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Britta Bannenberg, Jörg-Martin Jehle (Hrsg.): Gewaltdelinquenz – lange Freiheitsentziehung – Delinquenzverläufe

Cover Britta Bannenberg, Jörg-Martin Jehle (Hrsg.): Gewaltdelinquenz – lange Freiheitsentziehung – Delinquenzverläufe. Forum Verlag Godesberg GmbH (Mönchengladbach) 2011. 510 Seiten. ISBN 978-3-936999-93-8. 38,00 EUR.

Neue Kriminologische Gesellschaft: Neue kriminologische Schriftenreihe der Neuen Kriminologischen Gesellschaft e.V. - Band 113.
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Thema

Der Sammelband beinhaltet Beiträge der 11. Wissenschaftlichen Tagung der Kriminologischen Gesellschaft, Wissenschaftliche Vereinigung deutscher, österreichischer und schweizerischer Kriminologen e. V. (KrimG) 2010. Diese Tagungsbeiträge wurden drei Abschnitten zugeteilt: Gewaltdelinquenz (u. a. mit Hinweisen zu empirisch-deskriptiven und erklärenden Studien), lange andauernden Freiheitsentzug in Einrichtungen des Straf- und Maßregelvollzugs, sowie Delinquenzverläufen unter besonderer Berücksichtigung der Delinquenzentwicklung bei Kindern und Jugendlichen und Mehrfachtätern. Anders als der Titel vermuten lässt geht es in diesem Band nicht vorrangig um die Bezüge zwischen diesen Einzelaspekten. Stattdessen werden die einzelnen Bereiche aus unterschiedlicher Perspektive bearbeitet und ergründet.

Herausgeberin und Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Britta Bannenberg lehrt am Fachbereich Rechtswissenschaft, Lehrstuhl für Kriminologie der Universität Gießen und ist Präsidentin der Kriminologischen Gesellschaft. Jörg-Martin Jehle ist Professor für Strafrecht, Kriminologie und Strafvollzug sowie Leiter der Abteilung für Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug am Institut für Kriminalwissenschaften der Universität Göttingen und Generalsekretär der Neuen Kriminologischen Gesellschaft. Die AutorInnen der Einzelbeiträge arbeiten großteils im Hochschulbereich (Rechtswissenschaften, Kriminologie), bzw. kriminologischen Forschungseinrichtungen, erziehungswissenschaftlichen und psychiatrischen Hochschuleinrichtungen und Praxisstellen.

Aufbau

Der umfangreiche Sammelband ist in drei thematische Abschnitte unterteilt:

  1. Gewaltdelinquenz,
  2. Lange Freiheitsentziehung,
  3. Delinquenzverläufe.

1. Gewaltdelinquenz

Der Abschnitt beinhaltet empirisch-deskriptive Studien und Befunde zur Genese der Gewaltdelinquenz, greift Zusammenhänge zwischen Gewalt in der Erziehung, Werteorientierung und dem Gewaltverhalten Jugendlicher auf, sowie Möglichkeiten der Prävention. Ein eigenes Unterkapitel befasst sich mit Rechtsextremismus unter deutschen Jugendlichen, Strategien erlebnis- und anerkennungsorientierter Angebote der extremen Rechten und polizeilichen Strategien zur Bekämpfung des Rechtsextremismus. Die Befunde der Einzelbeiträge belegen anhand empirischen Materials den Zusammenhang biografischer Erfahrungen der Eltern, dem aktuellen Beziehungsstatus der Eltern und dem Einsatz körperlicher Züchtigung bis hin zu schweren Körperstraften, wozu u. a. Daten einer europäischen Vergleichsstudie zu innerfamiliären Auswirkungen von Körperstrafeverboten und Informationskampagnen zur Schädlichkeit erzieherischer Gewalt vorgestellt werden. Kindliche Gewalterfahrungen bilden, so die Befunde, die Grundlage für gewalttätige Handlungsroutinen (der nächsten Generation), welche ein wesentlicher Bestandteil spontanen Handelns sind. Dieser Erklärungsansatz wird in einem zweiten, ebenfalls auf empirische Daten gestützten Beitrag um weitere Aspekte der Gewaltätiologie (soziale Aspekte, Bindung, Normorientierung) ergänzt.

