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Thomas Marthaler, Pascal Bastian u.a. (Hrsg.): Rationalitäten des Kinderschutzes

Cover Thomas Marthaler, Pascal Bastian, Ingo Bode, Marc Schrödter (Hrsg.): Rationalitäten des Kinderschutzes. Kindeswohl und soziale Interventionen aus pluraler Perspektive. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. 289 Seiten. ISBN 978-3-531-18623-8. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR.
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Thema

Kinderschutz ist ein aktuelles und in der Gesellschaft, den Medien und unter Fachleuten diverser Disziplinen zuweilen kontrovers diskutiertes Thema. Die Herausgeber (Thomas Marthaler, Pascal Bastian, Ingo Bode, Mark Schrödter) zeigen mit dem im Band versammelten Beiträgen, „dass die Zugänge und Handlungsansätze, die den Umgang mit den Fragen (rund um den Kinderschutz) prägen, eine Vielfalt von Rationalitäten wiederspiegeln“ (Klappentext). Neben sozialpädagogischen, juristischen und politisch-administrativen Dimensionen werden auch managerielle Aspekte thematisiert und insbesondere auf deren Interdependenzen eingegangen.

Herausgeber

  • Dr. rer. pol. Thomas Marthaler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialwesen der Universität Kassel.
  • Dr. phil. Pascal Bastian, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialwesen der Universität Kassel.
  • Prof. Dr. rer. pol. Ingo Bode, Professor für Sozialpolitik am Institut für Sozialwesen der Universität Kassel.
  • Prof. Dr. phil. Mark Schrödter, Professor für Sozialpädagogik des Kindes- und Jugendalters am Institut für Sozialwesen der Universität Kassel.

Autorinnen und Autoren

Nebst den Herausgeber haben folgende Autorinnen und Autoren Beiträge verfasst:

  • Dr. iur. Franz Czerner
  • Monika Haug
  • Dipl. Soz. Päd. Cora Herrmann
  • Prof. Dr. iur. Theresia Höynck
  • Prof. Dr. Sigrid S. James
  • Dr. disc. pol. Alexandra Retkowski
  • Dr. phil. Barbara Schäuble
  • M.A. Hannu Turba

Aufbau

Nach einer Einführung durch die Herausgeber ist die Veröffentlichung in drei Teile unterteilt, die drei verschiedene Ebenen fokussieren. „Erstens die „Rahmenprogramme“ (Regulierungen), die soziale Interventionen im Kinderschutz prägen und anleiten, zweitens die Empirie der im Feld dieser Interventionen anzutreffenden Wirklichkeit und drittens die Struktur und Problematik der bestehenden, auf die Förderung des Kinderschutzes ausgerichteten – also im Kern sozialpädagogischen – Handlungsoptionen“. (S. 3)

  1. Im ersten Teil mit dem Titel „Rationalitäten der Regulierung: Kontinuität und Wandel aus verschiedenen Blickwinkeln“ beinhaltet die vier Beiträge „Kindeswohlgefährdung – Rechtliche Konturen eines schillernden Begriffs von Theresia Höynch und Monika Haug, „Novellierungsgesetze vom KICK bis zum BKiSchG – Optimierung des staatlichen Schautzauftrages bei (vermuteter) Kindeswohlgefährdung? von Frank Czerner, „Grenzen „begrenzter Rationalität“ – Politisch administrative Steuerungsambitionen im Kinderschutz“ von Hannu Turba und „Zum Umgang mit dem Kindeswohl – Ein Essay aus neoinstitutionalistischer Perspektive“ von Thomas Marthaler.
  2. Der zweite Teil unter dem Titel „Rationalitäten des (lokalen) Feldes: Kinderschutz empirisch betrachtet“ versammelt vier weitere Beiträge: „Kindeswohlgefährdung – staatliche Handlungsmöglichkeiten im Spiegel amtlicher Daten“ von Monika Haug und Theresia Höynk, „Manageralismus gegen Kindeswohlgefährdung?“ von Ingo Bode, „Anmerkungen zur Standardisierung professioneller Handlungsweisen“ von Cora Hermann und „Was kann die Mutter tatsächlich?“ – Kinderschutz in Verhandlung zwischen Team und Leitung im Allgemeinen Sozialdienst“ von Alexandra Retkowski.
  3. Der abschließende dritte Teil trägt den Titel: „Rationalitäten intervierender Praxis: Konzepte und Perspektiven mit den Beiträgen „Kommunikation von Zukunftserwartungen im Kinderschutz – Interaktionen als Orte der Zukunftsgestaltung“ von Barbara Schäuble, „Die Überlegenheit statistischer Urteilsbildung im Kinderschutz – Plädoyer für einen Perspektivwechsel hin zu einer angemessenen Form sozialpädagogischer Diagnosen“ von Pascal Bastian und der in englische geschriebene Beitrag „Residential Care for Abused ab Neglected Children – Are there Better Alternatives?“ von Sigrid Schneider James.

Zum Einführungskapitel

Im Einführungskapitel „Rationalitäten im Kinderschutz - Eine Einführung“ stellen die Herausgeber dar, welche Bereiche und Ebenen des Kinderschutzes mit denen im Band versammelten Beiträgen behandelt werden.

Die gemeinsame Perspektive der publizierten Beiträge richten sich auf drei verschiedene Dimensionen des Kinderschutzes:

  1. Kinderschutz als „normatives, rechtlich kodifiziertes Postulat“,
  2. Kinderschutz als „Prozess der Intervention (durch organisierte bzw. beruflich involvierte Akteure“,
  3. Kinderschutz als „Ensemble praxisorientierter Konzepte, welches auf das Postulat und die Methode dieser Intervention bezogen ist“ (S. 2-3)

Mit den im Titel der Veröffentlichung angesprochenen „Rationalitäten“ wird „eine Vielzahl von Kräften, Logiken und Orientierungen“ gemeint, welche die gemeinsame Basisannahme der Autorinnen und Autoren abbildet. Die Herausgeber beziehen sich dabei auf den Soziologen Max Weber, welcher „als Begründer der Theorie gesellschaftlicher Rationalisierung – zwischen verschiedenen, innerhalb der modernen Gesellschaft koexistierenden Rationalitäten“ unterscheidet. (S. 5)

Zu Teil 1

Im ersten Beitrag „Kindeswohlgefährdung - Rechtliche Konturen einen sachlichen Begriffs“ (S. 19-45) versuchen die Autorinnen ( Theresia Höynck und Monika Haug) den Begriff „Kindeswohl“ zu klären. Dabei wird auf die Regelungen des deutschen Familienrechts Bezug genommen. Die Autorinnen zeigen auf, dass der Begriff „Kindeswohl“ im geltenden Recht durchaus nicht inhaltsleer ist. Nebst dem Familienrecht beziehen sich die Autorinnen auch auf das geltende Kinder- und Jugendhilferecht. Sie zeigen die Wichtigkeit der gesetzlichen Regelungen auf, weisen aber auch auf deren Grenzen hin. Im dritten Kapitel befassen sich die Autorinnen mit den Schwierigkeiten der Kindeswohlgefährdung und dabei insbesondere mit der Gefährdungseinschätzung und deren Folgen. Abschließend auf das Zusammenspiel von Familienrecht und Kinder- und Jugendhilferecht eingegangen. „Kindeswohl und Kindeswohlgefährdung (…) sind rechtliche Konstrukte, denen gesellschaftliche, fachliche und politische Entscheidungen zugrunde liegen. Im besten Fall leisten die rechtlichen Regelungen die Umsetzung dieser Entscheidungen so wie sie intendiert waren – wo diese Entscheidungen allerdings komplex und unsicher sind, kann das Recht keine Eindeutigkeit herstellen“ (S. 42). So das Fazit der Autorinnen.

