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Reinhard Bispinck, Gerhard Bosch u.a. (Hrsg.): Sozialpolitik und Sozialstaat

Cover Reinhard Bispinck, Gerhard Bosch, Klaus Hofemann, Gerhard Naegele (Hrsg.): Sozialpolitik und Sozialstaat. Festschrift für Gerhard Bäcker. Springer VS (Wiesbaden) 2012. 517 Seiten. ISBN 978-3-531-18360-2. 49,95 EUR.
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Thema

Dieser Sammelband beschäftigt sich mit aktuellen Entwicklungen der Sozialpolitik und ihren Auswirkungen auf die Lebenslagen in Deutschland; die einzelnen Beiträge verknüpfen grundsätzliche Fragen der Sozialstaatlichkeit mit kritischen Analysen der Auswirkungen von Sozialpolitik in zentralen Feldern wie der Arbeitsmarktpolitik („aktivierender Sozialstaat“), der Gesundheitspolitik und der Alterssicherung. Das deutsche Sozialstaatsmodell steht nach Auffassung der AutorInnen vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, den Privatisierungstendenzen und der Finanzmarktkrise vor gravierenden Herausforderungen; die Frage ist, inwieweit zukünftig Sozialstaatlichkeit einem ihrer zentralen Ziele, nämlich der Verbesserung der Lebenssituation breiter Bevölkerungsschichten, gerade aber auch der von Armut und Exklusion Bedrohten, noch gerecht werden kann und/oder soll.

Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Die Herausgeber des Bandes R. Bispinck, G. Hofemann und G. Naegele geben zusammen mit Gerhard Bäcker und J. Neubauer das zweibändige Standardwerk „Sozialpolitik und soziale Lage in Deutschland“ 5. Aufl. Wiesbaden 2010 heraus, das in Kombination mit der Internetseite www.sozialpolitik-aktuell.de unentbehrlich für Lehre, Forschung, (sozial-)politische Bildungsarbeit außerhalb der Hochschule sowie für den gesellschaftlichpolitischen Diskurs um Sozialpolitk in Verbänden, Parteien und Medien geworden ist.

Die 31 AutorInnen sind SpezialistInnen für Sozialpolitik und vorwiegend in der Forschung an universitären und außeruniversitären Instituten tätig (z. B. Uni Duisburg-Essen; Hans-Boeckler-Stiftung, aber auch als Referentinnen für Sozialpolitik in Ministerien oder bei Arbeitnehmerkammer Bremen und beim DGB).

Entstehungshintergrund

Anlass für die Herausgabe dieses Sammelbandes ist der 65. Geburtstag des Initiators des oben genannten Standardwerks Prof. Dr. Gerhard Bäcker, der sich schon zu Beginn seiner Forscherlaufbahn mit drei zentralen Themenfeldern befasst hat:

  1. betriebsoziologischen und sozialpolitischen Forschungen über Arbeitnehmer- und Arbeitgeber-Beziehungen,
  2. Forschungen zur Lebenslage von sozialpolitischen Problemgruppen sowie
  3. Alters- und Armutsforschung.

Seit 2002 forscht und lehrt er als Professor für Soziologie des Sozialstaates an der Universität Duisburg-Essen. Leitidee seines Wirkens ist die Erkenntnis, dass Sozialpolitik nicht nur das präventive Vermeiden sozialer Risiken und deren kompensatorische Abfederung bewirke, sondern dass eine ihrer wesentlichen Aufgaben die Sicherung und Verbesserung der Lebenslage einzelner Personen oder von Personengruppen ist (S. 10). Im Gegensatz zu neoliberalen Ideen besteht Bäcker darauf, dass der Sozialstaat kein unproduktiver „Kostgänger“ einer Volkswirtschaft sei, sondern im Gegenteil die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft stärke (S. 11). Daraus leitet sich die Aufgabe der Sozialpolitikforschung ab, die quasi den Sozialstaat – aus der Perspektive der Beschäftigten – verteidigend nach Alternativen zur seiner Finanzierung, speziell der Alterssicherung, der Bekämpfung der Armut von Kindern, Familien und Älteren suchen sollte.

