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Petra Gromann (Hrsg.): [...] Hilfeplanung zu einer guten ambulanten Versorgung

Cover Petra Gromann (Hrsg.): Mit professioneller Hilfeplanung zu einer guten ambulanten Versorgung. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2012. 160 Seiten. ISBN 978-3-88414-547-0. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Fuldaer Schriften zur Gemeindepsychiatrie - Band 2.
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Thema

Im Mittelpunkt der Gemeindepsychiatrie steht seit langem das Bemühen, Mittel und Wege zu finden, die es ermöglichen, jedem die individuelle Hilfe zukommen zu lassen, die er benötigt. Ausgehend von sehr individuellen Bedarfslagen sollen flexible, auf Teilhabe ausgerichtete Hilfen für Menschen mit psychischen Erkrankungen entwickelt und damit endlich der vielfach angekündigte Wechsel von der institutionen- zur personenzentrierten Psychiatrie vollzogen werden. Um diese anspruchsvolle Aufgabe bewältigen zu können, müssen geeignete Hilfestrukturen aufgebaut werden. Der vorliegende Band der Fuldaer Schriften zur Gemeindepsychiatrie thematisiert die Prozesse, die mit diesem Wechsel verbunden sind.

Herausgeberin

Die Herausgeberin Petra Gromann ist Diplom-Soziologin und Professorin für Rehabilitation an der Hochschule Fulda. Ihr gelang es, bei der Auswahl der Autoren, zu denen sie selbst auch zählt, der Praxiserfahrung einen angemessenen Stellenwert zu geben.

Aufbau

  1. Der erste Aufsatz ist von Petra Ruf und beschäftigt sich mit der „Teilhabeplanung als gemeindepsychiatrischer Kernprozess. Wege zur Partizipation im Spannungsfeld professioneller Handlungsorientierungen am Beispiel der Einführung des Integrierten Teilhabeplans in Hessen.“ Dem Aufsatz liegt eine Masterarbeit aus dem Jahre 2009 zugrunde. (S. 9-61)
  2. Der folgende Beitrag von Ursula Geyer thematisiert „Die Region Wiesbaden auf dem Weg zu einem Gemeindepsychiatrischen Verbund. Qualität und Qualitätsansprüche der Bundesarbeitsgemeinschaft Gemeindepsychiatrischer Verbund.“ (S. 62-109)
  3. Klaus Masanz schreibt über „Forensische Psychiatrie versus Gemeindepsychiatrie. Wechselseitige Etikettierungen zweier unterschiedlicher Versorgungssysteme“. (S. 110-144)
  4. Die vierte und letzte Arbeit ist von der Herausgeberin selbst und liefert eine nutzerorientierte Bedarfsstudie „Alt werden mit einer psychischen Erkrankung“.

Der Aufbau ist auch insofern gelungen, als nach den Kernthemen mit den letzten zwei Beiträgen Fragen aufgegriffen werden, die bei jeder zukünftigen Hilfe-und Teilhabeplanung von Bedeutung sind und in jeder Gemeindepsychiatrie, die ihren Namen verdient, thematisiert werden müssen: forensische Nachbetreuung und Verbesserung der Versorgungsstrukturen für psychisch erkrankte Ältere unter besonderer Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Gesichtspunkte.

Inhalt

Konzentrieren wir uns auf den ersten Aufsatz: Der Integrierte Teilhabeplan, folgt man den Ausführungen von Petra Ruf, soll dazu beitragen, die Angebote der Eingliederungshilfe, federführend getragen vom Landeswohlfahrtsverband Hessen, zu verbessern und sie auf den wirklichen Bedarf psychisch erkrankter Menschen zuzuschneiden. Dabei geht es vor allem um Stärkung der Eigenverantwortung und Selbstbestimmung und um Fragen nach den individuellen Potentialen und Unterstützungsnotwendigkeiten. Hilfeplankonferenz und zeitbasierte Leistungsvergütung sind weitere Bausteine der personenzentrierten zentralen Steuerung der Eingliederungshilfe(PerSEH).

