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Edith Kohn: Der ganz andere Ivan Illich

Cover Edith Kohn: Der ganz andere Ivan Illich. Wie ein Priester zum Verkünder wurde. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. 300 Seiten. ISBN 978-3-7799-2853-9. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR.
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Entgrenztes Denken

Querdenker haben es in Gesellschaften, sowohl in den freien und demokratischen, und erst recht in den von Ideologien und Dogmen geleiteten, schwer. Und doch gibt es immer wieder Leitfiguren und Leuchttürme, die Menschen dazu auffordern, nicht denken zu lassen, sondern selbst zu denken und den eigenen Verstand zu gebrauchen (vgl. dazu den neuen, engagierten Diskurs: Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12903.php ). . Sie vertreten überwiegend Positionen gegen den Mainstream, ecken damit an und provozieren; wie etwa der lateinamerikanische Pädagoge und Erwachsenenbildner Paulo Freire (1921 – 1997), der mit seinen Schriften und programmatischen Aufrufen gegen eine „Kultur des Schweigens“ und für eine politische Autonomie der Individuen und Gesellschaften eintrat: „Erziehung kann niemals neutral sein. Entweder ist sie ein Instrument zur Befreiung des Menschen, oder sie ist ein Instrument der Domestizierung, seiner Abrichtung für die Unterdrückung“ (Pädagogik der Unterdrückten, 1970; Pädagogik der Autonomie, 1996 / 2008, www.socialnet.de/rezensionen/6090.php; www.freire.de ).

Es ist deshalb nur logisch (und zwangsläufig?), dass ein anderer Querdenker Aufmerksamkeit fand bei denen, die sich in den 1960er Jahren daran machten, die erstarrte, von Ideologien und Gewohnheiten eingemauerte Gesellschaft zu verändern: Der österreichisch-amerikanische Philosoph und katholische Priester Ivan Illich (1926 – 2002)

Zusammen mit Paulo Freire und anderen Gleichgesinnten gründete er 1960 im mexikanischen Cuernavaca das Centro Intercultural de Documentación , als dessen Leiter er mehrere Jahre tätig war. Das CIDOC hatte die Aufgabe , Entwicklungshelfer und Missionare für Lateinamerika zu schulen. Es hatte sich bald den Ruf als „Ort der Subversion“ erworben und vermittelte befreiungspädagogische und -theologische Ideen und Appelle. Zehn Jahre später, nicht zuletzt aufgrund von Konflikten mit den Kirchenoberen und dem Papst löste Illich das CIDOC auf und legte auch sein Priesteramt ab. Illichs Auffassung von der „Verklumpung“ von Institutionen brachte ihn dazu, deren Abschaffung, allen voran der Schule, zu fordern und für „Konvivialität“ (Selbstbegrenzung) der Individuen und der Gesellschaften einzutreten (ein im heutigen, globalisierten Diskurs, wie in der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden Welt ein humanes, gerechtes und menschenwürdiges Leben der Menschen auf der Erde möglich wird). Es ist deshalb nicht ungewöhnlich, dass Illichs Ideen von der Entinstitutionalisierung und Entschulung der Gesellschaft in den Zeiten des Aufbruchs und der Veränderung u. a. von Hartmut von Hentig aufgenommen wurden (Hartmut von Hentig, Cuernavaca oder: Alternativen zur Schule?, Stuttgart 1971; sowie: ders., Die Wiederherstellung der Politik. Cuernavaca revisited, 1973).

Entstehungshintergrund und Autorin

Zwar hat sich an der Universität Bremen der Circle for Research on Proportionality (CROP) gebildet, als Kreis von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der verschiedenen Disziplinen, die weltweit, angelehnt an der Auffassung vom „Verlust der Proportionalität“, darüber nachzudenken, wie der im lokalen wie im globalen Dasein der Menschen verschwindende Sinn für das Angemessene, das Gute und Wahre und die verloren gegangene Ich-Du-Beziehung wieder gewonnen werden kann (www.pudel-uni-bremen.de); doch es ist nicht zu übersehen, dass Illich‘ Gedanken und Programmatiken im sozialwissenschaftlichen Diskurs derzeit keine Konjunktur haben; will man nicht davon sprechen, dass sie vergessen worden sind!

Die in Berlin lebende Schriftstellerin und Journalistin Edith Kohn, die an der Universität Frankfurt/M. Erziehungswissenschaft studierte und zum Thema promovierte, hat sich in mühevoller und aufwendiger Arbeit daran gemacht, die erste Biographie von Ivan Illich zu verfassen.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin gliedert ihre biographische Arbeit in acht Kapitel.

