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Claudia Benz: Suchtberatung zwischen Leidenschaft und Burnout

Cover Claudia Benz: Suchtberatung zwischen Leidenschaft und Burnout. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2012. 170 Seiten. ISBN 978-3-8340-1022-3. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.
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Thema

Themen des Buches sind die Weiterentwicklung einer Suchtberatungsstelle für Alkoholabhängigkeit, mit geschichtlichem und inhaltlichem Überblick über die psychologische und psychotherapeutische Tätigkeit; versehen mit Fallbeispielen, unter Verwendung von Symbolen, … - alles sehr persönlich gehalten.

Autorin

Claudia Benz studierte Psychologie, Erziehungswissenschaften, Germanistik und Philosophie. Sie ist Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin und ausgebildete Gesprächspsychotherapeutin, Biodynamische Körpertherapeutin und Psychodramatherapeutin.

Entstehungshintergrund

Die Autorin gibt Einblick in ihre langjährige Berufserfahrung in einer Suchtberatung – vorwiegend für Personen mit Alkoholabhängigkeit. Sie schildert anhand von kurzen Fallbeispielen viele Facetten der Behandlung, aber auch die Entwicklungsgeschichte der Beratungsstelle, des Teams und zuletzt ihren Weg ins Burnout und den Umgang damit.

Aufbau

Das Buch teilt sich in 2 Hauptbereiche,

  1. die Leidenschaft, den chronologischen und fachspezifischen Ablauf der Tätigkeit
  2. das Burnout, den Abschnitt der sozialen, wirtschaftlichen und fachlichen Veränderungen.

Die verschiedenen Arten der Herangehensweisen, wie der abwechselnde Einschub von Theorie und Fallbeispielen sowie die eigene Betroffenheit und kritische Selbstbetrachtung der Autorin machen dieses Buch leicht lesbar.

Da das Inhaltsverzeichnis leider sehr knapp gehalten ist, die Untertitel jedoch Aussagekraft besitzen, sind zur besseren Orientierung alle Abschnitte mit Seitenzahl angeführt. Sie ermöglichen später ein leichteres Nachschlagen, machen diese Rezension aber leider umfangreicher.

In der folgenden Beschreibung werden die Abschnitte einzeln genannt, danach folgt exemplarisch ein inhaltlicher Auszug:

Teil 1 Die LEIDENSCHAFT

Annäherung

  • Barbara S. 2

Der Einstieg über ein privates Ereignis schildert den Zwiespalt zwischen dem retten wollen der Helfer und der eigenen Überlebensfähigkeit der Suchtkranken in Subkulturen.

Anfänge

  • Die ersten Kontakte S. 8
  • Die Gruppe S. 10
  • David S. 13
  • Lernen S. 18
  • Herr L. S. 19

Die 2 Fallbeispiele beschreiben die Bandbreite der Behandlungsaussichten; vom frühen Tod bis zur Genesung mit nur geringer Unterstützung und seitens der Autorin das „Abschied (nehmen) vom Wunsch, das Leben der Betroffenen allzu sehr bestimmen zu können“. S. 19

Sie schildert die Wichtigkeit und Wirkung der Therapiegruppe, und „dass die Teilnehmer sehr wohl dem Gespräch folgen konnten, selbst dann, wenn der eine oder andere angetrunken erschien“ (S. 11)

Ich begreife Abstinenz

  • Ein Jahr ist eine Lange Zeit S. 23
  • Frau D. S. 26
  • Griechische Wein S. 29
  • Ausrutscher, gibt es das? S. 30
  • Das Schwungrad S. 35
  • Das alte Flussbett S. 36
  • Helmut S. 38

Hier schildert die Autorin ihren Entschluss zu einem alkoholabstinenten Jahr, um die Erkrankung besser zu verstehen. Sie steht dem Modell des kontrollierten Trinkens kritisch gegenüber. Die Arbeit mit dem Rückfall beschreibt sie auf S. 33 so: „Deshalb habe ich als Suchtberaterin manchmal den Eindruck, mit der konsequenten Forderung nach Abstinenz und der gleichzeitigen Vorbereitung auf einen möglichen Rückfall einen seltsamen Spagat zu versuchen.“ Die anschauliche Verwendung der Symbole Schwungrad und Flussbett zeigen auf, wie der Mechanismus der chronischen Suchterkrankung abläuft: je öfter der Konsum, desto schwieriger das Innehalten und der Neuaufbau.

