Alex Aßmann: Erziehung als Interaktion
Rezensiert von Prof. Dr. Irene Dittrich, 13.02.2014
Alex Aßmann: Erziehung als Interaktion. Theoriegrundlagen zur Komplexität pädagogischer Prozesse.
Beltz Juventa
(Weinheim und Basel) 2012.
340 Seiten.
ISBN 978-3-7799-2833-1.
D: 34,95 EUR,
A: 36,00 EUR.
Reihe: Edition Erziehungswissenschaft.
Thema
Was ist Erziehung? Nicht geringer der Anspruch, gleichwohl umfassender ist der Untersuchungsgegenstand der vorgelegten theoretischen Studie: Es wird nicht nur der hoch komplexe Gegenstand der Erziehung prozesshaft über die gesamte menschliche Biographie betrachtet, sondern darüber hinaus eine durchaus einer empirischen Erfassung zugängliche Unterscheidung von Erziehung zur Sozialisation vorgenommen. In den vorgelegten „Theoriegrundlagen zur Komplexität pädagogischer Prozesse“ wird eine begriffliche Strukturierung vorgenommen, die – fundiert in ihrer theoretischen Grundlegung – für empirische Untersuchungen in allen pädagogischen Handlungsfeldern dienen kann und sollte. Die Fokussierung der Perspektive zu-Erziehender in empirisch zugänglicher Gestalt ist prägend für das vorliegende Werk.
Autor
Der Autor hat, nachdem er in seiner „kleine[n] Einführung in die Pädagogik“ (2008; vgl. die Rezension) selbige als Intergenerationenaufgabe definiert hat und eher der praxisorientierten Auslotung des Spannungsfeldes der „Erziehung zwischen Zumutung und Emanzipation“ (ebenda) folgte, mit dem vorliegenden Werk eine theoretische Grundlegung des Begriffs Erziehung vorgenommen. Damit folgt das Werk seiner Berufsbiographie vom Sozialpädagogen an der Evangelischen Fachhochschule in Ludwigshafen, wissenschaftlichen Mitarbeiter am Pädagogischen Institut der Johannes Gutenberg Universität in Mainz und Mitarbeiter des Stadtjugendamtes Mannheim nunmehr mit Erscheinen von „Erziehung als Interaktion. Theoriegrundlagen zur Komplexität pädagogischer Prozesse“ zum Professor (Vertr.) für Allgemeine Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Pädagogisches Handeln und Professionalität an der Georg August-Universität Göttingen. Alex Aßmann legt mit „Erziehung als Interaktion. Theoriegrundlagen zur Komplexität pädagogischer Prozesse“ eine Definition des Erziehungsbegriffs vor, mit dessen Hilfe sich hypothesengeleitet erörtern lasse, „wie sich das Lernen in Abhängigkeit von Dritten und die pragmatisch durch den zu-Erziehenden eingeführte Unterscheidungsfähigkeit von Sozialisation und Erziehung in den verschiedenen Sektoren der gesellschaftlich organisierten Erziehungspraxis darstellen könnten“ (S. 289). Er führt dafür sowohl Strukturkomponenten als auch die primäre, sekundäre und tertiäre Rahmung der Erziehungsinteraktion als hilfreiche Instrumente einer empirischen Zugänglichkeit des Begriffs ein, dabei ist der Autor – unzweifelhaft theoretisch höchst sicher – ganz praktisch auf der Suche nach der Ermöglichung empirischer Anschlussstudien, um sein Buch mit einer hoffnungsfrohen Botschaft in die praktische Pädagogik alltäglichen Erziehungshandelns zu schließen: „Ganz im Unterschied zur Sozialisation kann mit der Erziehung immer wieder begonnen werden“. Dem Autor gelingt es dabei, Erziehung begrifflich so zu fassen, dass sie als Prozess über die Lebensspanne betrachtet werden kann, wobei er die hoch komplexen Sachverhalte bemerkenswert leicht und gleichermaßen tiefgründig theoretisch grundzulegen, zu erläutern und in einen forschungspraktischen Handlungszusammenhang zu stellen vermag.
