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Mara-Daria Cojocaru: Die Geschichte von der guten Stadt

Cover Mara-Daria Cojocaru: Die Geschichte von der guten Stadt. Politische Philosophie zwischen urbaner Selbstverständigung und Utopie. transcript (Bielefeld) 2012. 250 Seiten. ISBN 978-3-8376-2021-4. D: 29,80 EUR, A: 29,70 EUR.

Reihe: Edition Moderne Postmoderne.
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Das Gute ist gut

Mit den philosophischen Metaphern – „Das gute Leben“ (Aristoteles), „Der gute Geist“ (Parapsychologie), „Die gute Tat“ (Pfadfinder), „Die guten Manieren“ (Benimmlehre), „Die gute Moral“ (Wolfgang Kersting, Macht und Moral. Studien zur praktischen Philosophie der Neuzeit, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/11429.php ), „Der gute Krieg“ ( Kurt Gritsch, Inszenierung eines gerechten Krieges? Intellektuelle, Medien und der „Kosovo-Krieg“, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/13691.php), „Die gute Arbeit“ (Norbert Blüm: Ehrliche Arbeit. Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier, www.socialnet.de/rezensionen/11382.php), „Der gute Mensch“ (Brecht), „Der gute Gott“ (religiös)… – soll immer zum Ausdruck gebracht werden, dass das Ungute und das Böse überwunden werden kann. Im Begriff des Guten steckt also Hoffnung – und die Sehnsucht nach Gemeinsamkeit und Sicherheit! Wenn wir den Blick richten auf die Frage: „Wie leben Menschen?“, gilt vorwiegend die Aufmerksamkeit der Art und Weise des Lebens der Menschen und hier besonders der Frage nach den Grundbedürfnissen, wie dies in Artikel 25 der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte formuliert wird: „(1) Jedermann hat das Recht auf einen für die Gesundheit und das Wohlergehen von sich und seiner Familie angemessenen Lebensstandard, einschließlich ausreichender Ernährung, Bekleidung, Wohnung…“. Diese anthropologischen Grundwerte bedingen, dass der Mensch eine menschenwürdige Bleibe zum Leben hat. Damit sind wir bei der Frage nach dem Wo: Wo leben Menschen? Als Sesshafte oder als Nomaden (Jörg Gertel, Sandra Calkins, Hrsg., Nomaden in unserer Welt. Die Vorreiter der Globalisierung. Von Mobilität und Handel, Herrschaft und Widerstand, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12663.php). Und wir müssen uns fragen, wie sich Hier und Heute (und Morgen) die Menschen in ihren Wohn- und Lebensverhältnissen einrichten. Die Prognose, dass an der Schwelle zum dritten Jahrtausend mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten leben wird, ist in einigen Ländern und Regionen bereits zu besichtigen. Die Megastädte und städtischen Agglomerationen (Tokio-Yokohama, 38 Mio Einw.; Mexiko-Stadt, 27; New York, 24; Mumbai, 22; Kairo, 17; Rhein-Ruhr, 11,…) verändern die traditionellen Vorstellungen von Gemeinschaft, Zusammengehörigkeitsgefühl, Verantwortung, Solidarität und nicht zuletzt die Lebensverhältnisse und Erwartungshaltungen.

Entstehungshintergrund und Autorin

Im philosophischen Diskurs vom „guten (zivilisierten, lebenswerten) Leben“ sind die Parameter „Individualismus“ und „Kollektivismus“ von Bedeutung. Und die Frage nach dem „guten Ort“ des menschlichen Lebens wird virulent. Wenn also in der Zukunft die Mehrheit der Weltbevölkerung in Städten leben werden, muss für ein humanes Leben der Menschen geklärt werden, ob es unentrinnbares Schicksal (oder sogar wünschenswert) ist, diese Entwicklung zu akzeptieren, zu fördern oder nach Alternativen Ausschau zu halten: „Wir ( ) wissen (nicht), ob wir so, wie wir heute in den Städten leben, richtig leben“. Das ist eine erstaunliche Aussage, angesichts der Warnungen und Prognosen, wie sie vom Programm der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen : HABITAT (United Nations Human Settlements Programme), den Weltstädteforen und anderen lokalen und globalen Analysen seit Jahrzehnten in die Welt gebracht werden: „Wie aber wissen wir, ob uns richtigere, bessere, gelungenere, erhebendere, lehrreichere, nachhaltigere oder schlicht: schönere Alternativen zur Verfügung stehen?“.

