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Michael Schulze von Glaßer: Soldaten im Klassenzimmer

Cover Michael Schulze von Glaßer: Soldaten im Klassenzimmer. Die Bundeswehr an Schulen. PapyRossa Verlag (Köln) 2012. 135 Seiten. ISBN 978-3-89438-492-0. D: 12,00 EUR, A: 13,30 EUR, CH: 18,90 sFr.
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Thema

Nachdem im Sommer 2011 die Wehrpflicht in Deutschland ausgesetzt – und damit de facto abgeschafft – wurde, muss sich die Bundeswehr wesentlich mehr Sorgen um ihren Nachwuchs machen als früher. In ihrem Bemühen, potentielle Rekruten zu werben, sind insbesondere die Schulen zu einem der wichtigsten Aktionsfelder geworden. Durch Kooperationsverträge mit Kultusministerien sichert die Bundeswehr dabei ihren Jugendoffizieren den Zugang in die Klassenzimmer. Schülerzeitungsredakteure erhalten Einladungen in Kasernen – zwecks freundlicher Berichterstattung, während Jugendmedien mit Werbeanzeigen und LehrerInnen mit kostenlosem Unterrichtsmaterial versorgt werden. Unterdessen artikuliert sich vielerorts Unmut über den „ungebetenen Besuch“, der schon mal zum Hausverbot für die Bundeswehr führt, beschlossen von der Schulkonferenz.

Das Buch „Soldaten im Klassenzimmer“ beleuchtet die vielfältigen Aktivitäten der Bundeswehr an Schulen, setzt sich kritisch mit dem „Überwältigungsverbot“ auseinander und gibt Schülern, Eltern und Lehrer Ratschläge, wie sie mit dem Problem umgehen können.

Autor

Michael Schulze von Glaßer (Jahrgang 1986) arbeitet nach dem Studium der Politikwissenschaften und der Philosophie an der Universität Kassel als freier Journalist und Fotograf, unter anderem für die linke, marxistisch orientierte, überregionale Tageszeitung „junge Welt“, die sozialistische Tageszeitung „Neues Deutschland“, die überregionale deutsche Wochenzeitung mit linksliberaler Ausrichtung „der Freitag“ und „Telepolis“ (die „kritisch die gesellschaftlichen, politischen, wissenschaftlichen, kulturellen und künstlerischen Aspekte des digitalen Zeitalters“ reflektiert). Er ist Mitherausgeber der „Graswurzelrevolution. Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft“ und der „utopia. Jugendzeitung für eine herrschaftsfreie & gewaltfreie Gesellschaft“.

2010 veröffentlichte Michael Schulze von Glaßer das Buch „An der Heimatfront. Öffentlichkeitsarbeit und Nachwuchswerbung der Bundeswehr“, in dem er einen umfassenden Überblick über die gesamte Bandbreite der Bundeswehrnachwuchswerbung gibt (vgl. die Besprechung des Rezensenten unter www.socialnet.de/rezensionen/10654.php).

Entstehungshintergrund

„Soldaten im Klassenzimmer“ baut, wie der Autor im Vorwort schreibt, auf seinem Buch „An der Heimatfront“ auf, beziehe sich aber speziell auf die Aktivitäten der Bundeswehr an Schulen. Bei dem Thema habe sich seit 2010 „sehr viel getan“ (S. 7).

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach einem Vorwort (S. 7-9) in die folgenden vier Kapitel:

  1. Die Militarisierung der Schulen (S. 10-29)
  2. Schulen im Visier: Zu Werbemaßnahmen der Bundeswehr (S. 30-88)
  3. Überwältigungsverbot, Kinderrechte und Waffenkonventionen (S. 89-105)
  4. Ungebetener Besuch: Was tun, wenn die Bundeswehr an die Schulen kommt? (S. 106-135).

Inhalt

Unter der Überschrift „Die Militarisierung der Schulen“ setzt sich Michael Schulze von Glaßer im ersten Kapitel zunächst mit der Frage auseinander, warum die Bundeswehr gerade an Schulen nach neuen Soldaten sucht. Gründe hierfür sieht er im generellen Desinteresse der Bevölkerung an diesem Beruf beziehungsweise der Institution Bundeswehr, ebenso wie in der mangelnden Zustimmung zu deren Auslandseinsätzen, allen voran dem Afghanistan-Krieg. Darüber hinaus produziere kaum eine andere staatliche Einrichtung „derart viele Skandale“, angefangen von Misshandlungen von Grundwehrdienstleistenden durch höherrangige Soldaten, rechtsextremistische sowie frauenfeindliche Übergriffe, rassistische Trainingsvideos, Folterspiele, Alkoholexzesse und so weiter, die eine Imagekampagne notwendig machten.

