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Astrid Gawronski, Kathleen Pfeiffer u.a.: Hochfunktionaler Autismus im Erwachsenenalter

Rezensiert von Dipl.-Päd. Petra Steinborn, 12.10.2012

Cover Astrid Gawronski, Kathleen Pfeiffer u.a.: Hochfunktionaler Autismus im Erwachsenenalter ISBN 978-3-621-27934-5

Astrid Gawronski, Kathleen Pfeiffer, Kai Vogeley: Hochfunktionaler Autismus im Erwachsenenalter. Verhaltenstherapeutisches Gruppenmanual ; mit Online-Materialien. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2012. 280 Seiten. ISBN 978-3-621-27934-5. D: 44,95 EUR, A: 46,50 EUR, CH: 59,90 sFr.
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Autorinnen und Autor

Astrid Gawronski, Kathleen Pfeiffer, Kai Vogeley arbeiten in der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikum Köln. Kai Vogeley baute 2005 als leitender Oberarzt die Spezialambulanz für Erwachsene aus dem autistischen Spektrum, bei denen keine relevante Intelligenzminderung vorliegt, auf. Dort beschäftigt man sich klinisch und wissenschaftlich mit dem Autismussyndrom und viele Menschen, bei denen erst im Erwachsenenalter die Diagnose gestellt wird, kommen in die Klink. Aus den Erfahrungen dieser Arbeit wurde das im Buch vorgestellte Gruppentraining entwickelt.

Thema

Autismus ist eine lebenslange Störung vom Kindesalter über das Jugendalter bis ins Erwachsenenalter. Die Klassifikationssysteme ICD 10 und DSM IV ignorieren das bisher, denn bis heute gibt es keine spezifischen diagnostischen Kriterien für die Erstdiagnostik im Erwachsenenalter. Hochfunktionaler Autismus wurde zunächst als eine Variante des Frühkindlichen Autismus (Kanner-Syndrom), bei dem die Grundsymptome autistischer Störungen festgestellt werden konnten, allerdings weitgehend ohne kognitive Einschränkungen, beschrieben. Es wurde mehrfach erfolglos versucht den sog. frühkindlichen hochfunktionalen Autismus vom Asperger Syndrom zu trennen, sodass mittlerweile vom Ansatz Autismus-Spektrum ausgegangen wird.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in 3 Teile. Einzelne Unterkapitel sind durch Fettdruck hervorgehoben.

Teil I Störungsbild (Kap 1-8)

  • 1. Geschichte des Autismus
  • 2. Definition und Diagnostikkriterien
  • 3. Merkmale des Erwachsenenalters
  • 4. Diagnostik
  • 5. Epidemiologie
  • 6. Äthiologie
  • 7. Psychosoziales Funktionsniveau
  • 8. Interventionen

Teil II Manual (Kap 9-11)

  • 9. Durchführung von Gruppentrainings
  • 10. Beschreibung der einzelnen Sitzungen
  • 11. GATE in der Anwendung mit jüngeren Erwachsenen

Teil III Anlage

Inhalt

Das Störungsbild Autismus wird in 8 Kapiteln bearbeitet. Kernstück des Buches bildet die Beschreibung des Gruppentrainings. Jede der 15 Sitzungen wird ausführlich besprochen und durch Onlinematerialien, die vom Beltz Verlag zur Verfügung gestellt werden, vertieft.

Dem Gruppentraining für Autismus im Erwachsenenalter (GATE) ging eine Bedarfsanalyse in Form einer offenen Befragung von 74 Betroffenen in Hinblick auf Erwartungen an eine Psychotherapie und an den Therapeuten sowie danach, welche Fähigkeiten erlernt werden wollen, voraus. Diese wurden mittels einer Inhaltsanalyse ausgewertet, aus der ein Fragebogen erarbeitet wurde, der weiteren 98 Betroffenen zugesandt wurden. Diese Ergebnisse flossen direkt in die inhaltliche Zusammenstellung der Gruppensitzungen ein.

