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Marcus Damm: Persönlichkeitsstörungen verstehen in der Schule [...] III

Cover Marcus Damm: Persönlichkeitsstörungen verstehen in der Schule, Schulsozialarbeit und Jugendhilfe III. Schemapädagogik bei passiv-aggressiven, zwanghaften, dependenten und ängstlichen Heranwachsenden. Komplettpaket Beziehungsgestaltung – Buch, Arbeitsmat. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2012. 246 Seiten. ISBN 978-3-8382-0310-2. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Schemapädagogik kompakt - 11.
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Thema

Der Autor stellt in dieser Publikation das Konzept der Schemapädagogik für die psychosozialen Arbeitsfelder Schule, Jugendhilfe und Schulsozialarbeit dar, unter besonderer Berücksichtigung passiv-aggressiver, zwanghafter, dependenter und ängstlicher Heranwachsender. Dies ist der dritte Band der von Dr. Marcus Damm konzipierten dreibändigen Ausgabe. Das Konzept der Schemapädagogik wurde vom Autor entwickelt. Hierbei wird versucht, vor allem mit schwierigen und unmotivierten Jugendlichen so umzugehen, dass der Zugang zu ihnen erleichtert wird. Neben den theoretischen Darstellungen werden zudem praktische Umsetzungsmöglichkeiten aufgezeigt.

Autor

Dr. Marcus Damm ist als Erziehungswissenschaftler und Diplom-Psychologein der Lehrerfortbildung tätig und unterrichtet an einer Fachschule für Sozialpädagogik Pädagogik, Psychologie und Ethik.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist der elfte Band aus der vom Autor herausgegebenen Reihe „Schemapädagogik kompakt“ und der dritte Band aus der Unterreihe „Persönlichkeitsstörungen verstehen“. Hintergrund vieler Fallbeispiele ist die Lehrtätigkeit des Autors an der Berufsbildenden Schule Hauswirtschaft/Sozialpädagogik in Ludwigshafen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist nach einer ausführlichen Einleitung in sechs Abschnitte untergliedert:

  1. Begriffsklärungen. Hier geht der Autor ausführlich auf die Klassifikation von Persönlichkeitsstörungen ein. Grundlage dabei sind die beiden relevanten psychiatrischen Diagnosesysteme DSM (Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen) und ICD (Internationale Klassifikation psychischer Störungen). Dr. Marcus Damm erläutert dann die gängigen Persönlichkeitsstörungen und greift für diesen Band die passiv-aggressiven, zwanghaften, dependenten und ängstlichen Persönlichkeiten heraus. Eine tabellarische Zusammenfassung der Persönlichkeitsstile und -störungen schließt diesen Abschnitt ab.
  2. Konstruktiver Umgang mit persönlichkeitsauffälligen Jugendlichen. In diesem sehr kurzen Abschnitt beschreibt der Autor die Notwendigkeit eines konstruktiven Umgangs mit Jugendlichen entsprechend ihrer emotionalen Bedürfnisse und erklärt die Möglichkeiten der authentischen Anpassung an die Beziehungsebene. Er gibt zu verstehen, dass eine Nichtbeachtung nicht zielführend ist, sondern vielmehr Beziehungsprozesse in Gang gebracht werden sollten, die auf gemeinsame Aktivitäten, auf Aufmerksamkeit, emotionale Resonanz und wechselseitiges Verstehen ausgelegt sind.
  3. Persönlichkeitsstile/-störungen bei Jugendlichen. In diesem Abschnitt geht der Autor ausführlicher auf das „Schema-Konzept“ ein und zeigt auf, wie Jugendliche mit passiv-aggressiven, zwanghaften, dependenten und ängstlichen Persönlichkeitsbildern sich jeweils darstellen. Dabei gibt der Autor zunächst ein kurzes Fallbeispiel, erläutert typische Verhaltensweisen und zeigt dann die „Kognitionen, Schemata und Schemamodi“ auf. Unter einer Kognition werden hier gedankliche Prozesse verstanden, die rational aufgebaut sind und subjektive Erwartungen und Meinungen beinhalten. Bei einem Schema wird darüberhinaus nicht nur eine Kognition aktiviert, sondern auch Emotionen und Körperempfindungen wachgerufen. Daraus entwickelt sich ein Schemamodus. Diese drei Aspekte werden für jedes Persönlichkeitsbild entsprechend tabellarisch dargestellt. Hieran anschließend erklärt Dr. Marcus Damm dann sogenannte „Spiele“; d.h. besondere Umgangsmuster zwischen einer pädagogischen Fachkraft und einer jugendlichen Person werden erläutert. Danach werden „Manipulationstechniken“ beschrieben. Hier wird erklärt, welches konkrete Bild (Image) ein Jugendlicher von sich abgeben möchte und welches Grundbedürfnis dahinterliegt, ehe auf Abwehrmechanismen (wie zum Beispiel Verdrängung oder Projektion) eingegangen wird. Abschließend wird die Psychodynamik bei Jugendlichen mit besonderen Persönlichkeitsbildern beschrieben.
  4. Schemapädagogik bei Persönlichkeitsstilen/ -störungen. In diesem kurzen Abschnitt wird das schemapädagogische Vorgehen kurz beschrieben; wonach zunächst der Heranwachsende beobachtet wird, ein komplementärer Beziehungsaufbau angestrebt und dann eine Diagnose von Problemaktualisierung, Persönlichkeitsstil und Schemamodus erfolgen soll, ehe es zu einer „Problemklärung“ und zu entsprechenden Interventionen und Methoden-Einsatz (sieben verschiedene schemapädagogische Methoden) kommt und mit dem Jugendlichen ressourcenorientiert gearbeitet wird.
  5. Mit herausfordernden Jugendlichen klarkommen. Dieser gut 100 Seiten umfassende Hauptteil des Buches erklärt umfassend das schemapädagogische Vorgehen in konkreter Weise und hält hierfür vielfältiges Unterstützungsmaterial vor in Form von Fragebögen, Arbeitsblättern, Besinnungstexten und Graphiken sowie Tabellen.
  6. Ausblick. Hier bezieht der Autor kurz Stellung zu der Entwicklung, dass es immer mehr Berufskollegen/-innen gibt, die über „schwierige“ Jugendliche klagen. Er lädt dazu ein, das schemapädagogische Konzept auch unter „Burn-out-Vorbeugung“ als hilfreich anzusehen und stellt in Aussicht, dass es weitere Schemapädagogik-Bände geben wird, die Persönlichkeitsstile bei pädagogischen Fachkräften sowie ein spezifisches Elterntraining zum Thema haben werden. Außerdem werden hier Literaturhinweise gegeben.

Diese Publikation bietet neben den textlichen Ausführungen mit unterschiedlichen Fallbeispielen auch eine ganze Reihe an Arbeitsmaterialien, an Graphiken sowie eine Daten-DVD mit außergewöhnlich vielen Materialien.

Diskussion

Das Buch vermittelt die wichtigsten Grundlagen zum schemapädagogischen Konzept; vor allem über Jugendliche mit passiv-aggressiven, zwanghaften, dependenten und ängstlichen Persönlichkeitsbildern. Hierbei wird nicht nur das grundlegende Wissen vermittelt, sondern auch aufgezeigt, welche Strategien zielführend sind, um den Umgang mit jugendlichen Menschen zielführender und hilfreicher zu gestalten. Die Schemapädagogik, wie sie hier dargestellt wird, könnte dazu verleiten, Jugendliche nur noch durch die „Brille“ eines Schemas zu betrachten und die Individualität außer Acht zu lassen. Hier wäre ein entsprechender Hinweis hilfreich gewesen oder in den Formulierungen eine differenziertere Wortwahl gut gewesen. In sprachlicher Hinsicht hätte man sich weniger Fachtermini gewünscht, sondern einfache, gut verständliche Begriffe, welche die Anwendung des schemapädagogischen Konzeptes auch für Berufsgruppen erleichtert hätte, die mit psychiatrischen Begriffen im Alltag weniger zu tun haben. Die DVD enthält viele kürzere Filme, PowerPoint-Präsentationen und Arbeitsblatt- sowie Fortbildungsvorlagen.

