socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Christian Mürner, Udo Sierck: Behinderung. Chronik eines Jahrhunderts

Cover Christian Mürner, Udo Sierck: Behinderung. Chronik eines Jahrhunderts. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. 142 Seiten. ISBN 978-3-7799-2840-9. 14,95 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Die Publikation blickt auf 100 Jahre Behindertenpolitik zurück. In kurzen Passagen wird anhand geschichtlicher Ereignisse die Entstehung des Begriffs Behinderung und dessen stetiger Wandel dargestellt. Neben dem historischen Überblick wird dem Leser die Möglichkeit gegeben, sich zu verschiedenen Themen, wie Normalisierungsprinzip, Stellvertretung, Selbstbestimmung, Eugenik, Präimplantationsdiagnostik, Würde, Integration und Inklusion, ICF, die Behindertenrechtskonvention und Menschenrechte, ein eigenes Bild zu machen.

Autoren

  • Christian Mürner, Jg. 1948, Dr. phil., freier Autor und Behindertenpädagoge; Lehraufträge an der Universität Innsbruck (Integrationspädagogik) und der Hochschule für Heilpädagogik Zürich, Veröffentlichungen u. a.: Behinderung als Metapher, Bern 1990; Verborgene Behinderungen, Berlin 2000; Medien- und Kulturgeschichte behinderter Menschen, Weinheim 2003; Erfundene Behinderungen, Neu-Ulm 2010.
  • Udo Sierck, Jg. 1956, Dipl. Bibl., freier Autor, langjähriges Redaktionsmitglied der „Krüppelzeitung“, zusammen mit Nati Radtke Geschäftsführer des Café/Restaurants Lotte Hamburg, Lehraufträge an der Universität Hamburg (Disability Studies) und der Evangelischen Hochschule Darmstadt, Veröffentlichungen u. a.: Das Risiko, nichtbehinderte Eltern zu bekommen, München 1989; Arbeit ist die beste Medizin, Hamburg 1992; NORMalisierung von rechts, Hamburg 1995.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in 7 Kapitel:

  1. Kapitel: Einleitung
  2. Kapitel: Krieg und Behinderung
  3. Kapitel: „Euthanasie“ und Behinderung
  4. Kapitel: Stellvertretung und Behinderung
  5. Kapitel: Selbstbestimmung und Behinderung
  6. Kapitel: Menschenrechte und Behinderung
  7. Kapitel: Schluss

Inhalt

Im ersten Kapitel erfolgt eine kurze Einführung in die Thematik und ein Ausblick auf die folgenden Kapitel.

Das zweite Kapitel befasst sich mit der Aus- und Abgrenzung behinderter Menschen am Beispiel der griechischen Götterwelt und der Gesetze zur „Vernichtung der Missgeburten durch Aussetzen“ etc. von Sparta (S. 13). Es wird die erste Krüppelzählung vom 10.10.1906 und deren Probleme aufgezeigt und die Ergebnisse des Statistischen Bundesamt 2010 beschrieben: „7,1 Millionen schwerbehinderte Menschen leben in Deutschland“, „8,7 % der gesamten Bevölkerung in Deutschland [sind] schwerbehindert.“ Es werden Ursachen für eine Schwerbehinderung aufgezeigt und die betroffenen Körperfunktionen benannt (S. 16). Im anschließenden Abschnitt wird die Entstehung von Krüppelheimen geschildert (S. 19) und die steigende Zahl an Schwerstbeschädigten durch den 1. Weltkrieg (S. 22). Nachfolgend wird die Entstehung der Kriegsopferverbände mit deren Aufgaben und Zielen näher beschrieben:

  • 1917 „Reichsbund der Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer und Kriegshinterbliebene“
  • 1919 „Internationale Bund der Opfer des Krieges und der Arbeit“
  • 1946 „Reichsbund“, seit 1999 „Sozialverband Deutschland e. V.“ (SoVD)
  • 1948 „Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands e. V.“ (VdK) und weitere (S. 26).

Im darauffolgenden Abschnitt wird der Perlbund und das Buch „Krüppeltum und Gesellschaft im Wandel der Zeit“ (1926) mit den 5 Kapiteln: „Krüppel in der natürlichen Gesellschaft“, „Ständische Gesellschaft des Altertums“, „Christliche Gesellschaft des Mittelalters“, „Krüppel in der modernen Gesellschaft“ und „Zur Kritik der krüppelgeschichtlichen Entwicklung“ von Otto Perl beschrieben (S. 30). Anschließend wird die Einführung des Schwerbeschädigtenausweises mit Vor- und Nachteilen für betroffene Menschen geschildert (S. 34).

Das dritte Kapitel befasst sich mit der Einführung des „Krüppelfürsorgegesetzes“ von 1920, der Auswirkung der verpflichteten Fürsorge für Land- und Stadtkreise und das daraus entstehende „Körperbehindertenfürsorgegesetz“ von 1957 sowie die Einführung des Begriffs „Körperbehinderter“ (S. 38). Anschließend wird auf die „Lebensunwert“ – Diskussion u. a. von Karl Binding und Alfred E. Hoche, „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ (1920) (S. 41) und die Verknüpfung von Arbeitsfähigkeit an die Existenzberechtigung eingegangen. Weitere Abschnitte befassen sich mit den Themen:

  • Differenzierung in förderbare und „hoffnungslose Fälle“ (S. 47)
  • das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14.07.1933 (S. 49)
  • die Einbindung behinderter Jugendlicher in die Hitlerjugend (S. 52)
  • und „Euthanasie“ (S. 54)

mit einigen überlieferten Erfahrungsschilderungen von Betroffenen.

