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Hans-Jürgen von Wensierski, Claudia Lübcke: „Als Moslem fühlt man sich hier auch zu Hause“

Cover Hans-Jürgen von Wensierski, Claudia Lübcke: „Als Moslem fühlt man sich hier auch zu Hause“. Biographien und Alltagskulturen junger Muslime in Deutschland. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. 434 Seiten. ISBN 978-3-8474-0008-0. D: 44,00 EUR, A: 45,30 EUR.
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Autor und Autorin

Hans-Jürgen v. Wensierski hat eine Professur für Erziehungswissenschaft am Institut für Allgemeine Pädagogik und Sozialpädagogik der Uni Rostock. Claudia Lübcke ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin an diesem Institut.

Thema

Auf der Basis von 107 narrativen Interviews wird untersucht, welchen Stellenwert der Islam bei „jungen Muslimen“ der zweiten Migrantengeneration für die Identitätsarbeit, speziell den Verlauf der Jugendphase, haben kann. Die Befragten waren zwischen 20 und 30 Jahren alt. Erstellt wird eine Typologie von Orientierungsmustern.

Entstehungshintergrund

Die Studie ist von 2006 bis 2008 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert worden, was eine groß angelegte Studie mit einem mehrköpfigen Projektteam ermöglichte.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in vier Teile gegliedert.

  • Nach den einleitenden Informationen über das Projekt und den Aufbau des Untersuchungsberichts werden in Teil I unter Rückgriff auf die Migrationssoziologie und im Vorgriff auf eigene Ergebnisse die Lebenslagen und kulturellen Orientierungen der Zielgruppe generalisierend dargestellt.
  • Teil II gibt Auskunft über den methodischen Zugang, bevor im Hauptteil III entsprechend einer Typologie, die das Interpretationsergebnis der Studie ist, ausgewählte Biographien vorgestellt und interpretiert werden.
  • In Teil IV wird die Typologie unter Berücksichtigung weiterer Fälle konkretisiert und diskutiert.

In Teil I erläutern die Vf. zunächst ihre „Strukturhypothese“ von einem „islamisch-selektiven Bildungsmoratorium“ und einem „ethnisch-muslimisch geprägten Pluralismus jugendlicher Lebensstile“ (S.25). Sie sehen einerseits die universelle Verschulung der Adoleszenz, die generell eine Verlängerung der Jugendphase mit sich bringt (S.19), und auch „Indikatoren für eine modernisierte und pluralisierte Jugendphase“ bei der Untersuchungsgruppe (ebd.). Insgesamt ergebe sich „das vertraute Bild einer freizeitkulturellen Jugendphase in altershomogenen Szenen“ (S.21). Andererseits würden „in Bezug auf die anderen Dimensionen (z. B. Ablösungsprozesse, Sexualität, Familie, Beziehungs- und Lebensformen, Religiosität) deutliche Unterschiede sichtbar“ (ebd.). Die Schlussfolgerung: „Die potenzielle Individualisierung der Jugendphase junger Muslimas und Muslime vollzieht sich auf der Basis einer spezifischen kulturellen Auseinandersetzung mit der eigenen ethnischen Identität…“ (S.25). Im Weiteren werden dann Forschungsergebnisse über Familienstrukturen und Familienerziehung, die Religiosität von Muslimen in Deutschland, deren Situation im Bildungssystem, deren Jugendkulturen und Sexualmoral referiert.

In Teil II geben die Vf. Auskunft über ihren „methodischen Zugang“. Zentrales Kriterium bei der Auswahl der über 100 Interviewpartner/innen war, dass sie entweder in Deutschland geboren waren oder seit ihrer Kindheit hier lebten (S.135). Zugleich wurde Wert gelegt auf eine Vielfalt nach Herkunftsländern, Richtungen des Islam, sozialen Milieus und Bildungsniveaus. Im Übrigen bestand das Sample je zur Hälfte aus Frauen und Männern. Das Sample sollte ein möglichst breites Spektrum von Biographien und Alltagskulturen junger Muslime repräsentieren (S.136). Die Vf. berufen sich hierbei auf das Verfahren des „theoretical sampling“ (ebd.), setzten aber generell auf „eine bewährte Kombination von Suchstrategien“ (Schneeballverfahren etc., ebd.). Nach Pretests wurde die Haupterhebung in Hamburg, Berlin, Hannover und im Ruhrgebiet durchgeführt. Die Durchführung und Auswertung der Interviews war an der Methode des narrativen Interviews „in Anlehnung an Fritz Schütze“ orientiert, so die Angabe der Vf. (S.137). Jedoch wurde nur eine begrenzte Zahl von Interviews individuell sequenzanalytisch ausgewertet, wobei die Diversität der Fälle im gesamten Sample den Hintergrund für die Auswahl bildete (S.139). Für thematische Querschnittsanalysen wurde schließlich ein Computerprogramm benutzt.