Entstehungshintergrund
Die hier vorgelegte theoretische Studie ist u.a. ein Ergebnis des Forschungsprojekts „Zur Biographie Klaus Mollenhauers (1928-1998)“ und so widmet der Autor sein Buch denn auch Mollenhauer, dessen Sichtweise auf Erziehung er zitierend aufnimmt und die als bedeutsam heraus gearbeiteten drei Aspekte der Erziehung zur Grundlage seiner Studie heraus stellt, den Zukunftsbezug der Erziehung als Tätigkeitsmotiv des Menschen selbst, die Fortsetzung des Selbst im Anderen – wenn auch zuweilen in eigentümlichen Verfremdungen – sowie die Vorstellung, die den Kindern vorgeschlagene Lebensform sei – wenigstens in Teilen – zustimmungsfähig (S. 14). Der Autor geht weit darüber hinaus, denn es ist ihm darum zu tun, die empirische Unzugänglichkeit komplexen menschlichen Lebens in seiner biographischen Ausdehnung forschungspraktisch handhabbar werden zu lassen.
Zum Geleit des Werks wird in einen (Erziehungs-)Roman eingeführt, hier nähert sich der Autor hinsichtlich des darin narrativ verwendeten Biographiebegriffs dem an, was Erziehung sein könnte. Er kommt zu dem Schluss, dass Antworten auf die Fragen danach: Wo, an welchen nicht unmittelbar beeinflussbaren, aber dennoch wirkungsvollen Punkten stellten sich die Weichen? Warum erkannte man es zu den entsprechenden Zeitpunkten nicht? nicht Romanautoren zu überlassen seien, sondern vielmehr den Erziehungswissenschaftler/innen hinsichtlich verwertbarer Aussagen zu entlocken seien (S. 18). Es geht dem Autor demnach darum, wie PädagogInnen zu verwertbaren Hinweisen darauf kommen, „biographische Weichenstellungen“ zu erkennen, dabei das Alltagsgrundverständnis des Begriffs Erziehung auch gesondert theoretisch zu definieren und Beides – Alltagsverständnis und theoretische Definition – als Sinnganzes zu verstehen. Dabei geht es nicht nur um akademische Anwendungsbereiche erziehungswissenschaftlichen Theoriewissens, sondern (auch) um theoretische Mindestannahmen zu einem Begriff, der gesellschaftlich breite praktische Relevanz aufweist.
Eine feine Selbstironie des Autors blitzt bei der Definition des Untersuchungsgegenstands: der Gegenstandsbereich der Erziehungswissenschaft führe unweigerlich zu der Erkenntnis, dass „Erziehungstheorie, zumal empirisch orientiert […] ein unendlicher Regress mit zwangsläufig offenem Ausgang [wäre]“. Erziehungsromane hingegen können schamlos mit theologischen Spekulationen beginnen und mit soziologischer oder politischer Schadensanalyse enden. Keineswegs lässt er sich irritieren und im Ergebnis gelingt es ihm, ganz mit Mollenhauer und den drei zentralen Aspekten des Erziehungsbegriffs einig, die Unwahrscheinlichkeit des Gelingens von Erziehung ohne die Teilnahme und den Beitrag des zu-Erziehenden als handhabbare Größenordnung empirischen Forschens - sehr wohl in der Unterscheidung zur Sozialisation – zu präsentieren.
Aufbau
Das Buch ist in zwei Teile gegliedert.
- Der erste Teil widmet sich dem Gegenstand der Erziehung, die als Interaktion heraus gearbeitet wird und wendet dafür die Kapitel eins bis drei auf.
- Im zweiten Teil grenzt der Autor in den Kapiteln vier bis sechs den Begriff Erziehung vom Begriff Sozialisation ab, um im Kapitel 7 (zweiter Teil) „zuletzt: …“ zu fragen, „…was […] Erziehung“ sei (S. 269). Dabei folgt der Autor dem Anspruch, „ein theoriesemantisches Register zu entfalten, mit dem der Gegenstandsbereich der Erziehung gut zu beschreiben ist“ (S. 25).
Zum Teil 1
Im ersten Kapitel widmet sich der Autor dem Begriff Erziehung und der besonderen Problematik von dessen Bestimmungsfähigkeit: „Was kann als gesichert gelten?“ (S. 23). Nachdem der Begriff aufgelöst wurde, wendet ihn der Autor kurz, gleichwohl hinreichend präzise und klar, um daran anschließend die sich heraus gearbeiteten begrifflichen Reflexionsblindstellen zwischen Theorie- und Alltagsprache aufzuzeigen. Der Autor schließt dieses Kapitel mit einem höchst unterhaltsamen Gedankenexperiment aus dem Alltagsleben der Erziehung und keineswegs nur aus der Kindererziehung.