Im vierten Kapitel wird am Beispiel des Johanna – Helenen – Heim in Volmarstein der Umgang mit Behinderten in Heimen der 1950 und 1960 Jahre, mit Schilderungen von betroffenen Menschen, beschrieben (S. 62). In den darauffolgenden Abschnitten werden wichtige Ereignisse thematisiert und erörtert:

  • die Gründung der Lebenshilfe durch Eltern und Fachleute sowie weitere Vereine und deren Aufgaben und Ziele (S. 67)
  • das Normalisierungsprinzip, mit dem Ziel „den geistig Behinderten ein so normales Leben wie möglich zu gestatten“ (S. 69)
  • der Contergan-Skandal, die Haltung der Firmen und Medien, der Umgang mit den betroffenen Personen (S. 71)
  • die Interessen der Pharmaindustrie am Beispiel der Kinderlähmung und die Beteiligung der Wohlfahrtsverbände (S. 74)
  • die Entstehung der Sonderschulen und der Sonderpädagogik (Reichschulpflichtgesetz von 1938, das „Gutachten zur Ordnung des Sonderschulwesens, erstattet vom Schulausschuss der Ständigen Konferenz der Kulturminister in der Bundesrepublik Deutschland“ von 1960) (S. 77)
  • die „pädagogische Förderung behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder- und Jugendlicher“ (1973) mit dem Ziel der Integration (S. 80)
  • die Entwicklung verschiedener Modelle als Handlungskonzepte (Emil E. Kobi) und Paradigmen (Ulrich Bleidick) (S. 83)
  • Humangenetik und Pränataldiagnostik, der Ausbau genetischer Beratungsstellen und Beispiele von Gerichtsurteilen (S. 85)

Das fünfte Kapitel befasst sich mit:

  • dem Krüppeltribunal, das in den 1980 Jahren auf Missstände für behinderte Menschen aufmerksam machte; Beispiel: „… das Frankfurter Behindertenurteil vom 25. Februar 1980, das verkündete: ‚Es ist nicht zu verkennen, dass eine Gruppe von Schwerbehinderten bei empfindsamen Menschen eine Beeinträchtigung des Urlaubsgenusses darstellen kann.‘“ (S. 98)
  • dem zweiten Gesundheitstag, dass diskutieren von Problemen im Gesundheitswesen, Ärzte sind nicht länger „Halbgötter in Weiß“, die Therapeutisierung des Alltags u. v. m. (S. 100)
  • den Selbstbestimmt – Leben - Initiativen, behinderte Menschen kennen die Bedürfnisse behinderter Personen am besten und wissen, wie sie befriedigt werden können, behinderte Menschen als Experten, die Prägung der Begriffe Peer Counseling, Peer-Support und Empowerment, Vorbild ist die Independent-Living-Bewegung in den USA der 1960 Jahre (S. 103)
  • die „Euthanasie“ – Debatte der heutigen Zeit (unter kritischer Betrachtungsweise und Diskussion), „… einer Nützlichkeitsethik, die Handlungen für gut befindet, wenn sie für die Mehrheit der Beteiligten von Vorteil ist.“ (Peter Singer) oder „‚Sofern der Tod eines geschädigten Säuglings zur Geburt eines anderen Kindes mit besseren Aussichten auf ein glückliches Leben führt, dann ist die Gesamtsumme des Glücks größer, wenn der behinderte Säugling getötet wird.‘“ (Peter Singer) (S. 105)
  • die Präimplantationsdiagnostik, ein Wunschkind auf dem Computer aussuchen (S. 108)
  • die Vor- und Nachteile des Betreuungsgesetzes von 1992 (S. 112)
  • „Es ist normal, verschieden zu sein“ Richard von Weizsäcker und die Wahrnehmung von behinderten Menschen durch Nichtbehinderte (S. 115)
  • Integration und Inklusion, die Salamanca-Erklärung von 1994 (Begriffe Teilhabe und Partizipation) (S. 118)

Im sechsten Kapitel werden in verschiedenen Abschnitten das Grundgesetz Art. 3 Abs. 3 „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ (S. 122); die „Aktion Mensch“ (S. 126); die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) der WHO (2001) (S. 129); das SGB IX (S. 131) und die Behindertenrechtskonvention (2007 von Deutschland ratifiziert) (S. 132) sowie die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ (S. 135) erörtert und kritisch betrachtet.

Im siebten Kapitel erfolgt eine kurze Zusammenfassung, die Sicht auf behinderte Menschen heute sowie der Medien „Entweder tauchen Menschen mit Behinderung als Opfer auf, die Mitleid, Betreuung und Hilfe brauchen. Oder sie sind Helden, die Barrieren mit übermenschlichen Kräften bezwingen und erstaunliche Leistungen vollbringen.“

Fazit

Die Verfasser beschreiben anhand wichtiger Ereignisse der Behindertenpolitik eindrucksvoll den Wandel der unterschiedlichen Sichtweisen auf behinderte Menschen. Sie zeigen wichtige Erkenntnisse und Errungenschaften der Behindertenpolitik und gehen auf Vor- und Nachteile für behinderte Menschen ein. Das Buch bietet einen sehr guten geschichtlichen Überblick. Für den Leser eröffnen sich unterschiedliche Denkanstöße, so dass anschließend eine selbständige Vertiefung und Auseinandersetzung möglich ist. Dieses Buch eignet sich für Personen, die sich mit historischen und aktuellen Themen zu Behinderung und Behinderungspolitik beschäftigen.


Rezensent
Dipl. Sozialarb./-pädagogin Christian Wolff
M.A.
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Christian Wolff anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christian Wolff. Rezension vom 21.11.2012 zu: Christian Mürner, Udo Sierck: Behinderung. Chronik eines Jahrhunderts. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. ISBN 978-3-7799-2840-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13739.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung