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Steffen Fleßa: Internationales Gesundheitsmanagement

Cover Steffen Fleßa: Internationales Gesundheitsmanagement. Effizienz im Dienst für das Leben. Oldenbourg Schulbuchverlag GmbH und Bayerischer Schulbuch Verlag GmbH (München) 2012. 250 Seiten. ISBN 978-3-486-71603-0. D: 49,80 EUR, A: 51,20 EUR.
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Thema

Thema des rezensierten Buchs ist das Aufzeigen von vergleichbaren Grundzusammenhängen der Gesundheitssysteme in Industrie- und Entwicklungsländern.

Herausgeber

Prof. Dr. rer. pol. Steffen Fleßa ist Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitsmanagement an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald und Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Gesundheitsökonomie.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel.

Nach einer kurzen Hinführung und der Diskussion allgemeiner Grundlagen werden einerseits Aspekte der Nachfrage nach sowie andererseits allgemeine betriebswirtschaftliche Betrachtungen zum Angebot von Krankenversorgungsleistungen skizziert. Ergänzt wird dies durch eine kurze Darstellung verschiedener Gesundheitssystemtypen sowie möglicher Gesundheitsreformen.

Inhalt

Im ersten Kapitel („Hinführung“) argumentiert Fleßa, weshalb die Beschäftigung mit dem Internationalen Gesundheitsmanagement relevant ist. Dazu gehöre beispielsweise, dass Gesundheitssysteme in Zeiten der Globalisierung keine geschlossenen Systeme darstellen, sondern sich bereits heute mit dem Patiententourismus beschäftigen sollten. Thema ist auch der gegenseitige Erfahrungsaustausch, zum Beispiel wohnortnahe Versorgung in strukturschwachen Regionen.
Fleßa weist zu Recht darauf hin, dass der Begriff „Gesundheitsmanagement“ eigentlich ungeeignet sei, da „Gesundheit nicht zu managen sei“, sondern vielmehr die Systeme, die dazu beitragen sollen, dass die Gesundheit der Bevölkerung gestärkt werde. Er definiert Gesundheitsmanagement wie folgt: …“die systematische Planung, Implementierung und Kontrolle von Maßnahmen zum Schutz, Förderung, Erweiterung und Wiederherstellung der Gesundheit einer Bevölkerung“ (S. 3). Bemerkenswerterweise zeigen sich hier sehr starke Überschneidungen mit seit Jahrzehnten akzeptierten und etablierten nationalen und internationalen Public-Health-Definitionen.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich zunächst mit den disziplin-theoretischen Grundlagen, die für das Verständnis von Internationalem Gesundheitsmanagement nötig sind. Zunächst erläutert der Autor kurze allgemeine Gesundheitsbegriffe und hält fest, dass Gesundheit eigentlich nicht zu definieren sei. Es folgen kurze Abhandlungen verschiedener Wissenschaftsdisziplinen, auf denen Internationales Gesundheitsmanagement aufbaut. Dazu zählt Fleßa die Gesundheitswissenschaften, Gesundheitsökonomik und Gesundheitsmanagement, Gesundheitspolitik und Ethik. Vergleichsweise ausführlich wird der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Entwicklung dargelegt.
Zunächst wird das Aufgabenfeld von Internationalem Gesundheitsmanagement zusammengefasst. Aufgrund dieser Aufgaben erachtet der Autor den Zusammenhang zwischen Gesundheit und Entwicklung als eminent wichtig. Diesen Zusammenhang erläutert Fleßa ausführlich als einen autokatalytischen Prozess. Danach diskutiert er noch einen zweiten Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Gesundheit.
Nach einer Begriffsdefinierung von Entwicklungsländern werden die Ursachen von Armut genannt. Daraufhin wird anhand von Statistiken der Zielerreichungsgrad der Millenniumziele diskutiert, welche aufgestellt wurden, um die Armut in Entwicklungsländern zu verringern. Die historische Entwicklung der Gesundheitssysteme erklärt der Autor unter der Annahme, dass alle Gesundheitssysteme so geschaffen wurden, wie es die Ressourcen des Lebensraums und die Ansprüche der jeweiligen Entwicklungsstufe zuließen. Abschließend nennt Fleßa Konzeptionen, die es im Gesundheitswesen neben der Kuration gibt. Dazu zählt er die Prävention, Primary Health Care und Gesundheitsförderung und nennt neuere Entwicklungen.

