grad der Urbanität ist es, der eine Stadt zur einer Stadt macht, sondern die Art ihrer Urbanität, die Art wie sich ein urbaner Lebensstil inszenieren lässt, macht genau diese Stadt zu der Stadt, die sie ist.

Und wir haben angesichts der Entwicklung von Megastädten in außereuropäischen Teilen der Welt noch eine andere Debatte: der Verlust des Urbanen. Was wir für die „europäische Stadt“ (Siebel) reklamieren, ist ja, dass sie als Bürgerstadt das Urbane mit der Gestaltung des öffentlichen Raumes verbindet, der Urbanität erst ermöglicht. Die Herausgeber zitieren hier ja auch Henri Lefèbvre (sic! nicht Georges L.), wenn sie von der Entwicklung zur „Nicht-Stadt“ oder „Anti-Stadt“ sprechen. An welche Inszenierungsbedingungen ist das Urbane eigentlich geknüpft? Diese Frage wird angesichts der Entwicklung der Stadt zur Megacity virulent.

Herausgeber und Autorinnen und Autoren

Herausgeber

Dr. Ralf Bohn ist Professor für Medienwissenschaften am Fachbereich Design der Fachhochschule Dortmund.

Dr. Heiner Wilharm ist Professor für Gestaltungswissenschaften, Medien und Kommunikation am Fachbereich Design der Fachhochschule Dortmund.

Autorinnen und Autoren

Die übrigen Autorinnen und Autoren kommen aus dem Bereich Design und aus den Kunst- und Medienwissenschaften, aus den Kulturwissenschaften, der Planung, dem Städtebau, der Geographie und der Architektur.

Aufbau und Inhalt

In ihrer Einführung greifen die Herausgeber auf die Geschichte der Stadt von der Bürgerstadt über die Industriestadt zu modernen Stadt zurück, um Wandlungsprozesse in der Gestaltung des Urbanen überblicksartig darzustellen. Die politische Stadt wie sie auch Levèbvre beschreibt, verdichtet auch die ökonomischen und kulturellen Funktionen, sie akkumuliert Kapital und Arbeit, aber auch Wissen und Kultur. Es entsteht die Differenz zum Land. Die industrielle Produktionsweise – oder besser die industrie-kapitalistische Produktionsweise – verändert die Städte; nicht urbanes Leben steht im Vordergrund, sondern Arbeit, als gestaltendes Element einer anderen Lebensweise. Die moderne Stadt lebt schließlich von der Inszenierung des Urbanen – Urbanität als Ereignis. Dies wird ausführlich begründet.

Danach gehen die Herausgeber kurz auf die einzelnen Beiträge des Buches ein.

„Bilder (k)einer Metropole – Zur Inszenierung des Ruhrgebiets aus Kulturhauptstadt Europas“ nennt Achim Prossek seinen Beitrag. Inszenierungsstrategien beschreibt er als bedeutend für den Weg und das Ziel Kulturhauptstadt. Und gleichzeitig werden diese Strategien Strategien der Stadtentwicklung. Es geht um Metropoleninszenierung; aber Metropolen sind auch Orte der Differenz und der Widersprüchlichkeiten, der Ambiguitäten und Ambivalenzen. Das Ruhrgebiet wird zur Metropole; seine Städte versuchen sich in„s Gedächtnis einzubrennen als metropolitane Orte. Merkantile und diskursive Szenographie/Obszenograpie diskutiert der Autor, diskursive Inszenierungen sind besonders bedeutsam. Welche Strategien RUHR 2010 eingeschlagen hat, werden weiterhin in den Blick genommen und unter dem Gesichtspunkt, was eine Metropole ausmacht diskutiert: Masse und die Generationenfrage. Weiterhin werden abgesagte Leitprojekte nochmals aufgegriffen: Land for free und Die Zweite Stadt.