Im zweiten Kapitel „Schulen im Visier: Zu Werbemaßnahmen der Bundeswehr“ beleuchtet der Autor sodann ausführlich die Nachwuchsgewinnung und Image-Arbeit der Bundeswehr an Schulen. Dabei stellt er die einzelnen Werbemethoden der Bundeswehr vor – darunter auch die PR-Einheiten der Jugendoffiziere und Wehrdienstberater. Zur Sprache bringt Michael Schulze von Glaßer auch die abgeschlossenen Kooperationsverträge mit mittlerweile acht Bundesländern, die der Bundeswehr nach Ansicht des Autors „vor allem als Türöffner“ (S. 54) dienen. Dabei sei insbesondere die festgeschriebene Einbindung der Jugendoffiziere bei der Ausbildung von Referendaren nützlich. Dass die Jugendoffiziere zudem in Lehrermedien für sich werben dürften, vereinfache den Soldaten außerdem die Akquirierung von Vortragsterminen. Weitere Punkte der Darstellung umfassen eine kritische Beleuchtung des Simulations-Brettspiel POL&IS – „Politik und Internationale Sicherheit“, die Messestände und Infotrucks, die Schülerpressekongresse, die Unterrichtsmaterialien „Frieden & Sicherheit“ und die Armee-Werbung in Schülermedien.

Im dritten Kapitel, „Überwältigungsverbot, Kinderrechte und Waffenkonventionen“, gibt Michael Schulze von Glaßer einen Überblick über die Kritik an den olivgrünen Werbemaßnahmen, die er mit eigens geführten Interviews bereichert. Zu Wort kommen hierbei Paula Klattenhoff (Mitglied im Vorstand der „LandesschülerInnenvertretung NRW“), Martina Schmerr (Referentin im Bereich „Schule“ bei der „Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft“), Maria Lampl (Vorsitzende des „Bayerischen Elternverbands“); Prof. Dr. Bernd Overwien (Leiter des Fachgebiets „Didaktik der politischen Bildung“ an der Universität Kassel) und Monty Schädel (politischer Geschäftsführer der „Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen). Durch die Auseinandersetzung mit der Frage „Bundeswehr raus oder Friedensbewegung rein?“ beschäftigt sich der Autor zudem mit einem grundlegenden Konflikt bei der Kritik an Bundeswehr-Schulbesuchen.

Im vierten Kapitel, „Ungebetener Besuch: Was tun, wenn die Bundeswehr an die Schulen kommt?“, stellt Michael Schulze von Glaßer schließlich Aktionen und Handlungsvorschläge anlässlich von „unerwünschtem Besuch“ vor, ebenso wie Gruppen und Akteure, die zu dem Thema arbeiten.

Nach Angaben des Autors war die Bundeswehr zu keinen Interviews bereit. Um dennoch auch ihren Standpunkt wiederzugeben, habe er „möglichst viele ihrer Veröffentlichungen herangezogen“. Zudem sei die Recherche bei öffentlichen Veranstaltungen, auf denen die Armee vertreten war, „sehr ergiebig“ gewesen. In seinem Vorwort weist er zudem darauf hin, dass die Bundeswehr nicht nur in Schulen werbe, sondern auch in Fußgängerzonen größerer Städte, mit Jugendsportevants, auf eigenen Rekrutierungsportalen im Internet, auf You Tube und Facebook sowie mit Beteiligungen an Filmproduktionen und mit Fernsehspots im Abendprogramm. Bei den Werbeeinsätzen der Bundeswehr an Schulen gehe es unterdessen nicht nur um die Nachwuchswerbung: „Politik und Militär mangelt es generell an Zustimmung für Militärinterventionen im Ausland. Daher sollen Militäreinsätze jungen Menschen schon frühzeitig als normales Mittel der Politik nahegelegt werden. Langfristig soll die Heimatfront auf immer mehr Auslandseinsätze und deren folgen – verletzte, traumatisierte und tote Soldaten – vorbereitet werden. Es geht also auch darum, die Wählerinnen und Wähler von morgen auf (Kriegs-)Kurs zu bringen“ (S. 8).

