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Lamya Kaddor, Rabeya Müller: Der Islam für Kinder und Erwachsene

Rezensiert von Gerd Schneider, 04.03.2013

Cover Lamya Kaddor, Rabeya Müller: Der Islam für Kinder und Erwachsene ISBN 978-3-406-64016-2

Lamya Kaddor, Rabeya Müller: Der Islam für Kinder und Erwachsene. Verlag C.H. Beck (München) 2012. 176 Seiten. ISBN 978-3-406-64016-2. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 30,50 sFr.
Illustrationen von Alexandra Klobouk.

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Autorinnen

Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin, Politikberaterin, hat sich als Pionierin der islamischen Religionspädagogik einen Namen gemacht. Sie ist die erste Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes und wurde mit dem „European Muslim Woman of Influence Award“ ausgezeichnet.

Rabeya Müller, islamische Theologin und Religionspädagogin, leitet das Foschungsprojekt „Geschlechtergerechtigkeit – interreligös gedacht“. Zusammen mit Lamya Kaddor hat sie den „Koran für Kinder und Erwachsene“ übersetzt.

Alexandra Klobouk, Kulturillustratorin, ist Meisterschülerin der Kunstschule Berlin-Weißensee. Nach längerem Aufenthalt in Istanbul lebt und arbeitet sie in Berlin und Lissabon. Mehrere Bildgeschichten von ihr (u.a. „Polymeer. Eine apokalyptische Utopie“ oder „Istanbul, mit scharfer Soße?“) wurden von der Presse stark beachtet.

Thema

Spätestens seit den Terroranschlägen in den USA auf das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001 erhielt das Schlagwort von Samuel P. Huntington vom „Kampf der Kulturen“ wieder verstärkte Aktualität. Das hat sich seit jenem Datum eher noch verstärkt, denn das Verhältnis zwischen islamischer und westlicher Welt ist mehr denn je geprägt von Angst und Misstrauen. Dabei braucht auf die Jahrhunderte lange Konflikttradition zwischen Islam und Christentum gar nicht eingegangen werden. Es reicht hier schon, einen Blick auf das gegenwärtige starke Unbehagen zu werden, das sich erneut, wie so oft in der Geschichte dieser Kulturen, maßgeblich am Thema Gewalt festmacht. Westliche Beobachter werfen dabei alles in einen Topf. Die verschiedenen Elemente der Gewaltmotive wie Ehrenmorde, Selbstmordanschläge, Scharia, Taliban und anderes lassen ein schier undurchschaubares Knäuel entstehen. Auf der anderen Seite fallen die Stichworte Kreuzzüge, Kolonialismus, Abu Ghuraib, Israel, Prophetenbeleidigung, Bevormundung und Einmischung durch den arroganten Westen und was nicht noch alles in dieses ganze verhängnisvolle Konglomerat gehört, aus dem das gegenseitige Misstrauen erwächst.

Nach dieser kurzen Beschreibung wird klar, wie wichtig klare und neutrale Informationen sind, um sich eine vorurteilsfreie Meinung bilden zu können. Denn man kann davon ausgehen, dass hierzulande den meisten Menschen der Islam in seinen Erscheinungsformen eine sehr fremde Religion ist. Es wird gerade in den letzten Jahren viel und teilweise sehr emotional über diese Religion diskutiert. Wichtig dabei wäre, sich ein gutes Basiswissen anzueignen. Das Buch „Der Islam für Kinder und Erwachsene“ bietet die Möglichkeit dazu.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Insgesamt elf, inhaltlich voneinander abgegrenzte Kapitel mit einer Reihe von Untergliederungen erläutern die Grundlagen des Islam und zeigen die verschiedensten Facetten auf.

Im ersten Abschnitt „Viele Namen, ein Gott“ geht es darum, was unter dem Gottesbegriff eigentlich verstanden wird und warum es 99 Namen für den islamischen Gott gibt und nicht 100 oder 101. Ähnlich wie im Judentum und im Christentum, den verwandten großen monotheistischen Religionen, glauben die Muslime an den alleinigen Gott als den Schöpfer des Himmels und der Erde. Er war schon von Anfang an da. Er ist niemals selbst erschaffen und wird ewig bestehen. Weitere Gemeinsamkeiten zwischen den drei Religionen zeigt das Buch auf. Auch die Muslime zum Beispiel glauben daran, dass Engel die Diener Gottes sind. Das Paradies ist im Islam und im Christentum ein wunderschöner Garten, in dem es sich sorglos und voller Freuden leben lässt. Auch im Islam kann sich der Gläubige Gott nicht wirklich vorstellen, er hat aber ein großes Bedürfnis danach.