Sein Fazit: „Für das Erreichen der Ziele hätte Ruhr 2010 mehr diskursive Szenologie benötigt als merkantile“. (49)

„Am Beispiel der Ruhr 2010 – Kunstprojekte“ diskutiert Pamela C. Scorzin das „Risiko relationale Szenografie“. Zunächst sollten die vielen Veranstaltungen, Inszenierungen und Ereignisse auch der Selbstdarstellung einer Region dienen, die sich auch als alte und klassische Industrieregion verstand und versteht. Dabei wurde auch der Mythos der Industriekultur weiter tradiert. Die Autorin versteht „relationale Szenografie“ als eine Komplex von medialen und ästhetizistischen Initiativen, der durch eine kollektive Arbeitsweise und eine multiple Autorenschaft aller Akteure entsteht. Dabei werden einige Kunstwerke kritisch dargestellt und diskutiert - auch unter dem Gesichtspunkt des partizipatorischen Anspruchs, alle sollten dabei sein. Und darin besteht das Risiko: nämlich, dass sich nicht alle beteiligen, die dazu gehören sollten.

Adolf Winkelmann nennt seinen Beitrag „Zeugnisse des Dortmunder U“, der mit einem Prolog von R. Bohn eingeleitet wird. Es geht um ein von Adolf Winkelmann konstruiertes szenographisches Konzept, um Szenenabfolgen, die im Weiteren ausführlich dargestellt und mit Bildern unterlegt werden. Offensichtlich handelt es sich um das U auf dem Turm der Dortmunder Unions Brauerei. Die einzelnen Szenen heißen: heimtückisch, spiegelbildlich, staubig, astrologisch, kulinarisch, unwiederbringlich, vergänglich, familiär, Babylonische Buchstabensuppe und Der Turm als Stahlwerk.

Inwieweit diese Inszenierungen auch Heimat bedeuten, diskutiert anschließend Ralf Bohn in seinem Beitrag „Inszenierte Zeitgestalten. Zu Adolf Winkelmanns Szenografie des U-Turms“. Der U-Turm als topographischer Ort, als Erinnerungssegment der Selbsterinnerung an die Vergangenheit einer weltoffenen Hanse- und Bierstadt. Auch dies wird kritisch beleuchtet. Paradoxien des Zeitbildes zeigen die Dialektik und Widersprüchlichkeit sozialer Phänomene und so wird Heimat zur Vergegenwärtigung von Abwesenheit.

Dennis Köhler und Manfred Walz nennen ihren Beitrag „Viel Licht und starker Schatten. Zur Gestaltung von Stadt und Region nach Einbruch der Dunkelheit“. Es geht um die lichtgestalterische Inszenierung von Städten. Die Stadtbeleuchtung war der Inbegriff des Fortschritts, sie wird zum konstitutiven Merkmal von Urbanität. Den Autoren geht es um einen Diskussion über den zielgerichteten Umgang mit dem Medium Licht im öffentlichen Raum. Das Licht gehört nicht nur zur Lebens- und Wohnqualität; vielmehr veränderte das Licht die Arbeitsweise in den Städten, die Lebensformen und -rhythmen, viele Bereiche der Reproduktion des Lebens und des Alltags. Und die Beleuchtung unterscheidet privilegierte Wohnquartiere von benachteiligten. Die Autoren setzen sich dann mit dem Kunstlicht als Wahrnehmungskategorie der Nachtstadt auseinander, diskutieren Lichtarchitekturen und kommen dann zu einer Typisierung von Stadtlichtern, wobei sie fünf Typen ausmachen: die öffentliche Funktionsbeleuchtung, die individuelle Beleuchtung, die merkantile Beleuchtung, das gestalterische Licht und die temporäre Sonderbeleuchtung. Zum Schluss setzen sich die beiden Autoren mit Ruhr 2010 auseinander.

„Simulationen über urbane Räume“ heißt der Beitrag von Holger Mader, Alexander Stublic und Heike Wiermann. Sie – die Medienkünstler und die Architektin – arbeiten im Spannungsfeld von Realität und Simulation und untersuchen Mechanismen der Wahrnehmung. Architektur wird ergänzt durch Medien wie Licht, Video und Ton und so entstehen neue Zusammenhänge der Raumaneignung. Dies wird ausführlich an Hand einer Reihe sehr unterschiedlicher Projekte begründet und mit Bildern dargestellt.

