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Gisela Bockenheimer-Lucius, Renate Dansou u.a.: Ethikkomitee im Altenpflegeheim

Rezensiert von Alexandra Günther, 02.01.2013

Cover Gisela Bockenheimer-Lucius, Renate Dansou u.a.: Ethikkomitee im Altenpflegeheim ISBN 978-3-593-39210-3

Gisela Bockenheimer-Lucius, Renate Dansou, Timo Sauer: Ethikkomitee im Altenpflegeheim. Theoretische Grundlagen und praktische Konzeption. Campus Verlag (Frankfurt) 2012. 300 Seiten. ISBN 978-3-593-39210-3. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 56,90 sFr.
Reihe: Kultur der Medizin - 31
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Thema

Ethische Konflikte treten in Pflegeheimen häufig auf. Sei es beispielsweise, dass ein demenzkranker Heimbewohner lebenswichtige Medikamente verweigert oder das Essen und Trinken abgelehnt wird. Nicht nur medizinische Notfälle oder Fragen des Lebensendes, sondern gerade auch Alltagssituationen führen zu unklaren oder problematischen Situationen. Ein Ethikkomitee im Pflegeheim kann durch eine Ethikfallberatung helfen, zu tragfähigen, ethischen Entscheidungen zu gelangen.

Autorinnen und Autor

Die Autoren sind alle Mitglied in der Akademie für Ethik in der Medizin e.V. und des Forums für Ethik in der Medizin Frankfurt am Main e.V.

Aufbau

Das Fachbuch ist in folgende Abschnitte gegliedert:

  1. Theoretische Grundlagen
  2. Das Projekt „Netzwerk zur Ethikberatung in den Altenpflegeheimen der Stadt Frankfurt am Main“
  3. Fälle und Themen in der Altenpflegepraxis
  4. „Totale und ideale Institution“. Spezifische Probleme im Altenpflegeheim
  5. Anhang: Leitfaden zur Implementierung eines Ethikkomitees im Altenpflegeheim.

Inhalt

Der erste Teil des Buches beginnt mit einem Theorieteil zur Ethik in der Medizin und Pflege. Hierbei wird auf die Geschichte der Ethikberatung und Ethikkomitees eingegangen. Die Autoren zeigen die bisherigen Entwicklungen in der Medizin- und Pflegeethik, insbesondere die Prinzipienethik nach Tom L. Beauchamp und James F. Childress, wie auch den Ansatz der Care-Ethik von Elisabeth Conradi.

Ethikkomitees im Altenpflegeheim stehen vor anderen Aufgaben als ähnliche Komitees in Krankenhäusern oder Hospizen. Ihr Aufgabenbereich bezieht sich über Fragen von Lebenserhalt oder Therapiebegrenzung hinaus, auf ethische Fragen des Alltagslebens der Heimbewohner.

Die Hilfsbedürftigkeit der alten, pflegebedürftigen Menschen macht eine dauerhafte Pflege und Betreuung im Altenpflegeheim notwendig. Konflikte hinsichtlich der Autonomie des Bewohners und der Fürsorgepflicht des Pflegenden entstehen schnell, besonders wenn eine Demenzerkrankung besteht. Oftmals bringen außerdem die Angehörigen oder gesetzlichen Betreuer ihre Wertevorstellungen mit ein.

Im zweiten Teil stellen die Autoren das Projekt „Netzwerk zur Ethikberatung in den Altenpflegeheimen der Stadt Frankfurt am Main“ vor. Die verschiedenen Phasen des Projekts und die zwei unterschiedlichen Instrumente, Ethikkomitee im Altenpflegeheim und regionaler Ethikgesprächskreis, werden genau beschrieben. Zu den Aufgaben von Ethikkomitees im Pflegeheim gehören neben der Beratung bei ethischen Problemen, auch die Entwicklung von ethischen Leitlinien oder Empfehlungen für die Entscheidungsfindung in der Einrichtung. Ein weiterer Bestandteil ist die Fort- und Weiterbildung in Medizin und Pflegeethik.

