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Lutz H. Michel, Thomas Schlüter (Hrsg.): Handbuch Betreutes Wohnen

Cover Lutz H. Michel, Thomas Schlüter (Hrsg.): Handbuch Betreutes Wohnen. Recht, Betrieb, Steuern für die Immobilien- Seniorenwirtschaft und deren Berater, Rechtsstand: voraussichtlich Juli 2011. C.H.Beck Verlag (München) 2011. ISBN 978-3-406-62789-7.
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Autonomie und Selbstbestimmung auch im Alter

Das hier vorzustellende Handbuch Betreutes Wohnen schließt eine schmerzhafte Lücke, die gerade Praktiker des Heimrechts in ihrer täglichen Arbeit immer wieder zu beklagen wussten – gerade weil es darum geht, älteren Menschen, denen es aufgrund physischer und/oder psychischer Defizite versagt ist, weiter in ihrem gewohnten Umfeld wohnen zu können, ein möglichst hohes Maß an Autonomie und Selbstbestimmung zu bieten. Aber auch die Anbieter der Dienstleistung „Betreutes Wohnen“ haben auf dem einschlägigen Buchmarkt nur eingeschränkt verwendbare Literatur auffinden können. Das hier vorzustellende Werk ist also zunächst grundsätzlich zu begrüßen, zumal der Markt für die Dienstleistung des Betreuten Wohnens zukünftig weiterhin in den unterschiedlichsten Formen wachsen wird.

Aufbau

Das Buch ist in insgesamt sieben große Kapitel gegliedert, welche die folgenden Untergliederungen enthalten:

Kapitel 1: Wohnen für Senioren: Einordnung und Rahmenbedingungen

  1. Einordnung: Wohn- und Dienstleistungs-Konzept für Senioren
  2. Markt – Status quo und Trends
  3. Rahmenbedingungen
  4. Zusammenfassung

Kapitel 2: Konzeption und Leistungsbild

  1. „Alles aus einer Hand“-Konzepte
  2. Investoren-Dienstleister-Modell
  3. Betreutes Wohnen als wohnungswirtschaftliches Angebot
  4. Qualität durch Normung und Zertifizierung
  5. Zusammenfassung

Kapitel 3: Rechtskonzept und Vertragsgestaltung

  1. Gesetzlicher Rahmen beim Betreuten Wohnen
  2. Vertragskonzept und Gestaltungsmodelle
  3. Leistungsmodul Wohnen – Regelungen im Mietvertrag
  4. Leistungsmodul Dienstleistungen – Regelungen im Betreuungsvertrag und in „sonstigen Verträgen“
  5. Betreutes Wohnen im Wohnungseigentum
  6. Verklammerung der Leistungsmodelle Wohnen und Dienstleistung
  7. Zusammenfassung

Kapitel 4: Investition, Finanzierung, Steuern, Realisierung und Vermarktung

  1. Investition
  2. Bewertung
  3. Finanzierung
  4. Steuerliche Aspekte
  5. Realisierung – Die baulichen Standards des Betreuten Wohnens
  6. Marketing und Vermarktung von Betreutem Wohnen
  7. Zusammenfassung

Kapitel 5: Betreiber und Betrieb

  1. Voraussetzungen für Bewohnerzufriedenheit schaffen
  2. Eckdaten zu Bewohnern im Betreutem Wohnen
  3. Umgang mit gesundheitlichen Veränderungen der Bewohner
  4. Die Dienstleistung
  5. Aspekte der Qualitätssicherung
  6. Organisationsmodelle
  7. Finanzierungsfragen aus Bewohnersicht
  8. Historischer Exkurs: Der Zusammenhang zwischen Konzeption und Preissystem – eine Erklärung der Ursprünge des Betreuten Wohnens
  9. Betreutes Wohnen im Gesamtzusammenhang neuer Wohnformen
  10. Perspektiven Betreuten Wohnens für Senioren
  11. Zusammenfassung

Kapitel 6: Betreutes Wohnen in Europa

  1. Einführung
  2. Wohnen im Alter in Europa – Überblick
  3. Betreutes Wohnen in ausgewählten Ländern Europas
  4. Zusammenfassung

Kapitel 7: Praxismodelle

  1. Haus am Weinberg in Stuttgart-Obertürkheim
  2. Betreutes Wohnen „Straße des Bohrhammers“ Herne, Wohnungsverein Herne eG
  3. Betreutes Wohnen am Bloherfelder Markt, Oldenburg, GSG Oldenburg Bau- und Wohngesellschaft mbH
  4. Betreutes Wohnen am Gröbenbach in Gröbenzell, Landkreis Fürstenfeldbruck, Bayern – Praxisbeispiel einer nach DIN 77800 zertifizierten Seniorenwohnanlage

Ein umfangreiches Stichwortverzeichnis schließt das Buch ab.

Autorenteam

Die Autoren des Kompendiums entstammen allesamt der Praxis. Intention des Autorenteams ist ausweislich des Vorworts, die „gebotene fachliche Detailtiefe mit einem breiten Überblick über das Gesamttthema“ zu verbinden (S. VI).

Ausgewählte Inhalte und Diskussion

Wegen des breiten Spektrums der in dem Handbuch behandelten Themen können im Folgenden nur einige wenige Bemerkungen zu einzelnen Ausführungen des Werkes gemacht werden.

