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Leo Montada, Elisabeth Kals: Mediation. Lehrbuch für Psychologen und Juristen

Rezensiert von Prof. Dr. Johanna Hartung, Prof. Dr. Angelika Gregor, 02.04.2002

Cover Leo Montada, Elisabeth Kals: Mediation. Lehrbuch für Psychologen und Juristen ISBN 978-3-621-27492-0

Leo Montada, Elisabeth Kals: Mediation. Lehrbuch für Psychologen und Juristen. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU) (Weinheim) 2001. 301 Seiten. ISBN 978-3-621-27492-0. 49,90 EUR. CH: 80,50 sFr.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-621-27589-7 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

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Anliegen des Buches, Zielgruppen

Mediation ist ein außergerichtliches Verfahren der Konfliktvermittlung, bei dem die Konfliktparteien mit Hilfe eines Vermittlers in autonomer Übereinkunft eine konsensuale Konfliktlösung erarbeiten. Sie gewinnt in vielfältigen Anwendungsfeldern (z.B. bei Trennung und Scheidung, in der Schüler-Streitschlichtung, beim Täter-Opfer-Ausgleich, bei politischen Auseinandersetzungen und Umweltkonflikten) zunehmend an Bedeutung.

Das Anliegen der Autoren ist es, den möglichen „Beitrag der Psychologie zur Bereicherung und Differenzierung der Mediationspraxis“ sowie zur „theoretischen Begründung bewährter Praxsiselemente“ herauszuarbeiten. Die Autoren betonen, dass das Buch „nicht als konkrete Praxisanleitung“ gedacht ist, sondern „das Repertoire an Heuristiken für die notwendigen Analysen und die Erarbeitung produktiver Lösungen bereichern“ soll.

Das Buch richtet sich gleichermaßen an Psychologen und Juristen (Studierende und Praktiker) bzw. benachbarte Berufsgruppen, die am Handlungsfeld der Konfliktmediation interessiert sind. Die Autoren formulieren das Ziel einer interdisziplinären Zusammenarbeit im Mediationsprozess. (Nicht zuletzt aus diesem Grund wurde diese Rezension von Dozentinnen der beiden Fachdisziplinen Psychologie und Rechtswissenschaft gemeinsam verfasst.)

Autoren

Prof. Dr. Leo Montada und PD Dr. Elisabeth Kals (beide Universität Trier, Fachbereich I Psychologie) weisen Veröffentlichungen in vielfältigen Fachgebieten der Psychologie, (Entwicklungspsychologie, Sozialpsychologie, Politische Psychologie, Umweltpsychologie…) auf. Das im Anhang befindliche Glossar juristischer Fachbegriffe wurde von Rechtsanwalt Dr. Lothar Gründling, Heidelberg, erstellt.

Inhalte

Ziel einer Mediation – so betonen die Autoren – ist nicht nur die Beilegung oder Vermittlung eines Konflikts, sondern die „Aufdeckung der Tiefenstruktur eines Konfliktes zur nachhaltigen Bereinigung“ desselben. Mediation soll darüber hinausgehend für die Beteiligten und deren Beziehung zueinander eine „Entwicklungsgelegenheit“ bieten.

Vor dem Hintergrund dieser Zielsetzung wird die Mediation von anderen Handlungsalternativen zur Lösung sozialer Konflikte (insbes. von juristischen Methoden) qualitativ abgegrenzt.

In pointierter Weise setzen sich die Autoren mit von ihnen als „Mythen in der Mediation“ bezeichneten Positionen auseinander, die Mediatoren zu unangemessener Neutralität, inhaltlicher und methodischer Zurückhaltung sowie zu einem ungünstigen Unterdrücken der Emotionen der Beteiligten und Ausblenden der Vergangenheit des Konfliktes veranlassen könnten.

Konfliktformen, -anlässe, -strukturen, -inhalte werden differenziert und mit Beispielen veranschaulicht dargestellt. Es werden Bedingungen herausgearbeitet, die darauf Einfluss nehmen, inwiefern Konflikte als Problem und auch als Entwicklungschance gewertet werden können.

Die Bedeutung subjektiv wahrgenommener Ungerechtigkeit für das Konfliktgeschehen, die unabhängig von justiziablen Rechtsansprüchen existieren kann, wird vor dem Hintergrund der Psychologie der Gerechtigkeit erarbeitet.

Eine produktive Bearbeitung von Emotionen der Konfliktbeteiligten, mit dem Ziel, einen Zugang zur Tiefenstruktur des Konfliktes zu finden, wird beispielhaft an der Emotion Empörung illustriert.

Ergebnisse der Kreativitätsforschung und – dem Leser wahrscheinlich aus anderen Kontexten bekannte – Kreativitätstechniken werden hinsichtlich ihrer Brauchbarkeit im Mediationsprozess reflektiert.

Ablauf und Phasen des Mediationsprozesses einschließlich konkreter Hinweise für die Vorbereitung der einzelnen Phasen sowie für die produktive Bewältigung von Krisen werden prägnant, anschaulich und hervorragend strukturiert (z.B. in Form von Checklisten) vorgestellt.

Abschließend formulieren die Autoren Anforderungen an die Kompetenzen einer Mediatorin/​eines Mediators.

