socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Fabian Haller, Horst Gräser: Selbsthilfegruppen

Cover Fabian Haller, Horst Gräser: Selbsthilfegruppen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. 220 Seiten. ISBN 978-3-7799-2086-1. 24,95 EUR.

Reihe: Edition Sozial.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Thema des Buches ist die Darstellung des gegenwärtigen Standes der Forschung und der wissenschaftlichen Bearbeitung von Selbsthilfegruppen. Besondere Aufmerksamkeit sollen die Selbsthilfegruppen finden, die in psychologischer Perspektive am interessantesten sind: die Gesprächsselbsthilfegruppen mit psychologisch-therapeutischer Ausrichtung.

Autoren

Fabian Haller ist Dipl.-Psych. und in der psychosomatischen Rehabilitation tätig. Horst Gräser ist Akademischer Oberrat im Fach Psychologie an der Universität Trier. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Entwicklungspsychologie des Erwachsenenalters und Beobachtungs- und Gesprächsmethoden.

Aufbau und Inhalt

Das erste Kapitel leitet in das Thema ein und gibt einen Überblick über die Gliederung der Arbeit. Darin enthalten ist auch ein wirklich kurzer Abriss der Geschichte der Selbsthilfegruppen.

Im zweiten Kapitel geht es um die Definitionen und Prinzipien der Selbsthilfegruppen und deren Abgrenzung von anderen Organisationen im Bereich der Selbsthilfe. Eine Abbildung macht den Organisationsgrad der Selbsthilfe anschaulich.

Mit der Typologie der Selbsthilfegruppen beschäftigt sich das dritte Kapitel. Man kann die Selbsthilfegruppen nach ihren Hauptzielen und Arbeitsweisen einteilen, aber auch nach ihrem thematischen Fokus, also nach den in den Gruppen behandelten Themen. Weitere Einteilungsmöglichkeiten ergeben sich aus der Leitungsfrage – geleitete und nicht geleitete Gruppen, aus dem Maße der Offenheit für neue Mitglieder – offene und geschlossene Gruppen, aus der Zusammensetzung der Teilnehmer, aus der Einordnung ihres im präventiven, kurativen oder rehabilitativen Bereich liegenden Ansatzes und aus der Frage nach der Homogenität/ Heterogenität der Gruppen. Auch die Unterscheidung zwischen virtueller und realer Selbsthilfe wird erörtert.

Prozesse und Aktivitäten, die in einer Selbsthilfegruppe ablaufen, stehen im Mittelpunkt des vierten Kapitels. Gruppen bleiben in der Regel nicht statisch sondern sie haben einen Lebenslauf und verändern sich durch innere Dynamik und äußere Einflüsse. Schwierigkeiten, die durch Neulinge und Wegbleiber entstehen, werden genauso erörtert wie der mögliche Weg von der Selbsthilfegruppe zur Selbsthilfeorganisation.

Die Teilnehmer der Gruppen werden im fünften Kapitel thematisiert. Aspekte sind Geschlechterverhältnis, Bildung und Schichtzugehörigkeit, Altersverteilung und Stadt- und Landunterschiede. Teilnehmermotivation und Bedingungen für die Teilnahme an Selbsthilfegruppen sind weitere Untersuchungspunkte.

Das sechste und siebte Kapitel fragt nach den Wirkungen der Gruppenarbeit, insbesondere im Vergleich zur Psychotherapie. Konzentrieren wir uns auf die Schlussfolgerung zur Wirksamkeit der Selbsthilfegruppen: Für die einzelnen Teilnehmer haben sie durchschnittlich positive Wirkung, wobei der Umfang dieser Auswirkungen noch genauer untersucht werden muss. Der Vergleich der in Selbsthilfegruppen stattfindenden Vorgänge und Rahmenbedingungen mit jenen professioneller Psychotherapie kommt zu dem Ergebnis, dass die für die Psychotherapie geltenden Interventionen – Problematisierung, Hilfe zur Problembewältigung, Aktivierung von Ressourcen, motivationale Klärung und therapeutische Beziehung/ interpersonale Faktoren – auch, aber in unterschiedlicher Weise in der Selbsthilfegruppe stattfinden. Ähnlichkeit in der Wirkung von Selbsthilfe und Psychotherapie besteht auch darin, dass vor allem Patienten mit leichten Störungen von der Behandlung profitieren. Eine bessere Wirkung bei schweren Störungen kommt im Vergleich der Psychotherapie zu. In Kombination mit professionellen angeboten können aber auch Patienten mit ausgeprägten Störungen an den Selbsthilfegruppen teilnehmen.

Das achte Kapitel stellt die Möglichkeiten der Unterstützung der Selbsthilfegruppen dar. Gesamttreffen aller Selbsthilfegruppen zum Beispiel einer Kommune, Unterstützung durch einzelne Experten und andere Kooperationsformen sowie die Förderung durch Informations- und Kontaktstellen. Besondere Aufmerksamkeit wird in diesem Kapitel auch den Gefahren und Fehlentwicklungen gewidmet, die in der Förderungs- und Unterstützungspraxis liegen. Der Vorschlag, die Unterstützung von Selbsthilfeorganisationen und Selbsthilfegruppen zu trennen, weil sich bei der Bewerbung um Fördermittel die Selbsthilfeorganisationen als schlagkräftiger erweisen, ist jedenfalls genauso bedenkenswert wie das Aufwerfen der Frage, welcher Berufsgruppe die Unterstützer psychologisch-therapeutischer Selbsthilfegruppen angehören sollten, oder der Frage, ob finanzielle Förderung zur Domestikation der Gruppen führen kann.

