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Kai Vogeley: Anders sein

Cover Kai Vogeley: Anders sein. Asperger-Syndrom und Hochfunktionaler Autismus im Erwachsenenalter – Ein Ratgeber. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2012. 192 Seiten. ISBN 978-3-621-27933-8. D: 26,95 EUR, A: 27,70 EUR, CH: 38,50 sFr.

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Thema

Autismus ist eine lebenslange Störung vom Kindesalter über das Jugendalter bis ins Erwachsenenalter. Die Klassifikationssysteme ICD 10 und DSM IV ignorieren das bisher, denn bis heute gibt es keine spezifischen diagnostischen Kriterien für die Erstdiagnostik im Erwachsenenalter. Hochfunktionaler Autismus wurde zunächst als eine Variante des Frühkindlichen Autismus (Kanner-Syndrom), bei dem die Grundsymptome autistischer Störungen festgestellt werden konnten, allerdings weitgehend ohne kognitive Einschränkungen, beschrieben. Es wurde mehrfach erfolglos versucht den sog. frühkindlichen hochfunktionalen Autismus vom Asperger Syndrom zu trennen, sodass mittlerweile vom Ansatz Autismus-Spektrum ausgegangen wird.

Kai Vogeley hat 2005 in Köln eine Spezialambulanz für Erwachsene aus dem autistischen Spektrum, bei denen keine relevante Intelligenzminderung vorliegt, aufgebaut. Neben der Diagnostik forscht Vogeley zur „sozialen Kognition“ und beschreibt Faktoren, die in der Kommunikation und Interaktion wirksam sind.

Autor

Kai Vogeley ist seit 2004 Professor und leitender Oberarzt der Klinik und Poliklinik der Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikum Köln. Er beschäftigt sich klinisch und wissenschaftlich mit dem Autismussyndrom. Seit 2011 leitet er die Arbeitsgruppe „soziale Kognition“ am Institut für Kognitive Neurowissenschaften am Forschungszentrum Jülich.

Aufbau und Inhalt

Das Buch befasst sich mit Hintergründen, Ursachen und Behandlungsansätzen. Das Thema wird in fünf Kapiteln beleuchtet:

  1. Menschliche Begegnungen
  2. Problemzonen
  3. Krankheitsbegriff und Diagnosestellung
  4. Ursachen und Forschungsmethoden
  5. Behandlungsansätze

Die letzten 30 Seiten des Buch befassen sich mit Literaturempfehlungen, einem Sachwortverzeichnis, Informationen zum Autor und seiner Spezialambulanz „Autismus im Erwachsenenalter“ sowie Informationen zu Anlaufstellen.

Jedes Kapitel ist untergliedert und betrachtet das Syndrom Autismus aus verschiedenen Blickwinkeln. Zentrale Merkmale werden verständlich und prägnant beschrieben. Neue inhaltliche Unteraspekte im Fliesstext sind durch Fettdruck zur besseren Übersichtlichkeit hervorgehoben. Schlägt man das Buch auf findet man auf jeder linken Seite unten die Kapitelbezeichnung und rechts die Überschrift der Unterkapitel. Beispiele, Bilder und O-Töne machen das Geschriebene deutlich und lockern auf.

Ziel des Buches ist autistischen Erwachsenen grundlegende kommunikative und interaktive Prozesse näher zu bringen. Die Begegnung mit anderen ist untrennbar mit dem Privat- und Berufsleben verknüpft. Viele Betroffene mit hochfunktionalem Autismus haben schon aufgrund ihrer hohen kognitiven Fähigkeiten ihr Verhalten durch Kompensations- und Lernstrategien reguliert, das autistische Erleben ist dennoch weiterhin vorhanden und führt zu Beschwerden und Problemen. Vogeley führt Betroffenen und Nicht-Betroffenen die beteiligten Mechanismen und psychischen Faktoren vor Augen und möchte damit Verständnis dafür schaffen, welche Leistungen im Umgang und der Begegnung mit anderen Personen notwendig sind, um zu kommunizieren und zu interagieren. Diese Prozesse sind im Allgemeinen nicht bewusst.