Aufbau

Die ca. 20seitigen Aufsätze ordnen sich mit ihren speziellen Aspekten vier Oberthemen zu:

  1. Sozialpolitik und Sozialstaat: Hier werden Grundsatzfragen abgehandelt, z. B. Sozialstaatsmodell im Übergang (W. Hanesch); Sozialstaat als „aktivierender Staat“ (St. Lessenich); Soziale Inklusion (K. P. Bourcarde, E.-U. Huster); Privatisierung als Risiko (A. Buntenbach); Finanzmarktkrise (H. Stapf-Finé); Kindergrundsicherung (C. Schäfer) und Reformbedarf der Mehrwertsteuer (R. Hickel).
  2. Arbeitsmarkt, demografische Entwicklung und soziale Sicherung, z. B. demografischer Wandel und Arbeitskräftemangel (E. Köstler); Frauenerwerbsverläufe und „Fachkräftemangel“ (U. Klammer); Flexibilität (H. Seifert) und Tarifverträge (R. Bispinck); Mindestlöhne und prekäre Beschäftigungsverhältnisse (G. Bosch u. C. Weinkopf; M. Knuth und M. Brussig); Hartz IV und Grundsicherung (W. Adamy; R. Hauser); Arbeitslosenversicherung (C. Bogedan).
  3. Gesundheit: GKV am „Scheideweg“ (R. Rosenbock); Prekarisierung, Frauenarbeit und Arbeits- und Gesundheitsschutz (B. Stolz-Willig).
  4. Alterssicherung: Grundsatzfragen und Alternativen zur deutschen Rentenversicherung (D. Döring; W. Schmähl); Armutsfestigkeit (J. Steffen); Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise (S. Leiber); Bilanz der GKV im wiedervereinigten Deutschland (F. Ruland).
  5. Der Band schließt mit einer 20seitigen Publikationsliste von Gerhard Bäcker.

