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Christiane Grefe, Mathias Greffrath u.a.: attac. Was wollen die Globalisierungskritiker?

Cover Christiane Grefe, Mathias Greffrath, Harald Schumann: attac. Was wollen die Globalisierungskritiker? Rowohlt Verlag (Reinbek) 2003. 229 Seiten. ISBN 978-3-499-61636-5. 6,90 EUR, CH: 12,80 sFr.
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Das Thema

Die Kritik an einer ungebremsten Ausplünderung der Welt durch eine falsch angegangene Globalisierung hat nicht nur in Westeuropa einen Namen: attac. Welche Kritik, welche Vorschläge und welche Entwicklungen hinter diesem Kürzel stehen, das wollen die AutorInnen dieses Rowohlt Taschenbuches darlegen.

Die AutorInnen

Die drei JournalistInnen, die dieses Buch gemeinsam geschrieben haben, sind

  • Christiane Grefe, Reporterin der "Zeit", Autorin und Mitautorin gesellschafts- und wachstumskritischer Bücher,
  • Matthias Greffrath, Chefredakteur der "Wochenpost" und freier Autor,
  • Harald Schumann, Ressortleiter Politik bei "Spiegel-online" und Koautor des internationalen Bestsellers "Die Globalisierungsfalle".

Der Inhalt

Das Buch ist in zwei große Teile gegliedert: Der erste Teil geht auf die globalisierungskritischen Themen und Anliegen von attac ein, während im zweiten Teil die Leserin mehr über die Geschichte von attac Deutschland und attac International etwa bis zum Jahre 2002 erfährt.

In journalistischem Stil präsentiert das Taschenbuch dicht zahlreiche Fakten und Hintergrundinformationen und diskutiert Trends und Entwicklungen bei attac international und attac Deutschland bis zum Jahre 2002. Zum Abschluss lassen die Autoren in Interviews 4 Zeitzeugen Stellung zu der neuen Bewegung beziehen: 1. Den Banker Thomas Fischer von der Deutschen Bank 2. Die in Frankreich lebende amerikanische Wirtschaftskritikerin Susan George, 3. Daniel Cohn-Bendit und 4. Walden Bello, der den Sozialgipfel in Porto Alegre mit organisiert hat.

Hier einige wichtige Eindrücke aus dem dichten Taschenbuch:

Mit seinem Leitartikel "Entwaffnet die Märkte!" hat Ignacio Ramonet in der internationalen Monatsschrift Le Monde Diplomatique die Initialzündung für attac gegeben, indem er dort die Frage nach der Gründung einer Association pour la Taxe Tobin pour l'aide aux Citoyens (=attac) stellte. Es folgte eine Flut von Leserbriefen und am 3. Juni 1998 wurde in Paris attac gegründet.

Attac wurde als Verein von zehn Individuen gegründet, dem Collège des Fondateurs, dem z.B. Vivienne Forrester ("Terror der Ökonomie") , der Sänger Manu Chao, die Feministin Gisèle Halimi und Ignacio Ramonet von Le Monde Diplomatique angehören. Dieses Gründerkomitee wählt satzungsgemäß 18 der 30 Mitglieder des Verwaltungsrates, der die politischen Richtlinien von attac bestimmt und auch der Präsident/die Präsidentin wird von diesen 18 Mitgliedern bestimmt, was verhindern soll, dass attac von anderen Gruppierungen durch Masseneintritt übernommen und instrumentalisiert werden kann.

Neben Einzelindividuen sind zahlreiche Nicht-Regierungs-Organisationen Mitglied bei attac. Schon Ende 2001 gab es in 41 Ländern der Welt attac-Gruppen. Auch der erste Attac-Kongress in Deutschland fand 2001 an der Berliner Technischen Universität statt. In Deutschland sind neben Tausenden von Einzelmitgliedern Organisationen Mitglied bei attac, so Medico International, ver.di und gew, Pax Christie, Terre des Hommes sowie viele Kreis- und Ortsverbände der Jusos und Grünen oder der Bund für Umwelt- und Naturschutz.

Attac betrachtet sich selbst nicht als Globalisierungsgegner. Die gegenwärtige neoliberale Form der Globalisierung, die nur an Gewinninteressen der Wirtschaft orientiert ist, lehnt attac allerdings ab. Die Welt ist für attac keine Ware.

