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Hanspeter W. Dvorak: Atem und Musik in der Heilkunst

Cover Hanspeter W. Dvorak: Atem und Musik in der Heilkunst. Uraltes Erfahrungswissen und neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2012. 252 Seiten. ISBN 978-3-89500-862-7. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR.

Reihe: Zeitpunkt Musik.
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Autor

Hanspeter Dvorak war nach seinen Studien in Geologie und Psychologie Mitarbeiter an einem arbeitspsychologischen Forschungsprojekt der Universität Würzburg und Leiter der Entwicklungsstelle für den psychologischen Eignungstest der Deutschen Bundesbahn. Dvorak veröffentlichte zahlreiche Bücher und Artikel in psychologischen und medizinischen Zeitschriften. Seine Interessenschwerpunkte liegen in den Neurowissenschaften, der Psychosomatik und der Theorie der Selbstorganisation.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch entstand als Fortsetzung und Ergänzung zu seinem 2007 erschienenen Buch „Geistig-seelische Leiden verstehen und bewältigen“. Es soll Atem- und Musiktherapie genauer beschreiben und deren die Bedeutung der Heilkunst „im Zusammenhang mit der derzeitigen Krisensituation im Gesundheitswesen darstellen“.

Aufbau

Der Aufbau gliedert sich in drei Teile.

Der erste Teil (Zur Geschichte und Gegenwart der Atem- und Musiktherapie) geht von der Bedeutung von Atem und Musik in der Heilkunde in der Frühgeschichte aus. In Altertum, Mittelalter und Neuzeit haben beide eine Schlüsselrolle in der Heilkunst: im ganzheitlichen Naturheilweisen als Brücke zwischen Körper und Geist – mit den Aufgaben: Regulation von Biorhythmen und Affekten (chronobiologische Rhythmusforschung), Harmonisierung von Beziehung und Förderung von Empathie (Hirnforschung, Spiegelneurone), Wahrnehmung, Achtsamkeit und Bewussseinswandel (Neurowissenschaft und Meditation). Der Autor erörtert Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten beider Therapien anhand ausgewählter interdisziplinärer Konzepte, aus Physiologie, Neurologie, Chronobiologie, Atemtherapiemodellen, Anthroposophie, Philosophie und Achtsamkeitsforschung. Er beschreibt vorwiegend Modelle der Atemtherapie (Schmitt, Richter und Middendorf). Bei Musiktherapie fokussiert er auf die Anthroposophische Musiktherapie, heilendes Singen und Musik und Trance.

Der zweite Teil untersucht wissenschaftliche und wirtschaftliche Probleme, die es nach Meinung des Autors beiden Therapiearten erschweren, in das bestehende Gesundheitssystem integriert zu werden. Er stellt den bisherigen Stand der biomedizinischen und biotechnologischen Wissenschaft, der Neurobiologie und der Genforschung, die ein eher mechanistisches Modell der „Reparaturmedizin“ begründen, die Erkenntnisse der Neuen Biologie und der Neuen Physik (ein Schwerpunkt ist die Quantenphysik, sowie Meditations- bzw. Achtsamkeitsforschung) gegenüber. Ziel ist, ein ganzheitliches Denken zu begründen bzw. darzustellen.

Im dritten Teil reflektiert der Autor über die gesamtgesellschaftliche Situation in der Medizin und eine neue Kultur der Heilkunst. Einbezogen werden kritische Fragen, die sozialpsychologische und gesellschaftspolitische Aspekte des Gesundheitssystems genauso in den Blickpunkt nehmen, wie Fragen nach alternativen kostengünstigen Methoden, dargestellt an Atem- und Musiktherapie. Diese Gedanken folgen Theorien von Fromm, Illich, Grosz, sowie denen der Salutogenese, Prävention, Stärkung der Selbstheilungskräfte. Im letzten Abschnitt entwickelt der Autor Gedanken zur künftigen Entwicklung in unserem Gesundheitssystem. Er plädiert für ein ganzheitliches Denken, das verbesserte Gesundheitserziehung und Aufklärung erfordert, damit die Eigenverantwortlichkeit des Patienten fördert und das Erkrankungsrisiko verringert. Er fordert eine Persönlichkeitsentwicklung auf der Basis geistig-seelischer Reifung, sowie eine vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung, die die Emotionen mit einbezieht.

Am Ende befindet sich ein informativer Teil mit ausführlichen Anmerkungen zu verschiedenen Textbausteinen.

Diskussion

Musiktherapie und Atemtherapie befinden sich in Bezug auf Wirksamkeitsforschung nach dem heutigen Stand der Wissenschaft auf unterschiedlichem Stand. Für die Musiktherapie existieren Hypothesen, theoretische Konzepte, Forschungsergebnisse aus evidenzbasierten (EBP) und kontrollierten Studien (RCT), die es musiktherapeutischen Methoden zunehmend erlauben, in verschiedene medizinische und therapeutische Kontexte integriert zu werden. Die Atemtherapie hingegen ist primär auf Erfahrungen und Tradition angewiesen. Daher legt der Autor seinen Schwerpunkt auf die Atemtherapie, unter Berücksichtigung von Fakten, die auch das Gemeinsame beider Methoden im Blick hat. Der Autor begründet in dem Buch schlüssig und unter Zuhilfenahme kultur- und geisteswissenschaftlicher Persönlichkeiten und Theorien sowie Verweisen auf östliche Kulturen (Buddhismus, Meditation), dass in unserer mechanistisch und reparatur-gläubigen Medizin ein Paradigmenwechsel wünschenswert ist. Eine allein auf EBP und Wirtschaftlichkeit ausgerichtete Medizin wird den zunehmend emotionalen und spirituellen Bedürfnissen der Menschen nicht mehr gerecht. Wie in diesem Buch ausgeführt, erbringt die heutige Wissenschaft inzwischen genügend Nachweise für die Wirksamkeit von Atem- und Musiktherapie, so dass einer fehlenden Anerkennung dieser ganzheitlichen Naturheilweisen aus diesem Blickwinkel nichts mehr im Wege stehen sollte.

Fazit

Es ist ein sehr engagiertes Buch, indem der Autor sein Anliegen umfassend darstellt, interdisziplinär verknüpft und begründet. Seine kritische Auseinandersetzung mit dem bestehenden System ist schlüssig, wird aber sicher zu Diskussion anregen. Es ist ein wichtiges Buch, das Ärzte, Psychologen, Therapeuten, aber auch Eltern und Erzieher anregen kann, eigene Vorstellungen und Praktiken zu erweitern oder zu überdenken.


Rezension von
Dr. sc. mus. Monika Nöcker-Ribaupierre
Dipl. Musiktherapeutin DMtG, Vice President der International Society for Music in Medicine ISMM.
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Zitiervorschlag
Monika Nöcker-Ribaupierre. Rezension vom 11.03.2013 zu: Hanspeter W. Dvorak: Atem und Musik in der Heilkunst. Uraltes Erfahrungswissen und neue wissenschaftliche Erkenntnisse. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-89500-862-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13742.php, Datum des Zugriffs 20.10.2021.


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