Zu 1. Sozialpolitik und Sozialstaat

Walter Hanesch strukturiert die in diesem Sammelband geführte Fachdiskussion vor, indem er die Entwicklung des deutschen Sozialstaates in den letzten zwanzig Jahren, basierend auf Daten und Fakten, skizziert und im Fazit herausarbeitet, dass die Reformen in der Renten- und der Arbeitsmarktpolitik gegenwärtig auf einen Umbau in Richtung eines liberalangelsächsischen Regimetyps hinauslaufen, was sich als nächstes im Gesundheitssystem (GKV) sowie bei der marktorientierten Neugestaltung der Pflegeversicherung zeigen werde. Privatisierungstendenzen, vor allem bezogen auf die Verteilung der Finanzierungslasten, sind ebenso bei den sozialen Diensten zu erkennen. Der skizzierte Umbau werde die deutsche Gesellschaft verändern, traditionelle Sozial- und Solidarstrukturen erodieren, Armut und soziale Ungleichheit wachsen lassen und den sozialen Zusammenhalt gefährden (S. 36). In diesem Sinne arbeitet St. Lessenich heraus, wie durch die Arbeitsmarktreformen „aus mehr oder weniger marktfernen Sozialstaatsbürger/-innen durch sozialpolitische Intervention (pro-)aktive Marktsubjekte“ werden sollen (S. 42). Die „Aktivierung“ ist Ausdruck der „Subjektivierung der Arbeit“: Die Aufgabe der Wohlfahrtsproduktion, die in demokratisch-kapitalistischen Gesellschaften in den Händen von Staat und Markt, Verhandlungs- und Expertensystem und Organisationen gelegen habe, werde jetzt den Subjekten, also jedem/jeder einzelnen StaatsbürgerIn überantwortet. Der einzelne Marktteilnehmer wird nicht nur für seine eigene Chancenverwertung und -suche verantwortlich gemacht, sondern auch für die Gewährleistung des gesellschaftlichen Wohlergehens (des „gemeinen Wohls“). Aus dem passiven Versorgungsempfänger wird der Leistungsanbieter (S. 47). Dieser Ansatz setze aber voraus, dass der Einzelne auch dazu in der Lage ist, sich in den Arbeitsmarkt zu integrieren; aber „soziale Inklusion“ (vgl. Programme der EU) bedeutet in der Realität angesichts der Zunahme prekärer Beschäftigungsverhältnisse (z. B. Leiharbeit), dass die Abhängigkeit von einer bedürftigkeitsabhängigen Grundsicherung oftmals bleibt; dem „leistungsfähigen“ Menschen, der aus dieser Abhängigkeit nicht herausfindet, wird „Leistungsunwilligkeit“ unterstellt, ohne zu berücksichtigen, ob ihm die notwendigen Kompetenzen und Ressourcen überhaupt zur Verfügung stehen. Bourcarde und Huster erkennen folgerichtig die Tendenz des stärkeren Ausschlusses derjenigen Bevölkerungsgruppen, denen der Zugang zum Arbeitsmarkt nicht gelingt (S. 65/66). Der langfristigen Exklusion könne nur mit einem zweiten Arbeitsmarkt entgegengewirkt werden (S. 69). Entsprechend tritt A. Buntenbach (DGB-Bundesvorstand) für eine Neuorientierung des Leitbildes der Sozialpolitik ein, die die Ausweitung des Niedriglohnsektors als Teil des Problems und nicht als Lösung ansieht: der Politik der strikten Haushaltskonsolidierung setzt sie die Forderung nach einer zukunftstauglichen Sozial- und Steuerpolitik entgegen, die im Gegensatz zur Privatisierung sozialer Absicherung (s. Riester-Rente als Systembruch) die umlagefinanzierte Rente als überlegene Vorsorgeform auf eine breitere Grundlage stellen müsse: Ausweitung des Kreises der Versicherten auf alle erwerbstätigen Personen, breitere Finanzierungsbasis (Einkommensbestandteile, -arten), steuerfinanzierter Bundeszuschuss, Beendigung der Rentenkürzungen (S. 81/82).

Das Risiko der Privatisierung der Sicherung von Existenzrisiken zeigte die Finanzmarktkrise 2008/09: Kapitalgedeckte Systeme reagieren laut H. Stapf-Finé sofort auf Krisen und wirken destabilisierend auf die Konjunktur, während z. B. die Sozialversicherungen in Deutschland konjunkturstabilisierend wirkten (z. B. Renten- und Krankenversicherung)(S. 109). Große Konjunkturprogramme hätten auf ein wirtschaftspolitisches Umdenken hingedeutet. Aber statt einer Stärkung des Sozialstaates, reiße die Liste der Streichungen und Kürzungen in der Ländern der EU nicht ab: Rentenkürzung, Mehrwertsteuererhöhungen, Kürzungen der Gehälter im öffentlichen Dienst und Einsparungen bei öffentlichen Ausgaben. Dem Sozialstaat werde die Finanzierungsgrundlage weiter abgegraben, die soziale Ungleichheit in der EU wächst (S. 112).

Besonders die sozialstaatliche Förderung von Kindern und Jugendlichen fördere die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu Tage, wenn mehrere Millionen als materiell arm und von der Teilhabe am normalen sozialen Leben einschließlich Bildung und Arbeitsmarkt ausgeschlossen seien (vgl. Studien der OECD, Pisa). C. Schäfer arbeitet die strukturellen Defizite im gesamten System des Kinderlastenausgleichs heraus und formuliert Reformnotwendigkeiten und -möglichkeiten, nämlich einer gerechteren und effektiveren Kindergrundsicherung. Dabei müsste die Leistung bei Bedürftigen bzw. unteren Einkommen am größten, bei oberen Einkommen am geringsten ausfallen (S. 120-123). R. Hickel hinterfragt in diesem Sinne die Mehrwertsteuer, die besonders einkommensschwache Familien und Alleinerziehende treffe und deshalb dringend reformiert werden müsse (S. 143).

