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Friederike Schmidt: Nutzen und Risiken psychoedukativer Interventionen [...]

Cover Friederike Schmidt: Nutzen und Risiken psychoedukativer Interventionen für die Krankheitsbewältigung bei schizophrenen Erkrankungen. Eine mehrperspektivische Studie. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2012. 236 Seiten. ISBN 978-3-88414-554-8. 29,95 EUR.

Reihe: Forschung für die Praxis - Hochschulschriften.
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Thema

Sollte die Psychoedukation mehr vom Trialog lernen und subjektive Perspektiven verstärkt einbeziehen, um so Augenhöhe zu gewährleisten und die Menschen mit Schizophrenie nicht in ihrem Selbstwertgefühl zu beeinträchtigen, sondern tatsächlich zur Krankheitsbewältigung beizutragen? Dieser Frage geht Friederike Schmidt mithilfe von qualitativen und quantitativen Methoden nach. Sie untersucht in einer prospektiven Studie 80 Patienten, die an einem stationären Psychoedukations- Programm teilnehmen, und führt zusätzlich zehn ausführliche Problemzentrierte Interviews mit Psychiatrieerfahrenen.

Autorin und Entstehungshintergrund

Das Buch beruht auf der Dissertation der Autorin am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie der Freien Universität Berlin im Jahre 2011. Friederike Schmidt ist psychologische Psychotherapeutin; ihr Arbeits- und Forschungsschwerpunkt liegt auf dem Gebiet Psychotherapie von Psychosen.

Aufbau

Nach einführenden Kapiteln zum Krankheitsbild der Schizophrenie und zur Psychoedukation im Rahmen der Schizophrenie-Behandlung geht die Autorin ausführlich auf ihre eigene quantitative und qualitative Studie ein. Im abschließenden Fazit plädiert sie für eine Ergänzung der Evidenzbasierung um Erfahrungsbasierung und Betroffenenorientierung.

Inhalt

Friederike Schmidt widmet sich in ihrer Einführung unter anderem der subjektiven Seite der Krankheitsbewältigung, dem Recovery-Ansatz: Hierbei werden die folgenden Komponenten für einen erfolgreichen Gesundungsprozess als wichtig erachtet:

  • Hoffnung finden
  • die Krankheit akzeptieren
  • Kontrolle erlangen
  • Identität redefinieren
  • Sinn finden und
  • Stigmatisierung überwinden

Fokussieren Psychoedukationsgruppen zu stark das Medikamentenvertrauen und die Krankheitseinsicht der Patienten, so kann dies dazu führen, dass sich Patienten stärker in eine eher passive Krankenrolle begeben, was sich negativ auf das subjektive Wohlbefinden auswirkt. So zeigen auch bisherige Evaluationsergebnisse, dass reine informationszentrierte Psychoedukation ausschließlich für Patienten ohne Einbeziehung ihrer Angehörigen weniger effektiv als gemeinhin angenommen ist, obwohl sie von vielen Patienten als hilfreich erlebt wird, weil sie Informationen über die Erkrankung vermittelt und die Möglichkeit zum Austausch über die Krankheitserfahrungen mit anderen Betroffenen bietet.

In ihrer eigenen quantitativen Studie untersucht die Autorin Patienten mit der Diagnose einer schizophrenen oder schizoaffektiven Erkrankung, die an einem offenen, 14 Module umfassenden Gruppen-Psychoedukations-Programm teilnehmen. Sie befragt sie zu Krankheitskonzepten, Krankheitseinsicht, Compliance, Wissen über die Erkrankung, subjektiver Lebensqualität, Selbstwert, Symptomatik und zum allgemeinen Funktionsniveau. Wie erwartet ergaben die Ergebnisse signifikante Änderungen in den Medikationsbezogenen Einstellungen der Patienten und zeigten eine deutliche Zunahme des Medikamentenvertrauens. Allerdings veränderte sich das Arztvertrauen der Patienten nicht. Bei den Ursachenzuschreibungen für die Erkrankung ergaben sich wenige Veränderungen; allerdings wuchsen wie erwartet die Krankheitseinsicht, die Compliance und das Wissen über die Erkrankung. Die subjektive Lebensqualität war nach der Teilnahme an der Gruppe höher ausgeprägt als zu Beginn der Untersuchung, dieser Effekt war allerdings gering, wobei die Lebensqualität allerdings in der Folge noch anstieg. Beim Selbstwertgefühl wirkte sich ein höheres Arztvertrauen positiv, das Medikamentenvertrauen jedoch negativ aus.

