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Manfred Cierpka (Hrsg.): Frühe Kindheit 0 - 3

Cover Manfred Cierpka (Hrsg.): Frühe Kindheit 0 - 3. Beratung und Psychotherapie für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern. Springer (Berlin) 2012. 545 Seiten. ISBN 978-3-642-20295-7. D: 59,95 EUR, A: 61,70 EUR, CH: 75,00 sFr.
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Thema

Das vorliegende Handbuch befasst sich mit den Bedingungen und Risiken am Anfang des Lebens – hierzu wollen die verschiedenen Autoren Grundlagen nach heutigem Wissenstand vermitteln und hieraus Schlussfolgerungen für die Beratung und Therapie von – oft verunsicherten- Eltern mit ihren Säuglingen und Kleinkindern ziehen.

Herausgeber

Prof. Dr. Manfred Cierpka ist Arzt für Psychiatrie, Facharzt für psychosomatische Medizin, Psychoanalytiker und Familientherapeut. Er ist seit 1998 Ärztlicher Direktor des Institutes für psychosomatische Koorperationsforschung und Familientherapie am Universitätsklinikum Heidelberg.

Entstehungshintergrund

Das Buch resultiert aus den Erfahrungen in der Beratung und Therapie von Eltern und deren Anliegen und Sorgen die Entwicklung ihrer Kleinkinder betreffend einerseits, der Wichtigkeit von Früherkennung und Behandlung von Abweichungen in der Entwicklung am Anfang des Lebens zur Vermeidung schwerwiegenderer Störungen in späteren Entwicklungsabschnitten andererseits.

Diesen Informations- und Hilfebedarf zu befriedigen und Essentials für die Beratung und Therapie bei häufig auftretenden Entwicklungsschwierigkeiten für in diesem Bereich tätige Therapeuten zu präsentieren ist Ziel des Buches.

Aufbau

In sieben Teilen mit insgesamt 38 Kapiteln stellen die insgesamt 37 Autoren und Autorinnen wesentliche Ergebnisse der Kleinkindforschung und -Beratung vor.

Teil I beschäftigt sich mit wesentlichen Grundlagen der Entwicklung und damit einhergehenden Anforderungen an die Familien -von der pränatalen Entwicklung über Fragen des Temperamentes, der Bedeutung von Bindung bis hin zu Aspekten der Partnerschaft und der Rollenveränderung in der Elternschaft werden wesentliche Erkenntnisse zusammengetragen.

Teil II befasst sich mit typischen Regulationsstörungen – von der Diagnostik solcher wie Exzessives Schreien, Schlafstörungen, Fütterstörungen, Trotzen und Aufmerksamkeitsprobleme… bis hin zu dem helfend therapeutischen Umgang hiermit.

Teil III wird „Problemstellungen und Belastungen“ genannt und beschäftigt sich Fragen wie z.B. psychischen Störungen in der Postpartialzeit, dem Thema Gewalt in Familien, Drogenproblemen bei den Eltern, Teenagerschwangerschaften, behinderten und chronisch kranken Kindern sowie Aspekten der – auch kultursensitiven- Beratung diesbezüglich.

Teil IV stellt Beratungs- und Therapiekonzepte vor, insbesondere solche, die sich nach Einschätzung der Autoren bewährt haben, z.B. der Heidelberger interdisziplinären Sprechstunde für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern, oder dem Einsatz von Video und Videofeedback in der Beratung erziehungsverunsicherter Eltern.

Teil V ist den Diagnostischen Methoden gewidmet (Entwicklungsdiagnostik, dyadische Diagnostik, Triadische Diagnostik, schließlich Familiendiagnostik).

Teil VI stellt in einem Kapitel Ergebnisse der Effekte von Beartung im Kontext des Kleinkindes dar, Teil VII schließlich in zwei Kapitel ( Elternschule und Familienstützende Prävention) präventive Konzepte vor.

Für einen genauen Überblick über die Kapitel und einen Einblick ins Buch selbst sei auf www.springer.com/psychology verwiesen.