Die Autoren Mühlbauer und Michel beschäftigen sich in Kapitel 2, Abschnitt D mit der „Qualität durch Normung und Zertifizierung“ (S. 45 ff., Randnummern 94 ff.). Dies ist allein schon deswegen wichtig, da manche Landesheimgesetze die gesetzliche Möglichkeit vorsehen, im Bereich des Betreuten Wohnens mittels Durchlaufen eines Zertifizierungsverfahrens nach DIN 77800 ihre Marktchancen zu erhöhen und den potentiellen Kunden durch die Zertifizierung zu signalisieren, dass die Qualität der Einrichtung sehr hohen Ansprüchen genügt. Hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang z.B. auf die Regelung in § 9 Abs. 1 Satz 3 des Selbstbestimmungsstärkungsgesetzes des Landes Schleswig-Holstein. Mühlbauer stellt in einem quasi vor die Klammer gezogenen Teil die Grundlagen der Normung und Zertifizierung dar (Rdn. 94 bis 133). Michel stellt im Anschluss daran die Qualitätszertifikate im Bereich des Betreuten Wohnens dar (Rdn. 134 bis 300). Eine ausführliche Erörterung und Erläuterung ist dabei der DIN 77800 gewidmet. Für die Praxis besonders relevant und hilfreich ist dabei die Darstellung des eigentlichen Zertifizierungsverfahrens (Rdn. 204 ff.). Diese Ausführungen versetzen die Heimeinrichtungen in die Lage, sofort richtig die nötigen Schritte zu vollziehen, um am Ende des Verfahrens zertifiziert zu sein.

Der Autor Groß beschäftigt sich in Kapitel 4, Abschnitt F mit dem Thema „Marketing und Vermarktung von Betreutem Wohnen“ (Rdn. 330 ff.) Dabei kommt er zu der richtigen Erkenntnis, dass „Betreutes Wohnen in der Praxis nicht zwangsläufig ein von selbst laufendes Konzept“ darstellt (Rdn. 330). Daher fordert er zu Recht, dass Einsicht in grundlegende Marktmechanismen unerlässlich sind, um auf Dauer als erfolgreicher Marktakteur tätig sein zu können (Rdn. 335). Ein Stehenbleiben bei diesen allgemeinen Erkenntnissen würde jedoch dem Nutzer des Buches nicht sehr viel weiter helfen. Daher ist es nur konsequent, wenn Groß im Folgenden eine spezifische Methodik zur Entwicklung einer Marketingstrategie ausarbeitet (Rdn 338 ff.). Aus ihr kann der Rezipient wertvolle Ratschläge und Hinweise entnehmen, die gewiss für ein erfolgreiches Agieren auf dem schwieriger werdenden Markt für Betreutes Wohnen äußerst nutzbringend sind.

Schließlich soll noch kurz auf die Ausführungen des Autors Michel in Kapitel 6 („Betreutes Wohnen in Europa“, S. 427 ff.) eingegangen werden. Es ist zunächst ein großes Verdienst, dieses Kapitel in das Handbuch aufgenommen zu haben, da auch und gerade im Alter viele Menschen ihr Leben außerhalb ihres Heimatlandes verbringen wollen. Allerdings erscheint es fraglich, ob die hier näher dargestellten Länder (Österreich, Niederlande, Großbritannien) tatsächlich die Wunschwohnorte älterer Menschen sind. Für Österreich mag das für die Verwendung der deutschen Sprache noch gelten. Ob dies für die Niederlande und Großbritannien jedoch gleichfalls gilt, darf bezweifelt werden. Vielmehr dürften sich zahlreiche ältere deutsche Bürger dazu entschließen, Betreutes Wohnen in Italien und Spanien in Anspruch zu nehmen. Vielleicht wird dies in der sicherlich bald zu erwartenden zweiten Auflage des Handbuchs berücksichtigt.

Fazit

Aber auch trotz dieses kleinen Kritikpunktes ist der „Michel/Schlüter“ uneingeschränkt zu empfehlen. Obgleich das Kompendium sicherlich vor allem von (potentiellen) Betreibern des Betreuten Wohnens genutzt werden dürfte, werden auch Heimaufsichten und auch (potentielle) Kunden ihren Nutzen aus der Lektüre des Buches ziehen. Positiv hervorzuheben ist die verständliche Sprache, der außerordentlich hohe praktische Nutzen sowie die systematische Darstellung der Thematik, die noch zusätzlich einen erhöhten Nutzwert durch die Verwendung von Schaubildern und Graphiken erhält. Der moderate Preis für ein Fachbuch macht es zudem leicht, das Buch zur Kasse zu tragen.


Rezensent
Dr. iur. Marcus Kreutz
LL.M., Rechtsanwalt. Justiziar des Bundesverbandes Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland e.V. in Köln
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Zitiervorschlag
Marcus Kreutz. Rezension vom 15.04.2013 zu: Lutz H. Michel, Thomas Schlüter (Hrsg.): Handbuch Betreutes Wohnen. Recht, Betrieb, Steuern für die Immobilien- Seniorenwirtschaft und deren Berater, Rechtsstand: voraussichtlich Juli 2011. C.H.Beck Verlag (München) 2011. ISBN 978-3-406-62789-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13815.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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