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Karsten Speck, Holger Backhaus-Maul u.a.: Freiwilligenagenturen in Deutschland

Cover Karsten Speck, Holger Backhaus-Maul, Peter Friedrich, Maud Krohn: Freiwilligenagenturen in Deutschland. [Potenziale und Herausforderungen einer vielversprechenden intermediären Organisation]. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. 212 Seiten. ISBN 978-3-531-18584-2. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Freiwilligenagenturen, (auch als Freiwilligenzentren, vor allem bei der Caritas, Freiwilligenbüros und als Ehrenamtsbörsen bezeichnet) sind, nicht zu Letzt auch in ihrem Selbstverständnis intermediäre Organisationen. Sie fungieren als mehrdimensionale Scharniere zwischen engagementinteressierten Bürgern, gemeinnützigen Organisationen, (Kommunal-)Politik und Verwaltung und (gelegentlich) auch zu lokalen Wirtschaftsunternehmen. Durch Beratungs-, Informations-, Qualifizierungs- und Vermittlungsangebote, ergänzt um Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit soll das bürgerschaftliche Engagement vor Ort gefördert werden.

Man sollte meinen, es handelt sich dabei um einen noch jungen Typ von Organisationen. Dabei wurde die erste Freiwilligenagentur bereits 1980 gegründet, obwohl sich in der direkten Folgezeit nicht viele Nachahmer fanden. Zu einer regelrechten Gründungswelle kam es dann Ende der 1990er Jahre, als die Engagementdebatte deutlich vernehmlich wurde. Nach allem, was von hier aus beobachtet wurde (die besprochene Studie belegt dieses u. a.) gab es in der Folgezeit jede Menge Neugründungen, nun auch im kleinstädtischen Rahmen, aber auch ein Sterben. Offenbar herrscht eine Dynamik in der Landschaft der Freiwilligenagenturen.

Die Sozialforschung widmet sich den Freiwilligenagenturen etwa seit 10 – 12 Jahren, z.T. auf Verbandsebene (Caritas), wie auch mit eher regionalem Erkenntnisinteresse. So fehlten bisher umfassende Erhebungen zu diesen Organisationen, an die auf der einen Seite z. T. recht hohe Erwartungen gerichtet sind (einschließlich der Selbsterwartungen) und die andererseits mancherorts so fragil aufgestellt sind, dass sie den Betrieb einstellen (mussten). Das vorliegende Werk bringt sehr viel Licht in diese halbdunkle Landschaft, da die Studie breit aufgestellt wurde. Eine Befragung aller 360 recherchierten Freiwilligenagenturen in Deutschland mit einem stattlichen Rücklauf von 62% bildet die breite Erkenntnisbasis, von der ausgehend, vier Fallstudien der Situation von Freiwilligenagenturen in für Deutschland exemplarisch ausgewählten Kommunen entwickelt wurden. Diese werden ergänzt und in Bezug gesetzt zu einer Expertenbefragung auf Bundesebene.

Autoren

  • Prof. Dr. Karsten Speck (Dipl. Pädagoge) leitet das Institut für Pädagogik an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg und die AG Forschungsmethoden in den Erziehungs- und Bildungswissenschaften.
  • Holger Backhaus-Maul (Soziologe und Verwaltungswissenschaftler) leitet das Fachgebiet „Recht, Verwaltung und Organisation der Philosophischen Fakultät der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg und ist im Vorstand der Aktive Bürgerschaft e.V.
  • Peter Friedrich ist Dipl. Erziehungswissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Martin-Luther Universität Halle-Wittenberg.
  • Maud Krohn ist Dipl. Pädagogin und an der Universiät Potsdam für den Career Service verantwortlich.

Aufbau und ausgewählte Inhalt

Nach der Einleitung wird das Untersuchungsdesign der bundesweiten Befragung der Freiwilligenagenturen vorgestellt. Dabei wurden einerseits vier Fragenkomplexe bezogen auf die Evaluationstypen Kontext-, Input, Prozess- und Ergebnisevaluation entwickelt und andererseits richtete sich die Fragebogenkonstruktion an einer Erhebung aus dem Jahr 2001 aus, die die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen (bagfa) durchführte (BMFSJ Hrsg. 2002: Freiwilligenagenturen in Deutschland), um Längsschnittaussagen treffen zu können. Das Ziel war eine bundesweit repräsentative Erhebung, so dass zunächst die Grundgesamtheit ermittelt werden musste, was sich offensichtlich zunächst als Herausforderung entpuppte. Die Stichprobe von n = 224 verteilt sich über die Bundesländer analog zur Häufigkeit des Vorkommens von Freiwilligenagenturen in den jeweiligen Bundesländern mit Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichstem Bundesland, als „Spitzenreiter“ mit 56 Agenturen, die sich hier an der Befragung beteiligten.