Diskussion

Das Buch „Soldaten im Klassenzimmer“ bietet zunächst einen ausführlichen Überblick über die Aktivitäten der Bundeswehr in Schulen. Wie Michael Schulze von Glaßer zeigt, wurden im Verlauf der letzten zwei Jahre unter anderem noch mehr Kooperationsverträge zwischen der Bundeswehr und Landesschulministerien abgeschlossen und die Förderung von Sportprogrammen weiter ausgebaut. So sponsert die Bundeswehr in großem Umfang eine Fußball-Liga für Schüler und wirbt verdeckt SchülerInnen für eigene Jugendpressekongresse. Auf den anderen Seite, so der Autor, gibt es immer mehr Aktivitäten gegen die Militarisierung der Schulen: In Parlamenten werden Anträge für „Schulen ohne Bundeswehr“ gestellt; Friedensaktivisten, Lehrer, Eltern, Schüler und Kinderrechtler protestieren vor Ort gegen die Besuche von Jugendoffizieren und Wehrdienstberatern in Bildungsstätten; und mehrere Schulen haben die Bundeswehr auf Beschluss der jeweiligen Schulkonferenz hin sogar Hausverbot erteilt.

Völlig zu Recht kritisiert Michael Schulze von Glaßer, dass die Bundeswehr bei ihrer Werbung in den Schulen die negativen Seiten des Soldatenberufs und vor allem die Einsatzrealität (im Ausland) verschweigt. Hierzu führt er wörtlich aus: „Wehrdienstberater werben einseitig für den Dienst in der Bundeswehr. Dass sie dabei die Nachteile des Soldaten-Berufs nur ungenügend erwähnen, wundert nicht – mit der Aufzählung von Leichen gewinnt man keinen Nachwuchs“ (S. 44).

Vor diesem Hintergrund erscheint dem Autor der „Beutelsbacher Konsens“ von 1976, der Mindestanforderungen an die politische Bildung inner- und außerhalb der Schule festlegt, grundsätzlich in Frage gestellt. Auf diese Problematik haben jüngst auch mehrere Autoren in dem von Klaus Ahlheim und Johannes Schillo herausgegebenen Sammelband „Politische Bildung zwischen Formierung und Aufklärung“ (vgl. die Besprechung des Rezensenten unter www.socialnet.de/rezensionen/13474.php) hingewiesen. Demnach sind etwa nach Ansicht von Manfred Pappenberger (Jahrgang 1958), Diplom-Pädagoge und Dozent für politische Bildung am Bildungszentrum Bad Staffelstein, die Werbung beziehungsweise die Informations- und Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr in Schulen nicht nur an die Stelle ernsthafter Bildungsanstrengungen getreten, sondern unterschreiten auch deutlich das Niveau, das mit dem Kontroversitätsgebot des Beutelbacher Konsens formuliert wurde.

Neben den Sachinformationen gibt Michael Schulze von Glaßer in seiner Darstellung auch einen aktuellen Überblick über Gruppen und Akteure, die zu dem Thema arbeiten, ebenso wie Handlungsvorschläge und Hinweise auf Aktionen, mit denen sich die Betroffenen – allen voran SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern – gegen den Besuch der Bundeswehr in ihrer Bildungseinrichtung wehren können.

Insgesamt betrachtet bietet „Soldaten im Klassenzimmer“ eine umfassende und gut recherchierte Darstellung über die Aktivitäten der Bundeswehr an Schulen. Das Buch sollte von daher zunächst einmal zur Pflichtlektüre für alle MitarbeiterInnen in öffentlichen Bildungseinrichtungen gehören. Darüber hinaus gehört es aber auch – neben den Betroffenen und am Thema Interessierten – in die Hände derjenigen, die im Bereich der Politischen Jugend- und Erwachsenenbildung tätig sind.

Fazit

Das Buch „Soldaten im Klassenzimmer“ bietet eine hervorragende Möglichkeit, sich umfassend über die Werbeaktionen der Bundeswehr an Schulen zu informieren.


Rezensent
Dr. Hubert Kolling
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Zitiervorschlag
Hubert Kolling. Rezension vom 02.08.2012 zu: Michael Schulze von Glaßer: Soldaten im Klassenzimmer. Die Bundeswehr an Schulen. PapyRossa Verlag (Köln) 2012. ISBN 978-3-89438-492-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13766.php, Datum des Zugriffs 19.07.2019.


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ISSN 2190-9245

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