Bernadette Fülscher macht sich unter dem Titel „Kunststadt“ Gedanken „über die Inszeniertheit von Städten mit künstlerischen Mitteln“. Werden inzwischen neben den ökonomischen Standortvorteilen, ihren historisch-kulturellen Traditionen, die sich oft in Bauten und öffentlichen Plätzen widerspiegeln, Kunstobjekte und die ästhetische Präsentation zu den entscheidenden Merkmalen der einen Stadt, die sich dadurch von der anderen unterscheidet? Es geht B. Fülscher um die strukturellen Eigenschaften von gestalterischen Interventionen und um Inszenierungsmöglichkeiten von städtischen Räumen. Dabei setzt sie sich auch mit dem Inszenierungsbegriff auseinander, wie er aus der Theatertradition kommt, sie kommt daraufhin zu vier Inszenierungstypen:

  • Inszenierungen städtischer Elemente, die effektvoll hervor gehoben werden;
  • Inszenierungen städtischer Räume, die eine Story oder ein Image übersetzen;
  • Inszenierungen städtischer Räume, die formal und inhaltlich einen anderen Raum simulieren;
  • Inszenierungen städtischer Raume, die Teil einer gezielt angelegten neuen künstlerischen Realität sind.

Anschließend werden am Beispiel der Stadt Zürich Architektur und Kunst im öffentlichen Raum dargestellt und diskutiert.

Eberhard Schrempf fragt in seinem Beitrag „Psychotherapie für eine Stadt?“. Am Beispiel der Stadt Graz beschreibt und analysiert der Autor die „psychosozialen“ Probleme dieser Stadt und wie man sie bearbeiten könnte. Man muss in der Tat den Klienten kennen und man muss seine Struktur und seine Geschichte kennen, um hier wirklich einzusteigen. So bleibt es für die Leserschaft ein interessantes akademisches Projekt, das auch dann nur Vergleiche erlaubt, wenn man die Stadt und ihr tiefes Innere kennt. Dies wird auch vom Autor geleistet und er verbindet dies jeweils mit einem Therapievorschlag. Graz war 2003 Kulturhauptstadt und damit verband sich auch Aufbruchstimmung und auch danach ist es eher eine Erfolgsgeschichte.

„Cairo as Collage: Aspects of Metropolis“ nennt Ernest Wolf-Gazo seinen englischsprachigen Beitrag. Der Autor stellt zunächst fest, dass Metropolis immer schon die Menschheit inspiriert hat, was die Formen und Strukturen der städtischen Gestaltung angeht, welcher Geist diese Formen hervorbrachte. Die Stadt bringt auch immer mehr hervor als nur Alltagsleben. Es werden zauberhafte Ansätze vorgestellt, E. Wolf-Gazo kommt auch zu Max Webers These von der Entzauberung der Welt.

Der Autor beschreibt dann einen Spaziergang durch Kairo, geht an bestimmten Orten auf deren Geschichte ein und hinterlässt so einen Eindruck dieser Metropole. Dann beschreibt er das Café Riche und den literarischen Zirkel um Naguib Mahfouz. Danach geht er auf eine Publikation ein, die sich mit dem Yacoubian Building beschäftigt und setzt sich mit der ägyptischen Revolution auseinander. Der Beitrag schließt mit einer ausführlichen Literaturliste ab.

Ludwig Fromms Beitrag ist eine Studie zu leiblichen Dispositionen situativer Erfahrungen. Unter dem Titel „Situativ bestimmte Qualitäten im Raum“ versucht er, den Atmosphärenbegriff zu konturieren. Das auf den Raum bezogene Wahrnehmen bezieht sich auf die Relation zwischen dem Gestaltcharakter und der Struktur menschlicher Leiblichkeit, wobei es um ein interdependetes, ja dialektisches Verhältnis zwischen diesen beiden Polen geht. Dies wird an Hand der Literatur entfaltet; schließlich geht es um Raumbewusstsein als Grundlage des atomsphärischen Spürens und es geht um den Raumkonstruktion und -aneignung, um den gelebten Raum. Und es geht um die Situation als die Grunderfahrung sozialräumlicher Verortung in kommunikativen Kontexten.