Um mit Gott in Verbindung zu treten – und das ist ein Unterschied zum Christentum – braucht der Muslim keinen Vermittler, keinen Priester, der ihn bei seiner Gottsuche anleitet. Er kann sich direkt an Gott wenden, ihn jederzeit um Hilfe und Beistand bitten. Zahlreiche aufgeführte Stellen aus dem Koran, dem heiligen Buch des Islam, sollen die im Buch gegebenen Erläuterungen unterstützen. Zum Beispiel: „Wenn dich meine Diener nach mir fragen, so bin ich da, und erhöre den Rufenden, wenn er mich ruf. Sie sollen nun auf mich hören, und sie sollen an mich glauben, damit sie einen guten Lebenswandel zeigen“. (Sure 2, Vers 186)

Fünf Säulen

Ausführlich werden die fünf grundlegenden Pflichten – die fünf Säulen dieses Glaubens – beschrieben, die jeder Muslim erfüllen muss. Kurz gefasst seien sie hier genannt, schon deswegen, weil Menschen im Westen die große Bedeutung diese Pflichten oft nicht kennen:

  1. Jeder Muslim muss seinen Glauben bezeugen. Jedes Kind lernt die Formel, die übersetzt heißt: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Gott selbst gibt, und ich bezeuge, dass Muhammad der Gesandte Gottes ist.“ Wichtig ist, dass das Bekenntnis stets mit voller Überzeugung und vollem Bewusstsein gesprochen wird, sonst verliert es seinen Wert.
  2. Grundsätzlich gilt als zweite Säule, dass fünfmal am Tag gebetet werden.
  3. Als dritte Pflicht soll im Fastenmonat Ramadan gefastet werden.
  4. Was sicher im Westen weniger bekannt ist, dass als vierte Säule des Glaubens alle Musliminnen und Muslime gehalten sind, Almosen zu geben. Dieses geschieht nach Möglichkeiten des eigenen Vermögens, das – ein wichtiger und eindrucksvoller Aspekt des Islam – nicht gehortet werden, sondern allen Mitmenschen zum Nutzen sein sollte.
  5. Die fünfte Säule des Islam ist die Pilgerfahrt in die heilige Stadt Mekka. Jeder gläubige Muslim sollte versuchen, diese Reise, „Hadsch“ genannt, mindestens einmal in seinem Leben zu unternehmen und dabei die festen Regeln, die sie begleiten, zu befolgen.

Islamisches Recht

Die erklärenden weiteren Kapitel des Buches befassen sich unter anderem mit der Frage, was man in den Koranschulen lernt und welche Bedeutung dieses heilige Buch des Islam hat. Aus diesem „Buch, an dem kein Zweifel besteht“, spricht Gott selbst zu den Menschen. Er sagt ihnen, was in ihrem Leben gilt und was nicht, und gibt entsprechende Gebote und Verbote für alle Situationen des Lebens. Mit dem Koran, seiner Entstehung und den Gesetzen, die er enthält, befasst sich ein Kapitel. Über die Scharia (im Arabischen hat das Wort die Bedeutung „Weg zur Wasserquelle“), das islamische Recht wird im Westen viel geschrieben und Unverständnis geäußert über die teilweise harten Strafen, die in diesem Strafrecht festgelegt sind. In den Anfängen des Islam wie auch in der Gegenwart wird die Scharia, wie die Autorinnen darlegen, als eine Art Struktur angesehen, als ein Gerüst für Pflichten der Muslime gegenüber Gott sowie für das sittliche Verhalten gegenüber den Mitmenschen und für immer neue Rechtsauslegungen. Als Grenzstrafen werden jene harten Strafen mit körperlicher Züchtigung bis hin zur Steinigung bezeichnet. Im Westen werden diese Strafen häufig als Beleg für die Unmenschlichkeit islamischer Rechtsprechung zitiert. Die Autorinnen weisen darauf hin, dass diese Grenzstrafen nach klassisch-islamischem Recht eigentlich nicht mehr zulässig sind, wenn der Täter die Tat bereut. Im übrigen werden diese harten Strafen nur in ganz wenigen islamischen Ländern vollstreckt, etwa in Saudi-Arabien, Jemen, Pakistan oder Iran. In den meisten islamischen Ländern mit großer muslimischer Bevölkerung ist die Scharia nicht mehr im staatlichen Gesetz verankert.

