socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Eva Stauf: Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge in der Jugendhilfe

Cover Eva Stauf: Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge in der Jugendhilfe. Bestandsaufnahme und Entwicklungsperspektiven in Rheinland-Pfalz. Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz e.V. (ism) (Mainz) 2012. 216 Seiten. ISBN 978-3-932612-42-8. D: 15,00 EUR, A: 15,50 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das vorliegende Werk thematisiert die Situation unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge (UMF) in Rheinland-Pfalz, die mit Maßnahmen der Jugendhilfe in Berührung kommen. Zunächst nimmt die Autorin eine Bestandsaufnahme der aktuellen Situation in Rheinland-Pfalz lebender unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge vor. Im Fokus der Bestandsaufnahme steht die Situation der Unterbringung und Betreuung der geflüchteten Jugendlichen. Die damit verbundene Situationsanalyse, welche den Rezipienten Einblick in die fachlichen Debatten und entwickelten Standards im Umgang mit UMF ermöglicht, liefert die Grundlage für die Formulierung von Gestaltungsaufgaben und das Aufzeigen von nötigen Weiterentwicklungen im jugendhelferischen Umgang mit dieser speziellen Zielgruppe sozialpädagogischer Interventionen. Eva Stauf wählt einen multiperspektivischen Zugang: neben der Analyse theoretischer Debatten finden auch Expertenwissen aus der Berufspraxis und der Standpunkt der UMF selbst Berücksichtigung.

Autorin

Die Autorin, Eva Stauf, arbeitete zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Erziehungswissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Anschließend war sie wissenschaftliche Referentin für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen in Rheinland-Pfalz. Derzeit ist sie Fraktionsgeschäftsführerin.

Entstehungshintergrund

Die Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen unterliegt komplexen rechtlichen Richtlinien. Unter anderem sind UMF von dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) betroffen, welches 2005 hinsichtlich der Unterbringung von minderjährigen Flüchtlingen modifiziert wurde. Die wesentliche Neuerung bestand in der Konkretisierung der Unterbringung, die seitdem mit der Inobhutnahme eingeleitet wird. Im § 42 SGB VIII wird die Unterbringung minderjähriger Flüchtlinge präziser geregelt. Diese gesetzliche Neuerung stellte eine Herausforderung für die bereits bestehenden Unterbringungs- und Betreuungsmodelle dar, die daraufhin einer Weiterentwicklung bedurften. Vor diesem Hintergrund wird die Bestandsaufnahme der Situation unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge in Rheinland-Pfalz vorgenommen. Hier muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass seit der Veröffentlichung bereits einige Veränderungen stattgefunden haben.

Aufbau

Zunächst liefert die Autorin eine Hinführung zur Bezeichnung „Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge“, indem der facettenreichen Bedeutung Rechnung getragen wird. Es folgt eine knappe Abhandlung über die rechtlichen Grundlagen, die diese Personengruppe betreffen, gefolgt von statistischen Angaben über UMF in Deutschland. Im Anschluss daran wird die Situation von UMF in den einzelnen Bundesländern dargestellt, die zum Teil stark variiert. Bevor konkret die Situation in Rheinland-Pfalz thematisiert wird, erhält man Einsicht in die sozialpädagogische Fachdebatte. Darauf schließt sich die Vorstellung der empirischen Studie und ihrer Ergebnisse an. Eva Stauf endet mit der Formulierung von Handlungsempfehlungen, die sich sowohl auf die bundesdeutsche Situation als auch auf die vorgestellten rheinland-pfälzischen Modelle beziehen.