Frank Czerner befasst sich im zweiten Beitrag mit dem Titel „Novellierung vom KICK bis zum BKiSchG – Optimierung des staatlichen Schutzauftrages bei (vermuteter) Kindeswohlgefährdung?“ (S. 47-78) mit der Entwicklung der gesetzlichen Grundlagen von 2005 bis zum am 1. Januar 2012 in Kraft getretenen Bundeskinderschutzgesetztes. Nach der Beschreibung der „Rechts- und familienpolitischen Ausgangslage“ (S. 47-48) und einem Überblick befasst sich der Autor im zweiten Kapitels „Gesetzes- und Rechtslage vor und nach Inkrafttreten des KICK (01.10.2005)“ der „materiell-rechtlichen Ausgangslage in § 1666 BGB zur Feststellung einer Kindeswohlgefährdung im Reformprozess der vergangenen Jahre“ (S. 49-53), danach wird im Kapitel 2.2 „Die Gefährdungsmeldung in Bezug auf das Kindeswohl nach kinder- und jugendhilferechtlichen Korrespondenznorm des § 8a SGB VIII und einzelne Reaktionsmöglichkeiten“ dem Entstehungsprozess des im Titel erwähnten § 8a SGB vor dem Hintergrund der gerichtlichen Spruchpraxis zu § 1666 BGB nachgegangen. Im Kapitel 3 „Gesetztes- und Rechtslage mit dem Inkrafttreten des BKiSchG ab dem 01.01.2012“ (S. 62-73) befasst sich der Autor mit der Entstehung des Bundeskinderschutzgesetztes und den Gang des Gesetzgebungsverfahrens, sowie der Novellierung von §8a SGB VIII aufgrund dieses Gesetztes. Zum Schluss dieses dritten Kapitels setzt sich der Autor mit dem Gesetz zur Kooperation und Information im Kinderschutz (KKH) auseinander. Er befasst sich hier schwerpunktmäßig mit der Schweigepflicht bzw. mit der Informationsübermittlung durch Geheimnisträger bei Kindeswohlgefährdung. Nebst dem durch den Autor aufgezeigten Optimierungsbedarf zieht der Autor eine positive Bilanz.

Hannu Turba thematisiert im vierten Beitrag „Grenzen „begrenzter Rationalität“ – Politisch-administrative Steuerungsambitionen im Kinderschutz“ (S. 79-104). Ausgehend von besonders tragischen Fällen von Kindeswohlgefährdung und den dadurch gegebenen Bemühungen von Bund, Ländern und Kommunen die gesetzlich-administrative Regulierungen effektiver zu gestalten wird im ersten Kapitel auf die „Grenzen und (Ersatz-)Rationalitäten politischer Steuerung – und ihre besondere Bedeutung für den Kinderschutz“ (S. 81-86) eingegangen. Danach betrachtet der Autor im zweiten Kapitel „Ein Blick zurück: „Landeskinderschutzgesetze“ und das Kinder- und Jugendhilfegesetz“ (S. 86-92) die Entwicklung des Kinderschutzes in Deutschland im Verlauf der letzten Jahre. Anschließend geht der Autor folgerichtig auf das aktuelle Bundeskinderschutzgesetz ein (Kapitel 3, S. 92-98) um zum Schluss in Kapitel 4 (S. 98-104) die „Konsequenzen für die Zukunft des Kinderschutzes“ zu skizieren.