Attac setzt sich ein für eine Globalisierung von sozialer Gerechtigkeit, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Menschenrechten, für Demokratie und umweltgerechtes Handeln. Und so kritisiert attac die heutige Situation:

  • Das derzeitige Weltfinanzsystem, in dessen Rahmen die wohlhabenden Staaten - angeführt von den USA - mit Hilfe von Weltbank und IWF ihr Programm von Liberalisierung, Deregulation und Privatisierung durchsetzen, hat verheerende Folgen für den Großteil der Weltbevölkerung. Die meisten Menschen sind bei allem technischen Fortschritt heute wesentlich ärmer als vor 40 Jahren. Beispiele wie die Asienkrise und die Entwicklung in Russland zeigen, wie mit Hilfe des IWF und der Weltbank ganze Länder systematisch ausgeplündert werden können.
  • Die Politik hat aus der Sicht von attac inzwischen abgedankt und sich völlig dem Diktat der Wirtschaft ergeben, von der sie sich erpressen lässt. Regierungen, die sich dieser Tendenz widersetzen, werden durch internationale Finanzaktionen in die Knie gezwungen und nur wenige wie heute noch die VR China, Indien oder Malaysia können sich dem IWF widersetzen.

attac fordert deshalb: Eine gerechte Weltordnung soll Allen Zugang zu den Ressourcen dieser Welt liefern ("es ist genug für alle da"). Dafür muss das ungerechte Welthandelssystem reformiert werden und die Schulden für Entwicklungsländer müssen gestrichen werden. Anders als im neoliberalen Modell soll die Welt nicht allein nach ökonomischen Kriterien bewertet werden, sondern muss politisch gestaltet werden. Dazu gehören:

  • eine gerechte Besteuerung von Kapitaleinkünften, großen Vermögen und Unternehmensgewinnen
  • die Trockenlegung der bisherigen Steueroasen
  • die Stabilisierung der Wechselkurse zwischen den großen Währungen
  • staatliche Kontrolle über lebenswichtige Basisressourcen wie soziale Sicherung, Bildung, (Trink-) Wasser und Gesundheit
  • eine grundlegende Demokratisierung internationaler Organisationen wie der Weltbank oder des IWF.
  • Bekannteste Attac-Forderung ist dabei die nach der Einführung einer Umsatz-Steuer auf Devisentransaktionen ("Tobin-Steuer"), aus der notwendige Sozialausgaben getätigt werden sollen.

Dabei warnt attac davor, dass, wenn eine demokratische gerechte Berücksichtigung der Menschen bei der Nutzung der globalen Reichtümer nicht gelingt, unweigerlich nationalistische und rechtspopulistische Bewegungen Zulauf erhalten.

attac will ausser seinen Kernforderungen die politische Richtung der einzelnen Mitglieder und Mitgliedsorganisationen nicht bestimmen. Attac sieht sich vor allem als Sammelbecken und Bildungsoffensive, als ökonomische Alphabetisierungskampagne.

Zu den bisherigen Erfolgen rechnet attac:

  • Attac hat vor allem in Frankreich mit dazu beigetragen, das das Ende der 90er Jahre im Geheimen ausgehandelte MAI-Abkommen, das die Rechte von Investoren über staatliche Souveränitätsrechte setzen sollte, auf öffentlichen Druck hin nicht zustande kam.
  • Neben den bekannten Demonstrationen zu den großen Finanzgipfeln organisiert attac wie 2001 in Porto Alegre gemeinsam mit anderen Gruppierungen den Weltsozialgipfel, der eine gerechtere Welt konkret entwirft und diskutiert.
  • Immer mehr ParlamentarierInnen und GewerkschaftlerInnen sind Mitglied bei attac oder bereit, einzelne Forderungen mit zu unterstützen.

Bei aller erkennbaren Sympathie für die neue Bewegung stellen die AutorInnen durchaus kritische Fragen. Ihrer Meinung nach wird die Zukunft darüber entscheiden, ob attac ein Sammelbecken für unzufriedene Alt-Linke wird und seine Kräfte in endlos vielen Themen verschleißt oder ob attac die Kraft entwickeln wird, als internationale außerparlamentarische Bewegung in einem breiten Konsens vielfältige Gesellschaftsschichten für seine Kernforderungen zu gewinnen.

Zielgruppe und Fazit

Dieser informative, dichte und journalistisch aufbereitete Band ist gut geeignet für alle, die sich ein erstes Bild von attac, seinen Forderungen und Beweggründen machen wollen. Als preiswertes Taschenbuch kann er auch von Studierenden gut erworben werden.


Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
Ethnologin und Dipl. Sozialpädagogin
Hochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 06.04.2004 zu: Christiane Grefe, Mathias Greffrath, Harald Schumann: attac. Was wollen die Globalisierungskritiker? Rowohlt Verlag (Reinbek) 2003. ISBN 978-3-499-61636-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1379.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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