Ein insgesamt sehr stark strukturiertes Fachbuch, welches die Bereiche psychiatrische Persönlichkeitsstörungen und Pädagogik miteinander zu verknüpfen versucht. Es richtet sich vor allem an Erzieher/-innen, Sozialpädagogen/-innen und Lehrer/-innen, die in psychosozialen Arbeitsfeldern tätig sind. Hier werden vor allem Fachkräfte in Schulen, Jugendzentren und in Wohngruppen stark profitieren können. Man hätte sich noch mehr Praxis- bzw. Fallbeispiele gewünscht, welche nicht aus dem unmittelbaren Berufsrahmen des Autors stammen. Das Layout des Buches ist etwas uneinheitlich und bei den Abbildungen hätte man sich ansprechendere Zeichnungen gewünscht. Zudem wären das Schriftbild und der Aufbau bei den Arbeitsblättern und Fragebögen jugendgerechter zu gestalten gewesen. Es gibt ungewöhnlich viele Querverweise zu anderen Büchern des Autors. Die in einer alltauglichen Kunststoffhüllenvorrichtung untergebrachte DVD enthält außergewöhnlich viele Materialien und gibt so viele Anwendungsmöglichkeiten. Hier liegt die besondere Stärke dieser Veröffentlichung, dass nicht einfach Seiten, die schon aus dem Buch bekannt sind, auf der DVD wiederzufinden sind, sondern dass dieses Medium genutzt wurde, um weiterführende, alltagspraktische Vorlagen zu liefern. Sogar eine ausführliche Powerpoint-Präsentation zur Einführung in die Schemapädagogik wurde vom Autor zur Verfügung gestellt. Die kürzeren Filme, welche in der Schule, auf welcher Autor unterrichtet, gedreht worden sind, hätten einer Kommentierung bedurft und es wäre gut gewesen, wenn die Kameraführung weniger unruhig gewesen wäre. Einzelne Elemente, welche Dr. Marcus Damm darstellt, erinnern an andere kommunikations- und systemtheoretische bzw. psychotherapeutische Konzepte (beispielsweise die Arbeit mit dem „Inneren Team“, „Parts Party“, Psychotraumatologie); ohne dass diese explizit erwähnt werden.

Fazit

Das Buch ist im Gesamten sehr geprägt von einem Wechselspiel von Informationen, Tabellen und ausgesprochen realistischen Fallbeispielen. Es erfordert ein starkes Eingehen auf das schemapädagogische Konzept und bietet damit eine ergänzende Alternative zu gängigen Präventions- und Interventionsstrategien. Es muss sich wohl in der Praxis erweisen, ob sich die pädagogischen Fachkräfte tatsächlich auf ein so strukturiertes Verfahren einlassen werden, welches sich von diagnostischen Störungsbildern herleitet.


Rezension von
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut, Supervisor
Jugendsozialarbeiter an einer Mittelschule
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Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 06.05.2013 zu: Marcus Damm: Persönlichkeitsstörungen verstehen in der Schule, Schulsozialarbeit und Jugendhilfe III. Schemapädagogik bei passiv-aggressiven, zwanghaften, dependenten und ängstlichen Heranwachsenden. Komplettpaket Beziehungsgestaltung – Buch, Arbeitsmat. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2012. ISBN 978-3-8382-0310-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13790.php, Datum des Zugriffs 22.10.2021.


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