Im ersten Teil schildert Edith Kohn die verwirrenden und verzweigenden Daten von Illichs Herkunft, die seiner protestantischen Mutter aristokratisch-jüdischer Abstammung aus Wien und seines katholischen Vaters Ivan Petar (Piero), aus einer wohlhabenden Familie in Split. In der Kathedrale von Split wird Johannes (Ivan) Domenicus (Dinko) Illich katholisch getauft, und er wächst als „vaterloser“ Sohn auf, weil sich sein Vater schon bald aus der Ehe absentiert und sich seine Mutter mit ihm und den Geschwistern in Wien niederlässt. Die nationalsozialistische Herrschaft zwang die Familie 1941 Wien zu verlassen und nach Florenz zu gehen. Dort macht Ivan 1943 das Abitur und studiert an der Universität zuerst Chemie und Geschichte, danach Philosophie, und von 1947 bis 1951 am Jesuiten-Collegium Romanum (Gregoriana) in Rom Theologie. Am 24. März 1951 wird er zum römisch-katholischen Priester geweiht. Auf Veranlassung von Kardinal Spellman wird er nach New York versetzt, wird Gemeindepriester und nimmt die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an.

Im zweiten Kapitel greift die Autorin die Fragen auf, die sich aus Illichs frühen wissenschaftlichen Arbeiten, etwa der Dissertation über die philosophischen Grundlagen im Werk des britischen Historikers Arnold Toynbee, ergeben. Dabei verweist sie auf eine Illichsche Eigenschaft, die in der folgenden Auseinandersetzung immer wieder zum Ausdruck kommt: „Er zeigt weder Respekt vor dem geistigen Eigentum…, er unterlässt es immer wieder, Quelle und Meinung klar voneinander zu unterscheiden“. Seine seelsorgerische Arbeit in der New Yorker Kirchengemeinde bringt ihn mit den konservativen, lateinamerikanischen Glaubensvorstellungen und -ausübung der puertoricanischen Einwanderer in Berührung; er äußert sich, mit Pseudonym, zu Fragen der Ehescheidung und zu Problemen der Eingliederung der Migranten, jedoch nach wie vor auf der Linie der offiziellen katholischen Lehrmeinung im protestantisch dominierten New York.

Seine Ernennung zum Vize-Rektor der Katholischen Universität von Puerto Rica und sein dortiges Wirken als Missionierungsbeauftragter in den Jahren 1956 – 1960 kennzeichnet die Autorin im dritten Kapitel mit „Missionare De-Yaneesieren“. Sein bis dahin konformes Wirken entwickelt sich mehr und mehr zum Politischen. Die Bekanntschaft mit Everett Reimer, dem in der Rezeption zur „Entschulung der Gesellschaft“ die eigentliche Ideen-Urheberschaft zugeschrieben wird, entwickelt sich deutlich zu einer „Nehmer“- Mentalität. Illichs Versuche, die eher kritischen Positionen der puertoricanischen Kirchenoberen zur Regierung aufzulösen und zu einer Versöhnung der kontroversen Auffassungen beizutragen, bringen ihn in Konflikt mit den Bischöfen und führen dazu, dass Kardinal Spellman ihn zum August 1960 vom Posten des Vize-Rektors der Universität abberuft.

Bei einer Vortragsreise durch mehrere zentral- und südamerikanische Länder und Gemeinden – so schildert es das vierte Kapitel - kommt er im Frühjahr 1961 auch in das mexikanische Cuernavaca und gründet dort mit Freunden das „Center for International Formation“ (CIF), das 1966 in das CIDOC umbenannt wurde. Die Einrichtung hatte als wichtigstes Ziel, Entwicklungshelfer rund Missionare auszubilden, die ihre Arbeit gegen den Trend, nämlich des US-amerikanischen Potenz-, Hegemonial- und Patriarchalempfindens, leisten sollten. Es waren international bekannt gewordene und vermarktete Texte wie „Die Kehrseite der Barmherzigkeit“ und „Das Verschwinden des Priesters“, die Illich immer deutlicher in Konfrontation mit der Amtskirche und dem Vatikan brachten; er verließ die Katholische Kirche, bevor sie ihn verließ.

Das fünfte Kapitel wird von der Autorin überschrieben mit: „Vom De-Yankeesierer zum Experten für Erziehung“. Es behandelt die Wirkungen von Illichs Schriften in Europa und vor allem in Deutschland. Als der 1970 erstmals veröffentlichte Angriff auf die traditionelle Schule, „Descooling Society“, 1972 mit dem Titel „Entschulung der Gesellschaft“ auf Deutsch erscheint, liefert die Programmatik willkommene Argumentationen für die zunehmenden, konfrontativen Reformbemühungen hierzulande. Hartmut von Hentig wird zum Transformator und Türöffner für Illichs Ideen.

Das Schlagwort von der „Veränderung der Gesellschaft durch die Schule“ bestimmt seitdem die pädagogischen Reformbestrebungen. Die Kritik an den (industrie-)gesellschaftlichen Zuständen: „Nicht nur die Erziehung, sondern die gesellschaftliche Wirklichkeit ist verschult worden“. Die Bezugnahme von Illichs Argumentation auf das US- und lateinamerikanische Bildungssystem erschwert anfangs die Rezeption in der deutschen Pädagogik; nicht von ungefähr wird die Forderung nach einer „gleichen Bildung für alle“ – mit von Hentigs Hilfe – in der Gesamtschulbewegung der endsechziger und siebziger Jahre aufgesogen wie ein Schwamm. Die „Bildungsrevolution“ nimmt ihren Lauf, nicht ohne (und dabei ist wiederum Hartmut von Hentig Illichs bester Übersetzer und Interpret) die „Wiedergeburt des epimetheischen Menschen“ im griechisch-antiken Sinn zu hoffen.