Angelus Eisinger nennt seinen Beitrag „Die offene Stadt und ihr historischer Kontext. Eine historische Einordnung der Grenzen und Potentiale eines Konzepts“. Nun kann man zunächst auch fragen: ist die Stadt nicht immer offen, schon einfach deshalb, weil nur geschlossene Systeme vollständig integrieren, offene immer nur unvollständig. Der Autor verbindet das mit Hobsbawms, der in der Industrialisierung und dem Wandel von einer bürgerlichen Stadt zur industriekapitalistischen Urbanisierung einen Epochenwandel vermutet. Die Offenheit der Stadt ist also ein Produkt der Moderne und ist historisch äußerst voraussetzungsvoll.

Der Autor setzt sich dann mit historischen Beobachtungspunkten auseinander, also mit Faktoren, die den Transformationsprozess virulent werden lassen, der im 19. Jahrhundert die Städte explodieren lässt und zu dramatischen Verwerfungen führt wie sie dann auch – vom Autor zitiert – Friedrich Engels beschreibt.

Dabei entwirft er vier Perspektiven. Die erste Perspektive ist das Transitorische der offenen Stadt, die Eisinger an Paris nach 1850 festmacht. Die zweite Perspektive ist die Perspektive des Entwerfens und Konzipierens der offenen Stadt, die der Autor in Bethnal Green 1950 findet, die dritte Perspektive ist der offenen Stadt der Massenkonsumgesellschaft und die vierte Perspektive ist die Potenz der offenen Stadt zur Selbstreflexion, die der Autor in Wien, Paris und London sieht. Alle vier Perspektiven werden gründlich und detailliert erfasst und analysiert.

Zum Schluss geht der Autor kurz auf die Wirkungsgeschichte der offenen Stadt ein. Die offene Stadt verlangt nach Entwürfen in der dialektischen Interdependenz ihrer verschiedenen Dynamiken, der ökonomischen, der räumlichen, der sozialen und der kulturellen.

Heiner Wilharm nimmt sich unter dem Titel „Urbanität und Ereignis“ der „Inszenierung von Architektur und Stadtraum“ an. H. Wilharm setzt sich zunächst auch mit der (Begriffs-)geschichte der Stadt auseinander und mit ihren klassischen Protagonisten. Und er fragt sich, ob die daraus entwickelten stadttheoretischen Entwürfe das treffen, was Stadt eigentlich ist. Er geht dabei auf die neueren Ansätze ein, wie die critical political studies, die new urban sociology, die radical geopraphy und economy oder den spatial turn.

Im Weiteren wird dann die Inszenierung der Stadt, des urbanen Raums diskutiert, die nicht nur eine Frage des Wie ist. Dann geht es dem Autor um die Inszenierungskraft der Architektur und den damit verbundenen Sozialformen, aber auch den literarischen und philosophisch-wissenschaftlichen Texten.

In einem Exkurs geht Wilharm auf die Peirce„schen Überlegungen ein: Wenn wir die szenisch unterschiedlich mediatisierten Ereignisse synthetisieren wollen, geht die nicht ohne Teilnahme, ohne soziales also auf andere bezogenes Handeln. Wie soll Geschehenes festgehalten werden, um Geschichte zu inszenieren, ohne das Geschichten zusammengefügt werden müssen, fragt der Autor weiter und ist die Stadt eher Symbol als Form? All dies wird ausführlich und gründlich erörtert und mit viel Sachverstand und Empathie analysiert.

