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Anne Häußler, Antje Tuckermann u.a.: Praxis TEACCH. Wenn Verhalten zur Herausforderung wird

Cover Anne Häußler, Antje Tuckermann, Markus Kiwitt: Praxis TEACCH. Wenn Verhalten zur Herausforderung wird. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2014. 96 Seiten. ISBN 978-3-942976-05-3. D: 17,80 EUR, A: 18,30 EUR, CH: 28,90 sFr.
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Thema

Das Buch gibt Handlungshilfen zum Umgang mit kritischem Verhalten bei Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen. Ausgangspunkt ist ein möglichst umfassendes Verständnis der individuellen Auswirkungen einer autistischen Wahrnehmung auf das Verhalten einer Person. Anhand eines konkreten Beispiels werden Wege aufgezeigt, wie wirkungsvolle Strategien entwickelt werden können und auslösende Bedingungen verändert werden können.

Autorinnen und Autor

Anne Häußler, Markus Kiwitt und Antje Tuckermann begleiten Menschen aus dem autistischen Spektrum. Anne Häußler hat den TEACCH Ansatz in Deutschland bekannt gemacht. Sie leitet eine Therapie- und Beratungsstelle, die auf dem TEACCH-Konzept basiert arbeitet.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist der letzte Teil der fünfteiligen Reihe Praxis TEACCH aus dem borgmann media verlag. Alle Teile beschäftigen sich mit konkreten Anwendungsbereichen des TEACCH Ansatz und möglichen Fragestellungen aus der Praxis.

Aufbau und Inhalt

Das Buch im DIN A 5 Ringbindung - Format umfasst acht Kapitel auf 135 Seiten. Die Autoren haben ein Fünf – Phasen – Modell entwickelt. Dieses wird in den Kapiteln 3-7 erläutert. Dieses Modell bietet eine systematische Vorgehensweise und stellt dadurch einen strukturierten Leitfaden dar. Zum Buch gehört eine CD – ROM mit Arbeitsbögen, die sich man als Handbuch ausdrucken kann. Die Autoren wenden sich an Personen, die Kinder, Jugendliche oder Erwachsene mit einer Autismus-Spektrum-Störung begleiten und fördern. Neben der Vorstellung der Arbeitsweise der einzelnen Phasen wird in jedem Kapitel die Umsetzung in die Praxis am Fallbeispiel Paul beschreiben.

  1. Einführung: Das Eisberg-Modell
  2. Startpunkt „Krise“
  3. Phase I – „Die Eisbergspitze: Das kritische Verhalten erkennen und benennen“
  4. Phase II – „Die erste Reaktion: Strategien zur Deeskalation“
  5. Phase III – „Das Fundament des Eisbergs“
  6. Phase IV – „Auf Kollisionskurs“
  7. Phase V – „Unsichtbare Zusammenhänge sichtbar machen“
  8. Literatur

Das erste Kapitel führt in das „Eisberg-Modell“ ein. Dieses Modell wird in den Bezugsrahmen der Analyse herausfordernden Verhaltens gestellt. Das Eisbergmodell ist zum Verstehen von herausfordernden Verhaltensweisen hilfreich, denn es macht deutlich, dass es neben dem, was man über die Wasseroberfläche sieht auch noch beachtenswerte Dinge gibt, die unter der Wasseroberfläche liegen können.

Das zweite Kapitel trägt die Überschrift Startpunkt „Krise“. Es beginnt mit dem Gespräch zur auslösenden Krisensituation, in dem die Krise beschrieben wird, um dann zu entscheiden, was die nächsten Schritte sind. Es wird erläutert, wie diese in einem klärenden Gespräch transparent gemacht werden.

In den folgenden vier Kapiteln (3-7) werden die fünf Phasen des Modells vorgestellt.

Phase I – „Die Eisbergspitze“ erläutert, wie das kritische Verhalten erkannt wird, erklärt den Anspannungsverlauf und ein sog. Krisenverlaufsdiagramm.

Phase II – „Die erste Reaktion: Strategien zur Deeskalation“ beschreibt die Reaktionen zur Beeinflussung von Verhalten. Es werden Methoden vorgestellt, die bei der Entwicklung von individuellen Strategien zur Deeskalation erprobt wurden wie z.B. die Toleranzampel und die Effektanalyse, die eine Art Qualitätskontrolle der Deeskalationsstrategie ist.

