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Björn Kraus: Erkennen und Entscheiden

Cover Björn Kraus: Erkennen und Entscheiden. Grundlagen und Konsequenzen eines erkenntnistheoretischen Konstruktivismus für die Soziale Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. 196 Seiten. ISBN 978-3-7799-2854-6. D: 21,95 EUR, A: 24,70 EUR.
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Thema

Seit Mitte der 1990er Jahre hält der erkenntnistheoretische Konstruktivismus Einzug in die Soziale Arbeit [1]. Konstruktivistisches Denken ist insbesondere über die sozialarbeiterische Rezeption neuer familientherapeutischer Konzepte (etwa der Heidelberger Schule, wie sie ursprünglich von Helm Stierlin begründet und von Fritz B. Simon weiter geführt wurde) und der soziologischen Systemtheorie Niklas Luhmanns für die Soziale Arbeit bedeutend geworden [2]. Auf der Basis dieses Denkens lassen sich klassische Grundtheoreme der Sozialen Arbeit, etwa die Hilfe zur Selbsthilfe oder Fragen von Macht und Kontrolle plausibler und wissenschaftlich fundierter reflektieren. Dass der Konstruktivismus erfolgreich genutzt werden konnte, auch um die sozialarbeiterische Theoriebildung im Kontext einer Wissenschaft der Sozialen Arbeit weiter voran zu treiben, ist ein Verdienst von Björn Kraus, der mit seinem neuen Buch das konstruktivistische Theoriefundament weiter festigt.

Autor

Björn Kraus (Jahrgang 1969) hat Soziale Arbeit (Diplom FH) und Bildungsmanagement (MA) studiert sowie in Erziehungswissenschaften promoviert. Zudem erwarb er Zusatzqualifikationen in systemischer Therapie und Beratung (SG) sowie in Supervision (DGSv und SG). Seit dem Jahre 2005 ist er Professor für Wissenschaft der Sozialen Arbeit an der Evangelischen Hochschule Freiburg/Br.; seit dem Jahre 2012 hat dort im genannten Fachgebiet eine W3-Profilprofessur. Des Weiteren gehört Kraus zum Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist sechs Kapitel gegliedert:

Mit dem Kapitel 1 wird die Einleitung offeriert. Der Autor markiert seinen Ansatz, benennt zentrale Referenzen und macht deutlich, dass dieses Buch seinen aktuellen Stand in der Debatte um eine konstruktivistische Sozialarbeitswissenschaft präsentiert.

Im Kapitel 2 wird der erkenntnistheoretische Konstruktivismus in seinen zentralen Grundlagen skizziert. So geht es insbesondere um die philosophischen, kognitionspsychologischen, biologischen und kybernetischen Fundamente des konstruktivistischen Denkens, dem sich Kraus verpflichtet fühlt.

Im Kapitel 3 wird die soziale Dimension von Konstruktionsprozessen mit dem Begriff der Kommunikation fokussiert. Obwohl Kraus immer wieder auch auf Niklas Luhmann verweist, sich auch mit seinem Kommunikationsmodell auseinandersetzt, wird dennoch eher keine soziologische Perspektive auf Kommunikation entfaltet, wie sie mit dem systemtheoretischen Konstruktivismus der Theorie selbstreferentieller sozialer Systeme möglich wäre. Kraus schließt sich eher den aus radikalkonstruktivistischen Prämissen abgeleiteten Positionen an, für die etwa die Arbeiten von Siegfried Schmidt stehen, in denen kognitive Autonomie und soziale Orientierung zusammen gedacht werden [3].

Mit dem Kapitel 4 kommt Kraus zu seinen wichtigen Zentralthemen, mit denen er sich seit Jahren intensiv auseinandersetzt und bezüglich derer er eigenständige und konstruktiv weiter führende Thesen und Konzepte entwickelt hat, nämlich zu den Themen Macht und Kontrolle.

Im Kapitel 5 werden diese Themen weiter verarbeitet und in Bezug gesetzt zu wesentlichen sozialarbeiterischen Theoremen, wie etwa zu den Konzepten von Lebenswelt und Lebenslage, moralischen und ethischen Fragen sowie den Möglichkeiten der sozialarbeiterischen Intervention in kognitiv autonome, aber sozial orientierte Systeme.

Im Kapitel 6 formuliert der Autor sein Schlusswort.