Zu 2. Arbeitsmarkt, demografische Entwicklung und soziale Sicherung

E. Kistler setzt sich kritisch mit dem Menetekel eines angesichts des demografischen Wandels drohenden Fach- oder sogar Arbeitskräftemangels auseinander und arbeitet heraus, wie nicht zuletzt durch diese Debatten die Nichtfinanzierbarkeit des Sozialstaates heraufbeschworen werde (S. 150), anstatt mit sozialstaatlichen Mitteln vor allem „Mismatch“ am Arbeitsmarkt zu minimieren und das Humankapital zu fördern (Ältere, Arbeitslose etc.), ganz abgesehen von wissenschaftlich unseriösen langfristigen, statistisch begründeten Arbeitsmarktprognosen (S.159). U. Klammer ergänzt in diesem Kontext, wie groß das Arbeitskräftepotential der Frauen ist, deren kontinuierliche Erwerbsintegration im Lebenslauf in Frage steht, vor allem aufgrund fehlender Betreuungs- und versorgungsmöglichkeiten für Kinder und Pflegebedürftige (S. 162), und plädiert für eine innovative Gleichstellungspolitik, die als Lebenslaufpolitik konzipiert sein und den wechselnden Bedarfen zur Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Fürsorgetätigkeit gerecht werden müsse (S. 179). Mehr „Flexibilität“ auf dem Arbeitsmarkt, wie sie auch die EU anstrebt, könnte zu mehr Gleichberechtigung führen, wenn sie nicht real zwei Gesichter zeigte: Flexecurity auf der einen, Prekarität auf der anderen Seite. Damit setzt sich H. Seifert im Kontext der Wirtschaftskrise 2008/09 auseinander (S. 190ff). Sozial- und arbeitsmarktpolitische Regulierung durch Tarifpolitik setzt Deregulierungstendenzen eigene, wenn auch beschränkte Gestaltungsmöglichkeiten entgegen. R. Bispinck, Tarifexperte bei der Hans-Böckler-Stiftung, zeigt, dass sie vor allem monetäre Aspekte betrifft (Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Altersversorgung etc.), sehr stark selektiv wirke (z. B. rückläufige Tarifbindung) und reaktiv ausgelegt sei (s. Ausgestaltung der Altersteilzeit, die gesetzlich weitgehend ausgetrocknet sei) (S. 217). G. Bosch und C. Weinkopf diskutieren, inwieweit Mindestlöhne die Lohnungleichheit bekämpfen können und entwickeln ein Maßnahmenpaket zu ihrer Umsetzung (S. 236f). Angesichts der Verlängerung der Lebensarbeitszeit steht die Sozialpolitik vor der besonderen Herausforderung, den Altersübergang, der immer häufiger zum prekären Übergangspfad werde, zu gestalten. M. Knuth und M. Brussig weisen darauf hin, dass damit die Vorruhestandsregelung als Option für die betriebliche Personalpolitik ausfalle, dass dafür aber noch keine Alternative in Sicht sei (S. 253f). Als Achillesferse der Arbeits- und Sozialpolitik bezeichnet W. Adamy die Hartz-IV-Gesetze, mit denen ein Systemwechsel in der Bundesrepublik durchgesetzt wurde. Seine Bilanz fällt kritisch aus: Die Arbeitslosenversicherung werde finanziell stark belastet: s. Aussteuerungsbeitrag, der für jeden „ausgesteuerten“ Arbeitslosen an den Bund abgeführt wird („Eingliederungsbetrag“), ¼ bis ein Fünftel des gesamten Beitragsaufkommens wird für die Arbeitsförderung des Hartz-IV-System aufgebracht (z. B. berufsfördernde Bildungsmaßnahmen für hilfebedürftige Jugendliche, für die Ersteingliederung für Jugendliche mit Behinderung); und Kürzung der Zahlungen des Bundes aus einem Mehrwertsteuerpunkt (wird zur Entlastung der Kommunen bei der Finanzierung des Bildungs- und Teilhabepaktes und der Altersgrundsicherung verwendet). Damit ziehe sich der Bund sukzessive aus der Verantwortung für die Arbeitsmarktpolitik zurück. Ebenso kritisch zu beurteilen sind nach Adamy die organisatorischen Veränderungen (Kooperation verschiedener Träger) sowie die inhaltliche Ausrichtung der „aktivierenden“ Politik des „Forderns und Förderns“, die tatsächlich in erster Linie auf die Verringerung und Verkürzung der Hartz-IV-Leistungen abziele. Trotzdem hält Adamy das System für (dringend) reformierbar (s. S. 180ff). Auch R. Hauser beschäftigt sich mit alternativen Konzepten der Arbeitsförderung im System der Grundsicherung: vor allem mit einer unbedingten und zu versteuernden Grundsicherung für Kinder (301ff). C. Bogedan stellt das Konzept einer Beschäftigungsversicherung (G. Schmid) vor; M. Reichert entwickelt einige Vorschläge zur besseren Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Pflege (S. 326ff)