Diese Frage stellt sich Mara-Daria Cojocaru mit ihrer Dissertation, die sie am Lehrstuhl für Philosophie und Politische Theorie der Ludwig-Maximilians-Universität München (Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin) vorgelegt hat und mit dem vorliegenden Buch veröffentlicht: „Die Geschichte von der guten Stadt“.

Aufbau und Inhalt

Dass sich die Stadtentwicklung – lokal und global – in der Krise befindet, nicht zuletzt angesichts der leeren Kassen einerseits und der zunehmenden Anforderungen andererseits, die von den Bewohnern an Infrastruktur, Beschäftigungs-, Freizeit-, Bildungs-, Kultur- und sozialen Einrichtungen an die Stadtverwaltungen gestellt werden, bedarf keiner weiteren Erläuterungen. Das Wachsen der Städte, wie ihre Verödung, hat Ursachen und Wirkungen. Sie zu analysieren und wissenschaftlich zu erkunden, lohnt. Die Autorin beginnt ihre philosophische Analyse mit der Auseinandersetzung „zum theoretischen Verhältnis von Normativität und Stadt“. Dabei vollzieht sie sowohl eine Abgrenzung zu soziologischen und machttheoretischen Prämissen, wie auch zur Moral und entscheidet sich dafür, „die normative Frage … innerhalb der Politischen Philosophie und Theorie … als diejenige zu begreifen, die uns in allen Bereichen der menschlichen Lebensform, in denen der Mensch Entscheidungsspielraum hat, begegnet (einen historischer Zugang zur Thematik leistet in diesem Zusammenhang Michael Gehler, Hrsg., Die Macht der Städte. Von der Antike bis zur Gegenwart, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/10743.php). Die aufklärerisch wirkende, gesellschaftlich-soziologisch und emanzipatorisch zugeschriebene Parole – „Stadtluft macht frei“ bedeutet ja zuvorderst, dass die (existentiellen, wirtschaftlichen) Möglichkeiten des Individuums im Vordergrund stehen. Die Autorin freilich sucht die Normativität einer „guten Stadt“ nicht nur darin, „in der lediglich Individualrechte gewahrt werden. Die gute Stadt ist die, die versucht, das Spannungsverhältnis zwischen individuellen Freiheiten und kollektiven Gütern in der Sprache gemeinsamer Normen und Praktiken erträglicher und wo es geht produktiver, ja attraktiv zu machen“. So zeigt sich Normativität sowohl als Utopie, als auch als Realität. Hier kommt neben der Ökonomie die Ökologie ins Spiel (vgl. dazu auch: Joachim Radkau, Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11451.php), und damit der Umgang der Menschen mit der Natur. Hermann Hesse hat in der schönen, 1945 erschienenen Geschichte „Die Stadt“ die Entwicklung einer Stadt von der Aufbruchstimmung – „Es geht vorwärts!, rief der Ingenieur“, bis hin zum Verfall – „Es geht vorwärts!, rief der Specht“, beschrieben und damit aufgezeigt, dass die falsch verstandene Parole: „Macht euch die Erde untertan“ die Menschheit nicht weiter bringt. Mit dem Begriff der „Nachhaltigkeit“ (Ulrich Grober: Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffs, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9284.php) und der (langsam wachsenden) Erkenntnis, dass der Mensch nicht alles dürfe, was er könne, wird heute versucht, das Denken und Handeln des kapitalistischen und neoliberalen „business as usual“ zu verändern hin zu einer „Balance zwischen ökologischer Verträglichkeit, ökonomischer Vernunft und sozialem Ausgleich“ (Uli Burchardt, Ausgegeizt! Wertvoll ist besser – Das Manufactum-Prinzip, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13485.php).

„Die menschliche Lebensform ist dabei als Interpretationsverhältnis zwischen Mensch und Umwelt zu verstehen“, was bedeutet, dass die Normativität, wie sie sich im „Stadtleben“ darstellt, durch Erfahrung, durch trial and error und Orientierungswissen generiert wird. Dabei kommt die Autorin zu einer erstaunlichen Entdeckung: „Die gute Stadt (gilt) als Nicht-Ort in der Politischen Philosophie heute“. Wenn es so ist, wie der US-amerikanische Soziologe Richard Sennet (Respekt im Zeitalter der Ungleichheit, 2004, www.socialnet.de/rezensionen/1692.php) feststellt, dass „die Bürger ( ) dem Staat (vertrauen) und ( ) ihr Interesse an allem (verlieren), was außerhalb des intimen Bereichs vor sich geht“, ist die Frage legitim, wie die Vielschichtigkeit des Normativen im Kontext Stadt am produktivsten zu bewahren (und) die Struktur des städtischen Bewusstseins über dieses vielgliedrige Konglomerat an praktischen Gründen… am besten narrativ zu verstehen ist“. Dabei sind sowohl utopische, als auch realistische (und sogar fatalistische) Erzählungen von Bedeutung. In der Utopie, in der sich Phantasie mit Hoffnung, aber auch Krise und Versagen bündeln, formuliert sich philosophisch die Erkenntnis, dass sich die „utopische Form von Erzählungen … (dazu eignet, JS), zum Diskurs über die Normativität der Stadt bei(zu)tragen… (und) als der Entwurf einer gesellschaftlichen Ordnung (zu gelten, JS), die, auf der Grundlage der Annahme eines grundsätzlich verfügbaren Wissens über die menschliche Natur, auf die ethische Besserung der Individuen unter den Bedingungen von Glück, Freiheit und Gerechtigkeit ausgerichtet ist“. Die Autorin beginnt ihre Analyse, indem sie nach den Ursprüngen des utopischen Denkens in Platons Politeia schaut und den philosophischen Diskurs darüber im Laufe der Zeiten reflektiert, und zwar orientiert an den Werten „Gerechtigkeit“, „Ordnung“ und den Vorstellungen vom „guten, gelungenen Leben“, etwa bei Robert Owen, Charles Fourier, bis hin zu den Formen des Modernismus, wie sie sich in der Architektur bei Le Corbusier darstellen.

Den Schritt hin zur Gegenwart und einer gedachten Zukunft für eine gute Stadt geht die Autorin mit dem Hamburger Architekten und Designers Friedrich von Borries, der in seinem Buch „Klimakapseln“ die Überlebensbedingungen der Menschen in der Katastrophe beschreibt (2010) und zu eher pessimistischen, möglicherweise sogar fatalistischen Einschätzungen gelangt, wenn auch mit der Aufforderung zum Perspektivenwechsel ein realistisches, herausforderndes Element eingefügt wird. Trotzdem, so charakterisiert die Autorin die Borriessche Position, fehlt ihr die philosophische Komponente, insbesondere die der Politischen Philosophie; und sie bescheinigt ihm damit ein „Geschichtsverständnis … (das) als repräsentativ für das zeitgenössische, unterbestimmte Verständnis von Zukunft interpretiert werden“ kann.

Fazit

Wenn wir die anfängliche Feststellung noch einmal aufnehmen, „dass wir nicht wissen, ob wir so, wie wir in den Städten leben, richtig leben“, darf die Fortführung dieser Ungewissheit nicht im Chaos und Fatalismus enden; vielmehr bedarf es einer philosophischen Nachschau, die möglicherweise zu der Erkenntnis führt, „dass nicht die baulich gestaltete Umwelt bedeutungsvollere Formen von Gesellschaft hervorbringt, sondern dass bedeutungsvollere Formen von Gesellschaft einen auch baulichen Ausdruck in der Umwelt finden“. So kommt die Autorin zu dem Ergebnis, dass eine „gute Stadt“ machbar ist, und zwar zum einen durch „die Anwendung von Narrativen bei der Entwicklung von Bauvorhaben“, zum zweiten durch „die Integration von stadthistorischen und baukulturellen Wissens in die schulische Bildung“, und zum dritten durch die „Institutionalisierung fächerübergreifender Forschungskooperationen“ (vgl. dazu auch: Stephan Conermann, Hrsg., Was ist Kulturwissenschaft? Zehn Antworten aus den „Kleinen Fächern“, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12965.php).

Die Forschungsarbeit greift einen in der Politischen Philosophie bisher vernachlässigten Aspekt auf, wie sich die Lebensformen und Perspektiven der „Stadt“- Menschen im lokalen wie im globalen Zusammenhang analysieren lassen und die Erkenntnis wachsen kann, „dass normative Beiträge zur Stadt immer auf eine Veränderung des menschlichen Bewusstseins abzielen“. Sie schließen an den von der Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 formulierten, drängenden Appell an: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ (Deutsche UNESCO-Kommission, „Unsere kreative Vielfalt“, Bonn 1997, S. 18), wie auch an das allen Menschen eigene Bedürfnis, daheim zu sein (Jos Schnurer, Rezension in Berliner Literaturkritik: Alain de Botton, Glück und Architektur. Von der Kunst, daheim zu Hause zu sein, Frankfurt/M., 2008. 287 S.).


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 22.08.2012 zu: Mara-Daria Cojocaru: Die Geschichte von der guten Stadt. Politische Philosophie zwischen urbaner Selbstverständigung und Utopie. transcript (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-8376-2021-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13713.php, Datum des Zugriffs 25.11.2020.


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