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Günter Wiemann: Familiensaga

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 23.08.2012

Günter Wiemann: Familiensaga. Vita-Mine Verlag (Braunschweig) 2012. ISBN 978-3-00-037576-7.

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„Man sieh(e)t die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht“

In Bertold Brechts „Dreigroschenoper“ (1928) wird die Klage darüber geführt, wie „bürgerliche Heuchelei“ (Hannah Arendt) und skrupellose Ausbeutung der Menschen zum Elend für die Besitz- und Rechtlosen führt. Mit dem politisch engagierten Theaterstück wollten Bertolt Brecht und der Komponist Kurt Weill den Widerstand der sich formierenden Arbeiterbewegung in Deutschland anfachen. In historischen Analysen und politisch-sozialen Reflexionen wurde und wird viel darüber spekuliert, ob das künstlerisch-politische Engagement dazu beigetragen hat, dass sich die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegungen von der Bourgeoisie emanzipieren konnte. Der Blick auf die neuere deutsche Geschichte vermittelt einen janusköpfigen Verlaufsprozess, der sich von der Wilhelminischen Epoche mit der Typisierung „Untertanengeist“ und „Konformismus (Heinrich Mann, 1914; sowie: Peter Brüger / Jörg Lau, Hrsg., Sag die Wahrheit! Warum jeder ein Nonkonformist sein will, aber nur wenige es sind, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12494.php), den solidarisch-marxistischen Aufforderungen („Proletarier aller Länder vereinigt euch!“), den völkisch-rassistischen Entwürfen (Houston Stewart Chamberlain, Das neunzehnte Jahrhundert, 1899), den germanozentrierten, nationalistischen Ideologien des Nazi-Regimes, bis hin zur historischen Analyse der Nachkriegszeit und heute zieht (Michael Gehler, Deutschland. Von der Teilung zur Einigung. 1945 bis heute, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/13169.php).

Die Nachfrage „Wie wir wurden, was wir sind“ (Bernt Engelmann, 1980), lässt sich auf vielfältige Weise stellen: Anthropologisch, philosophisch und biographisch (Thorsten Fuchs, Bildung und Biographie. Eine Reformulierung der bildungstheoretisch orientierten Biographieforschung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11821.php).Damit aus der Nachschau über die persönliche, familiale und gesellschaftliche Entwicklung nicht Spekulation und ein Fabulieren wird, ist eine solide, wissenschaftsorientierte Methodik erforderlich, die vergangenes Erlebtes als „Wiedergewinnung des früher im Gedächtnis Gespeicherten oder von etwas, was schon einmal gewusst war, offen legt“ (Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, 2005, sowie: Martin Gessmann, Philosophisches Wörterbuch, 2009); es geht darum, den Spagat zu schaffen, Vergangenes von der Zukunft her zu denken (Claus Otto Scharmer, Theorie U. Von der Zukunft her führen, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8328.php).Ob dies, wie Hans A. Pestalozzi es empfohlen hat, als „positive Subversion“ geschieht (Nach uns die Zukunft, 1979), oder mit dem „ethnologischen Blick“ ( Barbara Birkhan, Foucaults ethnologischer Blick. Kulturwissenschaft als Kritik der Moderne, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12832.php ), ist sicherlich von Arbeitsweise und Mentalität des Erinnerungs-Schreibers abhängig. Bedeutsam ist allerdings, dass eine biographische Erzählung auf der Grundlage des „Bewussten“ basiert (Christian Gudehus u.a., Hrsg., Gedächtnis und Erinnerung. Ein interdisziplinäres Handbuch, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/12904.php sowie: Astrid Erll, Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12634.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Es sind vielfach biographische Erzählungen und Analysen, die Alltags- und Lebensgeschichten der Vergangenheit in die Gegenwart hinein bringen und für zukünftiges Denken und Handeln der Generationen projizieren. Wenn dabei, wie in einem Brennglas, nicht nur individuelle Ereignisse und Schicksale erkennbar werden, sondern sich auch Linien, Kurven, Einbahn-, Stoppstraßen und Kreuzungen von Menschengemeinschaften, etwa einer Familie mit ihren Verbindungen und Verzweigungen zeigen, dann steht Geschichte vor uns.