Im dritten Kapitel diskutiert der Autor die Facetten der Nachfrage. Zunächst wird die Nachfrage definiert. Daraufhin stellt der Autor das gesundheitsökonomische Rahmenmodell vor, das erklärt, wie aus einem Mangel eine Nachfrage wird. Als wichtiges Instrument in der ökonomischen Betrachtung der Effizienz eines Gesundheitswesens nennt Fleßa die Disability Adjusted Life Years (DALYs). Als nächstes erläutert der Autor die demographische und epidemiologische Transition. Der Autor begründet die länderspezifische Nachfrage nach Gesundheitsdienstleistungen mit dem unterschiedlichen Entwicklungsstand in demographischer und epidemiologischer Hinsicht.
Der nächste Abschnitt beschäftigt sich mit infektiösen Krankheiten, die vor allem in Entwicklungsländern vorherrschend sind, welche der Autor am Beispiel von AIDS und Malaria näher erläutert. Dann äußert sich der Autor zur Epidemiologie nicht-infektiöser Erkrankungen und ihrer Abgrenzungsproblematik. Aus Gesundheitsmanagementsicht grenzt Fleßa die Bedeutung von nicht-infektiösen Krankheiten ein, da ihre Ausbreitung nicht so stark abläuft wie die der infektiösen Krankheiten. Als Beispiel dafür erwähnt er Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs.
Der nächste Abschnitt befasst sich mit Risikofaktoren. Dazu zählt Ernährung als Schlüsselfaktor für die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen, Wasser und Hygiene zur Eindämmung der Ausbreitung von Infektionskrankheiten, Schwangerschaft und Geburt, sowie Rauchen und Alkohol, die vor allem in ressourcenarmen Ländern eine hohe Belastung darstellen. Des Weiteren führt der Autor Umwelteinflüsse als Risikofaktoren auf, die eine Erklärung chronisch-degenerativer Krankheiten sind und zuletzt die Urbanisierung und Megastädte. Zum Schluss des Kapitels beschäftigt sich der Autor mit Filtern, also Hindernissen für die Nachfrage, die vor allem in ressourcenarmen Ländern besonders schwer zu überwinden sind. Dazu gehört die Überwindung von Distanzen, vor allem bei mangelhafter Infrastruktur und hohe Kosten für Gesundheitsdienstleistungen bei fehlender Absicherung. Schlussendlich diskutiert der Autor noch Überwindungsmöglichkeiten für den Kostenfilter.

Das vierte Kapitel („Angebot“) beginnt Fleßa mit der Aufzählung und Ausführung betriebswirtschaftlicher Besonderheiten des Gesundheitswesens. Er wendet die Theorie der Produktionsfaktoren vollständig auf das internationale Gesundheitsmanagement an. Als nächsten Punkt erläutert der Autor den Transformationsprozess der Produktionsfaktoren, die aus seiner Sicht in allen Ländern grundsätzlich gleich ist. Daraufhin erklärt er den Führungsprozess, der zur Umsetzung des Transformationsprozesses nötig ist. Hier geht Fleßa vor allem auf die Bedeutung der Kultur ein. Der nächste Unterpunkt beschreibt die Angebotsstruktur von Gesundheitsdienstleistungen. Dazu beschäftigt sich Fleßa mit Einzugsgebieten, Versorgungsstufen und mit dem Anbieterportfolio.

Kapitel Fünf, das sich mit Gesundheitssystemen und -reformen beschäftigt, wiederholt keine Grundlagen, sondern zeigt Besonderheiten, die entweder für das internationale Gesundheitsmanagement eine wichtige Rolle spielen oder von besonderer Bedeutung sind.
Fleßa differenziert im Unterkapitel intangible und tangible Kosten nach Kosten und Nutzen.
Im weiteren Verlauf vertieft er zunächst Finanzierungsreformen und dann Strukturreformen. Bei den Finanzierungsreformen zählt Fleßa verschiedene Alternativen auf, wie das Gesundheitssystem finanziert werden könnte. Beim Thema Gesundheitsstrukturreformen beschäftigt sich Fleßa vor allem mit Zielfunktionen und Einflussfaktoren auf die optimale Ressourcenallokation.
Zu Beginn des nächsten Unterpunktes mit dem Thema „Gesundheitspolitischer Prozess“ zeigt der Autor die Geschichte der Entstehung des Gesundheitswesens in Entwicklungsländern, sowie die wichtigen Reformen im geschichtlichen Verlauf. Fleßa geht genauer auf das Modell der Innovationsadoption ein und wendet es auf die Primary Health Care an. Er hebt Gründe hervor, weshalb bisherige Reformen in den meisten Ländern keine grundlegenden Strukturen verändern konnten.