Die wilden achtziger Jahre

  • Drogen und Gefängnis S. 42
  • Die Gefangenenbefreiung S. 44
  • Die neue Drogenberatungsstelle S. 47

Das Beispiel auf S. 44 zeigt das damalige Verständnis von Betreuung auf: von der „Selbstverständlichkeit, die Suchtkranken im eigenen PKW vom Gefängnis abzuholen und in weit entferne Therapieeinrichtungen zu bringen“, mit den dazugehörigen Risiken, und der Dynamik, dass sich Abläufe erst ändern, wenn etwas passiert.

Intermezzo. Die gute alte Zeit S. 50

Erste Anzeichen der Überforderung

  • Entlastung? S. 53
  • Frau S. berichtet S. 54
  • Selbstfürsorge S. 56
  • Flumser Berge S. 57

Die Wichtigkeit der Aufmerksamkeit für Klienten: “zum ersten Mal überhaupt in meinem Leben wurde ich als Mensch ernst genommen… wurde mir aufmerksam zugehört“ S.55/56, kann zur Selbstverständlichkeit führen, ständig persönlich erreichbar zu sein und damit zur Selbstüberschätzung. Frau Benz zeigt hier die Abhilfe durch die Möglichkeit der Supervision auf und bespricht die wichtige Rolle des Sekretariats.

Intermezzo: Über das Lachen S. 62

Wir entdecken die Zielgruppen

  • Aussiedler S. 64
  • Herr B. S. 64
  • Herr G. und Herr M. S. 66
  • Der Ausbau des Gruppenangebots S. 67 (+Gespräch!!)
  • Der Führerscheinklient S. 68
  • Angehörigenarbeit: Herr S. und seine Mutter S. 70

Hier findet der Paradigmenwechsel von freiwilligem Angebot zu Zwangskontext und von stellenbezogener Finanzierung zur Einzelfallabrechnung mit privater Abrechnung Eingang.

Intermezzo: Wir sind nicht für jede Zielgruppe zuständig! S. 75

Die ambulante Behandlung: ich lerne, leide, werde

  • Wir fangen an S. 77
  • Die Weisheit des Körpers S. 78
  • Eine kleine Körperübung S. 79
  • Die Intuition S. 83
  • So viel Stillstand wie nötig, so viel Bewegung wie möglich S. 85

Themen sind hier die Bedeutung von Sozialarbeit und Psychologie in der Suchtberatung, der Einsatz von Körpertherapie mit theoretischen und praktischen Erklärungen; der Respekt vor dem Widerstand und das Wissen um seine Schutzfunktionen; sowie die Wichtigkeit von Intuition, dem „Bauchgefühl. („ein nicht greifbares aber nützliches Phänomen, weil sie es mir ermöglicht, in Sekundenschnelle innerlich eine vorläufige „Diagnose“ der gegenwärtigen Lage zu stellen und genauso schnell auf diese Information und Bewertung zu reagieren“. S 84)

Intermezzo: Vom Sinn der Umwege S. 87

  • Frau G. S. 90
  • Das Psychodrama S. 94
  • Ein bisschen Theorie muss sein S. 95
  • Die Kraft der Gruppe S. 99
  • Abstinenz und Anwesenheit S. 100
  • Die Konfrontation mit der Realität, Frau N. S. 104
  • Frau O. S. 108

Während im Fallbeispiel Frau G. die sehr enge Beziehung zwischen der Autorin und der Abhängigen auffällt (S. 93), veranschaulichen die folgenden 2 Fallbeispiele die Notwendigkeit und Erleichterung, wenn Klarheit vorherrscht (keine Vermeidungsmöglichkeit, Verharmlosung, Beschönigung). Die Autorin unterstreicht dabei die Kraft der Gruppe, dennoch ist für sie das Einzelgespräch ergänzend wichtig und unverzichtbar. In der Gruppe wird das Selbstwertgefühl wieder aufgebaut und durch ähnliche Lebensläufe das Gefühl des Versagens abgemildert.

