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Hans-Jochen Gamm: Pädagogik als humanes Erkenntnissystem

Cover Hans-Jochen Gamm: Pädagogik als humanes Erkenntnissystem. Das Materialismuskonzept in der Erziehungswissenschaft. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2012. 233 Seiten. ISBN 978-3-8340-0982-1. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR.

Reihe: Pädagogik und Politik - Band 5 (Hrsg. von Bernhard, Armin; Borst, Eva; Rießland, Matthias).
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Thema

Die Herausgeber des Buches stellen H.J. Gamms wissenschaftstheoretischen Ansatz für ein kritisches und zugleich pädagogisch verantwortbares Handeln vor. Im Zentrum steht Gamms Materialismus-Konzept, welches er mit seinen Beiträgen in die pädagogische Wissenslandschaft eingeführt hat. Die Herausgeber beschreiben es als ein „humanes und zugleich humanistisches Konzept“, welches die erziehungswissenschaftliche Erkenntnis und das pädagogische Handeln als untrennbar miteinander verknüpft versteht. Der Titel des Buches „Pädagogik als humanes Erkenntnissystem“ verweist darauf, dass Gamms Pädagogik sowohl individuelle als auch kollektive Mündigkeit kompromisslos zu ihrem Inhalt hat.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband umfasst zehn Aufsätze Gamms zur Materialistischen Pädagogik, die er zwischen 1977 und 1997 verfasst hat. Seine Aufsätze geben einen weitreichenden Einblick in die von ihm geprägte erziehungswissenschaftlich materialistische Arbeitsweise.

Das Buch beginnt mit einer Einleitung von Armin Bernhard, der überblickend die Pädagogik Gamms charakterisiert. Das theoretische Grundmodell von Gamms Pädagogik, welches versucht konkrete historisch-gesellschaftliche Wirklichkeit zu begreifen und zu verändern ist der Geschichtsmaterialismus. Aufgrund seiner humanistischen Prägung verfolgt dieser einen ethisch-normativen Zweck und wird von Gamm als Instrumentarium für die Möglichkeit eines Aufbaus einer menschengerechten Gesellschaft verstanden. Für die Pädagogik bietet der Geschichtsmaterialismus die Möglichkeit zur Analyse und Reflexion von Erziehung und Bildungsprozessen im Kontext gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse. Damit wird die Pädagogik in die Lage versetzt, die gesellschaftlichen Funktionen von Erziehung und Bildung kritisch herauszuarbeiten und die gesellschaftlichen Interessen zu bestimmen (vgl. Beitrag von Armin Bernhard S. 12 ff). Armin Bernhard verdeutlicht so, dass die Beschäftigung mit Gamms Geschichtsmaterialismus sowohl für Wissenschaftler unabdingbar ist, die sich mit der Reflexion pädagogischer Sachverhalte beschäftigen, aber auch für Wissenschaftler die sich mit gesellschaftlich-politischen Verhältnissen insgesamt Auseinandersetzen.

Bereits der erste Aufsatz Gamms >Die Wiederentdeckung der Bescheidenheit. Reflexionen im Zwischenfeld von Umweltdiskussionen und Erziehung (1977)< (Gamm S. 33-56) zeigt anhand des Verlaufs der menschlichen Geschichte die Verantwortung auf, welche die Erziehungswissenschaft als gesellschaftlicher Prozess trägt. Sie steht vor der Herausforderung das Bildungsziel „globale Verantwortlichkeit“ zu realisieren, um eine künftige Menschheit überhaupt zu ermöglichen.

Die darauf folgenden Aufsätze beschäftigen sich primär mit der Charakterisierung der Pädagogik und der Bestimmung ihrer Funktion. Zentral ist hierbei Gamms Analyse in dem Aufsatz >Bemerkungen zur Struktur materialistisch verfaßter Pädagogischer Anthropologie (1979)<, welche die Notwendigkeit von Erziehungsprozessen und die anthropologische Grundannahme, die jeder Bildungs- und Erziehungsvorstellung zugrunde liegt herausarbeitet und damit die Grundlage aller pädagogischen Prozesse aufzeigt. Durch seine Erläuterung der Differenz zwischen subjektiver und objektiver Geschichte (S. 85) verdeutlicht Gamm, dass er die Aneignung der menschlichen Geschichte als den primären Auftrag der Pädagogik versteht.