Am Beispiel von „Paris und Ruhr“ erörtert Ralf Bohn die „geschichtsliterarische Inszenierung von Urbanität“. „Sind Metropolen per se Orte der Inszenierung, Inszenierungen gar Urbanitätsausweise?“ (289) fragt R. Bohn zu Beginn seines Beitrags. Was macht eine Metropole zur Metropole und kann RUHR Metropole sein? Wie geht man dann mit der Ursprungsform der „Mutter-Stadt“ um, wenn das eine Metropole sein soll. Und was macht den Begriff der Urbanität aus, wenn die Ambiguitäten und Widersprüchlichkeiten städtischen Lebens ausgeblendet bleiben? Gehört die von Lukács formulierte Strukturdifferenz zwischen homogen-organisierter Stetigkeit und heterogen-kontingenten Diskretum nicht zum Konstitutiven der Urbanität? Und: Wer gibt schließlich der Metropole ihren Namen?

All diese Fragen treiben den Autor um und er versucht Antworten darauf in den literarischen und philosophisch-wissenschaftlichen Texten zu finden. Und dann ist doch etwas dran an der Inszenierung der Urbanität, wenn sie mehr sein soll als eine Funktion städtischer Lebensweisen.

Um die „Inszenierungen des Unbewussten der Metropole“ geht es Christoph Weismüller. Der Bezugspunkt ist das psychoanalytisch aufbereitete Verhältnis des Kindes zur Mutter, die von S. Freud scharfsinnig diagnostizierten Krankheitsbilder der Moderne. Was hat das mit der Stadt zu tun? Was darf aus der Begriffs- und Programmgeschichte der griechischen „Mutterstadt“ abgeleitet werden, die eine Transformation auf das Verhältnis der Bürger einer Stadt zu ihrer (Mutter-)Stadt zuließe, auch wenn die Mutter anders verstanden wird, also nicht leiblich aus Fleisch und Blut bestehend? Und dann ist die Frage auch bedeutsam, ob Strukturen und Ordnungen so etwas wie ein kollektives Unbewusstsein überhaupt entwickeln können.

An Hand zweier Inszenierungsbeispiele versucht der Autor seine Thesen zu den Symptomen und Pathologien des Urbanen zu erläutern: die Loveparade und der Mega-Event Still-Leben.

Diskussion

Urbanität als Ereignis, die Stadt als Ereignisraum – das ist in der Tat ein anderer Zugang zur Stadt und zur Urbanität als Lebensform. Dass sich eine Stadt inszenieren muss – oder aber selbstverständlich inszeniert, indem ihre Akteure sich inszenieren, ist sicher ein Aspekt, der aber mehr ist als das, was wir üblicherweise mit Stadtmarketing umschreiben, auch mehr ist als den Eigencharakter der einen Stadt von dem der anderen abzugrenzen.

Das Buch geht umfassend auf alle möglichen Facetten solcher Inszenierungsprozesse und -techniken ein; in manchen Beiträgen wird auch der Zusammenhang deutlich zwischen dem, was die Stadt im Eigentlichen ausmacht und vom ländlichen Leben trennt und den jeweiligen Inszenierungsstrategien, vielleicht auch -politiken der einzelnen Städte. Deutlich wird auch, dass Urbanität nicht gleich Urbanität ist und sich in jeder Stadt auf gleiche Weise ausbildet. Vielmehr ist Urbanität an den Ereignischarakter der Stadt gebunden, und der ist stark gekoppelt an die sozialen, sozialräumlichen, kulturellen und ökonomischen Rahmenbedingungen und Potentiale der Stadt. Und der Zugang zur Urbanität ist an die Inszenierungspotentiale geknüpft, die die Menschen mit ihrer Stadt verbinden.

Insofern ist das Buch eine Bereicherung der stadtsoziologischen Debatte um die Funktionalität und den Charakter der modernen Stadt. Es erschließt historische, psychologische und soziologische Zugänge zu einem Thema, das immer mehr an Raum gewinnt.

Fazit

Wer sich mit Fragen des Stadtmarketings als Teil der Stadtentwicklung beschäftigt und wer danach fragt, wie Städte sich am besten im Inneren und nach außen inszenieren sollen, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, wird mit diesem Buch auf vielfältige Weise angeregt.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 28.08.2012 zu: Ralf Bohn, Heiner Wilharm (Hrsg.): Inszenierung der Stadt. Urbanität als Ereignis. transcript (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-8376-2034-4. Reihe: Szenografie & Szenologie - 6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13654.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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