Hier fügt Frau Benz zum besseren Verständnis eine kurze Erklärung zur Psychotherapiemethode Psychodrama ein und Anwendungsmöglichkeiten (z. B. szenisches Darstellen gegen Zukunftsängste).

Teil 2 Das BURNOUT

Das neue Jahrtausend oder Geld regiert die Welt

  • Leitungsübernahme S. 112

Intermezzo: Das schnelle Vor-Urlaubsgedicht S. 118

  • Ein kurzer Blick auf das Ganze S. 120
  • Projekt: Kindersuchtkranker Eltern S. 121

Intermezzo: Kinderrucksäcke S. 124

  • Modellprojekt: Die Betreuung von Langzeitarbeitslosen S. 126
  • Herr Z. S. 127
  • Anmerkung S. 128

Die Autorin beschreibt die persönlichen Fallen („Alles und noch ein wenig mehr hielt ich für meine selbstverständliche Pflicht“ S. 117 – „Die Beratungsstelle stand in voller Blüte, und wir alle wollten uns die Früchte unserer langjährigen Tätigkeit nicht durch die sich verschlechternden finanziellen Voraussetzungen zerstören lassen „ S 120), aber auch die strukturellen Anforderungen, die zu Überforderungen führen – leere Kassen, … verschlechtern die Rahmenbedingungen, engen Handlungsspielräume ein. („Lautes Klappern gehört … zum täglichen Werbegeschäft und verschlingt Mengen von Arbeitszeit) S.116. Trotzdem kommen neue wichtige Angebote hinzu, wie Kinder suchtkranker Eltern und Langzeitarbeitslose, die kurz umrissen werden. Zur Freiwilligkeit kommt die Zuweisung durch das Amt.

Die Krise

  • Fusion S. 130

Intermezzo: Großteam S. 134

  • Gibt es ein Leben neben der Beratungsstelle S. 136
  • Der Zusammenbruch S. 138
  • Der Schwindel S. 143
  • Der Tiefpunkt S. 144

Gravierende strukturelle Veränderungen in ihrer eigenen Organisation/Trägerschaft und ein Umbau, ,,ziehen unweigerlich starke Veränderungen im Team nach sich. Die Autorin beschreibt auf sehr persönliche Weise ihre gesundheitliche Verschlechterung und ihre Unsicherheit auf Reaktionen der Mitarbeiter. Trotz Ablehnung als Leiterin und Absage einer Rehabilitation beginnt sie wieder zu arbeiten.

Die Bewältigung

Intermezzo: Dass mir das gelungen ist! S. 147

Hier folgt die Erkenntnis der Autorin, dass ihr „Das Team als Ersatz für eine desolat zerstrittene Herkunftsfamilie, das Team als Ort der Geborgenheit, als Möglichkeit zu vertrauen.“ diente.

  • Die Krise als Wegweiser S. 149
  • Die Kapitulation S. 149
  • Abstand, Abstand, Abstand S. 151
  • Hilfreiche Menschen S. 152

Intermezzo: Es brennt S. 154

  • Ein bisschen Ursachenforschung S. 156
  • Die Suche nach einem Ausweg S. 157
  • Vorsicht! Die Kollegen fühlen sich selbst als Opfer S. 158

Von Selbstschutz, über Scham, wird sie mit Mechanismen konfrontiert, die ihr bisher eher aus dem Blickwinkel als Helfer/in bekannt waren. Die Autorin nützt für sich die Instrumente des Erzählens und Niederschreibens. Fündig wird sie auf der Suche nach den Ursachen bei sich (S. 156 „Der Wunsch, durch Leistung Anerkennung und Liebe zu erhalten, ist häufig einer der Motoren, der in die Burnout-Falle hinein führt. …ich gaukelte mir einen Familienersatz vor.“) und bei den Kollegen (S. 157 „Aus einer anderen Zeit stammende Erwartungen, welche sie vermutlich deshalb ablehnten“).