Inhalt

Die Autorin beginnt mit der Auseinandersetzung mit dem Begriff „Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge“ und stellt heraus, dass er sich nicht lediglich auf den aufenthaltsrechtlichen Status der Minderjährigen bezieht. Vielmehr bezeichne er – aus Sicht der Jugendhilfe – eine spezielle Lebensphase und somit sind mit der Bezeichnung UMF nicht ausschließlich unbegleitet einreisende Asylsuchende, sondern eben auch diejenigen gemeint, welche keinen Asylantrag stellen oder das Prozedere bereits durchlaufen haben. UMF sind von internationalen, europäischen, deutschen und bundeslandspezifischen Abkommen und Gesetzen betroffen. Auf internationaler Ebene konstituieren beispielsweise das Haager Minderjährigen Schutzabkommen und die UN-Kinderrechtskonvention den Umgang mit UMF. Die europäische Flüchtlingspolitik ist durch die anvisierten Harmonisierungsprozesse dominiert, welche in Form der Drittstaatenregelung und des Dubliner Abkommens zum Ausdruck kommen. Die Konsequenz dieser Flüchtlingspolitik ist, dass nur noch eine geringe Anzahl von Flüchtlingen in Deutschland um Asyl nachsucht bzw. nachsuchen kann. Der Auseinandersetzung mit der Begrifflichkeit und den gesetzlichen Rahmenbedingungen schließt die Autorin eine Fokussierung der Situation von UMF in Deutschland aus der Perspektive der Jugendhilfe an. Seit dem Gesetz zur Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendhilfe (KICK) aus dem Jahr 2005 ist die Einreise unbegleiteter Kinder als eigenständiges Inobhutnahmekriterium definiert. Es bedarf seitdem keiner individuellen Gefährdung des Kindeswohles mehr, um eine Inobhutnahme zu rechtfertigen. Nach wie vor unaufgelöst bleibt der grundsätzliche Konflikt zwischen den Maßgaben des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (SGBVIII) und asylrechtlichen Regelungen. Das Asylverfahrensgesetz definiert 16jährige als handlungsfähig und schreibt somit die Unterbringung in Erstaufnahmeeinrichtungen vor, wohingegen das Kinder- und Jugendhilfegesetz 16jährige schützt und eine Handlungsfähigkeit im asylrechtlichen Sinn abspricht. Dass diese rechtlichen Widersprüche in der pädagogischen Praxis zu komplexen Problemstellungen führen, konnte empirisch belegt werden (Brämer u.a. 2012). Entsprechend weist die Autorin darauf hin, dass es einheitlicher Clearingverfahren mit altersgerechter Unterbringung und verbindlicher Handlungsleitlinien zur Inobhutnahme bedarf, um diesen grundlegenden Konflikt aufzulösen (genau in diesem Punkt sind seit der Publikation des Buchs erste Veränderungen, wenn auch noch nicht vollständig zufriedenstellende, auf den Weg gebracht worden). Es schließt sich eine Auseinandersetzung mit den einzelnen Stationen eines UMFs – vom Erstkontakt bis zur Initiierung des Hilfeplanverfahrens – aus konsequenter Perspektive der Jugendhilfe an. Aus der Perspektive der Jugendhilfe stehen Spracherwerb und Sprachförderung sowie die Integration in eine Regelschule im Vordergrund, die im Idealfall in eine Ausbildung mündet. Diese Ziele können dann effektiv vorangetrieben werden, wenn die Jugendlichen im Rahmen der Jugendhilfe betreut werden. Für die Betroffenen ist es unter Umständen von weit reichender Bedeutung, ob sie in Asylunterkünften – denn dort erhalten sie Sozialleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz – oder im Rahmen der Inobhutnahme in der Jugendhilfe – dort erhalten sie Leistungen nach dem Jugendhilfegesetz, auch über das 18. Lebensjahr hinaus – betreut werden. „Das Asylbewerberleistungsgesetz sieht Sachleistungen oder einen Betrag vor, der bis zu 35% unter dem Regelsatz nach SGB XII liegt“ (S. 46).

Die Autorin fährt fort, indem sie statistische Daten zu UMF in Deutschland nennt. Bemerkenswert ist, dass offensichtlich kaum gesicherte Datenbestände UMF betreffend existieren. So wird nicht mit gesicherten Zahlen, sondern mit Schätzungen operiert. Eva Stauf eröffnet den „Blick in die sozialpädagogische Fachdebatte“ (S. 62) mit Bemangelung des Zustandes, dass UMF als Zielgruppe sozialpädagogischer Interventionen kaum wahrgenommen werden. Es bedarf differenzierter Auseinandersetzung, um auch das sozialpädagogische Personal auf diese komplexe Adressatengruppe vozubereiten: „ … sind die Jugendhilfefachkräfte in eine extreme Problematik gedrängt: Einerseits Bewältigungs- und Verarbeitungshilfen für die Vergangenheit und andererseits Integrationsperspektiven für die Zukunft anbieten zu sollen und gleichzeitig merken, dass zu beidem, Vergangenheit und Zukunft, ein offener Zugang nicht besteht“ (S. 63).

