Horst Siebert: Die heitere Vernunft des Humors
Rezensiert von Prof. (em) Dr. Herbert Effinger, 27.11.2012
Horst Siebert: Die heitere Vernunft des Humors. b|d edition Wochenschau Verlag (Schwalbach/Ts.) 2012. 158 Seiten. ISBN 978-3-941264-08-3. D: 16,80 EUR, A: 17,30 EUR.
Thema
Eine Bildungsreise in das Land der Möglichkeiten des Humors.
Autor
Horst Siebert ist Professor em. am Institut für Berufspädagogik und Erwachsenenbildung der Leibniz Universität Hannover und einer der profiliertesten Experten für die Theorie und Didaktik der Erwachsenenbildung in Deutschland.
Aufbau und Inhalt
Der Autor begibt sich auf seiner Bildungsreise über die heitere Vernunft des Humors über elf verschiedene Stationen. Mit unterschiedlichen Objektiven und besonderen Blickwinkeln beschreibt er seine unterschiedlichen Sichten auf den Humor als eine besondere „Weltanschauung“. Damit möchte er zu einer anderen Art der Wahrnehmung von Wirklichkeit und des Umgangs mit dieser Wirklichkeit anregen. Humor als heitere Gelassenheit betrachtet er als ein Medium des kreativen Querdenkens bei der Bewältigung schwieriger Lebenssituationen.
Auf seiner ersten Station beleuchtet er die „Weltanschauung des Humors“. Unterlegt mit vielen Zitaten und literarischen Quellen erläutert er seine konstruktivistische Grundthese, dass es keine absoluten Wahrheiten gibt und sich Wirklichkeit und Humor grundsätzlich immer durch Mehrdeutigkeit auszeichnen. Übersichtlich referiert er die bekanntesten Humortheorien und ordnet diese in unterschiedliche aktuelle und kulturelle Kontexte ein. Auf seiner zweiten Station betrachtet er „Komik im Wandel der Zeit“. Anknüpfend an seine philosophischen und erkenntnistheoretischen Grundannahmen setzt er sich hier mit den unterschiedlichen Mechanismen der Komik und deren Wirkungen im historischen Kontext auseinander. Diesen Teil seiner Reise ergänzt er durch ein Kapitel über „Komik und Humor in Märchen und Erzählungen“ und wendet sich dann dem „Humor in der Epoche der Aufklärung zu“.
Ausgehend von der These, dass Humor „nicht unbedingt ein Gütemerkmal der deutschen Aufklärungsphilosophie und -pädagogik zu sein (scheint)“ (70), rehabilitiert er – etwas überraschend – die Romantik, weil hier „alles auch anders betrachtet werden kann“. Aus dieser Perspektive hätten, so Siebert, „Komik, Humor und Ironie eine Tiefendimension (erhalten)“ und der Humor wurde zu einer ernsten Angelegenheit. (75) Den Vorteil dieses undogmatischen Umgangs mit Wirklichkeit und deren Wahrnehmung sieht er im Verzicht auf einen pädagogischen Zeigefinger. In der nachfolgenden Station über „das Tragikomische“ als „Bruch mit der heilen Welt“ streicht er mit Bezug auf Hebbel heraus, dass „nicht die Diskrepanz zwischen ‚normalen‘ und ‚abweichenden‘ Individuen, sondern der Kontrast zwischen Idee und gesellschaftlicher Wirklichkeit ‚komisch‘ ist“. (85)
Folgerichtig wendet sich Siebert an der sechsten Station seiner Bildungsreise dem politischen Humor zu und stellt insbesondere die Funktion von Witzen und Humor in politisch vereinseitigten Verhältnissen heraus.
In den weiteren Teilen seiner Humorexpedition analysiert er den Humor in Redewendungen und Anekdoten, beleuchtet das Verhältnis von Humor und Wissenschaft und geht dann auf neurobiologische Erkenntnisse über den Humor und des Rolle beim Lernen ein. In Bezug auf Nietzsche und seine Kritik am körperlosen und lebensfernen deutschen Bildungsidealismus unterstreicht er hier vor allem den Zusammenhang von Kognition und Emotion und die Rolle des Humors beim Lernen.
Kurz vorm Ende seiner Bildungsreise fasst Siebert dann noch einmal seine konstruktivistische Sicht auf den Humor als eine „schöpferische Kraft“ (135) zusammen.
Diskussion
In diesem perspektivenreichen Buch beleuchtet Siebert unterschiedlichste Facetten seines Humorverständnisses. Mit dem Hinweis auf die prinzipielle Mehrdeutigkeit des Humors untermauert er seine konstruktivistische Weltsicht und eine daraus abgeleitete, gelassene und gleichermaßen distanzierende aber auch emphatische Sicht auf sich und seine Umwelt. Würde man die Sätze zählen, welche damit beginnen zu beschreiben, was alles „Humor ist …“, würde Siebert sicherlich die Hitliste der Definitionen und Umschreibungen dieses unbegreiflichen Phänomens anführen. Damit zeigt er gleichwohl, wie schwierig, wenn nicht gar unmöglich es ist, dieses Phänomen analytisch eindeutig zu beschreiben und zu erklären. Trotzdem fehlt mir in diesem mit vielen Witzen und Anekdoten gespickten Buch über die heitere Vernunft des Humors manchmal ein wenig der rationalistische Blick auf den praktischen Nutzens möglicher Humorstrategien bzw. Humorinterventionen. Aber da muss man dann eben an anderer Stelle weiterlesen. Die Lektüre ist überwiegend sehr anregend, wenn an manchen Stellen auch mal etwas redundant, da zentrale Aussagen öfters wiederholt werden.
Fazit
Dies Buch bietet insbesondere jenen, die sich erstmals mit dem Verständnis von Humor befassen und erste Ideen über dessen Nutzen erfahren möchten, einen kurzweiligen und mit vielen interessanten Quellen belegten Überblick. Auch jene, die sich über den Gehalt konstruktivistischer Theorien und Haltungen informieren möchten, verschafft Siebert einen wunderbaren Zugang zu einer sehr lebensnahen, nichtideologischen „Weltanschauung“.
Rezension von
Prof. (em) Dr. Herbert Effinger
Diplomsozialpädagoge (DBSH, Supervisor (DGSv), Case Management Ausbilder (DGCC), Professor für Sozialarbeitswissenschaft/Sozialpädagogik an der Evangelischen Hochschule Dresden
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