Inhalt

Der Herausgeber dieses Handbuches stellt neben dem offensichtlichen Bedarf an Beratung und Therapie für Kleinkinder und deren Eltern auch Mängel in einer Etablierung einer so spezialisierten Beratungsform fest – zusammen mit den Koautoren soll deshalb nicht lediglich der Forschungsstand im Kontext der Thematik dokumentiert werden, sondern auch Stellung bezogen werden bezüglich der Weiterentwicklung im Fachgebiet. Hierzu formuliert Cierpka im Vorwort des Werkes bestimmte Prämissen. So betont er, dass die Frage nach Dominanz von Genetik vs. Erfahrung für die Entwicklung heute obsolet sei: im Handbuch wird von Wechselwirkungen komplexer Art zwischen „nature“ und „nurture“ ausgegangen, wobei insbesondere die Stressforschung veranschaulicht, wie die wechselseitige Beeinflussung ablaufen kann. Eine weitere Prämisse ist ein durchgängig entwicklungsorientiertes Konzept, nach dem das Kind im Kontext der Familie bestimmte Entwicklungsaufgaben zu bewältigen hat, die natürlich auch normativ geprägt sind. Deshalb muss auch (Prämisse 3) die Diagnostik entwicklungsorientiert sein, wobei der Autor vor einer frühen Pathologisierung warnt und die Zielrichtung (Prämisse 4) von Beratung insbesondere in einer möglichst früh wiederherzustellenden Passung zwischen Eltern und Kind sieht. Schließlich muss die Entwicklung im Fachgebiet selbstverständlich forschungsorientiert (Prämisse 5) geschehen.

Für einen gewissen inhaltlichen Einblick soll exemplarisch aus drei Teilen zumindest ein Kapitel kurz vorgestellt werden.

Im Kap 2 aus Teil I stellen Pauen u.a. die Entwicklungspsychologie der ersten drei Lebensjahre dar.

Dies ist die Zeit der größten Hirnentwicklung, die bei günstigem Verlauf das Ziel bestimmter „Meilensteine“ erreicht, und im Bereich Motorik, kognitive Funktionen, Soziale Beziehungen, Selbstregulation und Emotion die Grundlage für die weitere Entwicklung legt. Die Variabilität bezüglich des Zeitpunktes der Entwicklung ist hierbei zu beachten – insgesamt erscheint die Reihenfolge des Kompetenzerwerbs wichtiger als der Zeitpunkt.

Scholtes u.a. beschäftigt sich in Kap 14 von Teil II mit den Schlafstörungen im Kindesalter. Anhand eines Fallbeispiels wird zunächst zwischen Ein- und Durchschlafstörungen differenziert, wobei alterstypische regulatorische Entwicklungsaufgaben zu berücksichtigen sind. Für die manifesten Schlafstörung werden schließlich drei Aspekt herausgestellt: Unfähigkeit des Kindes ohne große Hilfen in Schlaf zu kommen; Leiden der Eltern i.S. von Überforderung; Dysfunktionale Interaktionsmuster mit aufrechterhaltenden Konsequenzen. Schließlich werden -verdeutlicht an Fallbeispielen Hilfen bis hin zu psychotherapeutischen Interventionen aufgezeigt.

Cierpka zusammen mit seiner Ehefrau Astrid thematisieren im 20. Kap. des Teil II Gewalt in der Familie. Gewalt zwischen Eltern und Kind tritt in körperlicher und psychischer Form und als sexueller Mißbrauch und emotionale Vernachlässigung auf, wobei Mischformen typisch sind. Ihre Langzeitfolgen sind bedeutsam- gerade wegen der großen Plastizität des Gehirns am Anfang des Lebens können Beeinträchtigungen hier besonders schwerwiegend sein und bis zur Transmission von Generation zu Generation reichen. Ebenfalls verdeutlicht an Fallbeispielen geben die Autoren Anschauung zu den verschiedenen Formen von Gewalt und deren Beeinflussung.

Diskussion

Das vorliegende Buch erreicht das Ziel eines Handbuches gut: es dokumentiert den „state of the art“ im besagten Fachgebiet und benennt wesentliche Formen gestört-abweichender Entwicklung, deren Diagnostik und bezogene Interventionen i.S. von Beratung und Therapie vor allem der fürsorgenden Eltern. Hierbei erscheinen die Ansätze integrativ: die Orientierung an bestimmten Schulen der Beratungspsychologie erscheint den Autoren überholt, die Pragmatik ist wesentlicher. Dies verdeutlichen die vielen Fallbeispiele zu den jeweiligen Störungen anschaulich und ermöglichen Einblicke in bewährte Diagnostik und Behandlungsansätze.

Fazit

Das Handbuch erscheint für die Beratungsarbeit mit Kleinkindern und deren Familien unverzichtbar:

es stellt die Grundlagen der Entwicklung und die häufig auftretenden Schwierigkeiten sowie deren familiären Kontext umfassend und gut lesbar dar. Schön auch, dass der Autor im Vorwort eine Positionsbestimmung vornimmt, die die vielen Autoren des Werkes eint (s.o.).


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
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Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 27.09.2012 zu: Manfred Cierpka (Hrsg.): Frühe Kindheit 0 - 3. Beratung und Psychotherapie für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern. Springer (Berlin) 2012. ISBN 978-3-642-20295-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13759.php, Datum des Zugriffs 13.11.2019.


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