Seit den 1980er Jahren werden drei Unterbringungsarten unterschieden:

  1. „Unterbringung von Kindern aus einem Herkunftsland in monoethnischen Gruppen unter Einbeziehung muttersprachlicher Erzieher/innen,

  2. Unterbringung in ethnisch heterogenen oder multiethnischen Gruppen in Einrichtungen, die meist ausschließlich für junge Flüchtlinge konzipiert sind,

  3. und eine integrierte Unterbringung in „Regelgruppen“ gemeinsam mit „deutschen Kindern“(S. 65-66)

Ohne, dass bisher ein Konsens erzielt werden konnte, welche Unterbringungsform je angemessen erscheint, lässt sich festhalten, dass sich mittlerweile kaum noch monoethnische Unterbringungsformen in Deutschland finden lassen. Insgesamt birgt jede Unterbringungsform Vor- und Nachteile, sodass es nicht gewinnbringend scheint, eindeutige Zuschreibungen vorzunehmen.

Im Kapitel 3.2 arbeitet die Autorin die Dimensionen, die die Arbeit mit UMF prägen und konstituieren, in Gegensatzpaaren, gewissermaßen als Kontinuum heraus, die der speziellen Situation dieser Kinder und Jugendlichen geschuldet sind (z.B. Verlust von vertrauten Menschen, Gewalterlebnisse, Angstzustände etc.). Für die Pädagogen bedeutet die vielschichtige Lebens- und Belastungslage der UMF eine Herausforderung. Zum einen bedarf es unterschiedlicher, komplexer Wissensbestände, um einen verstehenden Zugang der Pädagogen zu ermöglichen und zum anderen muss das herausfordernde Mandat von „Hilfe und Kontrolle“ (S. 75) bewältigt werden. Neben dem Orientierungsaspekten Integration und Bewahrung der Herkunftsidentität arbeitet die Autorin 5 zentrale Gegensatzpaare heraus, entlang derer sich die Arbeit der Jugendhilfe mit UMF entfaltet:

  1. „Dauerunsicherheit vs. Vertrauen
  2. Identitätsdiffusion vs. Anerkennung
  3. Aussichtslosigkeit vs. Zukunftsperspektive
  4. Entstrukturierte Lebenswelt vs. Alltagsstrukturierung
  5. Autonomie vs. Betreuung“ (S. 76)

In den Erläuterungen der jeweiligen Paare greift die Autorin sowohl auf entsprechende Fachliteratur als auch auf Auszüge aus Interviews mit Fachkräften, die mit UMF arbeiten, zurück. Zum Ende des 3. Kapitels resümiert die Autorin, dass sowohl die Sozialpädagogik als auch die Jugendhilfe geeignete „Werkzeuge“ darstellen, um den Umgang und die Arbeit mit UMF zu gestalten – den Beweis für diese These liefert sie zum einen mit der Ausarbeitung der fünf Gegensatzpaare und zum anderen mit der Auseinandersetzung mit drei populären Theorien der Sozialpädagogik, die sie auf UMF bezieht. Neben Forschungsdesiderata formuliert Eva Stauf thesenartig Charakteristika der sozialpädagogischen Arbeit mit UMF sowie Handlungsbedarfe, die die politische Ebene tangieren.

Nachdem die Autorin diese allgemeine Herangehensweise an die Thematik abgeschlossen hat, widmet sie sich der speziellen Situation in Rheinland-Pfalz, wo seit 1990 ein Modell für die Unterbringung von unbegleiteten minderjährigen „Asylbegehrenden“ (S. 92) zur Anwendung kommt. In Kürze dargestellt zeichnet sich das rheinland-pfälzische Modell durch folgende Regelungen aus: „Die weiblichen bis 18 Jahre und alle männlichen Unbegleiteten Minderjährigen bis 16 Jahre werden regelmäßig in Einrichtungen des Heimverbundes untergebracht. Die männlichen 16-17-Jährigen UMF werden in der Regel in der Inobhutnahmeeinrichtung der AfA untergebracht und durch das spezifische Inobhutnahme-Betreuungskonzept in der Inobhutnahmeeinrichtung der AfA betreut“ (S. 94). Die Differenzierung nach Geschlecht wird mit einer besonderen Schutzbedürftigkeit der weiblichen Jugendlichen gerechtfertigt. Basierend auf der Dokumentation der Fallzahlen des Jugendamt Triers zeichnet sich folgendes Bild in Rheinland-Pfalz ab: Von 1999 bis 2008 hat das Jugendamt Trier 2.045 Inaugenscheinnahmen von unbegleiteten minderjährigen Asylbewerbern vorgenommen. Insgesamt lässt sich ein rückläufiger Trend – auf Grund der europäischen Asylpolitik – nachzeichnen. Im Hinblick auf Alter, Geschlecht und Unterbringungsformen werden differenzierte Analysen vorgestellt. Von 2000 bis Juni 2009 wurden 8 Minderjährige aus Rheinland-Pfalz abgeschoben.