Ziel des Gruppentrainings ist die Vermittlung von Strategien der Verarbeitung in Bezug auf zentrale Probleme, die mit Autismus in Zusammenhang stehen. Dazu zählen das Verhalten in sozialen Situationen sowie der Umgang mit Stress. Inhalte werden vermittelt (Präsentationsfolien, Informations- und Arbeitsblätter), Verhaltensübungen in der Gruppe angeleitet sowie durch Hausaufgaben im Alltag ergänzend geübt. Ab Sitzung 4 beginnt jedes Treffen mit dem Einstiegssritual des achtsamen Atmens, um die Teilnehmenden zu motivieren, Entspannungsübungen auch in den eigenen Alltag einzubauen. Die Vermittlung von Methoden der Stressbewältigung nimmt einen hohen Stellenwert ein (Sitzung 5-9), wobei es um die Erarbeitung individueller Stressbewältigungsstrategien geht. In den Sitzungen 10-14 beschäftigt man sich mit sozialen Situationen, die zuerst an vorgegebenen Faktoren analysiert werden. Neben dem Erkennen der nonverbalen Kommunikation (Mimik, Gestik, Körperhaltung) werden die Themen Small-Talk und Freundschaft behandelt. Zu den Analysefaktoren zählt das Erkennen der Basisemotionen nach Ekman (dazu gibt es im Anhang auf fast 100 Seiten Material!). Den Abschluss des Trainings bilden die Bewusstmachung persönlicher Ressourcen und Stärken sowie ein Rückblick auf die Inhalte aller Sitzungen.

Diskussion

Diese umfassende, detaillierte und teilweise wortwörtliche Zusammenstellung von praxiserprobten Materialien eröffnet auch andernorts als in Köln die Möglichkeit, ein Gruppentraining anzubieten. Die Bereitstellung zahlreicher Informationsmaterialien und Arbeitsblätter sowie die Online Materialien vervollständigen die beschriebene Methodik. Informationen zu Erfolg versprechenden äußeren Rahmenbedingungen wie z.B. das Einladungsschreiben, die Strukturen, Gruppengröße und -regeln, die Kompetenzen und Aufgaben der Gruppenleitung und der Umgang mit schwierigen Situationen runden das Material ab.

Bemerkenswert ist, wie gründlich Themen bearbeitet und aufbereitet wurden. Den Anfang bilden aktuelle Erkenntnisse zum Störungsbild Autismus. Es folgen Inhalte, die aus zwei Umfragen von Betroffenen stammen. Kern des Gruppentrainings bilden der Umgang mit Stress sowie das Training sozialer Situationen. Die Aufzählung von Analysefaktoren machen deutlich, wie komplex menschliche Begegnungen sind. Gleichzeitig wird anschaulich dargestellt, welche möglichen Schwierigkeiten auftreten können. Kompetenzen sozialer Interaktion und Kommunikation, die von Menschen ohne Autismus, den so genannten „Neurotypischen“, intuitiv erfasst und angewandt werden, müssen von Autisten mühevoll erlernt und in den entsprechenden Situationen passend erinnert und angewandt werden. Diese hohen Anforderungen in sozialen Situationen unterschiedlicher Art bilden sich deutlich in der Kernsymptomatik des Störungsbildes Autismus ab. Das Buch hilft ein Verständnis dafür zu entwickeln.

Fazit

Das vorliegende Buch ist sowohl für Betroffene als auch für Nicht-Betroffene ein wichtiges Werk. Es beschreibt in verständlicher Sprache und detailliert mögliche Schwierigkeiten Betroffener. Den Kern des Buches bildet das Gruppentraining. Es wird konkret Schritt für Schritt beschrieben und durch Onlinematerialien sowie zahlreiche Arbeitsblätter, Fotos und Informationsmaterialien im Anhang ergänzt. Man wird nicht von fachspezifischen Erklärungen und theoretischen ellenlangen Bleiwüsten erschlagen. Das Material zeichnet sich dadurch aus, dass es direkt in die Praxis adaptiert werden kann. Dieses Buch ist uneingeschränkt zu empfehlen!

Aus meiner Sicht können die vorgestellten Materialien in vielfacher Weise genutzt werden. Neben der therapeutischen Arbeit können sie auch als Hilfestellung im Alltag mit Menschen aus dem autistischen Spektrum wie z.B. in angeleiteten Freizeitgruppen oder auch in der beruflichen Rehabilitation und Eingliederung genutzt werden.

Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 12.10.2012 zu: Astrid Gawronski, Kathleen Pfeiffer, Kai Vogeley: Hochfunktionaler Autismus im Erwachsenenalter. Verhaltenstherapeutisches Gruppenmanual ; mit Online-Materialien. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2012. ISBN 978-3-621-27934-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13799.php, Datum des Zugriffs 02.10.2022.


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