Die Wechselwirkung von Selbsthilfe und Gesellschaft hat das neunte Kapitel zum Gegenstand. Es werden die gesellschaftlichen Ursachen der Selbsthilfe angesprochen: Veränderung der Altersstruktur und des Krankheitsspektrums, Versagen des Versorgungssystems und Wertewandel, Zerfall traditioneller sozialer Netze und Orientierungen. Unter den Wirkungen der Selbsthilfe auf die Gesellschaft werden die Entstigmatisierung und Verbesserung der Situation Betroffener sowie die Selbsthilfe als Vertretung von Konsumenteninteressen im Gesundheitswesen herausgestellt.

Ausblick und Fazit werden im Schlusskapitel gegeben. Die Autoren sehen in den Selbsthilfegruppen eine Behandlungsform mit breitem Anwendungsspektrum, die Chancen bietet, bisher unterversorgte oder vom Gesundheitssystem enttäuschte Bevölkerungsteile zu versorgen. Grundsätzlich haben Selbsthilfegruppen eine positive Wirkung. Allerdings bleibt festzustellen, dass psychologisch-therapeutisches Wissen in der von Sozialpädagogen bzw. Sozialarbeitern dominierten Selbsthilfeunterstützung in zu geringem Maße vorhanden ist. Schwerwiegender ist jedoch die Tendenz, dass sich die Selbsthilfe zu eng mit dem Gesundheitssystem verbindet und dessen Logik übernimmt und die Erhaltung der Prinzipien der Selbsthilfe – u.a. Freiheit zur Selbstgestaltung – nicht mehr gegeben wären. Ein Weg, die Selbsthilfe als weitgehend autonome Hilfeform zu erhalten, bestünde darin, sich auf die Funktion eines Korrektors des bestehenden Systems zu beschränken und so die Erstarrung zu einem normalen Teil der Gesundheitsversorgung abzuwenden und in Bewegung zu bleiben.

Diskussion

Auch in diesem Buch wird beklagt, dass die Literatur zu den Selbsthilfegruppen relativ gering sei. Wenn man allerdings auch die graue Literatur – Arbeitspapiere, Protokolle, Selbsthilfe-Zeitungen, Jahresberichte, Statistiken, Selbstdarstellungen – auswerten würde, könnte sich schon ein anderer Befund ergeben.

Was die Darstellung der Geschichte der Selbsthilfe angeht, so bleibt die Darstellung allzu kurz. Wichtiger als der Hinweis auf prägende Persönlichkeiten wäre der Hinweis auf die im Versorgungssystem liegenden Mängel gewesen, die in weit größerem Ausmaß die Selbsthilfebewegung gefördert haben: Enteignung gesundheitlicher Kompetenzen, Patient als Objekt, Medikalisierung, Apparatemedizin, drei-Minuten-Medizin, um einige Punkte zu nennen. Im weiteren Zusammenhang sei noch erwähnt, dass auf die Zusammenhänge der Gründung der AA u.a. durch B. Wilson mit C.G. Jung hingewiesen werden- mir war das unbekannt.

Die Einflussnahme der Selbsthilfegruppen auf das kommunale Gesundheitsgeschehen ist mehrfach mit den in der Stadt Herne frühzeitig durchgeführten und von Christian von Ferber wissenschaftlich begleiteten Gesundheitskonferenzen erprobt und evaluiert worden. Da diese positiven Erfahrungen mit der Selbsthilfe als Bewegung der Konsumenten auch publiziert wurden, ist es bedauerlich, dass sie keinen Eingang in die Überlegungen zu den Wirkungen der Selbsthilfe auf die Gesellschaft und die Patientenbeteiligung gefunden haben.

An einigen Stellen wird in den Selbsthilfegruppen eine Form der Behandlung gesehen. Auch der Vergleich der Wirkungen der Selbsthilfegruppen und der Psychotherapie deutet darauf hin, dass der Behandlungsbegriff beide Hilfearten im Kern erfassen soll. Selbsthilfe dürfte meines Erachtens mehr mit Selbstheilung und Empowerment zu tun haben als mit therapeutischer Behandlung.

Immer wieder weisen die Autoren auf die Gefahren hin, die aus der Vereinnahmung der Selbsthilfegruppen durch zunehmende Professionalisierung und fortschreitende Integration in das gesundheitliche Versorgungssystem erwachsen. Hier sprechen sie eine der zentralen Herausforderungen an, denen die Selbsthilfe gegenübersteht.

Fazit

Es ist keine Frage: Das Buch ist für jeden an der Selbsthilfe Interessierten lesenswert. Es gibt einen profunden Überblick und eine solide und problemorientierte Einführung. Hinzu kommt, dass es ein umfangreiches Literaturverzeichnis, ein Autoren- und Sachregister enthält und so sein Studium erleichtert.


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
E-Mail Mailformular


Alle 81 Rezensionen von Alexander Brandenburg anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 07.05.2013 zu: Fabian Haller, Horst Gräser: Selbsthilfegruppen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. ISBN 978-3-7799-2086-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13740.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung