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Wolfgang Stelly, Jürgen Thomas (Hrsg.): Erziehung und Strafe

Cover Wolfgang Stelly, Jürgen Thomas (Hrsg.): Erziehung und Strafe. Symposium zum 35-jährigen Bestehen der JVA Adelsheim. Forum Verlag Godesberg GmbH (Mönchengladbach) 2011. 174 Seiten. ISBN 978-3-936999-95-2. 21,00 EUR.

Reihe: Schriften zum Strafvollzug, Jugendstrafrecht und zur Kriminologie - Band 41.
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Entstehungshintergrund und Thema

Der Sammelband dokumentiert ein Symposium vom September 2009 anlässlich des 35-jährigen Bestehens der Jugendstrafvollzugsanstalt Adelsheim und der Verabschiedung ihres langjährigen Leiters, Dr. Joachim Walter. Joachim Walter prägte in Adelsheim den Jugendstrafvollzug über drei Jahrzehnte mit seinen humanen und jugendpädagogisch engagierten Konzepten, und zwar als hoch geachteter Praktiker in Adelsheim und als wissenschaftlicher Publizist mit großer Beachtung seiner Anregungen zum theoriegeleiteten und evidenzbasierten angebotsorientierten Erziehungsvollzug. Dies zusammengenommen ergab die Inspiration für ein fachlich hochkarätiges Referententeam von Wissenschaftlern, eine kritische Bestandsaufnahme des Jugendstrafvollzuges vorzunehmen und konzeptionelle Vollzugs-Perspektiven eines Erziehungsstrafrechts aufzuzeigen, das aktuellen rechts- und sozialstaatlichen Anforderungen nachkommt. Dabei wird klar: Der praktizierte Jugendstrafvollzug entspricht diesen Anforderungen kaum. Der Band liest sich in seinen elf pointierten und mit Studien, Fachliteratur und Gerichtsurteilen unterlegten Beiträgen wie ein Kompaktlehrbuch zum Thema „Erziehung und Strafe im Jugendstrafvollzug“.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband enthält grundlegende Beiträge zum widersprüchlichen Spannungsverhältnis von Erziehung und Strafe, Beiträge, die den Jugendstrafvollzug als Institution komplett in Frage stellen, und Beiträge, die die Rahmenbedingungen des Jugendstrafvollzuges theoretisch und empirisch beleuchten und hinterfragen.

Der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik plädiert in einer brillanten Auseinandersetzung mit Kant für einen nicht-autoritären Erziehungsstil und grenzt diesen von alt-preußischen und neudeutsch-populären Preisungen von Autorität, Disziplin und Zwang in der Erziehung ab.

Der Strafrechtler Johannes Feest von der Universität Bremen stellt Thesen auf über Gegensätze von Humanismus und Strafvollzug, die die theoretische Delegitimation des Strafvollzuges betreiben und seine schrittweise Abschaffung durch Öffnung proklamieren.

Werner Nickolai von der katholischen FH Freiburg plädiert für die Abschaffung des Jugendstrafvollzuges, weil dieser für seinen offiziellen kriminalpolitischen Auftrag der Legalbewährung junger Menschen und Rückfallvermeidung nachweislich ungeeignet sei.

Heinz Cornel von der Alice-Salomon Hochschule in Berlin präsentiert mit gezielten historischen, international-vergleichenden und Argumenten aus dem Ist-Zustand unter Anknüpfung an die öffentliche Erziehungsverantwortung gegenüber delinquenten jungen Menschen ein in Fachkreisen diskutiertes Konzept von „Jugendhilfe statt Jugendstrafe“. Er macht dazu detaillierte Vorschläge für Jugend-Diagnosezentren an Stelle von Haft und Arrest und erläutert ihre sozialpädagogische Netzwerkfunktion und Perspektive zur Reduktion von Jugenddelinquenz.

Heribert Ostendorf, ehemaliger Generalstaatsanwalt, Leiter der Forschungsstelle Jugendstrafrecht und Kriminalprävention an der Universität Kiel und prominenter Kommentator des Jugendgerichtsgesetzes setzt sich kritisch mit dem Untersuchungshaftvollzug bei jungen Menschen nach den neuen Ländergesetzen auseinander und weist auch auf dargestellter empirischer Basis auf sozialpädagogisch wie rechtlich bedenkliche Entwicklungseingriffe durch U-Haft hin.

Philipp Walkenhorst, Professor für Sozialpädagogik an der Universität zu Köln, legt präzise und scharfsinnig dar, was den Kerngehalt von Erziehung eigentlich ausmacht und konfrontiert diesen mit den „bedrückenden Vollzugswirklichkeiten“ einschließlich der Auswahl, Motivation und Kompetenzprofil des maßgeblichen Personals im Vollzug. Sein Beitrag mündet in Maximen und detaillierten Forderungen nach aufgaben-adäquater Kompetenzvermittlung an das Vollzugspersonal.

Joachim Walter selbst liefert einen Beitrag, der von seiner Emphase für den entwicklungsfähigen jungen Menschen lebt. Sie sollen innerhalb der geschlossenen Einrichtungen nicht zur Verantwortung gezogen werden, sondern zu Verantwortlichkeit erzogen werden, was ohne Verzicht auf allzu häufig eingesetzte Disziplinierungsstrategien nicht gelingen könne und in der gegenwärtigen Überregulierung der „totalen Institution“ nicht möglich sei. Auch er kommt zum Resultat, dass bestmögliche Förderung nur mit mehr Jugendhilfeangeboten reelle Chancen habe und zwar insbesondere bei sozial deklassierten jungen Straffälligen mit und ohne Migrationshintergrund.

Rüdiger Wulf vom Justizministerium BW, Dieter Dölling als Kriminologie der Universität Heidelberg sowie die wissenschaftlichen Projekt-Mitarbeiter Jürgen Thomas und Wolfgang Stelly sowie Ineke Pruin befassen sich in ihren Beiträgen mit Evaluationsfragen und berichten von Strafvollzugs-Reform-Projekten (Nachsorgeprojekt Chance; Übergangsmanagement) bzw. stellen unter Bezug auf frühere und eigene Erhebungen Indikatoren der sozialen Lebenslage der Strafvollzugspopulation dar, die nämlich überproportional häufig aus ökonomisch randständigen Familien stammt, ihre Schulbildung häufig abbricht und Einstiege in Erwerbsarbeit verpasst oder verweigert.

Diskussion …

Man kann froh sein, dass ein solcher Band auf den Tisch kommt – in einem geistigen Klima der Punitivität, einer Haltung, allseits nach mehr und härteren Strafen zu rufen, damit die Welt dadurch unhintergehbar in Ordnung kommt oder bleibt. Und das zuvörderst bei der inkarnierten Zukunft, der Jugend. In diesem Mainstream gibt es kaum mehr ein Sensorium für die „bedrückende Vollzugswirklichkeit“, die inhaftierten jungen Menschen staatlicherseits in ihrer intensivsten Lebenszeit aufgeherrscht wird. Die skizzierten Beiträge sind eine fachlich-zivilgesellschaftliche Antithese dagegen, nüchtern und pointiert dargestellt und wissenschaftlich gut belegt. Zitierfähig und zitierwürdig. Und noch eine Pointe: Die unerhörten Positionen haben nicht nur einen Segen, sondern einen Auftrag von oben: Das Bundesverfassungsgericht fordert in seinem in dem Band mehrfach zitierten Grundsatzurteil vom 30.05.2006 ausdrücklich, dass der Jugendstrafvollzug in Verantwortung für die Entwicklungs-Chancen der Jugendlichen so zu organisieren ist, wie es die vorhandenen Erkenntnisquellen abdecken, zu denen das in der Vollzugspraxis verfügbare Erfahrungswissen gehört wie der Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse. Genau dazu leisten die Statements in resümierender und produktiver Weise ihre Beiträge.

und Fazit

Wer sich theoretisch, praktisch oder politisch mit Jugendstrafvollzug befasst, sollte diesen Band lesen. Mit ihm kann man sich das Themenfeld in Fachausbildung oder Studium kompakt aneignen oder sich als Professioneller oder im Umfeld der Justiz Tätiger in die Problematiken des (Jugend-)Strafvollzugs hineindenken. Empfehlung: Bestellen, lesen!


Rezensent
Prof. Dr. iur. Walter H. Kiehl
Ehemaliger Rechtsanwalt, lehrt u.a. Strafrecht, Jugendkriminologie und Jugendstrafrecht am Fachbereich „Soziale Arbeit und Gesundheit“ der Frankfurt University of Applied Sciences Main,
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Zitiervorschlag
Walter H. Kiehl. Rezension vom 22.11.2012 zu: Wolfgang Stelly, Jürgen Thomas (Hrsg.): Erziehung und Strafe. Symposium zum 35-jährigen Bestehen der JVA Adelsheim. Forum Verlag Godesberg GmbH (Mönchengladbach) 2011. ISBN 978-3-936999-95-2. Reihe: Schriften zum Strafvollzug, Jugendstrafrecht und zur Kriminologie - Band 41. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13730.php, Datum des Zugriffs 26.06.2019.


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