Im folgenden Kapitel 2 – der begriffliche Kern der theoretischen Annäherung, i.ü. auch umfassend im Volumen – kann bezogen auf die aufgeworfenen Leerstellen aus Kapitel eins unmittelbar mit dem Ausgangspunkt der Studie und einer These geantwortet werden: „Erziehung ist immer Interaktion“ (ebenda). In der Entfaltung der theoretisch relevanten Begriffe unterscheidet der Autor zunächst zwischen Interaktion und Kommunikation, um in Fortführung der Kommunikationsverständnisses von Mollenhauer und Watzlawick sowie des Erziehungsgedankens von Lenzen den Begriff der Interaktion als bedeutsam heraus zu arbeiten. Den Differenzen zwischen Interaktion und Kommunikation nähert sich der Autor in einem systemtheoretischen Zusammenhang an, er nimmt darin die Aspekte der Intelligenz im Rahmen der Ontogenese quasi organisch über die Begrifflichkeiten der Piaget´schen Theorie auf. Auch hier erlaubt sich der Autor den Luxus eines Exkurses, in diesem Kapitel in den ersten Lebensjahren angesiedelt. Weitere strukturierende Begriffe werden umfassend theoriegesättigt über den symbolischen Interaktionismus und seine anthropologischen Perspektiven und die Kategorien Leib und Zeit als Grundkategorein der Interaktionstheorie eingeführt. Von herausragender Bedeutsamkeit in der theoretischen Verarbeitung sind die Begriffe Situation und Hiatus, die den Interaktionsprozess als angemessen und für die zu-Erziehenden erfolgreich werden lassen: es entsteht in der Interaktion – hier im Kontext von Handlungen – eine Lücke zwischen den Handlungsabschnitten der Beteiligten. Auf diese Weise wird der Erziehungsprozess in Gestalt der Interaktion aus Perspektive der zu-Erziehenden strukturierbar und – so die spektakuläre These – ablehnbar. Diese Begriffsfassung Erziehung als Interaktion mit ablehnbarem Gehalt seitens der zu-Erziehenden ist deshalb bedeutsam, weil sie konsequent die Perspektive der zu-Erziehenden in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt und den Erziehungsprozess als stets an konkrete Handlungen zu koppeln beschreibt. Auf diese Weise gelingt es dem Autor, Erziehungs- und Sozialisationsprozesse so eineindeutig voneinander anzugrenzen, dass im pädagogischen Alltag Konkretisierungen von Erziehung wie auch von Sozialisation deutlich erkennbar und voneinander unterscheidbar werden.
Kapitel drei arbeitet das Selbst als neuhumanistische Orientierung in der Erziehung heraus und gelangt damit zu Selbsttätigkeit und Bildsamkeit als Möglichkeitsformen der Pädagogik. Gleichwohl weist der Autor eine gewisse Skepsis dem Selbst gegenüber aus, die den Kategorien der Eile und der Zweckorientierung geschuldet ist. Das Ausloten der Möglichkeiten und Grenzen der durch den Autor in Kapitel drei entfalteten Theoriesemantik führt noch einmal zur Bestätigung des Paradoxon der Skepsis gegenüber dem Selbst bei gleichzeitig großer Hoffnungsträgerschaft als quasi strukturimmanenten Bestandteil pädagogischer Theoriebildung heraus.
Zum Teil 2
Im ersten Kapitel des zweiten Teils der Studie zu Sozialisation und Erziehung (Kap. 4) wendet sich der Autor der Biographie als sozialem Tatbestand zu und spitzt die pädagogische Problemstruktur in der Moderne als Anforderung an eine lebenslange gelingende Anpassungsleistung zu und weist damit dem Begriff der Sozialisation eine pädagogische Bedeutung zu. Zentrale Reduktionen des umfassenden Stoffs beziehen sich auf den Begriff der Identität und der Auseinandersetzung mit deren Verlust.
In den Kapiteln 5 und 6 zeichnet der Autor die Begriffsmigration der Sozialisation in die Pädagogik nach, wobei im Text konsequent die Säkularisierung des Erziehungsbegriffs im Sinne einer methodischen Sozialisation unter Funktionalitätsaspekten heraus gearbeitet wird. Der Autor schließt mit einer komplexen kritischen Befassung seines theoretischen Ansatzes und nimmt dabei die zentralen Begriffe der Autopoisie – spätestens hier lässt sich die Theorie auch als konstruktivistische lesen, Autonomie und (Selbst-)Sozialisation auf.