Schwierig blieben für sie die Suche nach einem Ausweg und der Entschluss zur Rückkehr, mit Altersteilzeit.

Neubeginn

  • Die Rückkehr S. 159
  • Guten Tag, ich bin Gruppentherapeutin S. 161
  • Meine drei jungen Kerle S. 162

Die alte Bäuerin geht S. 165

Die Rückkehr in die Gruppe erleichtert ihr ein von einem Klienten liebevoll gemaltes Bild einer Gluckhenne, – für die Autorin ein Trostbild, „Wenigstens die Klienten haben verstanden, denke ich“

3 Jahre nach dem Wiedereinstieg ist ihr Motto „Ich habe meinen eigenen Standpunkt, gehe meinen eigenen Weg. Mein Leben findet vorwiegend im Privaten statt“. S. 161.

Diskussion

Hilfreich wäre ein detaillierteres Inhaltsverzeichnis – für eine bessere Orientierung zu Beginn und später als Hilfe zum Nachschlagen und Nachlesen.

Gerade in der Suchtbehandlung hat sich die Form des Zugangs zu den Betroffenen stark verändert: vom Vertrauen aufbauenden Du-Kontakt zur heutigen Hilfe zur Selbsthilfe. Je nach lokaler Gegebenheit und Träger bilden sich noch heute verschiedenste Einrichtungen mit unterschiedlicher Zusammensetzung der Professionen (Sozialarbeit, Psychologie, Psychotherapie und Medizin) und unterschiedlicher Versorgungsdichte. Gemeinsam ist ihnen meist jedoch die Verknappung der Ressourcen.

Die persönlich gehaltenen Beschreibungen aller beruflichen und persönlichen Facetten ergeben ein abgerundetes Bild über die Suchtbehandlung und deren Weiterentwicklung in den letzten Jahrzehnten. In manchen beschriebenen Bereichen würde ich als Betreuerin mehr Distanz zu den Betroffenen wahren wollen und das Bild einer Gluckhenne würde mich nachdenklich stimmen.

Fazit

Die Autorin gibt einen umfangreichen, persönlich gehaltenen Einblick in die Entstehungsgeschichte einer Suchtberatungsstelle, vorwiegend für den Bereich der Alkoholabhängigkeit. Durch den subjektiven Blickwinkel der Autorin als Psychologin und Psychotherapeutin wird der Wandel in der Behandlung und Betreuung der letzten Jahrzehnte nachvollziehbar.

Die (chronische) Suchterkrankung wird in ihrer Komplexität dargestellt: mit Fallvignetten, Erläuterungen wie z. B. eine kurze Erklärung zur eingesetzten Psychotherapie-Methode Psychodrama, Hinweise auf neurobiologische Erkenntnisse (S. 101), der Einsatz von Symbolen in der Praxis u.v.m.

Zuletzt beschreibt die Autorin die Dynamik der Systemveränderung, wenn Kollegen/innen zu Vorgesetzten werden, sowie das Entstehen von Burnout und ihren persönlichen Umgang damit.


Rezensentin
Mag. Mag. Dr. Christine Petschnig-Rauchenwald
Klinische Psychologin, Gesundheitspsychologin Psychotherapeutin (Integrative Gestalttherapie) Diplomsozialarbeiterin, Supervisorin
Homepage www.petschnig.at
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Zitiervorschlag
Christine Petschnig-Rauchenwald. Rezension vom 08.10.2012 zu: Claudia Benz: Suchtberatung zwischen Leidenschaft und Burnout. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2012. ISBN 978-3-8340-1022-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13763.php, Datum des Zugriffs 29.07.2017.


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