Zwei Evaluationsstudien beschäftigen sich mit den Wirkeffekten der Gewaltprävention. Hier werden die Wirksamkeit der Schulsozialarbeit (hinsichtlich körperlicher Gewalt) und Effekte der Wiedergutmachung und Versöhnung für Fälle häuslicher Gewalt im Täter-Opfer-Ausgleich, welche in ihrer Präventiven Wirkung diskutiert werden belegt.

Drei Beiträge fokussieren auf das Problem des Rechtsextremismus. Die Befunde zur Ätiologie des jugendlichen Rechtsextremismus ergeben, so der Autor Dirk Baier, bislang noch keinen spezifischen Erklärungsansatz. Die Merkmale jugendlicher Rechtsextremer gleichen stark anderen Problemgruppen im Jugendalter, wodurch eine rechtsextreme Orientierung nicht erklärt werden kann. Unterdessen differenzieren sich die Aktivitäten rechtsextremer Gruppierungen weg von der rein gewaltorientierten Aktionsgruppe hin zu sozialen Gruppierungen, in denen komplexe soziale Bedürfnisse ausgelebt werden.

2. Lange Freiheitsentziehung

Zwei Kapitel fokussieren auf die Sanktionspraxis im Bereich der Langzeitstrafen. Im Eröffnungsbeitrag analysiert Frieder Dünkel die Sanktionspraxis unter der Fragestellung der Strafrechtsverschärfung. Die gesetzlichen Neuregelungen der letzten Jahre (Führungsaufsichtsreform, Regelungen zur Sicherheitsverwahrung etc.) interpretiert er als Ausformulierung des bestehenden Rechtsrahmens, weniger als „neue Lust am Strafen“. Weitere Beiträge thematisieren die Aspekte Straftäterbehandlung bei langem Freiheitsentzug im europäischen Vergleich, die Neuregelung zur bedingten Entlassung aus dem Strafvollzug in Österreich und ihre praktischen Folgen, sowie methodische Überlegungen zur Evaluation des Jugendstrafvollzugs. Das zweite Unterkapitel beschäftigt sich mit Sanktionsformen aus dem Bereich der Maßregeln der Besserung und Sicherung (Sicherungsverwahrung, Maßegelvollzug und Führungsaufsicht): Tillmann Bartsch beschreibt die, in einer eigenen Studie mit reichhaltigem Datenmaterial unterlegte, weiter bestehende Problematik der Umgestaltung der Sicherungsverwahrung. Aspekte des Abstandsgebots (der Maßregel zum reinen Strafvollzug) und der Ausgestaltung der therapeutischen Möglichkeiten sind hier weiter drängend, insbesondere weil die Gruppe Jugendlicher und Heranwachsender in den Anwendungsbereich der Sicherungsverwahrung aufgenommen wurde. Zwei weitere Beiträge geben Auskunft über die Sanktionspraxis im Bereich der lebenslangen Freiheitsstrafen und Sicherungsverwahrung (Axel Dessecker) und über Delinquenzverläufe, welche schließlich in der Unterbringung in der Sicherungsverwahrung münden (Jutta Elz). Die Daten zeigen, dass beide Sanktionsformen in den letzten zehn Jahren einen starken Zuwachs erfahren haben und die Analyse von Täterbiografien einen deutlichen Hinweis auf das Störungspotential dieser Menschen zeigt. Entsprechend fordern beide AutorInnen die Umgestaltung der Sanktionspraxis mit entsprechenden Behandlungsangeboten, bzw. die stärkere Berücksichtigung und Diskussion biografischer Aspekte in der Urteilsfindung. Vier weitere Beiträge greifen konzeptionelle und methodische Fragestellungen des Maßregelvollzugs und der Behandlung Untergebrachter in der Sicherungsverwahrung auf. Der zweite Abschnitt endet mit einer Analyse Heribert Ostendorfs zur Neugestaltung der Führungsaufsicht. Er beschreibt deren Funktion als „ambulantes Korrelat zur stationären Sicherungsverwahrung“ (406) welche durch die in der 2007 erfolgten Reform stärker als Aufsichts- und Präventionsinstrument genutzt werden kann.