Die abschließende Definition des Begriffs Erziehung in Kapitel 7 resümiert die Studie in klarer, gleichsam hochkomplexer Weise, der Autor führt den Begriff Erziehung an den des Lernens heran und nimmt die konkrete Erziehungsinteraktion in seiner Struktur auf. Es schließen sich Betrachtungen zu den Formen der Erziehung an, um in einen ermutigenden Schluss zu münden, der den hier so komplex präsentierten Prozess der Erziehung als stets neu zu beginnendes Geschehen beschreibt, wenn auch sein Gelingen als eher unwahrscheinlich vermutet wird. Allerdings liegt diese Vermutung im Erziehungsgeschehen selbst begründet, womit die Überlegungen wieder mitten in die Betrachtungen zum Begriff zurückführen, ein seltenes theoretisches Vergnügen.
Diskussion
Die Ankündigung der Studie, Theoriegrundlagen zur Komplexität pädagogischer Prozesse zu liefern, ist in einer Weise umgesetzt, die eine – um mit dem Autor zu sprechen – Unmöglichkeit seines Ignorierens nach sich zieht. Das schwierige Vorhaben, der Komplexität des zentralen Gegenstandsbereichs der Erziehungswissenschaft Erziehung begrifflich durch eine Strukturierung beizukommen, sie theoretisch aufzubereiten, wieder zu reduzieren und zugunsten ihrer Zugänglichkeit für forschungs- und alltagspraktisches Handelnde zu modellieren, erscheint im Geleit der Studie zunächst etwas sperrig. Umso überzeugender sind Logik und Klarheit der heraus gearbeiteten theoretischen Grundlagen sowie die konsequent heraus gestellten Möglichkeitsräume „zwischen der Unwahrscheinlichkeit des Gelingens von Erziehung und der Unmöglichkeit des Unterbleibens von Erziehung“ (S. 289); damit auch die vorhandenen enormen empirischen Lücken über die Möglichkeitsräume.
Die theoretische Leistung der Studie besteht nicht nur in der (zu Unrecht als vermessen betrachteten Anspruch einer) Ordnung terminologischer Verzettelung in den Wissenschaften, vielmehr besteht sie auch in der Zeichnung der Erkenntnislücken hinsichtlich enormer Eigenleistungen des Individuums im Erziehungsprozess, das sich in sehr wohl in Abhängigkeiten befindet – diese sind bereits Gegenstand empirischer Untersuchungen – gleichwohl die ihm im Rahmen von Sozialisation angetragenen Lebenskonzepte annimmt oder ablehnt, diese also erst in der Möglichkeit ihrer Ablehnung zur Erziehung werden. Es wird nachfolgend – in vielen weiteren empirischen Studien – zu untersuchen sein, wann, unter welchen Bedingungen und mit welchen Weiterungen diese individuellen Leistungen von den zu-Erziehenden erbracht werden. Das Werk hätte es unbedingt verdient gehabt, seine Reichweite bereits in der Einführung prägnant zu präsentieren und die ausführliche Einführung in die Thematik in einem der ersten Kapitel zu verorten.
Fazit
Das Werk ist grundlegenden Charakters für die Befassung mit dem Themenkomplex Erziehung und sollte auf keiner Literaturliste für Pädagogikstudien fehlen, es ist besonders ertragreich für eine vertiefte Befassung im Rahmen eines Masterstudiums oder Promotionsvorhabens. Der interessante und über bisherige Studien hinausgehende Aspekt des vorliegenden Werks nimmt den Anspruch moderner Pädagogik auf, die zu Erziehenden in den Mittelpunkt der Pädagogik zu rücken: nicht nur das Handeln der Erziehenden zu reflektieren und Vermutungen über dessen Wirkungen anzustellen, ggf. auch zu verifizieren, als vielmehr die Auseinandersetzung der zu-Erziehenden mit den an sie gerichteten Erziehungsbemühungen zu fokussieren. Damit werden die Kenntnisse innerhalb der Interaktion zwischen Erziehenden und zu-Erziehenden gleichgewichtiger als bislang beleuchtet. Der vorgelegte theoretische Rahmen ist geeignet, einen begrifflichen Rahmen für die Forschung zu Sozialisation und Erziehung über die Lebensalter anzubieten bzw. anzuschließen sowie in empirische Studien umgesetzt zu werden, wofür allerdings Anschlussbetrachtungen über angemessene Operationalisierungen durchaus wünschenswert und erforderlich sind.
Rezension von
Prof. Dr. Irene Dittrich
Professorin für Theorie und Praxis der Kindheitspädagogik an der FH Potsdam und Lehrbeauftragte an der Hochschule Düsseldorf, Email-Adressen: irene.dittrich@fh-potsdam.de und irene.dittrich@hs-duesseldorf
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