Phase III – „Das Fundament des Eisbergs“ betrachtet versteckte Auslöser des Verhaltens, die unter der Oberfläche liegen. Es werden Merkmale einer Autismus-Spektrum-Störung im Zusammenhang mit herausfordernden Verhaltensweisen beschreiben wie organische Faktoren, Wahrnehmung, soziale Interaktion, kognitive Besonderheiten sowie Lernen und Festigung des Verhaltens.

Phase IV – „Auf Kollisionskurs“ hat das Ziel, Ursachen der Krise frühzeitig zu erkennen und präventiv zu handeln: potentielle Auslöser der Krise werden identifiziert, Ziele für die Intervention definiert und Ziele für eine erfolgreiche Intervention formuliert. Bei den Interventionen wird die Veränderungen des Umfelds geplant, alternatives Verhalten zur Kompetenzerweiterung aufgebaut sowie Notfallpläne geschrieben.

Das achte Kapitel fasst das 5-Phasen-Modell in der Gesamtübersicht zusammen und gibt Hinweise, welche Dokumente man in welcher Phase verwenden sollte. Das Buch endet mit einem Literaturverzeichnis.

Diskussion

Ein brennendes Thema in der Begleitung von Menschen mit Autismus sind Verhaltensäußerungen, die herausfordern und nicht selten an Grenzen führen. Es ist eine Sackgasse, allein die Spitze des Eisberges zu betrachten. Einen tragfähigen Zugang findet man dadurch, dass man sich den Auslösern zuwendet die – um im Bild zu bleiben- unter der Wasseroberfläche liegen. Dieses Buch eröffnet einen systematischen Zugang anhand von 5-Phasen. Die Systematik stellt quasi einen Leitfaden dar, der sich als hilfreich erweist, weil praxiserprobte Materialien an die Hand gegeben werden, um einen tragfähigen Umgang zu entwickeln.

Es ist sehr zu begrüßen, dass Bücher wie dieses geschrieben werden. Das Eisbergmodell und das Vorgehen anhand von fünf Phasen sind sehr hilfreich, um Verhalten zu verstehen.

Kritisch möchte ich folgendes anmerken: Als ich das Buch in den Händen hielt war ich erfreut über den Titel: „Wenn Verhalten zur Herausforderung wird“. Der Begriff „Herausforderung“ ist wertneutraler als andere Begriffe, die in diesem Zusammenhang oft benutzt werden wie z.B. Verhaltensauffälligkeit, grenzwertiges, systemsprengendes oder festgefahrenes Verhalten. Für mich impliziert der Begriff „Herausforderung“ ein dialogisches Prinzip und unterstreicht, dass Menschen, die sich in einem Kontext bewegen gleichermaßen gefordert sind zum Gelingen der Begegnung beizutragen. Im Buch finden sich einseitig gefärbte Darstellungsweisen, wenn die Autoren davon sprechen, dass Mitarbeiter „konfrontiert“ werden, an Grenzen kommen usw. An dieser Stelle möchte ich ergänzen: Es bedarf einer Offenheit und Wachsamkeit. Nicht selten werden Menschen mit Autismus an Grenzen gebracht, weil sie eine unangepasste Umgebung vorfinden oder mancher Konflikt entsteht, weil Denk-und Wahrnehmungsweisen von Menschen mit Autismus unbeachtet bleiben. Möglich ist auch, dass Mitarbeitende Ziele und Werte verfolgen, die nicht mit dem Umfeld abgestimmt sind und zu Konflikten führen. Hier ist dann schon die Frage erlaubt, wer wen an Grenzen bringt.

Auch die Verwendung des Wortes „Krise“ stößt bei mir auf Unbehagen. In meinem Beratungskontext begegnet mir nicht selten die Aussage, dass die Fokusperson in der „Krise“ ist. Das Wort „Krise“ bedeutet vom Wortsinn her Zuspitzung. Diese Wortwahl hat etwas Bedrohliches. Bedrohungen lösen Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit aus. Solche Gefühle münden nicht selten in Sackgassen, die für die Situation kontraindiziert sind, weil vorhandene Lösungswege überlagert werden. Die Feststellung, dass die Fokusperson in der Krise ist verleitet zudem zu einem einseitig gefärbten Blickwinkel, bei dem es auf der einen Seite den „Störer“ und auf der anderen Seite „die Gestörten“ gibt. An dieser Stelle vermisse ich den Hinweis auf das dialogische Prinzip auf Augenhöhe.