Günter Wiemann hat die besondere Fähigkeit und Empathie, dort zu graben, wo er steht: So hat er sich zur Aufgabe gemacht, sich auf die Spuren von Zeitgenossen zu begeben und mit seinen Forschungsarbeiten zur „Arbeiterbildung“ (Günter Wiemann, Arbeiterbildung. Die 1950er Jahre in Wolfenbüttel, 2008), den Beiträgen, die im Rahmen der „Rieseberg-Konferenz“, einem Geschichtsort der Braunschweiger Arbeiterbewegung, entstanden sind (u. a.: „Zwischen Kriegsende und Währungsreform“ (2007), „Nachkriegsjahre – Wirtschaftswunder“ (2008), „Nie wieder 1933 – Gegen das Vergessen“ (2009), wie auch mit zahlreichen Buchpublikationen (Günter Wiemann, Kurt Gellert. Ein Bauernführer gegen Hitler. Widerstand, Flucht und Verfolgung eines Sozialdemokraten, 2007, www.socialnet.de/rezensionen/5733.php; sowie: Günter Wiemann: Hans Löhr und Hans Koch. Politische Wanderungen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11775.php), Licht in die teilweise vergessene und wenig beachtete Geschichte in einer Region zu bringen.

Zu seinem 90. Geburtstag legt er nun ein ganz persönliches und doch weit darüber hinaus reichendes, geschichtsträchtiges Buch vor: Die Geschichte seiner Familie in drei Generationen. Ihre Erlebnisse und ihre Überzeugungen, ihr Überlebenswille und ihre Kraft – als Sozialdemokraten – mit dazu beizutragen, „die politischen Verhältnisse zu bessern, Frieden und soziale Gerechtigkeit einzufordern“, lesen sich in der Tat wie ein Griff in die Geschichte, als „Täter“ und „Opfer“, als „Beteiligte“ wie als „Herausforderer“.

Aufbau und Inhalt

Die mit vielen, seltenen Quellenmaterialien versehene Erzählung beginnt der Autor mit dem Jahr 1898. Er stellt uns die erste Generation (s)einer Familie vor, in die er 1944 eingeheiratet hat, mit der wechselvollen Geschichte der ehemaligen Residenzstadt der Braunschweiger Herzöge und Lessing-Stadt Wolfenbüttel in Niedersachsen, unweit von Braunschweig, dem Wohnhaus Fischerstraße 17 und dem Gasthaus „Blauer Engel“, das sich um die Jahrhundertwende zu einem Mittelpunkt und zur Heimat der SPD und der Gewerkschaftsbewegung und als kultureller und Bildungsort entwickelte, etwa durch Auftritte der „Freien Volksbühne“, des Arbeitergesangvereins „Einigkeit“ , dem Theaterklub „Edelweiß“ und der „Arbeiter-Bibliothek“; auch mehrere Selbsthilfe-Einrichtungen, etwa einer Schuhmacher-Werkstatt, in der das Schuhwerk des Proletariats günstiger repariert wurde. Die politischen Tätigkeiten, z. B. um gegen die ungerechten sozialen Zustände anzugehen, das undemokratische Dreiklassenwahlrecht zum Braunschweiger Landtag zu kritisieren und dagegen anzugehen. Die Folgen, die sich aus diesen Aktivitäten ergaben – Einkerkerungen, Entlassungen – kennen wir natürlich aus den Geschichtsbüchern. Hier bekommen sie Namen, und die Quellenmaterialien und seltenen noch persönlichen Erinnerungen von Zeitzeugen werden erlebbare Geschichte.

Die zweite Generation erlebte den Ersten Weltkrieg und die Weimarer Zeit. Mit August Göddecke, der 1914 als Seminarist des „Herzoglichen Lehrerseminars“ auch in der SPD politisch tätig war, den Jugendlagern der „Falken“, die Kriegszeit, Gefangenschaft, Not, Elend, Arbeits- und Hoffnungslosigkeit, misslungenen Versuchen zur Auswanderung, und der Wiederaufbau nach dem Ersten Weltkrieg – alles Stationen in autoritätshöriger und bigotter Umgebung. Es mögen die Aufklärungs- und Bildungseinflüsse der Sozialdemokratie gewesen sein, dass Mitglieder der Familie gegen die „Arroganz der Macht und der Ideologie“ aufstanden, auch zum eigenen persönlichen Nachteil. In diesem Gewirr von Macht und Ohnmacht, von Hoffen und Bangen, kommt immer wieder der „Blaue Engel“ ins Spiel, als Schutzort, Reflexionsraum und Ausblick. Der Zweite Weltkrieg, die Angriffe der Nazis gegen die Andersdenkenden, Demütigungen, Entlassungen, Armut und Not der Familienmitglieder, aber auch die Auseinandersetzung mit denjenigen, die Nationalsozialisten wurden…, all das gehört zur „Familiensaga“, wie die (vergeblichen) Versuche des Autors, in der Nachkriegszeit Teile der Familie, die in der DDR leben, in die Erinnerungsarbeit einzubeziehen.