Im Folgenden werden die Institution AfA vorgestellt und das „Konzept zur Unterbringung und Betreuung unbegleiteter minderjähriger männlicher Flüchtlinge in der Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende Trier (AfA (Inobhutnahme gemäß § 42 SGB VIII)“ (S. 109) dargelegt. Bei der AfA handelt es sich um die einzige Erstaufnahmeeinrichtung des Landes Rheinland-Pfalz, die eine Belegungskapazität von 700 Betten aufweist. Hier wird das Konzept und die Kooperation mit anderen Einrichtungen vorgestellt. Daraufhin wird im Kapitel 4.3 „Das Verbundsystem für erzieherische Hilfen in Rheinland-Pfalz“ (S. 111) thematisiert. Es handelt sich bei dem so genannten „Heimverbund“ um vier kooperierende Einrichtungen der Jugendhilfe unterschiedlicher Rechtsträger, die ein flexibles Netzwerk verschiedener Hilfeangebote für UMF zur Verfügung stellen. Insgesamt wird eine positive Bilanz dieses rheinland-pfälzischen Modells gezogen, ohne dass die Herausforderungen bagatellisiert werden. Als Herausforderung in der Arbeit mit UMF werden im Wesentlichen die besondere Schutzbedürftigkeit der Klienten sowie die problematische Planung der Aufnahme, Betreuung und Entlassung (im Gegensatz zu anderen Kindern und Jugendlichen) identifiziert. Ziel des Verbundsystems ist, den jungen Flüchtlingen Aufnahme und Schutz im Rahmen einer pädagogischen Hilfestellung anzubieten. Die Autorin fährt fort, indem sie die Profile der aktuell am Verbundsystem beteiligten Einrichtungen der Jugendhilfe, die zurzeit mit UMF belegt sind, darstellt.

Der Blick in die rheinland-pfälzische Praxis endet mit einer kritischen Betrachtung der Rolle des Jugendamts „als zentrale Fachorganisation für UMF“ (S. 133). Der Allgemeine Soziale Dienst (ASD), der innerhalb des Jugendämter für die Einleitung und Durchführung der Inobhutnahme und die Überprüfung der Hilfegewährung zuständig ist, ist mit komplexen, voraussetzungsvollen Aufgaben konfrontiert.

Das letzte Kapitel „5. Eine bessere Situation für junge Flüchtlinge – Ergebnisse der Befragung“ beginnt mit methodischen Vorbemerkungen. Es wurden Experteninterviews mit 16 Personen aus der AfA in Trier, dem Jugendamt Trier, dem Heimverbund und lokalen und regionalen Beratungsstellen geführt. Zudem wurden auch junge Flüchtlinge befragt. Zunächst rekonstruiert die Autorin die Wahrnehmung der UMF durch die Experten: Die UMF zeichnen sich durch hohes Bildungsbewusstsein aus, seien aber bedauerlicherweise ständig von Abschiebung bedroht, was den Jugendlichen die Perspektive nehme. Dies treffe besonders für die Gruppe der älteren UMF zu. Neben dem sozialpädagogischen Blick sehen die Experten die UMF auch aus verwaltungs- bzw. asylrechtlichen Perspektiven. So werden beispielsweise die Integrationswilligkeit der UMF sowie mögliche unlautere Gründen für ihr Asylgesuch durchaus bewertet. Das Recht auf Schutz und Unterstützung der UMF kann hier hinter solche Aspekte treten, was von der Autorin deutlich kritisiert wird (S. 141). Als „größter Knackpunkt“ (S. 143) wird von den Experten die Alterfestsetzung beschrieben: „Deutlich wird, dass die Altersfestsetzung die beteiligten Akteure quasi zwingt, ohne verlässliche Verfahren eine weit reichende Entscheidung zu treffen“ (S. 143). Die beteiligten Akteure bemängeln Betreuungskonzepte der Inobhutnahmeeinrichtung, vor allem aus strukturellen Gründen wie räumliche Bedingungen, unzureichende Personalausstattung etc. (S. 146). Im Gegensatz dazu, wird die Arbeit des Heimverbundes in Kooperation mit dem Land Rheinland-Pfalz als positiv bewertet. Der Schutzgedanke stehe bei der Arbeit mit UMF stark im Vordergrund und die thematisierten Probleme sind charakteristisch für das sozialpädagogische Arbeiten (z.B. Spannungsverhältnisse der Heimerziehung zwischen Hilfe und Kontrolle) (S. 149). „Die Einrichtungen der Jugendhilfe ermöglichen aus Sicht der Befragten eine Alltagsstrukturierung sowie die Integration in Schule/Ausbildung und außerschulische Aktivitäten (Freundschaften, Vereine)“ (S. 151). Ein weiterer Vorteil bestehe darin, dass die Einrichtungen auch eine Unterstützungsstruktur nach dem 18. Lebensjahr darstellen. Die positiven Effekte der Unterbringung im Heimverbund wirken nicht mehr wenn „Erzieher/innen den notwendigen Vertrauensaufbau nicht herstellen können, über unzureichende Kenntnis über das Asylverfahren verfügen und ein ungewohnter Umgangston herrscht […]“ (S. 153).