Zum Schluss des ersten Teiles folgt das Essay von Thomas Marthaler „Zum Umgang mit dem Kindeswohl – Ein Essay aus neoinstitutionalistischer Perspektive“ (S. 105-129). Er beschäftigt sich in seinem Text dem Kindeswohl als Rechtsbegriff (Kapitel 2, S. 106-107) und zeigt kurz umrissen die Geschichte des Kindeswohls im deutschen Recht nach (Kapitel 3, S. 107-117). Im vierten Kapitel (s. 117-125) befasst sich der Autor mit den grundlegenden Zugängen des Soziologischen Neoinstitutionalismus. Einleitend schreibt er „Die Formulierung „der soziologische Neoinstitutionalismus“ suggeriert die Einheitlichkeit eines theoretischen Zugangs, die leider so nicht gegeben ist“ (S. 117). Nachfolgend werden „einige im Neoinstitiuonalismus ziemlich konsensfähige Grundüberzeugungen vorgestellt und ihre Konsequenzen für das Kindeswohl reflektiert“ (S. 118). Der Beitrag schließt mit einem Fazits des Autors.

Zu Teil 2

Der zweite Teil des vorliegenden Sammelbandes unter dem Titel „Rationalitäten des (lokalen) Feldes: Kinderschutz empirisch betrachtet“ beginnt mit dem Beitrag von Monika Haug und Theresia Höynck „Kindeswohlgefährdung – staatliche Handlungsmöglichkeiten im Spiegel amtlicher Daten“ (S. 133-174). Sie thematisieren in ihrem mit vielen statistischen Abbildungen illustrierten Beitrag das „Methodische Problem amtlicher Daten zur Kindeswohlgefährdung“ (S. 134-140). Dabei beziehen sie sich im Bezug auf das Phänomen Kindeswohlgefährdung auf die polizeiliche Kriminalstatistik und die Statistiken des Gesundheitswesens. Im Bezug zum staatlichen Umgang mit Kindeswohlgefährdungen beziehen sie sich auf die Kinder- und Jugendhilfestatistik und die familiengerichtlichen Maßnahmen. Zusammenfassend kommen die Autorinnen zum Fazit „Insgesamt erfreut sich die Kinder- und Jugendhilfestatistik nach anfänglich nur stiefmütterlicher Behandlung nun zunehmender Aufmerksamkeit in Politik und Wissenschaft“ (S. 172). Obwohl die Daten eine Steigerung der Aktivitäten wiederspiegeln, bleibt die Frage offen, ob damit der Kinderschutz im gesamten „besser“ geworden ist.

Ingo Bode befasst sich in seinem Beitrag „Manageralismus gegen Kindeswohlgefährdung?“ (S. 175-201) mit dem Phänomen berechnender Steuerung in dem unberechenbaren Feld des Kinderschutzes. Er weist darauf hin, dass Soziale Interventionen in den letzten Jahren vermehrt Gegenstand administrativer und organisationaler Steuerung geworden sind, die auf eine hochgradig verregelte, häufig kennziffergesteuerte Art und Weise in die Handlungsvollzüge der Intervenierenden eingreifen. (vgl. S. 175) Thematisiert werden „Der analytische Mehrwert einer dynamisierten neoinstitutionalistischen Organisationstheorie“ (Kap. 1, S. 177-183), der „Manageralismus als Werkzeug einer neuen institutionellen Logik im Sozialsektor“ (Kap. 2, S. 183-187), der „Manageralismus im Organisationsfeld Kinderschutz: Verbreitung und Bearbeitung“ (Kap. 3, S. 187-192) und die gesellschaftlichen Hintergründe der neuen institutionellen Logik (Kap. 4, S. 192-196). In diesem Beitrag zur Analyse der Entwicklung im Organisationsfeld Kinderschutz verfolgt der Autor explizit „nicht das Ziel, diese Entwicklung ideologiekritisch als in der Sache unangemessen zu entlarven und ein gegebenes organisationales oder gesellschaftliches Arrangement sozialer Interventionen als falsch oder richtig zu etikettieren“ S. 196). Vielmehr geht es dem Autor darum „Veränderungsdynamiken (…) mit Hilfe eines „gesellschaftsbewussten“ organisationssoziologischen Ansatzes zu durchleuchten und einige Deutungsangebote bezüglich der Quellen, aber auch der Dynamiken dieser Entwicklung zu unterbreiten“. (S.197).