In dem aus meiner Sicht zentralen Aufsatz „Pädagogisches Denken“ reflektiert Gamm historisch über die Geschichte der Pädagogik und arbeitet damit heraus wodurch pädagogisches Denken gekennzeichnet ist. Hierfür bestimmt er zunächst den Gegenstand der Pädagogik, deren „ Aufgabenfeld […] durch die Vermittlung zwischen Vergangenheit und Zukunft charakterisiert ist“ (S. 119).Deutlich wird hier, dass die Grundstruktur der Pädagogik, als Resultat historischer Prozesse durch die Humanitätsidee geprägt ist und auch heute noch sein muss. Nach Gamms Argumentation legitimiert sich die Pädagogik gerade erst durch die Bündelung der drei historischen Kräfte „Aufklärung, Klassik und Arbeiterbewegung“ und erhält so ihren Auftrag, den Sie bis heute noch zu erfüllen hat. Die Umsetzung des pädagogischen Auftrags Erfolgt nach Gamm durch das Pädagogische Denken, welches die Erarbeitung einer Bildungstheorie zur Aufgabe hat, die sowohl die zukünftigen Zielvorgaben der Gesellschaft hervorbringt als auch die volle Autonomie für jeden Mensch darin vorsieht.

Die abschließenden Aufsätze >Die bleibende Bedeutung eines kritischen Marxismus für die Erziehungswissenschaftliche Diskussion (1992)< (S. 191) und >Ernst Blochs „Paedagogica“. Versuch einer Nachlese unter veränderten politischen Verhältnissen (1997)< (S. 213) beschäftigen sich mit der Frage, wie Pädagogik die zunehmende Entfremdung der Gesellschaft bearbeiten kann, die Gamm in der Geschichte der Menschheit erkennt. Dieser Fragestellung wird sich pädagogisches Denken im Zeitalter des Spätkapitalismus nicht verschließen können, so Gamms Prognose. Denn erst durch die pädagogische Reflexion der gesellschaftlichen Verhältnisse wird die Entfremdung bearbeitbar, in einer spätkapitalistischen Gesellschaftsordnung in der die Widersprüche wachsen. Gerade die letzten beiden Aufsätze verdeutlichen, dass die Auseinandersetzung mit der Geschichte im Hinblick auf die Gestaltung zukünftiger gesellschaftlicher Verhältnisse für die Pädagogik notwendig ist.

Zielgruppe

Als Einführungsliteratur für Studierende ist die Thematik sehr voraussetzungsvoll, was das Lesen jedoch zur spannenden Herausforderung macht. Die Lektüre eignet sich deshalb sowohl für Anfänger, die beim Lesen Vertiefungsmöglichkeiten suchen, als auch für fortgeschrittene Studierende, die ihr pädagogisches Denkens durch die materialistische Perspektive vertiefen möchten.

Diskussion und Fazit

Der Sammelband bietet die Möglichkeit sich mit den grundlegenden Gedankengängen Materialistischer Pädagogik auseinander zu setzten und zu vertiefen. Eine hervorragende Auswahl an Beiträgen Gamms ermöglicht den Nachvollzug seiner geschichtlichen Analyse der Funktion von Pädagogik in einer spätkapitalistischen Gesellschaft und bietet dem Leser viele Möglichkeiten die eigene Forschungsperspektive zu erweitern.


Rezensentin
Angelika Benz
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Zitiervorschlag
Angelika Benz. Rezension vom 12.09.2012 zu: Hans-Jochen Gamm: Pädagogik als humanes Erkenntnissystem. Das Materialismuskonzept in der Erziehungswissenschaft. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2012. ISBN 978-3-8340-0982-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13829.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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