Seit fast 30 Jahren arbeite ich mit Menschen, die mich herausfordern. In dieser Arbeit habe ich Handlungsoptionen entwickelt, die ich ergänzen möchte.

„Pro – aktiv vor re – aktiv“: In der Begleitung von Menschen wird leider oftmals zu lange abgewartet. Folge ist, dass sich Situationen zuspitzen und eskalieren. Das Umfeld kann dann nur noch re -agieren. Besser ist es Handlungsoptionen in ruhigen Situationen zu entwickeln, statt aus dem Moment heraus zu reagieren. Zudem kann man im Vorfeld über passende Möglichkeiten nachdenken, auf die man in stressigen Situationen nicht kommt. Es ist erwiesen, dass Menschen mit Autismus weniger herausgefordert sind, wenn sie eine passende Umgebung vorfinden.

Auf der Grundlage eines Zwei-Wege-Ansatzes wird die Umwelt so angepasst, dass die individuelle Stärken maximiert werden und Auswirkungen der Schwächen minimieren werden. Es geht darum, zu verstehen, denn nur wer versteht, kann lernen. Das gilt für Klienten und Begleiter gleichermaßen.

„Aggression ist Kommunikation“ - diese Aussage unterstreicht, dass der Fokus auf den Austausch und das Verstehen von Sichtweisen und Erlebniswelten liegen sollte. Zwischen der Wahrnehmung einer Person, der Informationsverarbeitung und dem Verhalten gibt es Zusammenhänge. Neben individuellen Kompetenzen/Interessen sowie personenbedingten Einschränkungen spielen im Betreuungskontext auch behinderungsspezifische Beeinträchtigungen eine Rolle. In diesem Zusammenhang ist vor allem sehr wichtig, dass die Kommunikationspartner sich gegenseitig anerkennen und ernst nehmen.

„Jedes Verhalten ist funktional und individuell sinnvoll“. Interventionen sollten auf dieser Erkenntnisgrundlage entwickelt werden. Die Entwicklung tragfähiger Lösungen braucht eine dialogische Begegnung auf Augenhöhe. Verhalten kann nicht vom Kontext und den Akteuren getrennt betrachtet werden. Zwischen Menschen (Kommunikationspartnern) kann es zu Missverständnissen kommen. So manches Verhalten, welches der eine als „Auffälligkeit“ erlebt, ist für das Gegenüber eine sinnvolle Lösungsstrategie z.B. um sich zu entlasten oder für sich einen Ausweg zu suchen.

„Selbstwirksamkeit hat Vorfahrt“. JederMensch möchte selbst wirksam sein. Bandura forschte dazu schon in den 50er Jahren. In meinen Beratungskontexten empfehle ich immer Lösungsansätze, die die Person selber entwickelt hat, denen vorzuziehen, die andere entwickelt haben. Ein Umfeld, welches dafür einen aufmerksamen Blick hat kann erkennen, dass manche Lösung schon vorhanden ist, wenn man ergebnisoffenen darauf zugeht und sich vorurteilsfrei darauf einlässt.

Fazit

In diesem Buch werden Handlungshilfen zum Umgang mit krisenhaftem Verhalten bei Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen gegeben. Ausgangspunkt ist ein möglichst umfassendes Verständnis der individuellen Auswirkungen einer autistischen Wahrnehmung auf das Verhalten einer Person. Anhand von konkreten Beispielen werden Wege aufgezeigt, wie wirkungsvolle Strategien entwickelt werden können und auslösende Bedingungen verändert werden können.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 10.09.2014 zu: Anne Häußler, Antje Tuckermann, Markus Kiwitt: Praxis TEACCH. Wenn Verhalten zur Herausforderung wird. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2014. ISBN 978-3-942976-05-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13689.php, Datum des Zugriffs 20.06.2019.


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ISSN 2190-9245

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