Im ersten Kapitel geht es um die Verarbeitung sozialer Information und dabei, welche inneren und äußeren Faktoren eine Rolle spielen. Dank der Hirnforschung gibt es in den letzten Jahren zunehmend bessere Einblicke in mögliche Erklärungsmuster. Am Unterschied Mensch- Gegenstand wird dargelegt, welche Faktoren menschliche Begegnungen ausmachen und was diese so schwierig machen kann. Im Gegensatz zu einem Gegenstand sind Menschen nicht voraussagbar und Situationen nicht vollständig planbar. Betroffene kommen oft an Grenzen. Diese „Problemzonen“ werden in Kapitel zwei ausführlich beschrieben.

Kapitel drei bespricht den Krankheitsbegriff und die Diagnosestellung in Hinblick auf eine psychische Erkrankung und der autistischen Störung und mündet dann in Kapitel vier darin, Entstehungsursachen zu beleuchten. Kapitel fünf befasst sich mit Behandlungsmöglichkeiten und Ansätzen im Umgang mit Betroffenen. Da noch keine Ursachen der Erkrankung bekannt sind gibt es auch noch keine ursachenbezogene Therapie.

Diskussion

Der Titel des Buches ist mit Bedacht gewählt. Betroffene beschreiben sich als „anders als andere“ und nach Auffassung von Vogeley macht der Titel deutlich, dass Autismus nicht als Krankheit bzw. psychische Störung definiert werden kann. Der Begriff „Anders sein“ beinhaltet die Abweichung von einer Norm. Da Menschen aber immer einzigartig sind ist jeder Mensch anders als der andere. Die einseitige Betrachtung des Autismus als Mangel ist nicht mehr zeitgemäß. Betroffenen beschreiben Autismus als besondere Ausstattung mit Talenten und Begabungen. Vogeley spricht sich für eine „ausgewogene Kenntnisnahme der eigenen Stärken und Schwächen“ aus und warnt allerdings vor „Romantisierung“ oder „Schönreden“ (Seite 168).

Er skizziert prägnant und verständlich, welche komplexen Mechanismen im alltäglichen sozialen Miteinander wirken. Seine Forschungsergebnisse zur „sozialen Kognition“ stellen wichtige Erkenntnisse dar, denn sie machen deutlich, wie viele Faktoren Einfluss auf gelungene Begegnungen, Kommunikation und Interaktion haben, viele davon unbewusst und nicht standardisiert erlernbar, da die Situation und der Kontext zur Einschätzung passender Handlungen dazu gehören.

Bedarfsanalysen zu Behandlungswünschen haben ergeben, dass an oberster Stelle Hilfe im Umgang mit Stress steht. Vogeley beschreibt medikamentöse, psychotherapeutische und psychosoziale Hilfen, die aufgrund fehlender Ursachenbestimmung auf die Symptome abzielen. Aus meiner Sicht kommen Hinweise auf alltagspraktische Strategien wie z.B. ein passendes Zeitmanagement oder die Gestaltung einer stressreduzierten Strukturierung und Ordnung im Zuhause und am Arbeitsplatz also Hilfen, die nicht auf die Behandlung der betroffenen Person abzielen zu kurz. Es liegt ein großes Potential in der passenden Gestaltung der Umgebung mit dem unmittelbaren Effekt Stress und Überforderung zu vermeiden.

Fazit

Bei manchen Menschen wird Autismus erst im Erwachsenenalter festgestellt. Betroffene mit Hochfunktionalem Autismus haben bis dahin das Gefühl anders zu sein, können dafür aber keine Ursachen finden.

Das Buch gibt einen Überblick über den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung, vor allem zur „sozialen Kognition“. Es beschreibt prägnant, Mechanismen der Interaktion und Kommunikation in Beruf und Privatleben. Der Aufbau ist gelungen, denn er erlaubt, Kapitel aufzuschlagen und quer zu lesen. Es ist übersichtlich gestaltet, Bilder, Fallbeispiele und O-Töne sind farblich hervorgehoben, sodass der Leser sich schnell zu Recht findet. Es ist als Ratgeber durchaus geeignet, einzig der Preis von 26,85 EUR für dieses Buch im DinA5 Format könnte abschreckend wirken.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 20.08.2012 zu: Kai Vogeley: Anders sein. Asperger-Syndrom und Hochfunktionaler Autismus im Erwachsenenalter – Ein Ratgeber. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2012. ISBN 978-3-621-27933-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13703.php, Datum des Zugriffs 13.12.2019.


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