Im siebten Kapitel nimmt Edith Kohn dezidiert ihren in ihrer Auseinandersetzung mit Ivan Illich immer wieder geäußerten Vorbehalt auf, dass er sich bei der Formulierung seiner Texte anderer Ursprünge bediente. Es handele sich um „beliehene Vordenker“ der Entschulungsidee, wie dem Erziehungskritiker Paul Goodman (1911 – 1972) und Illichs Mitarbeiter (und Partner?) Everett Reimer. Illich benutzt (großzügig?) in seinen Schriften Begriffe, deren Ursprung bei anderen zu finden sind, wie etwa „der heimliche Lehrplan“ und gesellschaftskritische Analysen, mit denen Everett Reimer argumentiert, wie etwa: „Die Wohlhabenden sollen weniger konsumieren, als sie konsumieren können. Die Armen müssen mehr fordern, als sie unbehelligt fordern könnten“; dieses „ Brain-Sharing“ bringt Edith Kohn im siebten Kapitel zu dem schwerwiegenden Vorwurf: „“Der Mann Gottes benutzte beinahe grenzenlos Freunde und Gefährten als intellektuelle Lieferanten für seine eigenen Werke“.

Im achten Kapitel nimmt die Autorin die „Rezeption der ‚Entschulung der Gesellschaft‘ und Illichs weitere(n) Werdegang in Mexiko und Deutschland“ auf. In kurzen, eher als Statements denn als Analysen formulierten Bestandsaufnahmen der kritischen wie der zustimmenden, theoretischen Auseinandersetzungen mit Ivan Illich wird die bis heute wirkende Diskrepanz in seiner Person und seinem Schaffen deutlich: „Ihr seid Erzieher, ich will keiner sein“, wie er sich z. B. beim 7. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DgfE) 1980 in Göttingen präsentiert. Das biografische Problem verdeutlicht sich in der Ablehnung von Illichs Provokationen durch die „Etablierten“ einerseits und die eher unkritische Gefolgschaft der „Ungezogenen“, wie sich der Kreis um Illich nennt. Illichs Stationen als Gastprofessor an den deutschen Universitäten in Kassel, Marburg, Oldenburg und schließlich in Bremen. Er erkrankt an Krebs, stirbt am 7. 12. 2002 und wird auf dem Bremer Friedhof Oberneulands beigesetzt.

Fazit

Die Frage „Wer war Ivan Illich?“, die Edith Kohn mit ihrer Biographie stellt, wird nicht eindeutig beantwortet. Er hat sich zu seinem Lebenslauf selbst nicht eindeutig geäußert. Die von der Autorin herangezogenen Quellenmaterialien lassen allerdings einige Antworten zu, die den Apologeten nicht immer gefallen werden; genau so wenig, wie sie denen, die Illichs Werk rundherum ablehnen, als Munition dienen können. Es sind sein „aristokratisch geprägtes Charisma“, seine von ihm selbst postulierte und zur Schau gestellte Ablehnung, Pädagoge sein zu wollen, der Widerspruch, Priester und Seelsorger zu sein und gleichzeitig als „Selbstvermarkter“ und „Verkünder“ aufzutreten; nicht zuletzt die in der Biographie angeprangerte Rigorosität (und Unbedarftheit?) sind es, die einen anderen als den im pädagogischen Mainstream über Ivan Illich üblichen (und vergessenen) Blick ermöglichen.

Die „Entschulung der Gesellschaft“, als Herausforderung zum eigenen Denken und nicht zum Denken lassen oder den Vordenkern zu folgen, bleibt eine Aufgabe, die nicht in der Bestandsaufnahme münden kann: „Die Schule ist tot“ und nicht als Konsequenz bedeutet: „Schafft die Schule ab“, sondern heute mehr denn je aufgegeben ist: Veränderung der überkommenen, gesellschaftlichen, kapitalistischen und neoliberalen, lokalen und globalen Zustände in der Welt, was eben auch einschließt: „Verändert die Schule!“. Insofern hat uns Ivan Illich weiterhin eine Menge zu sagen, bis hin zu einer „positiven Subversion“, an die uns Hans A. Pestalozzi in seiner Schrift „Nach uns die Zukunft“ (1979), angelehnt an Kurt Martis Gedicht, erinnert: Wo kämen wir hin / wenn alle sagten / wo kämen wir hin / und niemand ginge / um einmal zu schauen / wohin man käme / wenn man ginge.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 11.09.2012 zu: Edith Kohn: Der ganz andere Ivan Illich. Wie ein Priester zum Verkünder wurde. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. ISBN 978-3-7799-2853-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13823.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


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