Schließlich die dritte Generation, bei der sich der Autor als Familienmitglied einbringt. Der Sohn eines Hüttenarbeiters und einer Näherin aus Oker im Harz, der im Laufe seines (sozialdemokratischen) Lebens vom Tischler zum Wissenschaftler und zum zôon politkon (Aristoteles), zum politisch denkenden und handelnden Menschen wurde, schildert die Lebensbedingungen seiner Vorfahren und setzt sich mit ihren Bemühungen auseinander, als Arbeiter nicht nur zu überleben, sondern die Verhältnisse zu verändern und „Fragen eines lesenden Arbeiters“ (Bertolt Brecht) zu stellen. Sein eigener Lebensweg und die Begründung seiner Familie lesen sich wie eine Odyssee – Sitzenbleiben in der Schule, Mobbing, Schulwechsel, Soldat der Luftwaffe von 1940 bis 1945, Verwundung, aus dem Krieg zurückgekehrt: „Nichts gelernt als Schießen und Vernichten!“ – aber auch wie ein „Dennoch“ – 1944 Heirat, Familie, Lehre, Studium und politische Arbeit – mit der dauernden, immer wieder insistierenden Nachfrage: „Wie konnte in einer Kulturnation, wie Deutschland, ein so barbarisches politisches System entstehen und welche Lehren können für die politische Zukunft unseres Volkes daraus gezogen werden?“. Und als ob sich ein Kreis schließt, eine überraschende Erfahrung, 2009, als Günter Wiemann mit seiner Frau Urlaub im französischen Jura machte: „Hier muss ich im Krieg schon einmal gewesen sein!“. Die mühsam hervorgeholten Erinnerungen, 65 Jahre danach, wirken wie eine Katharsis, aus der das Leben und das aktive, demokratische Wirken des Günter Wiemann erkennbar wird, die Überzeugung „Nie wieder Krieg!“ nicht nur aufzuschreiben, sondern zu leben; z. B. bei seiner Mitarbeit beim Aufbau des Internationalen Hauses Sonnenberg im Harz, den ersten internationalen Jugendbegegnungen nach dem Krieg, seinen Begegnungen mit russischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die als „Deutsch-Russischer Dialog“ eine Geschichte der Aussöhnung und Verständigung geschrieben haben, mit der Mitgliedschaft der „Russischen Akademie für Bildung“ in Moskau und 1998 mit der Verleihung der „Uschinskij-Medaille für Erziehungswissenschaftler“, Initiator und Gründungsvorsitzender des Vereins Initiativen Partnerschaft Eine Welt e. V. (www.initiativen-partnerschaft.de) und den zahlreichen weiteren Aktivitäten.

Fazit

Günter Wiemann wäre kein „Schulmann“ erster Güte, würde er sich in seiner Familienreflexion nicht auch zum Schulsystem und zur Bildung heute und morgen äußern und emanzipatorisch dafür einzutreten, „die historischen Bemühungen des Bildungs- und Besitzbürgertums zu brechen, die unterbürgerlichen Schichten von sozialer Emanzipation und Mündigkeit fernzuhalten, die klassenspezifische Spaltung in allgemeine (humanistische), vorberufliche und berufliche (realistische) Bildungsgänge zu überwinden“. Wenn es stimmt, dass es möglich ist, „die Welt (zu) verändern, ohne die Macht zu übernehmen“ (John Holloway, 2002, www.socialnet.de/rezensionen/10535.php), hat Günter Wiemann mit seiner „Familiensaga“ ein lebendiges, lernendes Beispiel dafür geliefert. Es ist ein Plädoyer dafür, nicht falschen Traditionen aufzusitzen und die allzu bequemen Wege und Denkeinbahnstraße, wie etwa „Das haben wir schon immer so gemacht!“ oder „Das haben wir noch nie so gemacht!“, zu gehen, sondern, wie Sigmar Gabriel in seinem Vorwort zu Günter Wiemanns Buch schreibt, „unsere Geschichte zusammenzutragen, um die Erinnerung vor Ort wach zu halten, aber auch, um daraus die Lehren für die Zukunft zu ziehen“.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 23.08.2012 zu: Günter Wiemann: Familiensaga. Vita-Mine Verlag (Braunschweig) 2012. ISBN 978-3-00-037576-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13806.php, Datum des Zugriffs 28.01.2023.


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