In ihrem Beitrag „Anmerkungen zur Standardisierung professioneller Handlungsweisen“ (S. 203-217) behandelt Cora Herrmann die „Thematisierungsweisen von Standardisierungspraktiken in der stationären Kinder- und Jugendhilfe in Kontext der Frage nach ‚guter Arbeit‘“ Sie bezieht sich dabei einleitend auf einen Leiter eines Kinderheimes. Mittels weiteren Interviewmaterials zeigt die Autorin eine Zunahme von Standardisierungspraktiken im Arbeitsalltag der stationären Kinder- und Jungendhilfe auf.

Alexandra Retkowski zeigt in ihrem Beitrag „Was kann die Mutter tatsächlich?“ – Kinderschutz in Verhandlung zwischen Team und Leitung im Allgemeinen Sozialdienst“ (S. 219-234) nach einleitenden Ausführungen und einem Exkurs über „Institution, Organisation, Profession und Leitung“ (S. 220) im dritten Kapitel „Kinderschutz aus der Perspektive von Team und Leitung – Ein Beispiel“ anhand eines konkreten Fallbeispiels einer Kindeswohlgefährdung die unterschiedlichen Rationalitäten, die zum Ausdruck kommen auf und stellt den Umgang damit zwischen Team und Leitung eines Allgemeinen Sozialen Dienstes (ADS) dar. Das Fallbeispiel zeigt, „dass in den innerorganisationalen Verhandlungen sehr heterogen auf die Diskurse um Standardisierung, Kosteneffizienz und Qualitätsentwicklung im Kinderschutz zugegriffe wird“ (S. 232).

Zu Teil 3

Die Beiträge des dritten Teils setzen sich mit Konzepten und Perspektiven der Rationalitäten intervenierender Praxis auseinander. „Betrachtet man den institutionalisierten Kinderschutz nicht aus einer programmatischen Perspektive mit Blick darauf, was getan werden soll, sondern ausgehend von seiner lokalen Verwirklichung, so fallen unterschiedliche Formen ins Auge, wie Kinderschutz im Kontext von Programmatiken praktisch „gemacht“ wird.“ (S. 237). So leitet Barbara Schäuble ihren Beitrag mit dem Titel „Kommunikation von Zukunftserwartungen im Kinderschutz – Interaktion als Orte der Zukunftsgestaltung“ ein. Im ersten Kapitel bezieht sie sich auf die „Empirisch beobachtbare Manifestationen von Zukunftserwartungen (S. 238-242) um dann auf die „Soziale Arbeit als Kommunikation von Hilfs- und Kontrollbedürftigkeit und als Kommunikation von Zukunftserwartungen einzugehen (Kap. 2, S. 242-244). Zum Schluss ihres Beitrages diskutiert sie die „Pädagogik als Zukunftssteuerung über Formen sozialer und zukunftsgerichteter Bezugnahme“ (Kap. 3, S. 244-247).

„Die Überlegenheit statistischer Urteilsbildung im Kinderschutz – Plädoyer für einen Perspektivenwechsel hin zu einer angemessenen Form sozialpädagogischer Diagnosen“, so der Titel des Beitrages von Pascal Bastian. (S. 249-267). Nach einer Einleitung setzt sich der Autor im ersten Kapitel mit dem Thema „Mensch versus Maschine: Zur Überlegenheit statistischer Urteilsbildung“ (S. 251-253). Der Autor schreibt dazu „Die Frage nach angemessenen und treffsicheren Diagnosen bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung sowie der Nutzen statistischer Verfahren zur Prognose und Beurteilung zukünftiger Kindesmisshandlung und -vernachlässigung ist eine international virulente und bedeutsame Debatte, die sich als Teil der Diskussion um evidenzbasierte Soziale Arbeit begreifen lässt.“ (S. 251). Er beschreibt in der Folge drei im internationalen (angloamerikanischen) Kontext unterschiedenen Verfahren des Risikomanagements bei Kindeswohlgefährdung hin:

  1. Actuarialistische (versicherungsmathematische) Verfahren
  2. Klinische bzw. konsensuale Verfahren
  3. Konsens-basierte klassifikatorische Verfahren.