Es würde den Rahmen einer Rezension bei Weitem sprengen, würde hier die Absicht verfolgt werden, alle Befunde zu referieren und einzeln zu würdigen. Zugleich wäre ein solches Vorhaben auch der Neugier der Rezensionsleser, selbst in das Werk hineinzulesen, entgegen wirken. Daher hier nur einige wenige Ergebnisse, die im Titel auf über 100 Seiten in 34 Abbildungen dargestellt und interpretiert werden.

In einer Erkenntnisstoßrichtung standen Selbstverständnis und Leistungen, bei denen Information und Beratung und die Vermittlung von Freiwilligen mit fast 90 % der Angaben, zu den abgedeckten Arbeitsbereichen ganz oben stehen, während die Zusammenarbeit mit Unternehmen der Region offensichtlich nur ein Randthema der befragten Freiwilligenagenturen darstellt. Interessant neben der Nachverfolgung der Entwicklung von Freiwilligenagenturen (Gründungsphasen) ist auch der Blick auf die verfügbaren Jahresbudgets, die im Vergleich der Jahre 2001 und 2009 aufzuzeigen waren. Dabei wiesen 42% der befragten Agenturen ein Jahresbudget von bis zu 10.000 EUR auf (26% mehr als 50.000 EUR). Diese dürften erhebliche Schwierigkeiten haben, eine einigermaßen breite Palette an Leistungen und das auch kontinuierlich vorzuhalten. Dazu kommt, dass fast ein Drittel völlig ohne hauptamtliches Personal arbeitet. Immerhin verfügt über die Hälfte über ein bis zwei hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Wichtig auch der prüfende Blick auf lokale Verankerung und kommunale Unterstützung. Die Unterstützung erfolgt zumeist ideell durch die Verwaltungsspitze. Dennoch werden 65% mit der Bereitstellung von Finanzmitteln durch die Kommune unterstützt.

Auf der Basis der hier nur anzudeutenden Vielfalt von Befunden aus der bundesweiten repräsentativen Erhebung wurden vier lokale Fallstudien entwickelt, die über ein mehrstufiges Auswahlverfahren anhand eines Kriterienkataloges identifiziert wurden. Sie basieren auf insgesamt 36 leitfadengestützten Interviews mit leitenden Mitarbeitern von Freiwilligenagenturen und Trägerorganisationen, Kommunalpolitik und Verwaltung sowie relevanten lokalen Kooperationspartnern der Freiwilligenagenturen.

Die erste Fallstudie zeigt ein Modellprojekt der Kommunalverwaltung im Bezirk einer ostdeutschen Großstadt. Die erst zwei Jahre bestehende Freiwilligenagentur wird auf zwei Jahre befristet aus kommunalen Sondermitteln finanziert, ist eng in die Kommune über das Sozialamt eingebunden, obwohl in der Trägerschaft einer gemeinnützigen GmbH stehend und gehört zu den 13% der Freiwilligenagenturen in Deutschland, die über ein Jahresbudget von mehr als 100.000 EUR verfügen.

Ein ähnlich stattliches Jahresbudget weist auch die Freiwilligenagentur in der zweiten Fallstudie auf, das vollständig aus kommunalen Mitteln bestückt wird. Sie ist in der besonderen Lage, dass sie sich aktuell in einem von der Stadtverwaltung initiierten Wettbewerb zwischen lokalen Freiwilligenagenturen gestellt sieht.

Bei der dritten Fallstudie handelt es sich um eine Freiwilligenagentur, die 1997 als gemeinsames Projekt des örtlichen Diakonischen Werkes und des Caritasverbandes gegründet wurde, deren Trägerschaft heute beim regionalen Caritasverband liegt. Sie geht zurück auf ein dreijähriges Projekt, bei dem nach Ablauf der Projektphase die Kommune in die Finanzierungsverantwortung eintrat. Die Entwicklung dieser Freiwilligenagentur ist zum Untersuchungszeitpunkt durch eine finanziell und personell prekäre Situation gekennzeichnet.

Die vierte untersuchte Freiwilligenagentur ist im Jahre 2000 im ländlichen Raum im Rahmen eines Landesmodellprogramms entstanden und wird heute von einem Verbund mehrerer Wohlfahrtsverbände getragen. Diese Freiwilligenagentur zeichnet sich durch eine, von Beginn an bestehende, starke lokale Einbettung aus.