Im abschließenden sechsten Kapitel mit dem Titel „Ausblick“ betont Fleßa die Wichtigkeit, Gesundheitsmanagement international zu betrachten.

Diskussion

Die Idee eines Internationalen Gesundheitsmanagements erscheint in Anbetracht der Probleme und der Komplexität des deutschen Gesundheitssystems als utopisch. Dennoch zeigen einige Beispiele, zum Beispiel die Einführung der DRGs in die Krankenhausfinanzierung, dass der Blick über den Tellerrand hinaus viele neue Perspektiven und Ideen bringen kann. In einer globalisierten Welt ist es kaum möglich, sich Gesundheitssysteme verschiedener Länder ohne gegenseitigen Erfahrungsaustausch oder Konkurrenz um internationale Nachfrager vorzustellen. Genau hier setzt das Buch von Steffen Fleßa an und macht eindringlich deutlich, wie wichtig auch die Betrachtung ressourcenarmer Länder ist. Der Vergleich zu diesen Ländern soll die Probleme des deutschen Gesundheitssystems in ein anderes Licht rücken.

Fleßas Buch bietet zahlreiche interessante Diskussionspunkte zur differenzierten Betrachtung von Gesundheitssystemen, z.B. die Zusammenhänge zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und Bevölkerungsgesundheit, die Aufbereitung epidemiologischer Daten im internationalen Vergleich zur Verdeutlichung unterschiedlicher Versorgungsbedarfe sowie die Darstellung von Versorgungsangeboten in Entwicklungsländern. Viele dieser genannten Punkte sind allerdings nicht neu und unter Public Health – Experten national und international längst bekannt. Leider wirkt das Buch einigermaßen strukturlos. Dies beginnt zunächst mit der fast ignoranten Behandlung der seit Jahrhunderten etablierten Public Health-Forschung in den Bereichen Epidemiologie, Gesundheitssystemforschung, Prävention und Gesundheitsförderung und insbesondere der seit 30 Jahren etablierten „International Public Health“. Das Kapitel zwei illustriert die konzeptionelle Schwäche der deutschen Gesundheitsmanagement-Diskussionen. Die Management-Konzepte folgen den Steuerungsmodellen der Wirtschaftswissenschaften, in dem sie versuchen, die Nachfrage und das Angebot auf „Gesundheitsmärkten“ zu optimieren. Dies mag für Krankenversorgungsleistungen noch geeignet erscheinen, ignoriert dabei aber die vielfältigen Einflüsse auf die Bevölkerungsgesundheit, die in einem schlichten Marktmodell eher nicht abzubilden sind. Zwar wird an mehreren Stellen darauf verwiesen, dass Gesundheit „sozial produziert“ wird, jedoch wird dies bereits im nächsten Kapitel wieder vergessen, wenn krankheitsspezifische Versorgungsbedarfe und Angebots- bzw. Finanzreformen thematisiert werden.

Fazit

Das Buch „Internationales Gesundheitsmanagement“ von Steffen Fleßa bietet viele interessante Einblicke in die Problemlagen und Lösungsansätze internationaler Gesundheitssysteme und ist daher sicherlich empfehlenswert. Lesern mit weiterführendem Public Health-Interesse seien auf die einschlägigen nationalen und internationalen Lehrbüchern verwiesen.


Rezensent
Prof. Dr. Dieter Ahrens
MPH Hochschule Aalen Studiengang Gesundheitsmanagement
Homepage www.htw-aalen.de/studium/gm/
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Rezensentin
Ann-Kathrin Köhler
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Zitiervorschlag
Dieter Ahrens/Ann-Kathrin Köhler. Rezension vom 05.12.2012 zu: Steffen Fleßa: Internationales Gesundheitsmanagement. Effizienz im Dienst für das Leben. Oldenbourg Schulbuchverlag GmbH und Bayerischer Schulbuch Verlag GmbH (München) 2012. ISBN 978-3-486-71603-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13828.php, Datum des Zugriffs 18.10.2018.


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