Zu 3. Gesundheit

R. Rosenbrock arbeitet Fehlsteuerungen im Gesundheitssystem heraus und macht Vorschläge zur Behebung von Funktionsstörungen: z. B. Rückkehr zur proportionalen Beitragsfinanzierung, Anhebung der Beitragsbemessungs- und Aufhebung der Versicherungspflichtgrenze, Reduktion der PKV auf Zusatzversicherungen, Eliminierung von PKV-Elementen aus der Beitragsgestaltung der GKV etc. (S. 357). B. Stolz-Willig erkennt sozialpolitischen Handlungsbedarf beim Arbeits- und Gesundheitsschutz von Frauen in prekären Arbeitsverhältnissen (S. 360ff)

Zu 4. Alterssicherung

D. Döring fragt nach der Leistungsfähigkeit der deutschen Rentenversicherung und kommt zu dem Schluss, dass bezogen auf die Lebensstandardsicherung Deutschland im europäischen Vergleich deutlich zurückgefallen sei (S. 381), z. B. zu den Niederlanden, Frankreich und der Schweiz (S. 385). Eine Alternative zur aktuellen Alterssicherungspolitik, die die GRV langfristig zu einer „Basisrente“ degradiere und damit besonders für die jüngeren Beitragszahler an Legitimation verliere (S.404f), entwickelt W. Schmähl. Die Erhaltung der GRV mit Lohnersatzleistung bei hinreichendem Leistungsniveau sei ökonomisch durchaus realisierbar: Erhaltung der Vorleistungsbezogenheit durch eine enge Beitrags-Leistungs-Beziehung, Realisierung einer Rentenanpassungsformel, die allein auf der (Brutto-)Lohnentwicklung und der Entwicklung des Beitragssatzes zur GRV beruht etc.(S. 405). Mit der Armutsfestigkeit der GRV und Altersgrenzen befassen sich die Beiträge von J. Steffen, S. Leibe, A. Jansen und J. Schmitz sowie F. Ruland, der abschließend die GRV im Prozess der Wiedervereinigung bilanziert und zukünftig wie die anderen Autoren das wachsende Armutsrisiko im Alter prognostiziert. Alle AutorInnen suchen aber nach Möglichkeiten, die GRV als Lebensstandardsicherung zu erhalten bzw. wiederherzustellen; private Vorsorgealternativen werden insgesamt kritisch beurteilt.