In Teil III werden unter der Überschrift „Biographien junger Muslime – eine Typologie biographischer Fallanalysen“ 17 Biographien vorgestellt und reflektiert, die repräsentativ für einen von vier Typen sein sollen. Die Vf. unterscheiden zwischen einem „säkularisierten jugendbiographischen Verselbständigungsprozess“, Fällen von „bikultureller Identitätsproblematik“, „Re-islamisierung im Gefolge der Adoleszenz“ und „islamisch-selektiv modernisierten Jugendbiographien“, wobei sie innerhalb dieser vier Typen nochmals zwischen je drei bis vier Varianten differenzieren. Als „Hauptkennzeichen“ von Typ 1 wird „ein westliches Jugendmoratorium mit ausgeprägten jugendlichen Verselbständigungsprozessen“ angegeben (S.359). Typ 2 ist „gekennzeichnet durch eine latente und explizite Wahrnehmung kultureller Disparitäten“, wofür unter anderem „weibliche Selbstbehauptungsmuster gegenüber einer traditionellen Frauenrolle“ stehen (Variante 2b). Dem Typ 3 werden Fälle von Re-islamisierung bei Abgrenzung gegenüber dem Elternhaus wie gegenüber der Mehrheitsgesellschaft zugeordnet. Während bei diesem Typ die Zuwendung zum Islam erst während der Adoleszenz, oft nach Stigmatisierungserfahrungen, einsetzt, ist den Fällen von Typ 4 eine frühe „streng religiöse Erziehung“ gemeinsam.

Mit Teil IV wird eine „Diskussion und Zusammenfassung der Ergebnisse“ angekündigt, was im letzten Kapitel eingelöst wird. Vorher werden die vier Typen ergänzend unter Rekurs auf weitere, bis dahin nicht berücksichtigte Fälle charakterisiert.

Diskussion

Man kann ein Verdienst der Studie darin sehen, dass sie die Pluralität muslimisch beeinflusster Lebensstile und Identitäten in Deutschland nochmals verdeutlicht, wenngleich diese Botschaft, wer wollte, auch schon vorausgegangenen Studien entnehmen konnte. Im Übrigen konterkarieren die Vf. diese ihre Botschaft durch den Sprachgebrauch. Der Titel kündigt nämlich an, die Arbeit handle von „Muslimen“, obwohl später festgestellt wird, dass der Islam zumindest für eine Gruppe von Interviewten kaum noch Bedeutung hat. Wie ist ein Resümee zu verstehen, in dem einerseits pauschal davon ausgegangen wird, „dass die Einflüsse des Islam… zur Ausbildung eines ‚muslimischen Habitus‘ (Kelek 2002) führen“ (S.409), andererseits aber konzediert wird: „Für ein ganzes Spektrum jugendlicher Lebensstile und Lebensentwürfe unter den Muslimen (Typ 1 u. 2) spielt die Religion keine zentrale orientierungsleitende Rolle…“ (ebd.)? Die Vf. schreiben auch entgegen besserer Absicht im Subtext die Dichotomie „westlich – orientalisch“ fort. Macht es im Zeichen der Globalisierung noch Sinn, von einem „westlichen Jugendmoratorium“ (S.359) zu sprechen?

Eine fundamentale Schwäche der Studie ist die Begriffslosigkeit. Es wird nicht geklärt, was unter Religiosität, Säkularität oder Kultur zu verstehen ist oder verstanden werden soll. Auch wenn man das Arbeitsziel der Vf. berücksichtigt – eine Typologie –, so verwundert doch, dass nirgends auf Sozialisationstheorien Bezug genommen wird. Damit wäre manche Differenz zwischen Biographien verstehbar geworden. Ein großes theoretisches Desiderat ist ein Konzept von Identität und Identitätsarbeit. Die Unterscheidung zwischen sozialer Selbstverortung oder „Zugehörigkeitsmanagement“ (Mecheril) und kulturell gestützter Sinnfindung hätte weitergeholfen. Stellenweise stolpert man über eine irritierende Aneinanderreihung von Begriffen („ethnische“, „traditionelle und migrationssoziologische Identität“, S.25). Auch Bindestrichattribute wie „ethnisch-muslimisch“ (S.25) verraten Konzeptlosigkeit.

Der Erkenntnisgewinn der Typologie bleibt mit dem etwas verwirrenden Variantenreichtum der einzelnen Typen bescheiden. Für die pädagogische Arbeit vermag eine solche Typologie ohnehin wenig zu leisten, das sie nur sehr bedingt Aufschluss darüber gibt, wie Subjekte ihren jeweiligen ‚Möglichkeitsraum‘ auf unterschiedliche Art und Weise nutzen.

Fazit

Weniger wäre mehr gewesen. Am ehesten bietet das Buch Illustrationsmaterial für Seminare zum Thema. Aber zumindest die Lektüre der in dem Buch versammelten biographischen Porträts ist auch für Lehrer/innen und Sozialarbeiter/innen empfehlenswert. Sie könnten zum Nachdenken über eigene Klischees angeregt werden. Die Erzählungen belegen, wie oft die Interviewten in der Schule damit konfrontiert wurden.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 13.08.2012 zu: Hans-Jürgen von Wensierski, Claudia Lübcke: „Als Moslem fühlt man sich hier auch zu Hause“. Biographien und Alltagskulturen junger Muslime in Deutschland. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2012. ISBN 978-3-8474-0008-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13793.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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