Die Fallstudien sind unter Berücksichtigung lokaler Besonderheiten gleichförmig derart strukturiert, dass zunächst die Organisationsstruktur beleuchtet wird. Hier wird die Rechts- und Organisationsform fokussiert, die Personalstruktur und Ressourcenausstattung erfasst. Im Blickwinkel „Aufgabenprofil“ werden die Arbeitsbereiche und Zielgruppen thematisiert und im Untersuchungsaspekt „lokales Umfeld“ werden Rahmenbedingen beleuchtet sowie relevante Akteure ermittelt, dazu gehört die Kommunalverwaltung und -politik, sowie die Trägerorganisationen.

Unter Einbezug relevanter Quellen und der Befunde der dritten Teilstudie, bei der 14 einschlägige Experten auf Bundesebene befragt wurden, werden abschließend die Freiwilligenagenturen in Deutschland unter der Überschrift „Flächendeckende Präsenz und prekäre Institutionalisierung“ diskutiert und die Ergebnisse der anderen Teilstudien pointiert zusammengefasst.

Diskussion und Fazit

Die in den Fallstudien für Deutschland exemplarischen Freiwilligenagenturen zeigen eine beachtliche Heterogenität kommunaler Rahmenbedingungen und Voraussetzungen auf. Die Bandbreite des Umganges der Kommunen mit „ihren“ Freiwilligenagenturen reicht von einer durch die Kommune selbst gegründeten Einrichtung über wohlwollende Billigung und (magere) Zuwendung von Mitteln bis hin zum völligen Desinteresse an zumeist selbst organisierten Einrichtungen. Die Freiwilligenagenturen sind nicht selten eine „one-man-show“ (oder woman-show), unterstützt durch vereinzeltes und versprengtes weiteres Engagement. Die Verantwortlichen sind es, die die Projekte in ihrer Ausrichtung prägen. Wie sich diese „Leiterinnen und Leiter“ zukünftig – vor allem selbst – weiter professionalisieren können, scheint ein zentraler Baustein für die weitere Entwicklung von Freiwilligenagenturen zu sein.

Eine lokale Engagementkultur und -infrastruktur wird in vielen „Sonntagsreden“ eine hohe Bedeutung und ein besonderer Stellenwert zugemessen. Sie stellt die Antwort auf den Bedarf an sozialem Kitt dar, sie garantiert ein lebenswertes lokales Klima und gleicht vielerlei Defizite aus. So ist auf der einen Seite die öffentliche Erwartung an diese Einrichtungen groß, nicht minder groß sind offenbar auch die Erwartungen der Akteure in den Einrichtungen an sich selbst. Auf der anderen Seite gibt es weder von den Kommunen, den Ländern oder vom Bund in der Regel eine institutionalisierte Förderung lokaler und regionaler Engagementprojekte. Hie und da gab es Modellprojekte mit unsicheren Ressourcenaussichten für die Anschlusszeit. Das Werk zeigt, Freiwilligenagenturen sind flächendeckend verbreitet, wenn auch außerhalb großstädtischer Verdichtungsräume dünn gesät und vor allem dort, nicht von Dauer.

Mit der Studie liegt erstmals eine umfassende Bestandsaufnahme einer über 30 Jahre laufenden Entwicklung eines Institutionalisierungsprozesses vor, deren Ergebnisse insgesamt und im Detail wertvolle Argumentationshilfen liefern. Daher gehören diese unbedingt in den politischen Raum. Diese Bestandsaufnahme ist so umfassend, da sie drei Teilstudien integriert, deren Befunde zum Teil Sockel bildend für andere Untersuchungsschritte sind, zum Teil werden Daten, Perspektiven gebündelt. Dies hat sicher Vorbildcharakter. Auch wenn es genau so ist, dass die repräsentative Untersuchung der Freiwilligenagenturen in Deutschland den soliden Ausgangsboden für die weiteren Forschungsschritte bildet, Lesevergnügen bringen die Fallstudien – schreibt der Rezensent, dessen Vorlieben nun einmal bei der qualitativen Sozialforschung liegen.


Rezensent
Prof. Dr. Harmut Bargfrede
lehrt am Studiengang Sozialmanagement der Hochschule Nordhausen u. a. das Vertiefungsgebiet „Bürgerschaftliches Engagement, Freiwilligenmanagement und Bürgerstiftungen“


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Zitiervorschlag
Harmut Bargfrede. Rezension vom 22.02.2013 zu: Karsten Speck, Holger Backhaus-Maul, Peter Friedrich, Maud Krohn: Freiwilligenagenturen in Deutschland. [Potenziale und Herausforderungen einer vielversprechenden intermediären Organisation]. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-531-18584-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13685.php, Datum des Zugriffs 19.12.2018.


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