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Michael Winkler: Erziehung in der Familie

Cover Michael Winkler: Erziehung in der Familie. Innenansichten des pädagogischen Alltags. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2012. 163 Seiten. ISBN 978-3-17-021979-3. 22,90 EUR.

Reihe: Pädagogik.
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Thema

Die Erziehungswissenschaft hat, wenn sie besondere Felder pädagogischen Handelns thematisiert, das formelle und professionelle Handeln im Blick: in der Schule, Kinder- und Jugendhilfe, Erwachsenenbildung und Sonderpädagogik, mit Abstrichen im Betrieb. Informelle Erziehung durch Laien, d.h. insbesondere „Erziehung in der Familie“, ist seit dem Beginn erziehungswissenschaftlicher Reflexion selten ihr Thema. Die entsprechende Theorie überlässt sie seit den 1970er Jahren der historischen, soziologischen und psychologischen Familienforschung, die Praxis den zahlreichen Elternratgebern. Bis heute liegen, vom vorliegenden Buch abgesehen, nur vier familienpädagogische Monographien vor: Klaus Mollenhauers, Micha Brumliks und Hubert Wudtkes „Die Familienerziehung“ (1975), Bettina Paetzolds und Lilian Frieds „Einführung in die Familienpädagogik“ (1989), Bruno Hamanns „Familie und Familienerziehung in Deutschland“ (2000) und Jutta Ecarius', Nils Köbels und Katrin Wahls „Familie, Erziehung und Sozialisation“ (2010). Und Elternratgeber aus der Hand von Erziehungswissenschaftlern bleiben die Ausnahme, wiewohl sie seit Comenius' „Informatorium der Mutterschul“ und Makarenkos „Buch für Eltern“ eine gewisse Tradition haben. Hier haben sich in der Gegenwart Klaus Hurrelmann (Kinder stark machen für das Leben, 2008) sowie Sabine Andresen und Micha Brumlik (Das ElternBuch, 2011) hervorgetan.

Michael Winklers Buch ist die fünfte familienpädagogische Monographie mindestens seit den 1970er Jahren. Der Autor erhebt den Anspruch, sowohl Vereinfachungen psychologisch orientierter Elternratgeber als auch Halbierungen soziologisch ausgerichteter Familienforschung zu vermeiden (6). Zugleich will er das Thema Familienerziehung, gewissermaßen die Urform der Erziehung, innerhalb der Erziehungs-Wissenschaft salonfähig machen.

Autor

Michael Winkler, Professor für Allgemeine Pädagogik und Theorie der Sozialpädagogik an der Universität Jena und Leiter des dortigen Instituts für Bildung und Kultur, hat seinerzeit an der Universität Erlangen-Nürnberg Pädagogik und Philosophie, Geschichte und Germanistik studiert und ist dort 1979 promoviert („Geschichte und Identität. Versuch über den Zusammenhang von Gesellschaft, Erziehung und Individualität in der ‚Theorie der Erziehung‘ Friedrich Daniel Schleiermachers“, 1979) und 1986 habilitiert worden (Eine Theorie der Sozialpädagogik, 1988). Zuletzt ist seine programmatische Schrift „Kritik der Pädagogik. Der Sinn der Erziehung“ (2006) bekannt geworden.

Aufbau

Winklers Buch besteht aus fünf Kapiteln, die ihrerseits, ohne Nummerierung oder alphabetische Kennzeichnung, in vier bis fünf, in einem Fall neun Unterkapitel differenziert sind. Die ersten beiden Kapitel sind der Familie an sich, genauer den Diskursen über Familie gewidmet und das dritte und längste der Familienerziehung. Die letzten beiden Kapitel thematisieren die „Familie unter Druck“ (4) und die Familienerziehung im Verhältnis zur „professionellen Erziehung“ (5).

1 Familie und Familien – Schwierigkeiten mit einer selbstverständlichen Lebensform

Der Untertitel des Kapitels enthält das genus proximum von Familie. Familie ist eine Lebensform, dabei irgendwie mehr als eine „bloße Wohngemeinschaft oder Lebensgemeinschaft von Eltern und Kindern mit mehr oder weniger kurzem Verfallsdatum“ (13). Dieses Mehr wird mit drei Adjektiven gekennzeichnet, die für Winkler programmatischen Charakter haben. Familie als Lebensform bleibt trotz aller wissenschaftlichen und politischen Kritik eine „selbstverständliche“, „autonome“ (7, 15) und dabei „unverwüstliche“ (Tilman Allert) (13) Lebensform. Die „Schwierigkeiten“ mit ihr sind ihrer Autonomie und Konstanz geschuldet. In mehreren Anläufen und von verschiedenen Seiten aus unternimmt der Autor den Versuch, das Phänomen der Familie neben dieser Charakterisierung unterhalb der Varianz ihrer Formen (klassische Kernfamilien, Ein-Eltern-Familien, erweiterte Familien, Folgefamilien, ‚Regenbogenfamilien‘, Reproduktionsfamilien, etc.; 14) begrifflich einzukreisen.

Aus der Binnensicht ist es die emotional gesättigte, narrativ vermittelte und exklusiv (gegenüber Nicht-Mitgliedern) wie inklusiv (gegenüber neuen Mitgliedern) markierte Zugehörigkeit zu einem bestimmten Wir (15ff.). Aus der Außensicht wählt Winkler einen funktionalen und einen strukturalen Zugang. Funktional ist die Familie ein zugleich biotisch-universal bedingter und sozial-variabel ausgestalteter anthropologischer Tatbestand, der insbesondere von der Sorge für die jungen und bedürftigen alten Familienmitglieder geprägt ist (18). Struktural bildet die Familie, wie u.a. von Lévy-Strauss und Talcott Parsons vorgedacht, eine „sozialisatorische Triade“ aus drei Elementen (zwei Erwachsene, mindestens ein Kind) und zwei Beziehungen („Paarbeziehung“, „Filiationsbeziehung“). „Beide Beziehungen sind spannungsreich gekoppelt“, sodass man sie „spöttisch“ das „Kreuz der Familie“ (21) nennen könnte. Sie sind von „Intimität“ geprägt, die sich in ihrer „unmittelbaren Leiblichkeit“ und den miteinander geteilten „Geheimnissen“ zeigt (24). Mit der Intimität hängt zusammen und bildet den Rahmen, dass Familie einen „umgrenzten Ort“ darstellt bzw. ein „Zusammenhang zwischen einem Ort und einer stabilen sozialen Struktur“ (27) besteht. Die Vorbehalte, die gegen das Konzept der sozialisatorischen Triade sprechen – Familienformen mit mehr als zwei Generationen, mehr als einem Kind, als bloßer Teil von Verwandtschaften, mit nicht verwandten Mitgliedern – erscheinen Winkler als nicht gewichtig genug, um das Modell ganz aufzugeben.

2 Streit über Familie

Die Familie ist spätestens seit den 1970er Jahren diskursiver Zankapfel zwischen verschiedenen politischen und politisch geprägten wissenschaftlichen Lagern. David Coopers „Der Tod der Familie“ (1972) hat den Verächtern, Brigitte und Peter Bergers „In Verteidigung der bürgerlichen Familie“ (1984) den Verehrern ihre Stimme gegeben. Auch die sozialwissenschaftliche Familienforschung, wie sie im von Rosemarie Nave-Herz herausgegebenen „Handbuch der Familienforschung“ (1995) und dem von Jutta Ecarius verantworteten „Handbuch Familie“ (2007) dokumentiert wird, bleibt von diesem Streit nicht ganz unbehelligt. Selbst in der historischen Familienforschung ist der „Streit über Familie“ derart rekonstruierbar, als dort erstens gestritten wird, ob die Kleinfamilie schon vorgeschichtlich vorkommt oder erst mit der Neuzeit anhebt und ob sie im zweiten Fall als Verlust (Philippe Ariés) oder als Gewinn (Lloyd de Mause) zu werten ist. Zuletzt können auch die statistischen Befunde in die Richtung eines Pro und eines Contra gedeutet werden, insbesondere die zur Vielfalt der Familienformen und zum demographischen Wandel durch den „Rückgang der Geburtenzahlen [kinderlose Lebens- und kinderarme Familienformen] bei gleichzeitiger Verlängerung der Lebenserwartung“ (52).

3 Was leisten Familien und wie tun sie das?

Winkler hebt die beiden Funktionen der Pflege – gegenüber den kleinen Kindern „in den frühen Lebensprozessen“ und den gebrechlichen Eltern „am Ende des Lebens“ (78) – und der Erziehung (der Kinder) hervor. Andere werden nicht erwähnt oder nur am Rande angedeutet, und auch die Funktion der Altenpflege wird im Folgenden nicht weiter thematisiert. Stattdessen wird darauf verwiesen, dass alle Funktionen im „Zusammenspiel von Kontinuität und Diskontinuität“ (78), im „spannenden Spiel zwischen Beharrlichkeit und Dynamik“ (81) geleistet werden.