Diskussion

Das vorliegende Buch bietet eine aktuelle Zusammenfassung der Positionen und Grunderkenntnisse von Björn Kraus. Wesentlich neue Aussagen zu den konstruktivistischen Grundlagen der Sozialen Arbeit sind jedoch nicht zu finden. Kraus hat bereits im Jahre 2002 mit seinem Werk „Konstruktivismus, Kommunikation, Soziale Arbeit. Radikalkonstruktivistische Betrachtungen zu den Bedingungen des sozialpädagogischen Interaktionsverhältnisses“ (Heidelberg: Carl-Auer) die wesentlichen Aussagen präsentiert, die nun erneut in dem aktuellen Werk referiert werden. Da dieses Buch jedoch seit geraumer Zeit vergriffen ist und offenbar nicht neu aufgelegt wird, ist die Publikation der aktuellen Monographie sehr zu begrüßen. Denn Kraus´ Thesen zur konstruktivistische Theorie sozialarbeiterischer Intervention sind wegweisend – und zwar deshalb, weil sie zeigen, dass Soziale Arbeit zwar nicht als direkt eingreifende soziale Praxis verstanden werden kann, die daher auch nicht in der Lage ist, Körper, Psychen oder Sozialsysteme in ihrer Funktionsweise zu determinieren, dass Soziale Arbeit aber dennoch das Potenzial hat, über die Beeinflussung und Gestaltung der Lebenslagen ihrer Adressaten deren lebensweltliche Handlungsmöglichkeiten entweder zu erweitern oder zu verringern.

Weiterhin bietet das aktuelle Werk eine sprachlich gestraffte und sehr gut lesbare Einführung in den sozialarbeiterischen Konstruktivismus, einige neuere Literaturbezüge sowie den Einbezug verwandten Denkens, etwa mit der Referenz auf postmoderne Diskurse.

Zielgruppe und Fazit

Das Buch kann all denen empfohlen werden, die nicht lediglich an Methoden systemisch-konstruktivistischer Sozialer Arbeit interessiert sind, sondern die die theoretischen Hintergründe des Booms der systemischen Praxis kennen und verstehen lernen wollen. Gerade diese erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Fundamente der systemischen Perspektive können nach wie vor als herausforderndes Paradigma bewertet werden. Denn sie provozieren unseren Alltagsverstand stark heraus, provozieren unsere naive Lebensweltepistemologie, die alles für wahr hält, was sich sichtbar den eigenen Augen zeigt. Wer anfängt, sich mit dem Konstruktivismus zu befassen, der verliert den Boden unter den Füßen, gewinnt aber zugleich etwas, das ihn ethisch und moralisch reflektiert durch die Welt trägt: die uneingeschränkte Verantwortung für das eigene Tun.


[1]  Siehe zum Überblick: Heiko Kleve (2011): Vom Erweitern der Möglichkeiten. Konstruktivismus in der Sozialen Arbeit, in: Bernhard Pörksen (Hrsg.): Schlüsselwerke des Konstruktivismus. Wiesbaden: VS Verlag 2011, S. 506-519.

[2]  Siehe einführend dazu Heiko Kleve (2010): Konstruktivismus und Soziale Arbeit. Einführung in Grundlagen der systemisch-konstruktivistischen Theorie und Praxis. Wiesbaden: VS Verlag, 2010 (4. Auflage; Ersterscheinung 1996 beim Kersting-Verlag Aachen).

[3]  Siehe dazu Siegfried Schmidt (1994): Kognitive Autonomie und soziale Orientierung. Konstruktivistische Bemerkungen zum Zusammenhang von Kognition, Kommunikation, Medien und Kultur. Frankfurt/M.: Suhrkamp.


Rezensent
Prof. Dr. Heiko Kleve
Sozialarbeiter (Dipl. FH) und Soziologe (Dr. phil.), systemischer Berater (DGSF), Supervisor (DGSv)/Systemischer Supervisor (SG), Mediator und Case Management-Ausbilder (DGCC). Professor für soziologische und sozialpsychologische Grundlagen sowie Fachwissenschaft Sozialer Arbeit an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozialwesen; dort auch Initiator und Leiter des Weiterbildungsangebotes „Systemische Aufstellungen – Werkstatt für systemische Lösungen"
Homepage sozialwesen.fh-potsdam.de/heikokleve.html
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Zitiervorschlag
Heiko Kleve. Rezension vom 16.12.2013 zu: Björn Kraus: Erkennen und Entscheiden. Grundlagen und Konsequenzen eines erkenntnistheoretischen Konstruktivismus für die Soziale Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2013. ISBN 978-3-7799-2854-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13797.php, Datum des Zugriffs 11.12.2018.


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