Anmerkungen aus juristischer Sicht

Aus juristischer Sicht haben die Autoren eine allzu ideale, optimistische, auch altruistische Sicht der Dinge, wenn sie in den Vordergrund stellen, dass Mediation zu einer neuen Streitkultur und „neuen Ethik der Austragung von Konflikten und damit zu übergeordneten gesellschaftlichen Entwicklungszielen“ beitragen kann. Auch in der Mediation geht es um Interessen der Beteiligten – selbst um finanzielle Interessen der sie betreibenden Mediatoren!

Bei der Konfliktlösung durch Richter, Schiedsleute und Schlichter, so betonen die Autoren, sei es nachteilig, dass die Betroffenen nicht an der Lösung des Konflikts beteiligt sind. Richter seien lediglich „am Recht und an Rechtspositionen“ orientiert. Diese Sichtweise ist zu pauschalierend; gerade im Familiengericht und auch im (Jugend-)Strafverfahren bspw. beim Täter-Opfer-Ausgleich geht es auch Juristen zur konstuktiven Durchführung ihrer Verfahren um eine ganzheitliche Erfassung des Konfliktes.

Wenngleich die Kritik der Autoren an der sogenannten „Objektivierung“ von Lebenssachverhalten berechtigt ist, (denn die Erfassung der Gefühle der Parteien, die für jede Art von Konflikten erheblich ist, bleibt bei der herkömmlichen juristischen Objektivierungsmethode nahezu unbeachtet), so ist es doch bedauerlich, dass die juristische Methode insgesamt eher generalisierend und simplifizierend beschrieben wird.

Positiv und konstruktiv ist die seitens der Autoren geforderte Ersetzung des Postulats der „Neutralität“ durch das Prinzip der „Allparteilichkeit“. Auch mit der Empfehlung, die Vergangenheit des Konfliktgeschehens in den Mediationsprozess einzubeziehen, enttabuisieren die Autoren überzeugend das herkömmliche Postulat, „den Blick ausschießlich nach vorn zu richten.“ Der Mediator darf zum „Klärungshelfer“ der Parteien werden; er soll Emotionen steuern und nicht ausblenden. Hier können Psychologen und Juristen voneinander lernen.

Anmerkungen aus psychologischer Sicht

Aus psychologischer Sicht könnte man sich nach der Lektüre des Buches im Sinne einer „Eigengruppenfavorisierung“ bestätigt sehen, da nach Meinung der Autoren offenbar die Psychologie eine dem Gegenstand angemessenere Sichtweise ermöglicht. Bedauerlich, dass die Kooperation der Autoren mit Juristen sich offenbar weitgehend auf das Glossar beschränkt hat. Eine interdisziplinäre Kooperation hätte sowohl eine differenzierte Rezeption juristischer Fachliteratur zum Thema Mediation als auch eine Darstellung der Versorgungsstruktur und der Inanspruchnahme von Mediationsangeboten erleichtern können.

Für den psychologisch vorgebildeten Leserkreis dürfte besonders interessant sein, wie die Autoren psychologische Theorien und empirische Befunde für das Handlungsfeld der Mediation nutzbar machen, z.B. sozialpsychologische Theorien zur Gerechtigkeit sowie die experimentelle psychologische Konfliktforschung, die unter dem Gesichtspunkt der (eingeschränkten) Gültigkeit für reale soziale Konfliktsituationen kritisch reflektiert wird.

Fazit

Insgesamt bietet das Buch eine hervorragende Einführung in Grundannahmen, Ablauf und Vorgehensweisen der Mediation. Auf dem Hintergrund wissenschaftlich psychologischer Theorien und Konzepte wird zur Reflexion aktueller und künftiger Mediationspraxis angeregt. Die detaillierte Gliederung des Mediationsverfahrens bietet ein ideales Instrumentarium, um erste Mediationen selbstständig vorbereiten und strukturieren zu können.

Die Strukturierung des Buches, unterstützt durch ein gelungenes Layout, erleichtert Leserinnen und Lesern die Orientierung und das Verständnis des umfangreichen und komplexen Werkes. Jedes Kapitel wird durch eine Zusammenfassung eingeleitet. Essentials, kritische Aspekte, programmatische Aussagen und Praxisbeispiele werden in jeweils gekennzeichneten Kästen komprimiert und prägnant dargestellt.

Das Literaturverzeichnis bietet – insbesondere hinsichtlich psychologischer Fachliteratur – eine Fülle von Anregungen für eine vertiefende Bearbeitung des Themas.

Bei einer Neuauflage wäre eine Erweiterung des Buches um eine Darstellung der Versorgungsstruktur (anbietende Professionen und Institutionen, Finanzierung…) sowie empirische Daten zur Inanspruchnahme und zur Evaluation von Mediationsangeboten zu wünschen.

Rezension von
Prof. Dr. Johanna Hartung
Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Fachgebiet Psychologie
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Prof. Dr. Angelika Gregor
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Fachgebiet Rechtswissenschaft

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Zitiervorschlag
Johanna Hartung, Angelika Gregor. Rezension vom 02.04.2002 zu: Leo Montada, Elisabeth Kals: Mediation. Lehrbuch für Psychologen und Juristen. Beltz Psychologie Verlags Union (PVU) (Weinheim) 2001. ISBN 978-3-621-27492-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/137.php, Datum des Zugriffs 19.08.2022.


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