Der Gesandte Gottes

Ein ausführliches Kapitel widmet sich Muhammad, dem Gesandten Gottes. Der Koran führt insgesamt eine Folge von fünfundzwanzig Propheten auf. Doch unstrittig sei bei allen Muslimen, so wird hervorgehoben, dass Muhammad als letzter Prophet gilt. Dabei sei es grundsätzlich wichtig zu unterscheiden, was Muhammad als gewöhnlicher Mensch, der er ja war, gesagt hat, und was als Offenbarung gilt. Als Mensch konnte er sich wie alle anderen auch irren. Als Prophet, dem die Offenbarung, also der göttliche Text gegeben wurde, nicht mehr, denn Gott irrt sich nicht. Die Lebensgeschichte bis zur Offenbarung wird dargestellt, dann die Veränderung seines Lebens bis zu dem Zeitpunkt, als er 40 Jahre alt war und ihm dann 42 Jahre lang die göttlichen Botschaften zuteil wurden. Der Leser versteht in diesem Buch auch, warum heftige Diskussionen nach dem Tode des Propheten um dessen Nachfolge entbrannten. Die so oft gehörten Bezeichnungen Sunniten und Schiiten und die Konflikte dieser Glaubensgruppen werden verständlich.

Frauen und Männer

So ist ein Kapitel überschrieben, das sich mit dem Verhältnis der Geschlechter zueinander befasst. Greifen wir zwei Punkte aus den umfangreichen Informationen zu diesem Thema heraus, die hierzulande in der Diskussion eine große Rolle spielten. Die Autorinnen sprechen sich dabei gegen „Ehrenmorde“ aus. Diese Taten hätten im Islam keine religiöse Grundlage. Niemandem sei es dort genau wie auch nicht im Christentum gestattet, wegen Verletzung der „Ehre“ einen anderen Menschen zu töten. Auch wenn es in gewissen islamischen „Traditionen“ bestimmte altmodische Vorstellungen gebe, auf die man sich berufe, um Ehrverbrechen zu rechtfertigen, so passten diese uralten Vorstellungen, unterstreichen die Autorinnen, nicht in einen modernen Rechtsstaat wie die Bundesrepublik Deutschland – und sie passten auch nicht zum Islam. Auf einen weiteren Punkt, der hierzulande heftige Kontroversen ausgelöst hat, geht das Buch unter der Überschrift „Mit oder ohne Kopftuch“ ein. Mehrere Koranstellen zu Fragen der Kleiderordnung von Muslimen werden zitiert, nach denen – speziell was das Kopftuch betrifft – mehrere Interpretationen möglich sind. Doch gleichgültig, welcher Auslegung man folgt, wichtig sei am Ende nur, so die Schlussfolgerung des Kapitels, dass die Frau ihre Entscheidung frei und ohne Druck treffen könne. Frauen, die in dogmatischen Familien zur Vollverschleierung gezwungen würden, müssten wie in einem Gefängnis leben. Diese habe aber mit dem Islam nichts mehr zu tun.

Fazit

Weitere Punkte werden in dem Buch behandelt. Hingewiesen sei an dieser Stelle auf das Verhältnis des Islam zur Kunst, auf seine Beziehungen zur Politik oder Aspekte der Geschichte des Islam in Deutschland. Auf jeden Fall werden sich mit „Der Islam für Kinder und Erwachsene“ viele Lücken im Wissen über diese Religion füllen lassen. Das Buch ist als eine sehr brauchbare Einführung in den Islam anzusehen. Doch manche Themen wie Kopftuch, Ehrenmord, islamisches Recht und zwei, drei andere Punkte, die gerade in der westlichen Diskussion als kritisches Instrument gegen den Islam eingesetzt werden, sind etwas unklar dargestellt. Es lassen sich mitunter die Positionen, welche die Autorinnen dabei einnehmen, nicht genau erkennen.

Trotz dieser Einwände muss gesagt werden: Der Text ist anschaulich geschrieben, die Grundlagen dieser Religion werden deutlich. Viel Material, so unter anderem ein ausführliches Stichwortregister, Literaturhinweise und Informationen über islamische Medien in Deutschland ist hilfreich zur Vertiefung mancher Fragen, die sich stellen werden. Auf eines muss unbedingt noch hingewiesen, positiv hervorgehoben werden: auch die jugendlichen Leser werden Gewinn aus diesem Buch ziehen. Dazu tragen nicht zuletzt die farbigen, zum Teil zweiseitigen Zeichnungen von Alexandra Klobouk bei. Der feinsinnige Humor dieser Zeichnungen und Grafiken trägt dazu bei, dass man diese Einführung in ein sicherlich nicht einfaches Thema gerne liest und weiter empfehlen kann.

Rezension von
Gerd Schneider
Schriftsteller, Drehbuchautor

Es gibt 21 Rezensionen von Gerd Schneider.

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ISSN 2190-9245