3. Delinquenzverläufe

Der dritte Abschnitt befasst sich mit Delinquenzverläufen. Die Einzelbeiträge fragen, z. T. auf Grundlage empirischer Forschungsbefunde nach Merkmalen krimineller Karrieren von Mehrfach- und Intensivtätern, nach Delinquenzverläufen nach Entlassung aus dem Jugendstrafvollzug, gehen auf die Bedeutung sozialer Netzwerke und ihre Bedeutung für Integrationsprozesse ein, beschäftigen sich mit der Gruppe delinquenter Kinder (Ergebnisse der Marburger Kinderdelinquenzstudie) und beschreiben Grundkonflikte und Entwicklungsdynamiken bei kriminellen Identitätskonstruktionen. Die Beiträge belegen, dass es „die“ Gruppe der Mehrfach- und Intensivtäter nicht gibt, sondern vielmehr unterschiedliche Delinquenzverläufe, mit verschiedenen Startzeitpunkten, Verlaufskurven und Delinquenzhöhepunkten und -merkmalen gibt. Das vorgestellte Datenmaterial gibt wichtige Hinweise auf eine differenzierte täter- und deliktorientierte Behandlung.

Zielgruppe

Der Tagungsband richtet sich vorrangig an Fachkräfte aus den Bereichen Kriminologie, Strafrechtspflege, Straffälligenhilfe und Kriminaltherapie.

Diskussion

Der vorliegende Tagungsband fasst die Einzelbeiträge der 11. Wissenschaftlichen Tagung der Kriminologischen Gesellschaft (KrimG) 2010 zusammen. Die Autorinnen und Autoren geben Einblick in gerade abgeschlossene, oder noch laufende Studienprojekte, teils in Qualität von aktuellen Werkstattberichten. Damit werden keine in sich geschlossenen kriminologischen Theorien publiziert, sondern eine Vielzahl thematisch begrenzter Studienergebnisse, welche allerdings herangezogen werden können – und müssen- um zentrale Themen kriminologischer Forschung und Theoriebildung zu hinterfragen und zu belegen. So bietet der Band eine Fülle empirischen Materials zu Detailfragen Kriminologischer Forschung (etwa zum Phänomen der Säuglingstötung), zur Bekämpfung und Prävention rechtsextremer Gewaltstraftaten, zur Vollzugspraxis und zu Delinquenzverläufen im Längsschnitt. Der Band erfüllt neben der reinen Dokumentation der durchweg qualitativ hochwertigen Tagungsbeiträge die Funktion, Ergebnisse aktueller empirischer kriminologischer Forschung zu erschließen und zugänglich zu machen, welche in ihrer Bedeutung für die pädagogische und therapeutische Praxis nicht unterschätzt werden dürfen. Schließlich dokumentiert der Sammelband aktuelle Forschungsstrategien und -methoden, auch Interessenskonflikte in der Kriminologischen Forschung, wodurch wertvolle Hinweise für wissenschaftlich Tätige in Ausbildung und Praxis erschlossen werden. In den insgesamt gründlich und an wissenschaftlichen Standards orientierten Einzelbeiträgen wird jeweils als Einführung der aktuelle Forschungsstand rezipiert und zusammengefasst, wodurch ein wertvoller Überblick zur Erkenntnislage der einzelnen Forschungsbereiche gegeben wird

Fazit

Der Tagungsband gibt Einblick in die aktuelle kriminologische Forschung der Themengebiete Gewaltdelinquenz, lang andauernde Freiheitsentziehung und Delinquenzverläufe. Die publizierten Einzelbeiträge greifen grundlegende Aspekte kriminologischer und kriminaltherapeutischer Forschung auf und gehen auch auf die neuen Entwicklungen im Bereich der Strafrechtspflege ein. Insgesamt ein gelungenes Werk, das über die Funktion eines reinen Tagungsbandes hinausgeht, indem praxisrelevante Befunde in kompakter Form erschlossen werden. Für Fachkräfte die ihre Praxis auf Grundlage empirischer Befunde konzipieren möchten, sehr zu empfehlen.


Rezensent
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 29.10.2012 zu: Britta Bannenberg, Jörg-Martin Jehle (Hrsg.): Gewaltdelinquenz – lange Freiheitsentziehung – Delinquenzverläufe. Forum Verlag Godesberg GmbH (Mönchengladbach) 2011. ISBN 978-3-936999-93-8. Neue Kriminologische Gesellschaft: Neue kriminologische Schriftenreihe der Neuen Kriminologischen Gesellschaft e.V. - Band 113. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13731.php, Datum des Zugriffs 17.10.2017.


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