Im dritten Teil werden Fälle aus der Arbeit des Frankfurter Ethikkomitees typologisiert. Besonders häufig treten dabei Fragen zur künstlichen Ernährung oder Flüssigkeitsversorgung und Fragen nach dem mutmaßlichen oder erklärten Willen eines Heimbewohners auf. Die Diskussion der Themen aus der Ethikberatung gibt Hinweise auf die Anwendung ethischer Prinzipien. Folgende Themen werden ausführlicher behandelt:

  1. Probleme der Kommunikation zwischen Mitgliedern der Heilberufe bei therapeutisch-pflegerischen Entscheidungen am Lebensende
  2. „Defensivpflege“
  3. Privatheit im Altenpflegeheim
  4. Ressourcenverknappung und Veränderung des Pflegealltags
  5. Umgang mit Pflegeforschung
  6. Der Heimbewohner im sogenannten „Wachkoma“.

Des Weiteren gehen die Autoren in gesonderten Exkursen auf die Themen, Umgang mit Patientenverfügungen in den Frankfurter Einrichtungen, Suizidalität und Suizid in Einrichtungen der stationären Altenhilfe und das Altenpflegeheim in den Medien, ein.

Der letzte und vierte Teil diskutiert, anknüpfend an den Ansatz des Soziologen Erving Goffman, die Herausforderung für Altenpflegeheime, eine Balance zwischen „totaler und idealer Institution“ zu finden. Selbstbestimmung, Freiwilligkeit und Privatheit der Heimbewohner stehen institutionalisierten, beruflich vorgeschriebenen Abläufen als Pole eines ständig schwelenden Wertekonfliktes gegenüber. Hierzu wird exemplarisch eine Befragung von Bewohnern zur Privatheit im Heim vorgestellt.

Der Anhang bietet abschließend einen Leitfaden zur Einrichtung eines Ethikkomitees im Altenpflegeheim, einschließlich einer Mustersatzung und Mustergeschäftsordnung.

Diskussion

Die Autoren geben einen tiefgreifenden Einblick in ihr Fachwissen und die Erfahrungen aus dem Frankfurter Projekt. Ethikkomitees im Altenpflegeheim sind in ihrer Zielsetzung und ihren Aufgabenbereichen ein wichtiges und wünschenswertes Instrument. Sie tragen zur Kultur und Organisationsqualität einer Einrichtung bei. Darüber hinaus können regionale Netzwerke zur Ethikberatung, wie die Autoren diese anregen, den interdisziplinären Austausch über ethische, rechtliche und medizinische Fragen in der Altenpflege weiter fördern.

Die Einrichtung eines Ethikkomitees ist bislang allerdings in der Regel nur an die Wert- und Qualitätsvorstellungen der Altenpflegeheime geknüpft.

Fazit

Das vorliegende Buch „Ethikkomitee im Altenpflegeheim“ ist eine anspruchsvolle, herausragende Darstellung und Diskussion des Themas. Die Autoren zeigen umfangreich das Arbeitsfeld der Ethikberatung. Konkrete Arbeitshilfen erleichtern die Einrichtung eines Ethikkomitees in der eigenen Einrichtung.

Rezension von
Alexandra Günther
M.A., Pädagogin/Ethikerin
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Es gibt 38 Rezensionen von Alexandra Günther.

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Zitiervorschlag
Alexandra Günther. Rezension vom 02.01.2013 zu: Gisela Bockenheimer-Lucius, Renate Dansou, Timo Sauer: Ethikkomitee im Altenpflegeheim. Theoretische Grundlagen und praktische Konzeption. Campus Verlag (Frankfurt) 2012. ISBN 978-3-593-39210-3. Reihe: Kultur der Medizin - 31. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13776.php, Datum des Zugriffs 17.05.2022.


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