Kinderpflege und -erziehung gehören, je jünger die Kinder sind umso mehr, zusammen. Drastisch formuliert: „Familie und Kinderscheiße lasen sich nicht trennen, ob man nun wie Pestalozzi von ‚allseitiger Besorgung‘ oder wie Kant von der ‚Wartung‘ der Kinder spricht“ (70). Das ist schon ein erster Hinweis auf das Wie der Erziehungsleistung. Der zweite Hinweis meint negativ, „dass … Erziehung in der Familie falsch oder wenigstens missverstanden ist, wenn man sie als ein absichtsvolles, gar zielgerichtetes und methodisch durchgeführtes Handeln, letztlich als Technik versteht“. Positiv „geschieht Erziehung in der Familie nicht unbedingt auf der Vorderbühne sondern eher nebenbei, als Effekt der Arrangements, die dazu dienen, die Praxis der Familie aufrechtzuerhalten“ (72). Dabei spielt das Zeigen eine besondere Rolle bzw. erweist sich „Erziehung als Zeigen“ (89). Die Arrangements in der Familie werden, von Ein-Eltern-Familien abgesehen, nach sozialen, nicht notwendig entsprechenden natürlichen Geschlechtern im Sinne von „nach innen“ gerichteter „Mütterlichkeit“ und „nach außen“ ausgerichteter „Väterlichkeit“ (75) unterschiedlich getroffen. Beiden Gender-Orientierungen ist aber inzwischen gemeinsam, dass Familien als „Befehlshaushalte“ von Familien als „Verhandlungshaushalte“ (94) abgelöst worden sind, erst hinsichtlich der Frauen, dann der Kinder.

4 Familien unter Druck

Bei allem, was Familien an Erziehung leisten, stehen sie unter Druck. Sie werden ökonomisch belastet bzw. sind von Armut bedroht, relativ zu anderen und zu eigenen früheren Haushalten. Das Armutsrisiko trifft Familien mit Migrationshintergrund noch einmal in besonderer Weise. Ein weiterer Druck entsteht durch die (post-) moderne Gesellschaft, die eine Lebensgemeinschaft wie die Familie durch Individualisierung, Beschleunigung, Multioptionalität und andere Charakteristika in Bedrängnis bringt. „Familien sind zum Spielball zwischen materieller Verelendung und sozialer wie kultureller Überlastung geworden.“ (113) Obendrein erhöhen Familien den Druck noch einmal selbst durch eine auf Partnerschaft und Elternschaft bezogene „Optimierungsideologie“ der. Diese „Rücksichtslosigkeiten“ (Franz-Xaver Kaufmann), die der Familie von außen und innen entgegengehalten werden, sind Thema des vierten Kapitels.

5 Familie und professionelle Erziehung

Das letzte Kapitel des Buches greift alle gegenwärtigen Bestrebungen auf, Erziehung in der Familie durch professionelle Erziehung in Ganztagsschule und Hilfen zur Erziehung zu ergänzen, zu unterstützen oder zu ersetzen zu erweitern oder durch Bezahlung (Elterngeld) und/oder Ausbildung (Elternschule) eine „Professionalisierung elterlichen Handelns“ (135) voranzutreiben. Ob die Professionalisierung außerhalb oder innerhalb der Familie erfolgt, ob die Familien dem „Diktat der Institutionen und Professionellen“ (134) oder der binnenfamilialen Optimierungsideologie unterworfen werden: „Im Projekt Familie … geht verloren, was über das gute Aufwachsen entscheidet: Die Diffusität des familiären Binnenlebens, die in der familiären Lebenspraxis gegeben Alltäglichkeit und die unbedingte, emotional und affektiv gebundene Gemeinsamkeit“ (135).

Diskussion

Winkler postuliert abschließend, dass ein good parenting nach wie vor auf dem Wohlergehen und Wohlbefinden der Familie beruht. Diese Bedingung ist notwendig, aber gerade heutzutage noch nicht hinreichend. Hinzu sollte nach einem Wort von Günter Burkard eine „reflexive Elternschaft“ treten, mit der die primäre Naivität der Erziehung in der Familie nicht gebrochen bleibt, sondern in einer sekundären Naivität aufgehoben ist. Aber: „Reflexive Elternschaft ist nur möglich, wenn es Familien gut geht und sie ihren Eigensinn verfolgen können“ (153).

Michael Winkler bewegt sich in seinem Buch geschickt zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und politischen Forderungen, Familienkritikern und Familienideologen, sozialwissenschaftlicher und historischer Empirie und pädagogischer Praxis. Seine Sympathie für die Lebensform Familie scheint trotz aller Relativierungen deutlich durch. Wer eine systematische Abhandlung zur „Erziehung in der Familie“ oder dicht beschriebene „Innenansichten des pädagogischen Alltags“ erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein. Titel und Untertitel führen insofern ein wenig in die Irre. Wer sich aber auf eine lose Sammlung unterschiedlichster Einsichten in die Familie und ihre Erziehung einstellt, kommt auf seine Kosten, wird gar reichhaltig belohnt.

Fazit

Wissenschaftliche Bücher über „education“, Bildung und Schule gibt es zuhauf. Über „upbringing“, Erziehung i.e.S. und Familie wird in der scientific community selten geschrieben. Michael Winklers „Erziehung in der Familie“ ist die jüngste Monographie zum Thema: im Umfang schmal, aber inhaltlich von Gewicht.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 25.01.2013 zu: Michael Winkler: Erziehung in der Familie. Innenansichten des pädagogischen Alltags. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2012. ISBN 978-3-17-021979-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13702.php, Datum des Zugriffs 18.01.2021.


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