Diskussion

Auf 500 Seiten analysieren 31 AutorInnen Entwicklung und aktuellen Stand der Sozialpolitik und ihrer Reformen in Hinblick auf erfolgte Systemveränderungen und ihre Wirkungen, wobei neben Grundsatzfragen des Systems sozialer Sicherung und seiner Nachhaltigkeit Arbeitsmarktpolitik, Gesundheit und Alterssicherung im Mittelpunkt stehen. Die Beiträge basieren auf eigenen Forschungen; alle AutorInnen fühlen sich der Verteidigung von Sozialstaatlichkeit und ihres umfassenden Sicherungsanspruch für die relevanten Risiken und Wechselfälle des Lebens verpflichtet. Letztlich geht es immer um die Verteilung und Umverteilung der Lasten für ein anspruchsvolles System sozialer Sicherung, das die AutorInnen durchgängig von angelsächsisch-liberalen Wohlfahrtsstaatssystemen abgrenzen und das aus ihrer Sicht die Inklusion und Chancengleichheit gerade für sozial Schwächere zu leisten habe. Sozialpolitischer Auftrag – auch für die Sozialpolitikforschung – ist die Bekämpfung von Armut und sozialer Ungleichheit einerseits, Erhaltung der Lebensstandardsicherung und Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum andererseits; daraus ziehe der deutsche Sozialstaat seine Legitimation. Die Beiträge geben einen sehr guten Überblick über aktuelle Entwicklung und Diskurse und zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Reformpolitik der letzten 20 Jahre sachlich und faktenreich darstellen, kritisch hinterfragen, aber sich gleichzeitig verpflichtet fühlen, sozialpolitische Alternativen aufzuzeigen und zur Diskussion zu stellen. Trotz der vielen Beiträge folgt der Sammelband einem in sich schlüssigen Konzept, so dass sich die Beiträge aufeinander beziehen lassen, auch wenn jeder für sich lesenswert ist. Es ist eine hohe Kunst, auf ca. 20 Seiten anspruchsvoll zu analysieren, zu diskutieren und wissenschaftsbasiert sozialpolitische Alternativen vorzustellen. Das vorliegende Buch bietet ExpertInnen aus Wissenschaft, Forschung und Politik eine gute Zusammenfassung und einen guten Überblick über die Sozialpolitik in Deutschland, empfiehlt sich aber auch jedem, der sich für (sozial-)politische Zusammenhänge interessiert und die Reformdebatten verstehen und sich eine Meinung bilden möchte: z. B. interessierte ZeitungsleserInnen, Studierende aller Fachrichtungen.

Fazit

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass es den Herausgebern gelungen ist, eine aktuelle und informative Bestandsaufnahme zu den wichtigsten Fragen der Sozialpolitik und des Sozialstaates vorzulegen, die aufgrund der tiefgehenden und scharfen Analysen so schnell nicht an Aktualität verlieren wird und jedem Interessierten als Wegweiser durch die komplexen Fragen des Systems sozialer Sicherung dient. Das ist umso wichtiger, als richtungsweisende Entscheidungen bevorstehen, die zu möglicherweise gravierenden Folgen für die Absicherung zentraler Existenzrisiken für einzelne und ganze Gruppen führen werden, die, wie einige AutorInnen feststellen, das System in Frage stellen werden, die Sozialstruktur der Gesellschaft verändern und ihren Zusammenhalt gefährden können.


Rezension von
Prof. Dr. Silke Schütter
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Zitiervorschlag
Silke Schütter. Rezension vom 03.12.2013 zu: Reinhard Bispinck, Gerhard Bosch, Klaus Hofemann, Gerhard Naegele (Hrsg.): Sozialpolitik und Sozialstaat. Festschrift für Gerhard Bäcker. Springer VS (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-531-18360-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13670.php, Datum des Zugriffs 24.11.2020.


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ISSN 2190-9245

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