Im zweiten Kapitel geht der Autor auf die „Statistische Urteilsbildung in der Sozialen Arbeit“ ein. Er stellt dabei Einwände und Entgegnungen drauf zur Debatte. Im dritten und letzten Kapitel versucht der Autor einen Perspektivenwechsel und geht der Frage nach „Welches Ansinnen richten wir an sozialpädagogische Prognosen?“ (S. 261) Es geht ihm dabei darum, „die Treffsicherheit als ein mögliches Ansinnen sozialpädagogischer Diagnose bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung genauer in den Blick zu nehmen“ (S. 262).

Der letzte Beitrag des vorliegenden Sammelbandes wurde durch Sigrid Schneider James verfasst und liegt in englischer Sprache unter dem Titel „Residential Care for Abused an Neglected Children – Are there Better alternatives?“ (S. 269-289) welcher mit „Institutionelle Fremdunterbringung für misshandelte und vernachlässigte Kinder – gibt es Alternativen?“ übersetzt wird. Die Autorin stellt darin fest, dass die traditionelle Fremdunterbringung vernachlässigter und misshandelter Kinder zwar deren notwendigen Schutz und Sicherheit gewährleisten kann, aber nicht den wirklichen Bedürfnissen der Kinder gerecht werden. Mit einer Fremdunterbringung ist meistens eine längerfristige Platzierung in weiter Entfernung des familiären Umfeldes des Kindes verbunden. Die Autorin plädiert für einen Paradigmawechsel um den psychosozialen Bedürfnissen von Kindern Rechnung zu tragen. Sie fordert dazu auf, kreative und flexible Ideen und Wege zu entwickeln. Die Interventionen zum Schutz der Kinder müssen optimal auf die komplexen Bedürfnisse von misshandelten und vernachlässigten Kindern abgestimmt werden.

Fazit

Es lohnt sich für alle Akteurinnen und Akteure im Kinderschutz, sich mit dem im vorliegenden Band versammelten Beiträgen zu verschiedenen „Dimensionen der Rationalitäten“ im Kinderschutz zu befassen. Insgesamt ein interessantes, nicht immer einfach zu lesendes Buch, welches neue Perspektiven eröffnet und zum Weiter(nach)denken anregt. Es ist zu hoffen, dass die Auseinandersetzung mit den Rationalitäten des Kinderschutzes und des dadurch „geschärften Bewusstseins“ die „Reflexivität der Praxis der Sozialen Arbeit zu stärken vermag“. So, wie es sich die Herausgeber in ihrer Einführung wünschen.

Der große Verdienst des vorliegenden Bandes ist der Blick aus verschiedenen Perspektiven und Ebenen auf die Thematik des Kindesschutzes. Auch wenn sich die Autorinnen und Autoren mehrheitlich auf die rechtlichen Regelungen in Deutschland beziehen, sind die Ausführungen auch für Fachpersonen des Kindesschutzes in der Schweiz sehr aufschlussreich. Hier denke ich insbesondere an die Auseinandersetzung mit den Begriffen „Kindeswohl“ und „Kindeswohlgefährdung“ und die Standardisierung professioneller Handlungsweisen in der Sozialen Arbeit.


Rezensent
Armin Eberli
Dozent, HF Agogis, Zürich
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Zitiervorschlag
Armin Eberli. Rezension vom 08.05.2013 zu: Thomas Marthaler, Pascal Bastian, Ingo Bode, Marc Schrödter (Hrsg.): Rationalitäten des Kinderschutzes. Kindeswohl und soziale Interventionen aus pluraler Perspektive. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-531-18623-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13683.php, Datum des Zugriffs 24.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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