In der kommunalen Gemeindepsychiatrie,also dort, wo die Menschen leben, soll mit diesem Instrument gearbeitet werden- eine einheitliche Methode, um festzustellen, welche Förderung jemand gebraucht und welche Fähigkeiten er hat. Arbeiten, Wohnen und Soziales Leben werden dabei berücksichtigt. Diese ITP (Integrierte Teilhabeplanung) ist ein Instrument, das unabhängig von der Art der Behinderung und vom vorhandenen Angebot eingesetzt wird.

Sicherlich ist es richtig, die ITP als Kernprozess einer auf Hilfe und Förderung sowie Selbstbestimmung beruhenden Gemeindepsychiatrie zu verstehen, und auch vernünftig, die Frage zu stellen, wie die Mitarbeiter mit dem ITP zurecht kommen. Handelt es sich doch um ein hochkomplexes System, das Problemlage, Ziele, Fähigkeiten, Beeinträchtigungen, Hilfen und Vorgehen mit unterschiedlichen Analyseinstrumenten u.a. mit dem ICF (International Classification of Funktioning, Disability and Health) bestimmt und den Nutzer substantiell in diesen Prozess einbeziehen will.

Die Autorin macht ihre vornehmlich systemtheoretischen Vorüberlegungen und ihr Forschungsdesign transparent und benennt die Datengrundlage ( 36 Teilhabeplaner und Gruppendiskussion der Leistungserbringer),so dass es hier ausreichen mag,einige Forschungsergebnisse vorzustellen: Wie kommen also die Teilhabeplanenden mit dem ITP zurecht?

  • Die Nutzer werden nicht als Bürger wahrgenommen, sondern als besonderer Nutzer z. B. einer Werkstatt.
  • Die Orientierung an Defiziten und nicht an Ressourcen steht im Vordergrund.
  • Die Ziele der Teilhabeplanung werden zum Teil noch aus Institutionensicht formuliert.
  • Für einrichtungsübergreifende Kommunikation bzw. Koordination fehlt ein eingeübtes Verfahren.
  • Der gleichrangige Einbezug der Nutzer in die Kommunikation findet noch nicht statt.

Wie man liest, ist Teilhabeplanung jedenfalls kein bürokratischer Vorgang, der verordnet werden kann und dann funktioniert, sondern ein komplexer und sensibel zu managender Prozess, der entsprechende Qualifikationen erfordert. Hinzu kommt,dass jeder grundlegende Wechsel im Feld der Gemeindepsychiatrie viel Zeit und Geduld beansprucht.

Der zweite Beitrag schließt sich passgenau an, da er sich mit den Qualitätsanforderungen der auf Versorgungsverpflichtung und Personenzentrierung beruhenden Gemeindepsychiatrie auseinandersetzt. Ursula Geyer befragt eine Expertenrunde (Mitarbeiter und Leitungspersonen) im Gemeindepsychiatrischen Verbund Wiesbaden nach Qualitätsstandards und trägerübergreifender Kooperation und Zusammenarbeit. Man ist erstaunt, dass nach so vielen Jahren der mit der Gemeindepsychiatrie nun einmal verbundenen Fachgespräche und „Reflexionspausen“ immer noch mit dem Argument der Zeitverschwendung gegen solche Notwendigkeiten operiert werden kann.

Fazit

Wer Einblicke in die Aufbauschwierigkeiten einer auf Autonomie und Würde beruhenden Gemeindepsychiatrie gewinnen möchte, ohne dabei resignativ zu werden, dem empfehle ich das Studium dieses im Grundzug optimistischen Bandes.


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 31.10.2012 zu: Petra Gromann (Hrsg.): Mit professioneller Hilfeplanung zu einer guten ambulanten Versorgung. Psychiatrie Verlag GmbH (Bonn) 2012. ISBN 978-3-88414-547-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13659.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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