Im Rahmen der durchgeführten qualitativen Studie reflektiert die Autorin auch ihre eigene Rolle im Forschungsprozess; theoretisch orientiert sie sich u.a. an Modellen der Krankheitsidentitätsarbeit von Corbin und Strauss, sowie am Ansatz der Rekonstruktion einer narrativ konstruierten Identität (Lucius-Hoene). Sie befragt zehn Patienten und wertet Ihre Daten orientiert an der Grounded Theory mithilfe der Software ATLAS.ti aus. In den Erzählungen der interviewten Patienten zeigte sich, dass das Krankheitsverständnis der Patienten weniger ein einheitliches Krankheitskonzept im Sinne einer ausgearbeiteten Theorie darstellt, sondern auch Widersprüche, Inkonsistenzen oder Lücken aufweist. Dem Krankheitsverständnis kommt jedoch eine zentrale Bedeutung für die biografische Krankheitsverarbeitung zu, hierbei wird den widersprüchlichen Anforderungen an die Krankheitsverarbeitung Rechnung getragen und das Verhältnis von Person und Erkrankung ausgehandelt. Psychoedukative Intervention stellen in diesem Prozess nur einen von vielen Einflussfaktoren auf die Entwicklung des individuellen Krankheitsverständnisses der Patienten dar.

Die Auswertung der qualitativen Interviews macht hierbei deutlich, dass das biomedizinische Krankheitskonzept im Vergleich zu der umfassenden Aufgabe, die Krankheitserfahrungen und krankheitsunabhängige Aspekte zu einer neuen Identität zu integrieren, eine starke Vereinfachung darstellt. So gilt es, Behandler zu sensibilisieren, der Komplexität der Krankheitsbewältigung Rechnung zu tragen und die eigene Definitionsmacht zu hinterfragen.

Diskussion

Die vorliegende Dissertation bietet dem Leser eine ausführliche Analyse und kombiniert hierbei quantitative und qualitative Methoden. Der Forschungsprozess selber wird methodisch ausführlich dargestellt, was insbesondere für den wissenschaftlich interessierten Leser interessant ist. Im Ergebnis regt das Buch zum Nachdenken an und hinterfragt insbesondere gängige Tendenzen, einseitig biomedizinische Krankheitskonzepte zu vermitteln und in der Psychoedukation zu stark die medikamentöse Behandlung zu fokussieren.

Fazit

Wenn man gewillt ist, den Aufwand zu betreiben, eine Originalforschungsarbeit mit ihren Ergebnisdetails durchzuarbeiten, dann kann man aus dem vorliegenden Buch vielfältige Anregungen für die Weiterentwicklung der Psychoedukation ziehen. Insbesondere ermutigt das Buch, die Perspektiven der Betroffenen ernster zu nehmen und eine ehrliche Wertschätzung für die vielschichtige Arbeit der Krankheitsbewältigung der Betroffenen aufzubringen.


Rezension von
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 20.03.2013 zu: Friederike Schmidt: Nutzen und Risiken psychoedukativer Interventionen für die Krankheitsbewältigung bei schizophrenen Erkrankungen. Eine mehrperspektivische Studie. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2012. ISBN 978-3-88414-554-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13660.php, Datum des Zugriffs 15.08.2020.


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