Auch die Perspektive der UMF bleibt nicht unberücksichtigt. Auch wenn es sich um ein kleines, 11 UMF umfassendes Sample handelt, wird ein Eindruck über die Situation der UMF vermittelt. Während der Ankunftssituation fühlen sich die meisten Jugendlichen schlecht informiert, was auch mit der unzureichenden Übersetzung der deutschen Formulare und Informationsblätter zusammenhängt. Die Betreuung wird unterschiedlich bewertet: Die Einen fühlen sich in der Heimunterbringung gut betreut, die Anderen weniger. Die Unterbringung in der AfA wird nicht mit Betreuung in Zusammenhang gebracht. Perspektivisch äußern die Jugendlichen die Wünsche nach gesichertem Aufenthalt und Nähe zu familiären Bezugspersonen. Bevor die Autorin Handlungsempfehlungen für die beteiligten Akteure formuliert, zeichnet sie exemplarisch in Form von Kurzprofilen die schulische Entwickelung einiger UMF nach und belegt damit, dass „beachtlicher Bildungserfolg bei sehr eingeschränkten und schwierigen Starbedingungen“ (S. 162) möglich ist. Die allgemeinen Handlungsempfehlungen werden in folgende vier Punkte gegliedert:

  1. Gleichstellung der UMF insgesamt
  2. Anerkennung von kindsspezifischen Fluchtgründen
  3. Anhebung der Verfahrensfähigkeit auf 18 Jahre
  4. Flexibler Zugang zum dualen Ausbildungssystem

Das Kapitel Handlungsempfehlungen endet mit der Ausformulierung spezifischer Anforderungen an die Clearingphase, der Einforderung von rheinland-pfälzischen Qualitätsstandards, einem Plädoyer für den Aufbau eines Netzwerkes für private Vormundschaften und den Aufbau von Vernetzungs- und Kooperationsstrukturen sowie dem Aufzeigen von Forschungsdesideraten. Zudem spricht sich Eva Stauf für die Stärkung der Jugendämter als zentrale Akteure aus (S. 173f).

Diskussion

Die vorliegende Monographie gibt einen facettenreichen Einblick in das Arbeitsfeld UMF und sensibilisiert für die multiplen Problemlagen dieser Zielgruppe. Aus verschiedenen Perspektiven werden von Eva Stauf Strukturen, Prozesse und Herausforderungen dargestellt und aus einer sozialpädagogischen Sichtweise reflektiert. In Bezug auf Rheinland-Pfalz werden diese Aspekte detailliert und an verschiedenen empirischen Beispielen verdeutlicht. Zudem zeigt die Autorin die nach wie vor eklatanten Forschungsdesiderata auf. Da seit Erscheinen des Buchs auf politischer und institutioneller Ebene Veränderungen in die Wege geleitet wurden, gibt es nicht in jeder Hinsicht den aktuellen Stand der Debatte wieder. Dennoch vermittelt es einen breiten und an wichtigen Stellen tiefen Einblick in das Themenfeld.

Fazit

Die ausführlichen Darstellungen sowohl der politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen als auch der Organisations- und Kooperationsstrukturen sowie der sozialpädagogischen Herausforderungen, die sowohl empirisch als auch theoretisch dargelegt und reflektiert werden, sind von herausragender Bedeutung. Dieses Buch leistet einen wichtigen Beitrag zur Erschließung dieses Themas und wird hiermit ausdrücklich sowohl Einsteiger/inne/n als auch (sozial)pädagogischen Fachkräfte und anderen Praktikern, die mit UMF arbeiten, wärmstens empfohlen.


Rezension von
Marie Brämer
E-Mail Mailformular
und
Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani


Alle 1 Rezensionen von Marie Brämer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Marie Brämer/Aladin El-Mafaalani. Rezension vom 16.08.2013 zu: Eva Stauf: Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge in der Jugendhilfe. Bestandsaufnahme und Entwicklungsperspektiven in Rheinland-Pfalz. Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz e.V. (ism) (Mainz) 2012. ISBN 978-3-932612-42-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13808.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung